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drei/zwanzigdreizehn

3. Dezember 2013

Er deutet Räume und hat dünne Beine,
jeder weiß, welchen Pähler ich meine,
zwanzig Minuten zu wenig
für einen Torschützenkönig,
das nächste Turnier wird wieder das seine.

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Sagt ein Blogger aus Wiesbaden Wehen:
“Zur WM soll von ‘uns’ keiner gehen!” –
er verleugnet sein Team.
Noch skurriler bei ihm:
Er bloggt stets und ausschließlich im Stehen.

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Weitere Adventsfünfzeiler gibt’s im Kalender.

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Wasen, Werder, Weltklasse

8. Oktober 2013

Es ist ja nicht so, dass ich alles gut finde, was in der Cannstatter Kurve, wo ich mich heimisch fühle, so gesagt, getan, gesungen und irgendwie auch gespielt wird. Manches ist mir inhaltlich fern, anderes gar zuwider. Bei vielem bin ich inhaltlich völlig einer Meinung mit den aktiveren Fans, ohne dass unsere Wortwahl übereinstimmen würde. Bestimmt hätte ich auch nicht von „Bazi“-Trachten gesprochen, einfach weil der Begriff Bazi nicht zu meinem aktiven Wortschatz zählt, ich hätte ihn bis zu einer vorhin durchgeführten Kurzrecherche inhaltlich nicht einmal einordnen können.

Aber hey, „Bazitrachten raus aus Stuttgart„! Selten hatte ich so große Sympathien für ein Spruchband. Ok, das mag übertrieben sein, ich bin ja immer wieder mal sehr angetan von der Kreativität der jungen Leute, die, also die Kreativität, und nicht nur die, am Wochenende auch die Spieler noch einmal würdigten.

Aber ich hatte schlichtweg nicht damit gerechnet. Nicht zuletzt der Zusammensetzung der Kurve wegen, und so war es in der Tat auch ein diebisches Vergnügen, so manche(n) Kurvenbesucher(in) beim hoffnungslosen Versuch zu beobachten, gute Miene zum gar nicht bösen Banner zu machen, vielleicht gar das eigene Karohemdchen oder das porneuse Möchtegerndirndl zu verbergen. Verzeihung, möglicherweise vermischen sich jetzt auch die Eindrücke mit jenen aus dem tags darauf gemeinsam mit dem Sohnemann absolvierten Volksfestbesuch. Zumindest lag die „Trachten“-Dichte auch in der Kurve, um es sehr vorsichtig auszudrücken, im deutlich messbaren Bereich.

Zugegeben: so wirklich sympathisch finde ich meine ablehnende Haltung gegenüber der Volksfesttrachtenbewegung auch nicht. Ist ja irgendwie intolerant. Fast hätte ich was von Randgruppen gesagt; tatsächlich scheint die Realität aber eine andere zu sein, zumindest vor Ort in der Volksfest-Filterblase: allseits Trachten und deren Attrappen im trauten Stelldichein, die meisten fiktiv, manche württembergisch, viele bayrischen Ursprungs, wie auch das Volksfest-Merchandising weiß:

„Das Cannstatter Volksfest und Stuttgarter Frühlingsfest sind immer mehr von Besuchern geprägt, die das große Württemberger Volksvergnügen in Tracht besuchen. Sehr häufig tragen sie dabei Trachten bayrischen Ursprungs. Doch auch in Württemberg gibt es eine breite Trachten-Vielfalt.“

Trachten bayrischen Ursprungs. Ich verstehe das nicht, ehrlich nicht. Irritierte LeserInnen mögen sich fragen, ob ich nicht eigentlich was über Fußball schreiben wollte, ich würde antworten, dass ich ein bisschen vom Weg abgekommen sind, und besonders aufmerksame Mitlesende mögen zudem darauf hinweisen, dass ich Ähnliches schon einmal zu Papier (sie wissen schon) gebracht habe:

„Grundsätzlich sollen die Leute auf dem Cannstatter Volksfest meinetwegen anziehen, was sie wollen. Und wenn es Betreiber und Gäste gemeinsam für erstrebenswert halten, zu einer billigen Kopie des Münchner Oktoberfestes […] zu verkommen, dann sollen sie das halt tun. Es ist mir egal, ob sie tatsächlich die Zelte seit neuestem nach Münchner Vorbild angeordnet haben, und ich muss es nicht gutheißen, wenn Gott und die Welt in Dirndlgwand, Lederhose oder anderen Elementen der Brauchtumspflege auf den Wasen geht.“

Klingt nach meiner Einleitung ein bisschen so, als hätte ich mich mit der Zeit ein wenig radikalisiert, ne? Ist aber nicht so. Sollen sie machen. Was mir ein wenig auf die, Verzeihung, Eier, geht, ist der Versuch, so zu tun, als eifere man dem großen Bruder im Süden gar nicht nach, als habe man auf dem Volksfest schon immer Tracht getragen, württembergische natürlich. Zumindest in den 90ern scheint das eher nicht der Fall gewesen zu sein:

Ich räume gerne ein, nicht die ganzen fünfzehn Minuten angesehen zu haben, und möchte auch niemanden dazu auffordern, aber ganz ehrlich: ich habe keine Trachten entdeckt. Vielleicht waren natürlich die 90er ganz besonders „anders“, wollte man damals mit Trachten und Traditionen nichts zu tun haben.

Übrigens, um der Wahrheit die Ehre zugeben, auch in München nicht, wenn analoge Aufnahmen nicht täuschen. Was meine Plagiatsthese zunächst einmal eher in den Bereich des Kloppesken rückt. Wo sie auch bleibt, mangels Interesse an weitergehender Recherche. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn das weitere Herumtreiben auf dem Videoportal meiner Wahl zu dem Ergebnis führen würde, dass die Dirndlquote in Stuttgart seit zehn Jahren stets höher lag als in München. man denke nur an die diplomatischen Verstrickungen!

Dann doch lieber Fußball. Da habe ich nicht so viel zu meckern, und kenne mich zudem ein bisschen besser aus. Weiß zumindest einzuschätzen, dass das sehr ordentlich war, was der VfB am Samstag gegen Bremen geboten hat. Wenn die VfB-Verantwortlichen in der Vergangenheit davon sprachen, dass man ein Spiel überlegen geführt habe und nur an der Chancenverwertung gescheitert sei, schüttelte ich häufig den Kopf, nachdem die Mannschaft zuvor ohne selbigen, also ihren, angerannt und lediglich durch eine geeignete Aneinanderreihung von Zufällen zu einigen Gelegenheiten gekommen war.

Auch am Samstag waren zwar klare und wirklich zwingende Chancen Mangelware, und wenn der Trainer meint, man könne keine Kreativität wie bei den Bayern erwarten, hat er zweifellos recht, ohne sich gleich labbadiahafter Kleinmacherei verdächtig zu machen; gleichwohl meinte ich, ein Konzept zu erkennen, Schemata, aber auch spontane Ideen und letztlich sehr wohl Elemente, die man guten Gewissens unter Kreativität rubrizieren darf.

Dass die Flanke oder der Querpass, wenn man es, wie sehr häufig, über außen versuchte, mitunter zu früh kam, zu ungenau sowieso, dass aus ganz guten (häufig Kopfball-) Chancen keine sehr guten oder gar Tore wurden, ist unstrittig, dass aus 13 Eckbällen, die allesamt nicht schlecht getreten waren, nicht mehr Gefahr erwuchs, bedauerlich, vielleicht auch ein bisschen enttäuschend, und doch: ich mache mir keine Sorgen, Die Richtung stimmt.

Es dürfte sich von selbst verstehen, dass ich dabei in erster Linie von der zweiten Halbzeit spreche. Die erste war, von den Anfangsminuten mit dem frühen Tor abgesehen, insgesamt dann doch eher beschaulich, um nicht gleich das böse Wort träge zu verwenden, eventuell gar mit Hilfe der Vokabel Selbstzufriedenheit illustriert. Naja, irgendwie ging’s und wohl allen so. Die Bremer stellten sich als, mit Verlaub, Klassenerhaltsaspirant vor, der hinten – zunächst – mit dem Stuttgarter Tempo über die Außenpositionen nicht klarkam und auch Angriffe durch die Mitte nur bedingt unterbinden konnte. Der VfB war gut gestartet und irgendwie glaubte man, dass die weiteren Treffer dann schon fallen würden.

Tatsächlich fiel nur noch eines, und ich frage mich noch immer, was Antonio Rüdiger nach der ersten, von Arthur Boka noch abgewehrten Hereingabe so dachte. An dieser Stelle könnte man sich eine absurde Top-Ten-Liste des frühen Harald Schmidt, meinetwegen auch des frühen oder auch späteren David Letterman, vorstellen, die einen träumend auf dem Rücken liegenden Rüdiger mit Gedankenblasen in der Art von „Soll ich nachher erst mit dem Riesenrad oder mit der wilden Maus fahren?“ zeigen, untermalt von passendem Sitcomgelächter. Hat man zudem seine beiden hanebüchenen Abspielfehler kurz vor Schluss vor Augen, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die durch Niedermeiers Rückkehr verschärfte Konkurrenzsituation kein Fehler ist.

Ganz nebenbei verblüfft mich immer wieder, wie sehr sich die Karrieren zweier Protagonisten einer großen Nürnberger Bundesligasaison (und eines schönen Doppelinterviews, bei dem ich damals als eigentlicher Ekici-Sympathisant erstmals das nicht näher zu bestimmende Gefühl entwickelte, dass Gündogan deutlich weiter und vielleicht auch bereiter sei) voneinander entfernt zu haben scheinen: der eine auf dem Weg in die Weltklasse, phasenweise auch schon dort angekommen, und der andere, nun ja, ich hätte mich am Samstag als Bremer Fan spätestens zur Pause gefragt, weshalb er noch auf dem Platz, bzw. wo er in den 45 Minuten zuvor gewesen ist.

Entschuldigung, ich hätte mich nicht gefragt, ich tat es tatsächlich, auch ohne Bremer Fan zu sein. Schon klar: so eine Bewertung auf Basis eines Spiels und sonst einiger Sportschau-Eindrücke ist unseriös. Ich bin wohl einfach ein bisschen enttäuscht darüber, dass er meinen hohen einstigen Erwartungen so deutlich hinterherhinkt.

Zurück zum VfB. Die absolute Schlussphase verlief ein bisschen enttäuschend, weil es nicht gelang, noch einmal echte Torgefahr zu entwickeln. Vielmehr schafften es die Bremer mit einem intensiven Lauf- und Verschiebespiel, den VfB in den letzten Minuten zu zahlreichen Rück-, Quer- und Fehlpässen zu zwingen – und dem Zuschauer eine Ahnung davon zu vermitteln, dass es hier des einen oder anderen Spielers mit den Fähigkeiten, zumindest der Passgenauigkeit, oder auch nur dem Mut, eines Mats Hummels beziehungsweise, etwas weiter vorne, eines Toni Kroos bedurft hätte, um die Bremer Verteidigungsreihen zu durchstoßen, anstatt den Ball nur handballähnlich kreiseln zu lassen. Auf Höhe der Mittellinie. Vielleicht schwang auch das bei Thomas Schneiders Kreativitätsvergleich mit.

Möglicherweise hätte ein etwas früherer Wechsel hier noch einmal für Impulse sorgen können. Aber ganz ehrlich: ich hätte mich auch schwergetan, Traoré oder Harnik herauszunehmen, eben weil sie, trotz gelegentlicher unglücklicher Aktionen, noch immer für den einen entscheidenden Querpass oder Abschluss (der eine fürs eine, der andere fürs andere) hätten gut sein können. Am ehesten hätte ich – in diesem Spiel – von den Offensivkräften wohl noch Ibisevic herausgenommen, aber was wäre das für ein Signal gewesen? Zumal die zwischenzeitliche Platzverweisgefahr zum Ende hin wieder verflogen schien. Der Trainer macht das schon richtig.

Und dann war da ja noch Thorsten Kirschbaums Heimdebüt. Ein gelungenes, finde ich. Quervergleiche zu Ulreich verbieten sich zum einen aufgrund der allem Anschein nach klaren Rollenverteilung, zum anderen, speziell auf Samstag bezogen, schlichtweg deshalb, weil er kaum geprüft wurde – und auch zuvor bei seinen beiden Auswärtspartien nicht in dem Maße Gelegenheit hatte, sein Können zu zeigen, wie es bei Ulreich in den letzten Monaten leider häufig der Fall war, Auch wenn er, also Kirschbaum, in Freiburg ein paar schöne Reflexe zeigte.

Dann vergleiche ich halt anderweitig quer. Zu Raphael Schäfer. Nicht nett, ne? Es ist nur so, dass mich die Art und Weise, wie Kirschbaum den Ball mehrfach so lange auf sich zu und an sich vorbei laufen ließ, bis er perfekt vor seinem linken Fuß lag, fatal an Schäfer erinnerte. Die hohe Genauigkeit der dann folgenden Pässe war indes keineswegs mit Schäfers zu vergleichen. Und auch nicht mit Ulreichs.

Wenn diese Unart des langen Wartens nicht wäre, könnte ich mich glatt zu der Behauptung versteigen, dass ich mich bei Rückpässen, vielleicht auch insgesamt fußballerisch, mit Kirschbaum ein wenig wohler fühle. Aber ich bin nur ein Sack Reis, der irgendwo in Asien umkippt. Und auf der Linie sowie in Eins-gegen-eins-Situationen müsste er noch einige sehr bemerkenswerte Spiele abliefern, um ernsthaft an Ulreich gemessen werden zu können.

Ganz zum Schluss noch ein letzter Eindruck vom Wochenende. Kein eigener, sondern einer von Herrn Rotebrauseblogger, der sich, kreative Leser mögen es erraten, sachkundige Leserinnen gewusst haben, gerne, oft und sachkundig mit Rasenballsport Leipzig befasst, wo der zu meinem großen Bedauern „geparkte“ (so es denn so ist) Joshua Kimmich bei seinem Startelfdebüt in Liga drei einen prächtigen Eindruck hinterlassen zu haben scheint. Das weiß nicht nur die dortige Presse zu berichten, sondern eben auch der nicht zu unbegründetem Überschwang neigende Rotebrauseblogger: „Phänomenale Granate“ ist doch mal eine Ansage.

(Ein kleines persönliches Drittligadilemma, von einem Drama möchte ich nicht reden, deutet sich an, nachdem ich kürzlich an dieser Stelle das Stehblog als mein „Lieblingsdrittligablog“ bezeichnet hatte, das Rotebrauseblog aber in ähnlicher, und doch ganz anderer Weise schätze. Vielleicht sag ich den beiden einfach nichts davon.)

 

Kindertag und Altherrentour

30. September 2013

Wie wir alle wissen und der Volksmund bestätigt, ist nichts so alt wie die Zeitung von gestern. Möglicherweise darf man heutzutage ergänzen, dass Texte zum vorletzten Spiel, noch dazu in einem elektronischen Medium, wie es zum Beispiel ein Blog darstellt, zumindest ähnlich alt sind, tendenziell eher noch etwas betagter. Vom vorvorletzten gar nicht zu reden.

Aber es hilft ja nichts. Die Textfragmente sind nun mal da, und was erst einmal geschrieben wurde, will letztlich auch veröffentlicht werden. Da trifft es sich ganz gut, wenn der Blogbetreiber, hier: ich, nicht der Aktualität verpflichtet ist und das Ganze als eine Art Reisehintergrundbericht (Arbeitstitel) verkaufen kann. Verschenken, um genau zu sein.

Vielleicht darf ich zuvor noch auf zwei persönliche Auswärtsspiele anderer Art hinzuweisen, deren eines ebenfalls längst von der Realität überholt wurde: das Spiel des VfB II beim SV Wehen Wiesbaden, in dessen Vorfeld ich mein überschaubares Wissen zur aktuellen Situation bei den VfB-Amateuren (sic!) drüben in meinem Lieblingsdrittligablog, dem Stehblog, bloßstellen durfte, liegt bereits hinter uns. 1:1, wie die geneigte Leserin weiß, natürlich ohne die von mir im Stehblog genannten Khedira und Lohkemper, was in beiden Fällen nicht ganz überraschend kam.

Zum anderen beobachtete mich Ermittler Dembowski (vom oberlippenbärtigen Peters gar nicht zu reden) beim Showdown in der Kugelbahn und stellte eines völlig zurecht fest: “Kamke sah gut aus.” Er beobachtete, wie es Ermittler eben so tun, auch noch einiges mehr, was man sich meines Erachtens zu Gemüte führen sollte.

Um diesem Text zwischendurch doch kurz, das propagierte Selbstverständnis ignorierend, einen Hauch von Aktualität zu verleihen, sei auf das Spiel des VfB in Braunschweig hingewiesen, von dem ich allerdings so gut wie gar nichts sehen konnte. Der Liveticker des kicker vermittelte mir indes bereits zur Pause, was ich wissen musste:

“Ein engagierter Auftritt der Eintracht, die zur Pause gegen effiziente Stuttgarter unglücklich zurückliegt.”

Effizient kann man ja so und so sehen. Ich betrachte es in aller Regel als gelungenen Euphemismus. In diesem Sinne hatte ich mir eben das vorgestellt: einen effizienten Sieg gegen die Braunschweiger, denen ich nach eigener Anschauung in Hamburg die Konkurrenzfähigkeit im Grunde abgesprochen hatte. Womit ich gewiss, und durchaus zu meinem Bedauern, nicht alleine dastehe. Wenn nun die Stuttgarter Nachrichten mit “VfB trumpft groß auf” aufmachen, dann, nun ja, ist das möglicherweise Ansichtssache.

Dessen ungeachtet: schön, dass es dann doch noch deutlich wurde, und wunderbar, dass sich Traoré wieder gefangen hat nach, ja, wonach denn? Ist es tatsächlich denkbar, dass sein bitterer Ballverlust, der das Ausscheiden gegen Rijeka quasi besiegelte, ihm so lange zu schaffen machte, ihn hemmte und verunsicherte? Oder machte er eher dem Trainer zu schaffen, der ihm danach die eine oder andere “Denkpause” verschrieb, die hierzustadte erfreulicherweise anders als in Gelsenkirchen nicht gleich “Suspendierung” genannt wird? Wie auch immer: fünftbeste Offensive, hey, hey!!

Dass die Braunschweiger Fans für ihre beeindruckende Anfeuerung bei aussichtslosem Spielstand, vielleicht bereits, auf die Saison bezogen, auf verlorenem Posten stehend, landauf, landab gefeiert werden, ist verständlich und berechtigt. Grundsätzlich. Und doch mutete es, wäre es nicht so traurig und vielmehr begreinens- und protestwürdig, wie ein Treppenwitz an angesichts der schwer zu fassenden vereinspolitischen Groteske, die sich in diesen Tagen abspielt und die die taz, soweit ich die Geschehnisse aus der Ferne beurteilen kann, in der ihr eigenen Art und überraschend gemäßigter Sprache inhaltlich angemessen deutlich kommentiert.

Zurück zum Ausgangspunkt und damit in die aktualitätsfreie Zone: zwei VfB-Spiele live und in Farbe innerhalb weniger Tage. Und vor Ort. Hatte ich auch schon ein Weilchen nicht mehr. Zuerst in der Bundesliga gegen Frankfurt, dann im DFB-Pokal in Freiburg. Und sie waren grundverschieden. Von den Rahmenbedingungen her, meine ich. Sportlich haben sie sich gar nicht so viel geschenkt. Nicht zuletzt traf man in beiden Fällen auf einen Gegner, dessen Fußball mir, wäre ich neutral gewesen, deutlich mehr Spaß bereitet hätte als der des VfB.

Weshalb ich mich erst einmal kurz mit den schönen Seiten befassen will. Mit dem kurzerhand geschaffenen Familienblock gegen Frankfurt. Plötzlich und unerwartet (die älteren LeserInnen werden sich an den Durbridge-Straßenfeger erinnern) befanden sich in unserem Block auf engstem Raum etwa acht Kinder im Vor- oder jungen Grundschulalter, die ihre Papas und in Einzelfällen auch ihre Mamas zum Spiel begleiten durften und dabei den Eindruck einer konzertierten oder gar inszenierten Aktion erwecken konnten.

Womit grundsätzlich eine veronafeldbuscheske (so hieß sie damals noch, als das relevant war) Überleitung zur fanseitigen Inszenierung des 120. VfB-Geburtstages gelungen wäre. Ich kann nur nicht so viel drüber sagen, man hat dann ja doch eher eine Art Schild vor dem Kopf und sieht nicht so viel von der Choreographie, die aber überaus gelungen gewesen sein soll. Quatsch, war! Natürlich habe ich sie mir hinterher auch angesehen. Ich ziehe meinen Hut vor all jenen, die sehr viel Zeit, Mühe und gewiss auch Geld investiert haben. Den Kindern hat es übrigens auch großen Spaß gemacht. Zumindest solange sie die Arme mit hochhalten konnten. Danach durften einzelne Papas, konkret kann ich nur für einen sprechen, quasi Doppelhalter spielen.

Irgendwie taten die Kinder der Atmosphäre gut, der eine oder die andere mag sich etwas länger überlegt haben, ob man die Gäste als “Hurensöhne” feiern solle oder nicht. Die Präferenzen waren allerdings hinreichend klar verteilt, um (vermutlich nicht nur) mir Gelegenheit zu geben, die Nein-mein-Kind-jetzt-nicht-Karte zu ziehen, um eine nicht ganz triviale Begriffsklärung bis auf Weiteres zu verschieben. Schließlich ginge es nicht nur um die Definition an sich, sondern auch um den grundsätzlichen Umstand der Verwendung im Fußballkontext. Im Quasi-Familienblock. Immerhin: die heimische Nachfrage bei anderen Familienmitgliedern scheiterte an der etwas undeutlichen Akustik im Neckarstadion.

So sehr es mir Freude bereitet, immer wieder Kinder im Fanumfeld zu sehen, und so sehr ich es genieße, meinen eigenen Sohn mitunter dabei zu haben, so argwöhnisch sehe ich mir die so sozialisierten Kinder auch immer wieder an. Bloß weil vor einigen Jahren ein Kind bei uns im Block stand, das unter väterlicher Begleitung – die mir persönlich deutlich weiter von bloßer Billigung entfernt zu sein schien als von aktiver Hinführung bis hin zur Anfeuerung – nach Möglichkeit immer ganz vorne dabei war, egal ob es um ein bloßes “die Hände!” ging oder auch um Verunglimpfungen des Gegners. Kann man mögen. Muss man nicht. Ich würde ihn schon gerne mal wieder sehen, einfach der Neugier wegen.

Das Spiel war eher so lala. Der Meistertrainer hatte seine Frankfurter gut eingestellt, bis zu deren Führungstreffer sah der VfB keinen Ball, die Gäste bestimmten – wie schon in der Vorsaison, und wie damals mit einem stets anspielbaren und nie um eine gute Lösung verlegenen Sebastian Rode – die Partie, der Stuttgarter Ausgleich fiel glücklicherweise recht früh und wäre kaum einer Erwähnung wert gewesen, wenn es sich nicht um den Debüttreffer von Timo Werner gehandelt hätte, der das Stadion tatsächlich ein bisschen erbeben ließ.

War Werners eigene Freude bereits explosiv, so vermochten all jene Fans, die wir ihn spätestens seit Saisonbeginn adoptiert, im Grunde aber bereits seit Jahren seinen Weg als vorgezeichnet betrachtet hatten, diesen Ausbruch noch um ein Vielfaches zu steigern. Schon schön.

Ach, und dann war da ja noch diese Elfmetersache. Und die Abseitsstellung, mit der er den Führungstreffer ungültig machte. Und der – selbst großartig erarbeitete – Fehlschuss allein vor dem Tor. Da wäre der Elfer in der Tat ein schönes Happy End gewesen. Tja. Dem Spielverlauf entsprach das 1:1 ganz gut.

Drei Tage später fuhren sechs ältere Herren in drei Zweierreihen gen Freiburg. Bzw. sie wollten es. Gemächlich. Dumm nur, dass einer der sechs in einem beruflichen Termin gefangen war. Und dass dieser Herr, nennen wir ihn der besseren Lesbarkeit wegen Heinz, die Karten hatte. Also vier davon. Dass die anderen beiden noch fehlten, hatte ja im Vorfeld keiner zu wissen brauchen.

Etwa zu der Zeit, als Heinz den Termin rennend verließ, hätte er bereits gut 30 Minuten weiter südlich auf die anderen treffen sollen. Er verschickte ein paar zerknirschte Kurznachrichten, prüfte die Stau- und erfrug die Ticketsituation, beides eignete sich nicht, eine Besserung der Laune herbeizuführen, und fuhr mangels Alternativen geradewegs in den Feierabendverkehr. Nach wenigen Minuten blieb festzuhalten, dass alles noch viel schlimmer war, zumindest nahm er es so wahr, und er erinnerte sich kurz an Rudi Völlers Tiefpunkt-, ähem, Klimax.

Seine Sorgen erwiesen sich letztlich, wie man im entspannten Rückblick immer leicht sagen kann, als panikartig übertrieben, die Mitfahrer wirkten bei seiner Ankunft noch überraschend gelöst, was zum Teil antrainiert gewesen sein mag, zum Teil auch dem Umstand geschuldet, dass ihnen das Ticketdefizit noch nicht bewusst war, oder sie waren einfach cooler als er. Wie sonst ließe sich erklären, dass sie ihn erst noch einmal losschickten, um etwas zu essen zu holen?

Die Fahrt war erquicklich, die Kühltasche gefüllt, die von einem Mitspieler in Aussicht gestellte einstündige Baustellenverzögerung erwies sich als Schimäre (Bingo!), die Parkplatzsuche in Freiburg gelang. Blieb die Ticketfrage. Der großartige Herr @zugzwang74, Freiburger Vereinsmitglied, hatte sich um zwei Karten für den Feind (er selbst würde gewiss nicht so formulieren, was zu besagter Großartigkeit beiträgt) verdient gemacht und diese sogar, gegen seine eigene Überzeugung, an die Grenze zum Gästebereich platziert (er selbst war leider verhindert). Dumm nur, dass sein Verein nicht lieferte.

Wir haben alle schon unsere Erfahrungen mit der Post und ihren privaten Wettbewerbern gemacht. Auch negative. Und doch halten wir es, hatte es auch Heinz für unvorstellbar gehalten, dass zwei Karten, die der SC Freiburg an einem Dienstag in Rechnung stellte, dass also ein vermeintlicher Standardbrief nicht bis zum Mittwoch der Folgewoche in Stuttgart zugestellt würde. Tja. War aber so.

Und was Heinz vor allem nicht für möglich hielt: dass die schriftliche Beschwerde eines Vereinsmitglieds (über die vorausgegangene fernmündliche wollen wir nicht weiter reden), die am Vorabend des Spiels mit einem „EILT“-Vermerk und zahlreichen Ausrufezeichen im Betreff an mehrere Empfänger bei besagtem Verein gesandt wurde, bis zur Mittagszeit keinerlei Reaktion hervorrufen würde. Er hielt das, und an der Stelle schließe ich mich ihm gerne an, bin gar geneigt, mit ihm zu einer Person zu verschmelzen, für hochgradig unprofessionell und die eigenen Mitglieder nur so halb ernst nehmend.

Naja, vielleicht übertreibe ich ein wenig. Zum einen, weil vor Ort dann ja alles ganz gut klappte. Wir kamen recht knapp an, doch am dann doch noch per Mail angekündigten Ort, wo wir Ersatztickets bekommen sollten, hielt sich der Andrang in Grenzen, sodass auch der Umstand, dass wir nicht in der Kartei der Nachlöser erfasst waren, keine weiteren Probleme bereitete. Falls übrigens jemand neuwertige Karten für das DFB-Pokalspiel Freiburg-Stuttgart brauchen sollte: ich hätte einen bestens erhaltenen Satz im Angebot, sie kamen am Tag nach dem Spiel hier an.

Zum Spiel gibt es aus meiner Sicht nicht allzu viel zu sagen. Hätte es vielleicht gegeben, wenn Bruno Labbadia noch Trainer wäre. Dann hätte ich mich vermutlich über die Aufstellung gewundert. Nein, nicht gewundert – geärgert. Darüber, dass man es tatsächlich mit einem 4-4-2 versucht und die Frage, wer dann für ein Mindestmaß an Kreativität im Offensivspiel sorgen soll, getrost dem lieben Gott überlässt.

Insbesondere dann, wenn Christian Gentner en vogue sein und einen herauskippenden Sechser geben soll. Was ja grundsätzlich keine dumme Idee ist, wenn man spielstarke Aufbauspieler in der Innenverteidigung oder auch auf den offensiven Außenpositionen hat. Tja. Wenn. Beim VfB entsteht indes ein Vakuum in der Spielfeldmitte, das sich dann gerne mal mit langen Bällen überwinden lässt. So diese langen Bälle ankommen und behauptet werden können. Was am Mittwoch selten der Fall war.

Wäre Labbadia noch hier, hätte ich wohl auch lautstark gewettert, was denn Konstantin Rausch auch nach der Pause noch auf dem Platz wolle? Schließlich war nicht davon auszugehen, dass Freiburg auch in der zweiten Hälfte darauf verzichten würde, das nächste halbe Dutzend an Situationen ungenutzt verstreichen zu lassen, in denen man völlig unbehelligt über rechts in den Strafraum eindringen und mehr oder weniger überlegt zur Mitte passen darf. So schnell kann’s gehen, dass man doch eher rasch versteht, weshalb das vermeintlich personifizierte Sicherheitsrisiko Boka zuletzt stets spielen durfte: er ist nur die Zweitbesetzung. Das weniger gravierende Risiko, wenn man so will.

Möglicherweise hätte ich auch über Abdellaoue geschimpft, der auch auf dem Platz gewesen sein soll, und darüber, dass Labbadia nicht so recht wisse, was er mit ihm anfangen soll, wieso bzw. unter welchen Vorzeichen er ihn überhaupt geholt habe. Und unter Umständen hätte ich auch noch darauf hingewiesen, dass der Druck, der über die Außenpositionen ausgeübt wird, nach wie vor nur bei Verwendung sehr empfindlicher Geräte in die Randgebiete des messbaren Bereiches gelangt. Obwohl sich dort Spieler tummeln, die das könnten oder auch schon mal konnten.

Labbadia ist aber weg, Schneider noch nicht lange da, und so fasle ich ein bisschen was von einer Hypothek, die der alte Trainer im Zusammenspiel mit der alten Vereinsführung hinterlassen habe, um mich dann auf die Feststellung zu beschränken, dass das Kommunikationsverhalten der Trainer rund um das Pokalspiel verbesserungswürdig war.

Was ich von der Vokabel “Hass” auf und neben dem Fußballplatz halte, habe ich bei der einen oder anderen Gelegenheit zum Ausdruck gebracht, was ich von verweigerten Handschlägen halte, dürfte sich von selbst verstehen, und die Beteuerung, dass jemand Entschuldigungen immer annehme, verleiht dem Einzelfall eine gewisse Beliebigkeit. Tatsächlich ganz amüsant fand ich indes die Unfairness-Anekdote und hoffe inständig, dass nicht sie den Auslöser für die nachfolgenden diplomatischen Verwicklungen darstellte.

Was mir imponierte: wie Christian Streich seine Mannen in der 88. Minute bei eigener Führung und eigenem Einwurf zur Eile antrieb, weil sich möglicherweise eine Lücke im Stuttgarter Deckungsverbund aufgetan hatte. Und wie die Mannschaft sich daran hielt.

Gefühlt, wie man so schön oft sagt, spielten sie einander den Ball just in jener Szene weit in der gegnerischen Hälfte so oft und so schnell und mit so viel Zug zu, wie es dem VfB im ganzen Spiel nicht am Stück gelungen sein dürfte, außer vielleicht von Schwaab zu Rüdiger zu Sakai zu Rüdiger zu Schwaab zu Rausch zu (beliebiger Freiburger Spieler) zu (hoffentlich) Kvist zu Schwaab zu Rüdiger zu Sakai zu Ballvertändler Harnik zu (beliebiger Freiburger Spieler) zu Balleroberer Harnik zu Sakai zu Rüdiger zu …  ach, Verzeihung. Meist war da aber längst der lange Ball gekommen.

Die Heimfahrt war ein bisschen anstrengend. Frustrierend, möchte man sagen. Aber in angenehmer Gesellschaft. Und mit Überlegungen zur nächsten Fußballfahrt älterer Herren.