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Spalter!

11. Oktober 2016

Ein großer Mann, so aufgewühlt er auch gewesen sein mag, hätte es sich geschenkt, denjenigen, die ihn nach dem Wahlsieg einen Spalter heißen, ins Stammbuch zu schreiben, sie mögen doch einmal hinterfragen, wer denn hier spalte. Ein noch nicht einmal großer, lediglich in diesem Moment von seinem Anstand geleiteter Mann hätte darauf verzichtet, einen kritischen Gratulanten nach getaner Arbeit einen Drecksack zu schimpfen. Wolfgang Dietrich zeigte die Größe nicht, und vermutlich vergaß er nur für einen Augenblick seinen Anstand.

Mir ist das zuwider, aber es menschelt, und ich kann damit umgehen, gerade am Ende eines zweifellos aufwühlenden, anstrengenden, von vielfältigen Unterstellungen und Anschuldigungen geprägten Wahlkampfes. Da schießt man dann auch mal übers Ziel hinaus, möglicherweise deutlich, nachdem vielleicht auch die Gegenseite zuvor die eine oder andere Grenze etwas freier interpretiert hat.

Mist, jetzt sage ich es auch schon: Gegenseite. Wie mich das ärgert! Und wie treffend es leider ist. Irgendjemand spaltet. Die einen sagen, es sei der Dietrich. Die anderen zeigen auf die bösen Ultras. Wieder andere auf den Aufsichtsrat, der diese Situation ja erst heraufbeschworen habe, indem er nur einen Kandidaten zuließ, und zwar einen, der in besonderem Maße polarisiere. Polarisiert. Nicht zu vergessen auch Teile der lokalen Medien, die unmittelbar vor der Versammlung eine bemerkenswert spaltfreudige Kampagne pro Schäfer, Dietrich et al und contra Ultras führten.

Wer nun welchen Anteil an der Spaltung für sich beanspruchen darf? Ich weiß es nicht. Es interessiert mich auch nicht. Was mich schon eher interessiert: Wer sorgt dafür, dass der Spalt geschlossen wird? Oder sagen wir verringert? Dass er wenigstens nicht weiter wächst? Auch das weiß ich nicht, und die gestrige Veranstaltung hat mir eher wenig Hoffnung gemacht, dass das Interesse an der Beantwortung dieser Frage, und vor allem das Interesse, diesen Weg dann zu gehen, besonders ausgeprägt ist.

Wobei: Das stimmt so nicht. Einige Wortbeiträge rund um die vorgeschlagenen Satzungsänderungen waren sehr vielversprechend. Ruhig vorgetragen, strukturiert, durchdacht, erkennbar den Willen transportierend, kein Öl ins Feuer zu gießen, vielmehr nach Wegen suchend, den Verein mitzugestalten, im Zweifel auch mit einem Präsidenten, den man selbst nicht gewählt hat. Sehr angenehm, wie sich einige jener Fans, die vermeintlich gegen alles und jeden seien, hier präsentiert haben.

Umso ernüchternder, dass sich besagter Präsident nicht entblödete, hernach vor der versammelten Presse zu behaupten, die Mitglieder hätten die Schaffung eines Vereinsbeirates nicht gewollt. Hatte er zuvor irgendjemandem zugehört? Hatte er schlichtweg nicht verstanden, dass das wohlweislich geschnürte Gesamtpaket verschiedenster Satzungsänderungen für den allergrößten Teil der Mitglieder nicht zustimmungsfähig war, oder hat er einfach bösartig interpretiert? Nun, für dumm halte ich ihn nicht.

Weiter oben ging es um menschliche Größe, oder weniger staatstragend darum, ein guter Gewinner zu sein. Am Sonntag hat sich der neue Präsident diesbezüglich nicht nennenswert hervorgetan, aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig. “Souveränität im Sieg wie in der Niederlage” stand vermutlich nicht in dem von Martin Schäfer gerne zitierten präsidialen Anforderungsprofil. Dass ich sie gerne sähe: geschenkt.

Die Frage ist also weniger, ob Wolfgang Dietrich ein großer Mann ist, sondern ob er ein guter Präsident sein kann. Was natürlich wiederum davon abhängt, wie man einen solchen definiert.

Denn ganz ehrlich: Ich glaube, dass Herr Dietrich den VfB voranbringen kann, sportlich wie strukturell. Ich bin überzeugt, dass er Dinge anpackt und professionalisiert, dass er nicht davor zurückscheut, Abläufe zu hinterfragen und über den Haufen zu schmeißen, und dass es ihm gelingen kann, sie durch bessere zu ersetzen. Ich traue ihm zu, wie angekündigt die schwächelnde Jugendarbeit wieder flottzumachen und die hierfür notwendigen Mittel aufzutreiben.

Leider traue ich ihm auch zu, sich bei all diesen Bemühungen wenig darum zu scheren, welches Porzellan er möglicherweise zerdeppert und wer es zusammenkehrt, und ich traue ihm eine Agenda zu, die ich gegenwärtig bestenfalls erahnen kann und bei der eine Einigung der verschiedenen Strömungen innerhalb des Vereins eine eher untergeordnete Rolle spielt.

Oder anders: Ja, ich glaube, dass er den Verein sportlich und strukturell voranbringen wird. Während “voranbringen” in sportlicher Hinsicht jedoch recht klar definiert ist, kann man im strukturellen, vielleicht auch strategischen Bereich sehr viele unterschiedliche Dinge darunter verstehen. Und ich befürchte, dass die Meinung der Mitglieder in dieser Frage ebenfalls eine eher untergeordnete Rolle spielen soll.

Ich habe keine klare Meinung, um das prominenteste Thema zu nennen, zu einer möglichen Ausgliederung, geschweige denn zu den verschiedenen Ausprägungen, die sie annehmen kann. Aber wir sollten darüber reden, alle miteinander. Und uns nicht vom Präsidenten sagen lassen müssen, dass wir die Möglichkeit zu mehr Mitsprache in Form des Vereinsbeirats mehrheitlich abgelehnt hätten, “und deswegen … ist es halt jetzt so”.

Apropos Mitsprache: Die Teilnahme an der Mitgliederversammlung ist auch eine Form der Beteiligung. Ob man Mitgliedern, die dort nicht zugegen sein können oder wollen, die Möglichkeit eröffnen soll, sich an den Entscheidungen des höchsten Vereinsorgans zu beteiligen, halte ich für eine sehr schwierige Frage, die ich für mich noch nicht beantwortet habe. Dass es allerdings lediglich eines simplen Antrags und einer einfachen Mehrheit (sowie im Idealfall eines satzungskundigen Vorstands) bedarf, um den Mitgliedern innerhalb der Versammlung das Rederecht zu entziehen, entsetzt mich vereinsrechtlichen Laien sehr.

Dabei ist unstrittig, dass konkretere Spielregeln, um in einem gewissen zeitlichen Rahmen zu bleiben, sinnvoll und gänzlich in meinem Sinne wären. Angesichts der Zusammensetzung der nach welchem System auch immer vorne platzierten und so noch zum Zuge gekommenen Redner liegt es mir auch fern, dem Verein zu unterstellen, er habe Kritiker mundtot machen wollen; den Ablauf am Sonntag empfand ich gleichwohl als äußerst befremdlich.

Befremdlich schließlich auch der Vorgang, dass ein Redner öffentlich behauptete, sich mit Fanvertretern getroffen und ausgetauscht zu haben, und auf Basis der angeblichen Gespräche eine Wahlempfehlung abgab, um anschließend von einem Vertreter eben jener Gruppierung der Lüge bezichtigt zu werden. Ich meine: Wo sind wir denn? Einer der beiden hat offensichtlich glatt gelogen, und angesichts der gut ausgeleuchteten Szenerie glaube ich einschätzen zu können, dass er noch nicht einmal rot wurde. Es ist erbärmlich. Welcher der beiden Herren die Wahrheit wie sehr gebeugt hat, weiß ich natürlich nicht. Einen Verdacht habe ich schon.

Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Ja, der Verein ist gespalten, ohne dass es eine klare Grenze zwischen nur zwei Gruppen gäbe. Grenzen verschwimmen, Übergänge sind fließend, und doch: Mein Glaube daran, dass es gelingen wird, die beiden Pole so weit anzunähern, dass ein vernünftiges Miteinander möglich wird, ist gegenwärtig nicht sonderlich ausgeprägt. Zu weit liegen die Grundüberzeugungen auseinander.

Der sportliche Erfolg, von dem ich fest ausgehe, wird vieles übertünchen. Und vielleicht gelingt ihm auch mehr als das, vielleicht sind die Streithähne in einer sportlich guten Phase, begleitet von glaubwürdigen Schritten hin zu einem Verein, der die ebenso darbende wie symbolträchtige Jugendarbeit nicht mehr nur verbal hochhält, eher bereit, aufeinander zuzugehen. Ich würde es mir wünschen.

Vielleicht kann ja Hannes Wolf ein Beispiel geben. Die Art und Weise, wie er in seinem Interview am Sonntag, wie er im Grunde in all seinen Interviews konsequent “wir” oder “uns” sagt, wenn die Fragenden wieder einmal nur ihn allein ansprechen, wie er bei jeder Gelegenheit deutlich macht, dass er Teil eines Teams ist, ohne dass es in irgendeiner Weise aufgesetzt wirkt, hat meinen allerhöchsten Respekt. Es wäre schön, wenn auch der – vermutlich notwendige – “Präsident mit Ecken und Kanten” dereinst bei seiner einstimmigen Entlastung ein solches Gefühl vermitteln könnte.

Träumen wird ja wohl erlaubt sein.

 

11 Freumde und Kampke. Fragen und Antworten.

28. Juli 2016

Die 11 Freumde, ihres Zeichens Exponenten der Fußballkultur, bleiben uns gewogen. Auch in Liga zwei werden sie den VfB nicht vergessen und lassen daher erneut einen Schlurch- und Popelsblogger zu Wort kommen, der sich nach bestem Wissen und Gewissen müht, die Antworten nicht ganz so vertraut klingen zu lassen wie die Fragen. Gelingt nicht immer. Zudem wurde er von der Realität eingeholt: Anders als zum Zeitpunkt der Beantwortung steht mittlerweile fest, wie der Sportdirektor des VfB Stuttgart heißt. Diese rasche Entscheidung war nicht abzusehen.

Und hier noch ein Zitat in eigener Sache, von @MickyRust:

Die geneigte Leserin ahnt, dass auf dieser 2/3-Seite nicht allzu viel Inhalt Platz hat. Falls also jemand den Rest lesen möchte: here You go!

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Darum muss man meinen (sic!) Blog lesen:
Muss man nicht. Reimt sich noch nicht mal.

Die neue Saison könnte ganz eventuell legendär werden, weil…
… die legendärste zweite Liga aller Zeiten zum letzten Mal im frei empfangbaren Fernsehen läuft.

Wenn ich an die vergangene Saison denke, dann…
… funktionieren die Filter in meinem Kopf erstaunlich gut.
Spieltage 17-21: Europapokalträume!

Wenn ich einen durchgeknallten russischen Milliardär kennenlerne, kaufe ich meinem Klub…
… alle Spieler, die sich die aktuelle sportliche Führung wünscht. Wenn man nur wüsste, an wen man sich da wenden muss. Und wie immer: Joshua Kimmich.

Mein schlimmster Albtraum…
… wäre ein planlos herumdilettierender Verein. Honi soit.

Aus meinem Team auf dem Zettel haben muss man…
Thomas Hitzlsperger. Ohne Zettel kann man sich seine Funktionsbezeichnung gar nicht merken.

Die lustigste Fan-Aktion der vergangenen Saison war…
Wie gesagt: Es gab ein paar gute Spieltage, und der Rest war Elend. Nix mit lustig.

Auswärts brauche ich Bier, drei Punkte und…
… jemanden, der das Bier trinkt. Aber eine rote Wurst nähme ich gern.

Das müsste passieren, damit ich nie wieder ins Stadion gehe…
Solange dort Fußball gespielt wird, stellt sich die Frage nicht.

Meine Klatschpappe benutze ich beim nächsten Stadionbesuch um…
… den freundlichen jungen Menschen, die den Gästefans so hübsche Dinge wie “Schwule und Zigeuner” zurufen, ein bisschen Sauerstoff zuzufächeln. Zunächst. Vielleicht hilft’s ja.

Mein Verein muss an den DFB Strafe zahlen, weil/wir ich im Stadion…
… das verunglimpfende Banner “Hey DFB, Du bist manchmal ein bisschen gemein!” zeigen.

Exakt so läuft jeder Heimspielsamstag bei mir ab:
Möglichst zum Neckarstadion radeln, ein paar Minuten zu spät zum Treffpunkt kommen, rote Wurst und Kaltgetränk, überzogen optimistischen Tipp abgeben, “Auf geht’s Jungs aus Cannstatt!”, am Ende resigniert den Kopf schütteln, bedröppelt nach Hause radeln.

Am Montagabend ins Stadion gehen ist wie…
… an jedem anderen Tag in erster Linie ein Vergnügen. Leider ist es jedoch für zu viele ein unmögliches Unterfangen, kann also weg.

Unser aktuelles Trikot ist…
… optisch verlässlich.

Wenn David Guetta Stadion-DJ wird, dann…
… setze ich auf sein Gespür für Pausen. Lange Pausen. Alles andere ist irrelevant.

Auf diese Schlagzeile warte ich schon seit Jahren…
“Osterei gelegt: VfB kann für die neue Bundesligasaison planen!”
Ich werde wohl noch ein Weilchen warten.

In fünf Jahren ist mein Klub…
… immer dann in aller Munde, wenn schwächelnde “Traditionsvereine” gefragt werden, an wem sie sich bei ihrer sportlichen Konsolidierung orientieren wollen. (Hüstel.)

Die Liga nach unten verlässt…
Wer spielt denn überhaupt in dieser zweiten Liga? (Man muss seine überhebliche Absteigerhaltung schließlich offensiv transportieren.)  Wie auch immer: Wichtig wäre mir, dass es nicht den VfB trifft.

Leipzig ist weg, jetzt steigen wir auf, weil…
… soundsovieltausend Dauerkarten verkauft sind. Aufbruchstimmung olé! Übers Sportliche reden wir später. Mit wem auch immer.

Außerdem geht noch hoch…
Heidenheim. Einfach wegen Frank Schmidt. Ob der Kader das hergibt? Keine Ahnung.

Wäre mein Klub ein Mittagessen, dann definitiv…
Verlorene Eier.

Für 10 Millionen in die zweite englische Liga verlässt uns im Winter…
Robin Dutt. Verzichtet auf ausstehende Restzahlungen, weil er seinem Herzen folgen und wieder Trainer werden will,

Wenn ich einem Außerirdischen Fußball erklären müsste, würde ich sagen:
“Hier, Euer Ball. Macht einfach, das wird schon.”

Eine Blutgrätsche verdient hätte…
Leider Thomas Hitzlsperger. Gerne von Joshua Kimmich.

Wenn mein Klub vorm VfB landet, dann…
… ist irgendwas mit der Matrix nicht in Ordnung.

Die US-Variante meines Klubs hieße…
Wannabe Wild Horses.

Den Namen unseres Stadions finde ich…
… perfekt. “Neckarstadion” klingt doch super.

Fußball gucke ich am liebsten…
Ja, stimmt weiterhin.

Von dieser EM-Truppe könnte sich unsere Mannschaft eine Scheibe abschneiden…
Immer wieder Italien. Es muss großartig sein, wenn man weiß, dass hinten nichts passiert.

Diese Saison als erstes gefeuert wird…
… der eine oder andere Nachzügler aus der Ära Dutt.

Und falls es doch nicht  der Coach von 1860 ist?
Der Eventmanager, der für die EM-Berichterstattung in der ARD verantwortlich zeichnet.

Packing war gestern: In dieser neuen Statistik wäre mein Klub ganz vorne…
Wissen wir ja alle: Eigentore pro, nun ja, vielleicht Spieltag?

2. Liga ist viel schöner als Bundesliga, weil…
Nein. Einfach nein.

Fußball schauen? Ja – Nein – Vielleicht.

14. Mai 2016

Ich weiß nicht, ob ich mir das Spiel am Samstag ansehen werde. Was schon mal deutlich anders klingt als zu Wochenbeginn. Da hatte ich mit der Saison komplett abgeschlossen. Abstieg. Ohne “Mund abputzen!”, ohne “Weitermachen!” Einfach einen Haken dran, wer interessiert sich schon für Perspektiven? Den Blick nach vorn könnt Ihr behalten. (Gebt uns ruhig die Schuld!) Quasi ein Hinnehmen der Realität bei gleichzeitiger völliger Verweigerung derselben. Sich voll inwendiger Inbrunst von der ersten Liga verabschieden, aber dem Gedanken, dass der Verein gegen den FC künftig nicht mehr in Augsburg, Köln, Ingolstadt oder München spielt, sondern in Aue, Heidenheim, Berlin und Kaiserslautern, keine Chance geben, sich zu entfalten. Das menschliche Gehirn.

Und dann dieser schleichende Prozess der Wiederannäherung an die Hoffnung. Wie schon in der Vorwoche. Da war ja auch schon alles verloren. Nach Bremen, Sie erinnern sich, die Hilflosigkeit, die Sprachlosigkeit. Die Ratlosigkeit. Das Momentum. Wir würden alle sterben! Und dann, zwei Tage später, diese Überraschung beim Blick auf die Tabelle: Äh, das sieht ja gar nicht so schlecht aus, wie ich es mir in meinem Fatalismus ausgemalt habe. Nur Mainz schlagen, dann wird das schon. Mainz, ich bitte Sie! Klar, die wollen in Europa möglichst hoch einsteigen, aber im Grunde sind sie doch längst zufrieden, und die Stuttgarter haben nun wahrlich was gutzumachen, und das werden sie auch, et hätt noch immer joot jejange.

Weil das dann auch so prima geklappt hat, haben wir diesen Ablauf in der Folgewoche einfach noch einmal durchgespielt. Erst jede Hoffnung fahren lassen, dann zynisch werden, dem Fußball abschwören, dem Leben am besten gleich mit, dem Verein sowieso, dann die ersten Menschen hören, die Zuversicht verbreiten, sich mit der Tabelle befassen. Äh, das sieht ja gar nicht so schlecht aus, wie ich es mir in meinem Fatalismus ausgemalt habe. Nur Wolfsburg schlagen, dann wird das schon, ich bitte Sie! Die können ja noch nicht mal mehr in Europa einsteigen, Ach so, ja, und die Eintracht sollte dann auch noch gewinnen, nun gut. Aber das ist ja auch nicht so abwegig.

Redet man sich ein. Und sobald man dann wieder rational an die Sache herangeht, und hier wird der Unterschied zur Vorwoche dann deutlich, gesteht man sich ein, wie unwahrscheinlich es doch ist, dass allein der VfB seinen Teil dazu beiträgt, an den Relegationsspielen teilnehmen zu dürfen.

Neulich hat mich jemand gefragt, wie sehr mich ein Abstieg schmerzen würde, auf einer Skala von 1 bis 10. Ich wusste keine Antwort. Es übersteigt noch immer, trotz jahrelanger Vorbereitung, meine Vorstellungskraft. Den Gedanken, dass der VfB aller Voraussicht nach mindestens ein Jahr lang nicht mehr bei den Großen mitspielen darf, habe ich noch nicht durchdrungen. Das wird kommen, wenn die Saisonvorbereitung (Manchester City oder anderes Fallobst, kennt man ja) ein paar Wochen früher beginnt, wenn die ersten Spiele anstehen, wenn die Dauerkarte unverhofft nur noch halb so teuer ist, ähem, wenn man sich bei Twitter mit ganz anderen Leuten als je zuvor über die noch immer nicht terminierten Spieltage echauffiert. So glaube ich zumindest. Aber wer weiß, vielleicht verweigert man die Einsicht ja auch komplett?

Nehmen wir die CDU. Die hat ihren Abstieg gedanklich noch immer nicht durchdrungen. Sieht sich heute, fünf Jahre nach dem Erdbeben von 2011, noch immer als qua Weltordnung stärkste Partei im Land. Hat jahrelang von Erneuerung geredet und darüber die Erneuerung vergessen. Hat der Regierung ins Stammbuch geschrieben, sie müsse endlich das Regieren lernen, ohne selbst in ihre Oppositionsrolle hineinzufinden. Klar, wieso sollte man auch, war ja klar, dass man sich das nur für eine Periode lang würde antun müssen. Und was soll ich sagen? So ist es gekommen. Also so ungefähr.

Aber ich schweife ab. Könnte jetzt von der Erneuerung des VfB reden. Aber lassen wir das. Heute nicht. Oder über all das, was ich im letzten halben Jahr so schreiben wollte und nicht schrieb. Sie müssen jetzt stark sein: der Kelch ging nicht vorüber, ein Teil davon kommt noch. Irgendwann. Ach so, aber ein Satz doch noch zur Erneuerung, vielleicht auch zwei oder zehn: Neu beim VfB ist zumindest, das er sich auf Blogs einlässt. Sie wissen schon, diese Internettagebücher, in denen Menschen gelegentlich Dinge angedacht haben und meinen, sie mit der Welt teilen zu müssen. Eines dieser Tagebücher fanden die beim VfB kürzlich mal nicht so toll, es liegt by the way in diesem Netz gleich nebenan.

Ich kann nachvollziehen, dass der Verein das Blog nicht so mag. Da steckt dann halt doch ne Menge Kritik drin. Kritik, deren Berechtigung ich in vielen Fällen weder veri- noch falsifizieren kann, in einer sehr selbstbewussten, stilistisch bemerkenswerten Art und Weise vorgetragen. Kann man als Leserin mögen, kann man auch nicht mögen, keine Frage. Mir persönlich gefällt der Stil sehr gut, gefällt der Tonfall nicht immer, gibt der Inhalt häufig zu denken, ist die Mission mitunter arg präsent, aber: Geschmackssache.

Vermutlich ist es auch Geschmackssache, ob sich der Verein derlei Kritik bieten lassen soll oder nicht, und vor allem: wie er gegebenenfalls darauf reagiert. Meinem persönlichen Geschmack entsprechen kostenbewehrte Abmahnungen zu Lasten von Bloggern und Fans nur sehr bedingt, oder, in einer in diesem Internet etwas verbreiteteren Darstellungsform (Sie kennen das, gerade bei Twitter, “und jetzt weiß ich auch nicht” oder andere sprachliche Manierismen), was ich also sagen will: Natürlich kannst Du als größeres Unternehmen einen unliebsamen Blogger zur Kasse bitten, aber dann bist Du halt scheiße.

Und nein, ich weiß nicht im Detail, welche Art der Kommunikation zwischen den Streitparteien abgelaufen ist, und ja, ich kann mir gut vorstellen, dass der Beklagte (nicht im juristischen Sinne, da kenne ich mich nicht aus) wenig Anstalten machte, beim ersten leichten Gegenwind zu Kreuze zu kriechen oder mit weit ausgebreiteten Armen auf den Kläger zuzugehen. Jenen Kläger, der, von all jenen zahlreichen Vorwürfen, die der Beklagte im Lauf der letzten Monate vorbrachte, einen eher so mittelspektakulären zum Anlass für eine Abmahnung nimmt. Honi soit qui mal y pense.

Ach, genug. Am Samstag spielt der VfB. Ich sollte mich so langsam mal vorbereiten. Für den Fall, dass ich es sehen möchte.

Gesetzt

25. November 2015

“Der Ton ist gesetzt”, hatte ich gesagt, und vermutlich frug sich mein Nachbar genau wie ich, was das denn nun für eine komische Formulierung sei, irgendein halbgarer Anglizismus vielleicht, den wir jedoch nicht zuordnen konnten?

Immerhin: er verstand mich. Das Spiel des VfB gegen Augsburg hatte gerade begonnen, vom Anstoß weg wurde Timo Baumgartl angespielt, die Ballannahme fiel schludrig aus, bzw. fand überhaupt nicht statt, Baumgartl wurde angelaufen, geriet unter Druck und schlug den Ball diagonal, ach was, quer ins Aus. Klasse Beginn.

Der Ton war gesetzt, und hätte man das Spiel in diesem Moment zu den Akten gelegt, wäre der Nachmittag ein wesentlich vergnügterer gewesen.

Er hatte ja schon verspätet begonnen, der Fußballnachmittag. Verständlicherweise. Kam ja wirklich überraschend, dass die Sicherheitsmaßnahmen erhöht wurden, nachdem die Fußballwelt in den Tagen zuvor aus den Angeln gehoben worden war.

“Was hat sich denn geändert durch Paris?”, mag man fragen, und ich möchte das gar nicht als zynisch abtun. Zynisch deshalb, weil unstrittig ist, dass Paris für viele Menschen furchtbar viel verändert hat. Vielmehr ist die Frage insofern berechtigt, als wir alle immer wussten, dass große Sportereignisse und damit, zumindest in Europa, zuvorderst Fußballspiele ein Ziel wären, das, sollten Terroristen es ins Auge fassen, größtmögliche Aufmerksamkeit und leider auch eine ebensolche Zahl an Opfern und Betroffenen verspräche.

Gerne wäre ich in der vergangenen Woche in der Lage gewesen, meine Gedanken rund um Paris, rund um Hannover und weit darüber hinaus zu ordnen und zu Papier zu bringen, doch leider war und ist das nicht der Fall. Es hat mich mitgenommen, ich habe Angst, nicht um meine Unversehrtheit, wenn ich zu einem Fußballspiel gehe oder in ein Flugzeug nach wohin auch immer steige, aber ich habe Angst vor dem, was da kommen mag.

Ja, vermutlich ist die Welt sehr wohl aus den Angeln gehoben worden, und mit ihr die des Fußballs. Und ja, es klingt unangemessen und schrecklich banal, gleich wieder den Bogen zu jenen schlagen zu wollen, die nicht auf die Idee gekommen sind, dass man an so einem Wochenende schon mal ein paar Minuten früher zum Stadion gehen könnte, wenn man trotz zu erwartender intensiverer und entsprechend zeitaufwändigerer Sicherheitskontrollen zum Anpfiff auf seinem Platz sitzen oder stehen möchte. Unwichtig. Ich versteh’s halt nicht.

Dass man ihn nach einer knappen Dreiviertelstunde am liebsten schon wieder verlassen hätte, steht auf einem anderen Blatt und war beim dank dieser klugen Menschen reichlich verspäteten Anpfiff noch nicht abzusehen. Beim Anpfiff, wohlgemerkt. Nach Baumgartls erstem Ballkontakt schon eher. Der Ton war gesetzt, und sie hielten ihn. Konsequent.

Selten habe ich eine Mannschaft gesehen, die von Beginn in einer solchen Art und Weise nicht auf dem Platz war, und ich schreibe nur deshalb “selten”, weil “nie” so arg absolut klingt. Es war verheerend, und mehr Worte möchte ich über das Spiel selbst eigentlich nicht mehr verlieren.

Bemerkenswert war allerdings, wie wenig dieses Spiel, ohne darauf konkret eingehen zu wollen, Sie wissen schon, wie wenig also dieses Spiel noch mit dem zu tun hatte, was Alexander Zorniger vor einigen Wochen propagiert und was die Mannschaft damals auch gezeigt hatte.

Und wie ich noch so sinniere, ob es wohl der Trainer war, der so sehr von seinem System abgerückt ist, dass nur noch das Schlechteste verschiedener Welten übriggeblieben ist, oder ob die Mannschaft ihm schlichtweg nicht mehr gefolgt ist, verkündet der Verein, die Ära Zorniger sei Geschichte.

Er tut das weniger blumig und in den üblichen knappen Worten, während gut informierte Quellen bereits Jürgen Kramny als Interimstrainer verkünden. Jenen Kramny, der manchem noch vor wenigen Wochen in der dritten Liga als angezählt galt. Was mich ehrlich gesagt nicht sonderlich störte. Faszinierend, dieses Fußballgeschäft. Zumindest kann Herr Kramny mich nicht negativ überraschen.

Und was ist mit Herrn Zorniger? Nun, ich habe aus meinem Herzen nie eine Mördergrube gemacht. Sein Auftreten war mir vor seiner Stuttgarter Zeit unangenehm aufgefallen, was er in der Folge einerseits bestätigte. Andererseits fand ich Gefallen an seiner klaren Kante und, ja, auch an seiner Verbohrtheit – dass er sich dabei allerdings stets auf einem sehr schmalen Grat bewegte und des Öfteren abglitt, konnte nicht überraschen.

Ob er letztlich an besagter Verbohrtheit scheiterte oder daran, dass er eben nicht verbohrt genug war, konsequent an seinem Spiel festzuhalten, daran scheinen sich die Geister zu scheiden. Ich selbst habe, rein auf das Sportliche bezogen, durchaus Sympathien für letztere These, schließlich erinnerte der Fußball seiner Mannschaft zuletzt, wie oben angedeutet, nur noch in Auszügen an Zorniger in Reinkultur. Aber ich räume gerne ein, dass dieser Analyseansatz zum einen ein arg verkürzter ist, was per se nicht schlimm ist, läuft ja in die gegenteilige Richtung ganz ähnlich, und dass er zum anderen ein übertrieben wohlmeinender wäre.

Wir wissen alle, dass er sich im Ton vergriffen hat, dass er zu forsch war, zu besserwisserisch, und vermutlich haben wir auch alle zwischendurch an Herrn Professor Rangnicks Sportstudio-Premiere gedacht, wohl wissend, dass jener damals in der hiesigen Fußball-Lehre tatsächlich eher die Avantgarde darstellte, während Zornigers Ansatz zwar ein sehr konsequenter und, davon bin ich weiterhin überzeugt, potenziell erfolgreicher ist; neu ist er indes nicht.

Dass er zudem eine Reihe handwerklicher Fehler begangen hat, meinetwegen auch nur nicht verhinderte, dass seine Spieler handwerkliche Fehler begingen, was dann wiederum doch ein handwerklicher Fehler des Trainers wäre, liegt zudem, genau, auf der Hand. Gegen die Bayern war er blauäugig, in Leverkusen vielleicht tollkühn, im Umgang mit Adam Hlousek vermessen, wie er insgesamt bei der Einschätzung dessen, was seine Spieler können und was nicht, möglicherweise etwas zu optimistisch war, und beim Einüben defensiver Abläufe agierte er mindestens glücklos, vielleicht schludrig, vielleicht eben doch handwerklich unsauber.

Ja, man mag die Liste gerne verlängern. Und natürlich in die Diskussion über den Anteil der Spieler und des Vorstands an der Misere einsteigen. Ein weites Feld.

Dass Alexander Zorniger nun gehen musste, konnte nicht mehr überraschen. Zu erschütternd war das Auftreten am Samstag, zu spärlich die Argumente, oder auch nur die Strohhalme, an denen man sich nach so einem Spiel, über das hier bekanntlich nicht weiter geredet werden soll, festklammern kann, zu ratlos wohl auch der Trainer selbst.

Sehen Sie, da wäre sie gewesen, die Chance, die Trennung als “alternativlos” zu bezeichnen. Ich habe sie verpasst, und wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir gewünscht, dass es deutlich mehr Leuten so ergangen wäre. Dass sie die Chance hätten verstreichen lassen. Wenn ich Ihnen, liebe Kommentierende, in aller Bescheidenheit einen Hinweis geben darf: Es gibt immer eine Alternative. Auch in der Wortwahl, auch zu einer wohlfeilen Pointe. Aber, zugegeben: Den Ton hatte Herr Zorniger wohl selbst gesetzt.

Zurück zum Sport. Ich hatte gehofft, hatte mir gewünscht, dass er zumindest eine Halbserie lang Zeit bekommen würde, und ich gehe auch davon aus, dass er sie bekommen hätte, wenn man weiterhin wenigstens Chancen kreiert und, und das meine ich durchaus positiv, ein Spektakel veranstaltet hätte. Wenn allerdings ein Vollgastrainer seine Mannschaft nur noch zu einem derart leblosen Auftritt animieren kann, werden nicht nur die Argumente, sondern in der Folge auch die Fürsprecher knapp.

Tja. Tschüss, Herr Zorniger. Ich wünsche Ihnen noch mindestens eine weitere Chance und bin gespannt, was sie dann draus machen.

Und dann komme ich doch noch einmal auf jenes Spiel zurück. Und die Fans. Die machen sollen, was sie wollen. Haben Eintritt bezahlt, sollen brüllen, schimpfen, lachen, weinen, still sein, konzentriert das Spiel verfolgen, meinetwegen auch alle paar Minuten zum Bierstand gehen, wenn sie mich dabei nicht ständig aus meiner Konzentration reißen.

Letztlich soll auch jeder für sich entscheiden, ob er Häme für einen guten Ratgeber, Hohn und Spott für eine sinnvolle Ausdrucksweise seiner Gefühlswelt hält. Ich persönlich halte nicht sonderlich viel davon, will aber nicht bestreiten, dass das samstägliche Spiel geeignet war, besondere Reaktionen hervorzurufen.

Wenn Menschen, die andere eine halbe Stunde lang lautstark, öffentlich und explizit verhöhnt haben, dann allerdings meinen, sich echauffieren zu sollen, weil die so Verhöhnten augenscheinlich wenig Interesse verspürten, hernach den Dialog mit den Verhöhnenden zu suchen, dann wäre es schon interessant zu wissen, wie die Gedankenwelt dieser Leute funktioniert. Des Erkenntnisgewinns wegen.

 

Quervergleiche

6. November 2015

Allzu viele Länderspiele habe ich in meinem bisherigen Leben nicht gesehen. Also vor Ort, im Stadion. Immerhin, ein EM-Finale (verloren) und ein WM-Halbfinale (gewonnen, von Frankreich) waren dabei. Ein paar Qualifikationsspiele, darunter eines im Handball, einige wenige Freundschaftsspiele, mehr nicht.

Mein allererstes Länderspiel sah ich erst spät, im März 1995, im Stadion an der Lansdowne Road in Dublin. Irland empfing Frankreich und war dabei ziemlich chancenlos, was meinem irischen Umfeld zwar nicht so recht gefiel, letztlich aber gar nicht so viel mehr als eine Randnotiz blieb. Auf französischer Seite blieb mir in erster Linie der auffallend agile Émile Ntamack in Erinnerung, der einen Versuch legte und zwei Kicks verwertete – die beiden einzigen seiner Länderspielkarriere, wie ich den unendlichen Weiten des Internets entnommen habe.

Genau: ich war beim Rugby, hatte viel Spaß und wenig Ahnung, und genoss die Atmosphäre. Und ja, ich zog schon damals den Quervergleich zum Fußball, ungefragt, quasi. Man sang, feuerte an, war friedlich – sowohl im Stadion als auch hinterher beim gemeinsamen Feiern. Klingt wie aus einer klischeebeladenen Sportsendungsfilmchen über Irland, oder Rugby, oder beides, und entsprach damals exakt meiner Wahrnehmung.

Den Großteil des Abends verbrachten wir im Jurys Hotel, wo eine ziemlich große franko-irische Party stattfand, deren Hauptattraktion in meiner spärlichen Erinnerung darin bestand, dass ein französisches Mitglied unserer Gruppe Éric Cantona täuschend ähnlich sah und sich regelmäßig leicht alkoholisierte Iren huldigend zu seinen Füßen warfen. Anhänger von Crystal Palace waren wohl nicht zugegen.

Zu jener Zeit hatte ich mich, man muss es wohl so sagen, vom Fußball ein bisschen entfremdet, nicht vom ehrlichen eigenen Fußball, wie ihn Martin Harnik so gerne erlebt, sondern vom anderen, großen. Die WM 1994 mag ihren Teil dazu beigetragen haben, andere Sorgen und Freuden junger Leute übten zudem Einfluss auf die Prioritäten aus – eine dieser Freuden war es schließlich auch gewesen, die mich damals hin und wieder gen Irland reisen ließ.

Und in meiner selbstgewählten Distanz war ich gewiss auch ein bisschen empfänglicher für die schönen Seiten des Rugbysports, Sie wissen schon, die Körperlichkeit, die rohe Fairness, der ausgeprägte Teamgedanke, der Respekt für die Schiedsrichter, … ach nein, vergessen Sie Letzteres, das nahm ich damals im Grunde gar nicht wahr.

Ob ich schon Fan gewesen sei, bevor Rugby cool war? Nun, zum einen war es immer cool, mancherorts, was eine billige Antwort ist. Zum anderen: nein. Klar, ich hielt mich fortan stets ein bisschen informiert, verfolgte die Turniere, und wenn mal was im Fernsehen kam, zu erträglichen Uhrzeiten, dann hab ich’s mir auch angesehen. So oft wie in diesem Jahr dürfte ich indes noch nie geschaut haben. Gemeinsam mit meinem Sohn, der eine gewisse Begeisterung entwickelt hat. Ohne dass ich ihn gleich im Verein angemeldet hätte. Aber ein Fan? Nein, das wäre übertrieben. Dafür kenne ich nicht mal die Regeln gut genug.

Wie auch immer: schön war sie, die WM. Und hübsch, wie sie auf Twitter begleitet wurde, offensichtlich von Menschen mit sehr unterschiedlich detailliertem Vorwissen. Regelfragen spielten eine Rolle, natürlich, die medizinische Betreuung während des Spiels, gelegentlich optische Aspekte, dann die Anlaufrituale der Kicker, … ok, das war ich, und nicht bei Twitter, sondern bei den Fünfzeilern:

Ein Anlauf-Ästhet aus Funchal
habe gestisch und mimisch nen Knall?
Guckst Du Rugby, mein Digga!
Ow’n Farrell und Dan Biggar!
CR Sieben? Ein harmloser Fall.

Womit wir erneut bei einem zentralen Element der Rugbybeobachtung wären: dem Fußball-Vergleich. Den ich damals, 1995, auch zog, ich hatte es angedeutet. Der nicht überraschen kann in einem vom Fußball geprägten und mit Rugby noch ein bisschen fremdelnden Umfeld, das manches noch einordnen muss.

Aber ganz ehrlich: beim zehnten Loblied auf den respektvollen Umgang mit den Schiedsrichtern wurde ich ganz allmählich porös, beim siebzehnten Hinweis auf die zum Glück fehlende Schwalben(un)kultur standen meine Ohren längst auf Durchzug, und der Begriff “Videobeweis” blieb bei Twitter schon ziemlich früh in meinem Filter hängen.

Gewiss, es ist vernünftig, sich anzusehen, was in anderen Sportarten vielleicht besser läuft, unabhängig von Bernhard Peters. Ich bin weit davon entfernt, ein Plädoyer für Schwalben oder Rudelbildungen zu halten. Aber manchmal nervt der ständige Querverweis, in seiner Häufigkeit, in seiner Penetranz. Den geschätzten Herrn @nedfuller hat es möglicherweise auch genervt, wenn auch mit anderer Schlussfolgerung:

Fairness. Sportsgeist. Super. Sieht man beim Rugby, und ja, es gefällt. Wieso ich dann nicht mehr Fußball schauen sollte, erschließt sich mir nicht. Da bin ich gerne inkonsistent. Wie in vielen anderen Lebensbereichen auch. Rugby ist großartig. Fußball ist anders. Regeltechnisch, meinetwegen auch moralisch. Fußball ist großartig.

Und so war es mir eine große Freude, am Tag nach dem WM-Finale ins Fußballstadion zu gehen, mich über Fouls, Schwalben und Zeitspiel zu echauffieren, den Schiedsrichter in seiner Kartenvergabe für einseitig zu halten und dies auch kundzutun, und fast hatte ich ein bisschen Mitleid mit Darmstadts Luca Caldirola, den beim Torjubel ob seines vor der Linie abgewehrten Kopfballs erst nach einigen Sekunden die Erkenntnis ereilte, dass diese verdammte Torlinientechnik jeden Versuch, die Entscheidung des Schiedsrichters zu beeinflussen, obsolet machte.

Ansonsten bot das Spiel zunächst einmal das, was man erwarten durfte: einen Sieg gegen den Aufsteiger aus Darmstadt. Einen Torwart, der wieder einmal einen Elfmeter verursachte und sich außerhalb des Strafraums in Platzverweisgefahr begab. Vor Ersterem schützte ihn rückwirkend der Linienrichter, vor Letzterem die Kombination aus Körperbeherrschung und einem Vernunftschub. Und so wurde er in der zweiten Halbzeit zu dem Mann, der den Sieg in bemerkenswerter Weise festhielt. So kann’s gehen.

Erwarten durfte man auch die Rückkehr der beiden planmäßigen Sechser, die auch mal Achter sein mögen, der Herren Gentner und Dié. Doch Daniel Schwaab streckte den Kopf heraus und rief “Ich bin schon daa-ha!” So kann’s gehen. Also suchten sich die beiden neue Betätigungsfelder, etwas weiter außen, was insbesondere Serey Dié nicht sonderlich gut bekam (drüben beim Vertikalpass sahen sie eher Gentner in einer zu schwachen Rolle). Mir war er viel zu weit rechts, mal beim Verteidiger, mal als verkappter Außenstürmer, aber mit viel zu wenig Einfluss auf das Spiel und seiner Stärken in der Balleroberung beraubt. Vom erneuten Platzverweiswunschverdacht gar nicht zu reden. Das war nix. Also das andere nix, nicht gar nix. Aber nicht das, was ich von ihm erwarte.

Der Gedanke, dass sich Daniel Schwaab auf der Sechs festgespielt haben könnte, zählt nicht zu meinen liebsten. Auch wenn er sich gegen Darmstadt solide zeigte. Vermutlich wird der Trainer aber zumindest am Samstag in München noch daran festhalten. Und nein, ich wünsche mir nicht, dass er auf bittere Weise vorgeführt wird.

Vielmehr hoffe ich, dass Timo Werner und Filip Kostić nach diesem Spiel einen prominenteren Platz auf dem Münchner Einkaufszettel einnehmen werden. Was ein zweischneidiger Gedanke ist. Weiterhin wage ich zu hoffen, dass man hernach von einer erfolgreichen “Reifeprüfung” der Innenverteidigung sprechen wird. Dass Insúa seine Leistungen bestätigt, Klein aber nicht. Dass Tytoń und Dié durchspielen dürfen, Werner aber in der 88. mit Sprechchören der Fans und Kusshänden des Trainers verabschiedet wird.

Und dass dem Schiedsrichter respektvoll begegnet wird, selbstredend.