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Unendlicher Spaß

24. Juli 2014

Neulich (tatsächlich ist „neulich“ während der stockenden Entstehungsgeschichte dieses Textes zu einem veritablen „vor einiger Zeit“ herangewachsen) habe ich den WM-Rückblick von The Football Ramble gehört. Er hieß ein bisschen anders, nicht nur der Sprache wegen, aber es war ein WM-Rückblick. Zum Ende hin ging es um die BBC, die sich wohl gedacht hatte, dass sie, wenn sie schon dieses fußballaffine Publikum vor den Fernsehern sitzen habe, doch gleich Werbung für die neue Premier-League-Saison machen könnte, Match of the Day, Sie wissen schon, Ähnliches galt für Sky. Die Antwort der Podcaster lautete, sinngemäß:

„Respect the mode we’re all still in […] Give us a break! […] We love the Premier League, we’re gonna be into it … but just … give us a moment!“

Dem möchte ich nichts entgegensetzen. Noch immer nicht, auch nicht nach einiger Zeit. Im Gegenteil: „Give us a moment!“ bringt meine Stimmungslage sehr gut auf den Punkt. Gewiss, der VfB Stuttgart hat noch viele Baustellen im Kader. Andernorts tut sich diesbezüglich sogar einiges. Auch manches, über das man den Kopf schütteln möchte, wie es der vierte Offizielle vehement tut.

Unabhängig davon möchte ich das alles im Moment überhaupt nicht hören. Möchte vielmehr schwelgen und schwärmen, dieser Weltmeisterschaft huldigen, sie als beste aller Zeiten verklären. Allein diese Gruppenphase! Die Niederlande gegen Spanien! Die „kleineren“ Südamerikaner! Die Concacaf-Teams (ja, ja, Honduras)! Sie alle haben mich, wie soll ich sagen, geblitzdingst, nein: geflasht.

Geflasht waren auch die jungen Männer beim Fehlpass, Sie wissen schon, jenem (bitte die Stimme kurz etwas anheben) fast (senken) täglichen WM-Podcast von und mit Yalcin Imre (@fehlpass), der während der WM häufig zu unchristlichen Zeiten aufgenommen wurde und doch so viele sinnvolle Gespräche zu Wege gebracht hat.

Diese jungen Männer blickten also begeistert auf die WM zurück und ließen mich kurz schmunzeln, als Herr @GNetzer Wert darauf legte, dem Schwelgen eine sehr deutliche, sehr angemessene Kritik an den nicht sportlichen Aspekten der Weltmeisterschaft in Brasilien voranzustellen, insbesondere mit Blick auf das Gebaren der FIFA, das an kolonialistische Zeiten gemahne. Wie gesagt: ich fand das gut. Besagtes Schmunzeln ließ sich dennoch nicht vermeiden, als nach gut fünf Minuten die „Alibi-fünf-Minuten-Einspieler“ im Fernsehen zur Sprache kamen.

Es ist ein Dilemma. Oder, wie ich drüben in der #doppelfuenf zu Turnierbeginn in fünf Zeilen darzulegen versuchte, ein

WM-Paradoxon

Das Geschehen vor Ort: schwer erträglich.
Die FIFA (per se?): rundum kläglich.
Das Gebaren: rigide.
Die Kritik: sehr valide.
Heut geht’s los, und ich freu mich unsäglich!

Wo waren wir? Ach ja, ich schmunzelte. Und distanziere mich auf das Entschiedenste von der Schlussfolgerung, ich stellte die einführenden letztlich siebeneinhalb Fehlpass-Minuten auf eine Stufe mit den Alibis der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. Aber lustig war’s schon.

Nicht zwingend lustig, aber eine große Freude war indes tatsächlich die – fast – tägliche Fehlpass-[hier bitte ein auf das Hören bezogenes Pendant zu Lektüre einfügen], gerade mit den vielen verschiedenen Gesprächspartnern, und ich stelle gerne fest, dass gerade besagter @GNetzer viel zu selten zu hören ist in diesem meinem Internet. Die Stimme angenehm, der Stil ruhig, die Argumentation schlüssig, der Mann gescheit. Was nicht heißen soll, dass seine Gesprächspartner nicht auch gut gewesen seien.

Klar gab’s noch viele andere Podcasts, und vermutlich komme ich weiter unten auch noch darauf zu sprechen, weil das ganze Zeug, das sich so in meinem Kopf angesammelt hat, letztlich scho au irgendwie raus muss, oder zumindest ein Teil davon, um dann doch wieder Platz für die Bundesliga zu schaffen.

Zuerst aber: der Sport. Ein bisschen. Im Grunde ist ja alles gesagt. Die WM ist durchanalysiert, wir kennen den goldenen Handschuh, den goldenen Schuh, den goldenen Ball, die goldene Mannschaft, vermute ich, und auch das goldene Tor, will sagen: das schönste. Geschossen von James Rodriguez, diesem jungen, aufstrebenden 80-Millionen-Mann, der den Ball so wunderbar auf seiner Brust tanzen ließ und dann an und unter Musleras Latte schmetterte.

Weil wir Fußballfans aber gerne mal zur Distinktion neigen, gelegentlich auch zum Hipstertum, hab ich mich zwar auch für ein Tor jenes jungen Mannes entschieden, aber eben ein anderes; auch nicht jenes, das von der Jury zum drittschönsten Turniertreffer gewählt wurde, noch vor dem titelbringenden, technisch sehr bemerkenswerten von Herrn Götze, das die drei jungen Männer vom Fehlpass irgendwann einmal in einer umjubelten Inszenierung nachzustellen versuchen werden.

Mein höchstpersönliches Lieblingstor, das mir zumindest in der Livebetrachtung ganz außergewöhnlich vorkam, bei der nochmaligen Beschau indes, so ehrlich will ich sein, ein bisschen von seiner ursprünglichen Brillanz eingebüßt hat, weil es doch nur elf kolumbianische Ballkontakte waren, darunter ein eher zufälliger, die letztlich zum Torerfolg führten, war das 2:0 gegen Uruguay.

Sie erinnern sich? Der Angriff über rechts, die Verlagerung, die Räume, die geschaffen wurden, die Flanke auf das lange Fünfereck, die Kopfballablage, der banale Abschluss. Ich weiß nicht, ob es unter Hipstertum fällt, der relativen Geringschätzung schön herausgespielter Tore mit vergleichsweise gewöhnlichem Abschluss etwas überdrüssig zu sein und ihm möglicherweise übertriebene Lobhudeleien entgegensetzen zu wollen; unter Distinktionsbestreben dürfte es gleichwohl abzulegen sein.

Und ja, es gibt natürlich Ausnahmen, ganz herausragende Ausnahmen, Argentinien 2006 zum Beispiel, oder Brasilien 1970 (da war der Abschluss selbst auch nicht so schlecht), und natürlich auch Brasilien 1982, wobei man sich auch dort fragen kann, wieso ein Ranking aller brasilianischen Tore am Ende eine Art Antiklimax erfährt, zumindest aus Sicht einzelner distinguierter Möchtegern-Hipster, indem die vordersten Plätze schnöden Fernschüssen vorbehalten sind.

Ob ich ein Video von Rodriguez‘ 2:0 zu bieten habe? Na ja, nicht explizit. Die Zusammenschnitte im Videoportal meiner Wahl räumen dem 1:0 in der Regel so viel Platz bzw. Zeit ein, dass kein Speicherplatz mehr für eine ausführlichere Würdigung des 2:0 (sprich: den kompletten Angriff) übrig bleibt. Immerhin: die ARD-Mediathek hilft bis Ende Januar 2015, ab 03:55.

Genug überhöht. Das Tor, meine ich. Die WM überhöhe ich gerne auch weiterhin. Nenne sie einen unendlichen Spaß, ohne David Foster Wallace‘ Buch gelesen zu haben oder das Hamlet-Zitat einordnen zu können, und somit Gefahr laufend, den literarischen Kniff nicht zu erkennen, der dann möglicherweise gegen meinen Willen in meine Bewertung einfließt. Tja. Ich mein’s aber wörtlich, also fast.

Natürlich gab’s Spaßbremsen, und damit versuche ich nicht, einen Alibi-fünf-Minuten-Einspieler zu platzieren – Verzeihung, das klingt vermutlich viel zu flapsig für das wahrlich ernsthaft Thema jener Schere, die sich in Brasilien abseits des Sports so beschissen weit öffnete –, sondern bleibe beim Sport, beim einen oder anderen langweiligen Spiel, beim Schiedsrichter-Dilemma, das ich jüngst kürzlich vor einiger Zeit bereits ansprach, auch bei den brasilianischen Jagdszenen gegen Herrn James.

Und doch: was für eine Freude! Was für eine Gruppenphase! Und was sind die süd- und mittelamerikanischen Mannschaften gerannt, wie haben sie gespielt, sich taktisch geschickt verhalten, ihre Gegner mit zum Teil unerwarteten Aufgaben konfrontiert. Man denke an Chile, das Spanien aufgefressen hat, oder aus der Concacaf Costa Rica, das sich in der Dreiweltmeistergruppe lächelnd an die Spitze gesetzt hat. Wunderbar.

Ja, wissen Sie alles, ich weiß. Und was hatten wir, also Teile von uns, gejammert vor dem Turnier! Kolumbien ohne Falcao? Abgeschrieben. Deutsche Titelchancen ohne Reus? Dahin! Die Niederlande ohne Strootman? Puh. La France ohne Ribéry? Mon Dieu! Von den außen vor Gelassenen oder nicht Qualifizierten gar nicht zu reden. Indes: so richtig schmerzhaft würde es schon nicht werden:

Hicks!

Ein Jammer: die ganzen Absenzen,
abseits aller Flaggen und Grenzen!
Für Verletzte: bescheiden.
Das Turnier? Wird auch leiden –
wie bei Schluckauf und – hicks! – Flatulenzen.

Will sagen: schade für Falcao, um bei einem der genannten Beispiele zu bleiben, ziemlich schade für Kolumbien, aber dem Turnier ist’s letztlich egal.

Natürlich war der unendliche Spaß auch ganz stark mit der deutschen Mannschaft verknüpft, über die nun ja doch ziemlich viel geschrieben wurde, und nicht selten ziemlich Positives. Über Neuer. Über Schweinsteiger und Hummels und Boateng und so weiter. Darüber, dass jenes Halbfinale viele Leben lang in Erinnerung bleiben wird.

Und über Herrn Löw natürlich. Faszinierend, wie viele Menschen sich freuen, dass nun das ständige Gerede über seine Titellosigkeit, um es harmlos auszudrücken, ein Ende hat. Faszinierend zudem und vielmehr, wie viele Menschen demnach tatsächlich schon immer gewusst haben, wie gut er ist. Vielleicht waren also jene fünf Zeilen, die ich vor Turnierbeginn dem einen oder anderen Skeptiker widmete, fernab jeder Realität und irgendeiner realen Person, sondern nur eine böse Fantasie:

Fangedanken: So nicht!

Der Kader: nicht mehr als ein Torso.
Wie stellt sich der Trainer das vor, so?
Kaum Stürmer, so’n Dreck –
der Jogi muss weg!
Im Juli dann: Auto raus, Korso!

 

Schöne Geschichte natürlich auch für Mario Götze. Ich hatte mir im Vorfeld des Finales eigentlich einen spielentscheidenden Özil gewünscht, aber ich nahm auch Götze recht klaglos hin. Auch er soll ja zwischenzeitlich gar nicht mal so gut gelitten gewesen sein, hörte ich. Quatsch. Natürlich habe ich das mitbekommen, und es stimmt ja auch, dass er nicht immer überzeugte, nachdem der Auftakt gegen Portugal durchaus vielversprechend gewesen war.

Was ich aber sagen wollte: mein unendlicher Spaß hatte gewiss auch damit zu tun, dass ich mich meist auf das Wesentliche konzentrierte: die Spiele. Die TV-Vorberichterstattung zu den Partien ging fast komplett an mir vorüber, was unter anderem dazu führte, dass mich die von meinem Sohn kurz vor Anpfiff übermittelte Information, dass Kramer für Khedira auf dem Platz stehe, aus ziemlich heiterem Himmel traf, nachdem eine knappe Stunde zuvor noch eine unveränderte Aufstellung vermeldet worden war.

Auch nach den Spielen zog ich mich meist recht rasch zurück, aber wenn ich doch was sah, dann war dies in aller Regel besser als ich erwartet hatte. Natürlich hat das mit Erwartungen zu tun, vielleicht auch mit einer deutsch-polnischen Ostseeinsel, doch ganz im Ernst: ich hatte mir die Olis schlimmer und die Herren Scholl und Opdenhövel genau so vorgestellt. Schlecht wäre, auf Basis einer überschaubar großen Stichprobe, anders gewesen.

Selbst die Kommentatoren ließen mich weitgehend kalt. Vielleicht waren sie wirklich besser als in früheren Jahren, vielleicht filterte ich schlichtweg effektiver, ich weiß es nicht. Am liebsten hörte ich erwartungsgemäß dem unaufgeregten Oliver Schmidt zu, auch dem sehr unaufgeregten Thomas Wark, der gefühlt seit Jahrzehnten die Back-Office-Spiele auffängt. Eigentlich hatte ich auch auf den vermeintlich unaufgeregten Gerd Gottlob gehofft, doch sein hemmungsloses „Wirzen“ bei zumindest einer Partie der deutschen Mannschaft ließ mich diese Hoffnung rasch begraben und in Sorge vor einem weiteren solchen Auftritt umwandeln.

Tom Bartels habe ich nur aus dem Finale in schlechter Erinnerung, und bei Steffen Simon kann ich schlichtweg nicht objektiv sein. Wenn ich es dennoch versuche, komme ich rasch an den Punkt, wo ich mich frage, ob es Erbsenzählerei meinerseits oder ein Mangel an Professionalität seinerseits ist, wenn ich mich darüber aufregen muss, dass er den italienischen Nationaltrainer Prandelli, einen Mann, der nicht nur in der jüngeren deutschen Fußballhistorie tiefe Spuren hinterlassen hat, sondern der auch außerhalb des Feldes eine bemerkenswerte Persönlichkeit darstellt, konsequent Pandrelli nennt. Hab’s mir überlegt: ja, ich zähle Erbsen. Und es ist unprofessionell.

Während also mein TV-Konsum für eine WM überschaubar blieb, was natürlich auch familiären Freuden und Zwängen geschuldet war, verbrachte ich ungewöhnlich viel Zeit mit dem Hören von Podcasts. Dem Fehlpass, wie gesagt, oder als zweitem, nein, sorry, eigentlich erstem fixem Programmpunkt, World Cup Football Daily, hinzu kamen mit zunehmender Regelmäßigkeit „Fear and Loathing in Sao Paulo“ beim Sportradio 360, und gelegentlich 5 live’s Football Daily. Tägliche Sachen halt. Und die Erben, eh klar. mit anderem Fokus.

Wohingegen ich das Gemeinschaftsprojekt des Textilvergehens mit den Mikrodilettanten nur selten hörte, wiewohl ich es mochte: es passte nur so überhaupt nicht zu meinem WM-Rhythmus. Immerhin lernte ich dort fürs Leben: „Die FIFA ist kein empathischer Mensch.“

Was übrigens auch nicht zu meinem Rhythmus passte: Blogs. Peinlich, nicht wahr? Im Grunde las ich überhaupt nichts systematisch, auch nicht in Sportportalen, ja noch nicht einmal die Link11 bei Fokus Fussball, die sonst mein steter Ausgangspunkt ist. Bei der WM war das anders, war diese Rolle anders besetzt: von Twitter. Twitter war meine völlig willkürliche Informationszentrale. Was dort zu einem günstigen Zeitpunkt in Linkform vorbeitrieb, wurde gelesen, alles andere nicht. War gut.

Auch abseits des Medienkonsums habe ich nicht so wirklich viel mitbekommen. Die Spiele sah ich zumeist zuhause, im Schoß der Familie, gewissermaßen. In zwei, höchstens drei Fällen, verfolgte ich die Partien in kleineren Gruppen von vielleicht 10 Leuten, eher weniger. Danach traf man mich nicht in der Stadt an, die Schlandisierung, von der ich immer wieder las, ging weitgehend an mir vorüber. Ich wollte nur Fußball. Pur, nahezu. Ein unendlicher Spaß!

Fußballgespräche mit beruflichen Kontakten, die sich meines Wissens sonst nicht besonders für Fußball interessieren, lenkte ich in der Regel so rasch in professionelle Bahnen, dass der eine oder die andere gedacht haben mag, ich interessierte mich nicht für Fußball. Ich kann nicht einmal ausschließen, dass ich selbst jahrelang eine ebensolche falsche Vorstellung von deren Fußballaffinität hatte bzw. noch immer habe. In Einzelfällen, meine ich.

Der Kollege, der mich als sehr fußballaffinen Menschen einschätzt und mich am Tag des Brasilien-Spiels frug, ob ich mir trotz der Uhrzeit gegebenenfalls auch noch eine Verlängerung ansehen würde, ehe er tags darauf verkündete, es auch gesehen zu haben und dass es ja sehr spannend gewesen sei, dürfte nicht zu denjenigen zählen, in denen ich mich getäuscht hatte.

Das heißt nicht, dass ich nichts mit solchen Leuten zu tun haben will, dass ich mich gar als würdigeren, echteren Fan begreife. Vielmehr haben wir schlichtweg keine gemeinsame Ebene, auf der wir über Fußball reden können. Ok, Fragen und Antworten wären eine, und gelegentlich betrete ich sie auch, mit Leuten, die ernsthaft fragen und Antworten suchen. Aber ich bin nicht in der Lage, mit Menschen über Fußball zu reden, die so tun, als kennten sie sich aus, und die auf dieser Basis ein bisschen fachsimpeln wollen. So wie jener Kommilitone, damals, der sich als großer Fußball-Fan gerierte und mir von VfB-Legende Effi Buttmayer erzählen wollte. Ein weites Feld. Oder war es Etty Buffmayer? Ich weiß es nicht mehr.

Überheblich? Vielleicht. Zumal mir klar ist, dass ich bei weitem nicht so viel (mehr oder weniger) nützliches Fußballwissen angehäuft habe wie manch(e) andere(r). Zweifellos habe ich Schwächen in der Beschreibung und oft genug auch im Erkennen taktischer Winkelzüge, und, um zum nützlichen Wissen zurückzukehren, kenne mich beispielsweise im Weltfußball um die Jahrtausendwende längst nicht so gut aus, wie ich es gerne hätte. Aber ich erinnere mich doch an manches, informiere mich zumeist recht aktuell und ausführlich, und bilde mir auch ein, zum einen das Spiel ganz gut zu verstehen, und dass zum anderen die eigene praktische Erfahrung durchaus hilft, den einen oder anderen Ablauf auf dem Spielfeld einzuordnen.

Um es kurz zu machen: ich möchte nicht mit Leuten über Abseits diskutieren, die nicht verstehen, inwiefern die Abseitslinie bei Freds Tor gegen Kamerun falsch war.

Was ich übrigens auch nicht so gern möchte, wenn auch in ganz anderem Kontext und auf ganz anderer Ebene: tagelang über eine kontrovers aufgenommene Feierchoreographie der frischgebackenen Weltmeister diskutieren bzw. Diskussionen darüber lesen. Ich hatte meinen ersten Eindruck in einem Tweet zusammengefasst:

Diese Sichtweise hat im Grunde nach wie vor Bestand. Das, was mich stört, ist die Häme, ist das Auslachen des unterlegenen Gegners. Beides gäbe es auch, und gibt es immer wieder, in deutlicherer Form. Aber es ginge auch ohne. Was mich nicht stört, weil ich es nicht erkenne, ist jener Nationalismus oder gar Rassismus, den manche darin zu sehen glauben. Kann ich nicht nachvollziehen, aber das ist wohl eine Frage der Lesart.

Dass diese Diskussion dann allerdings tagelang tobte, dass man bei Twitter auch am vierten Tag noch mit einem morgendlichen #gauchogate begrüßt wurde, konnte ich zunächst noch viel weniger nachvollziehen. Bis ich die Diskussion bei den bereits genannten Textilvergehensmikrodilettanten hörte, von der ich den Eindruck gewann, dass sie einen Großteil dessen, was ich online über Tage gelesen hatte, in der vielzitierten nutshell abbildete. Gescheite Menschen mit vernünftigen, diskussionswürdigen, aber nicht unvereinbaren Positionen, und doch zog sich das Ganze ewig in die Länge, mit deutlich abnehmendem  Grenznutzen, hier: Erkenntnisgewinn.

Was mich an der Diskussion, und damit entferne ich mich wieder von besagtem Podcast, mitunter dann doch zum Schmunzeln brachte, war der eine oder andere Beleg, der bei Twitter oder sonst wo ins Feld geführt wurde; exemplarisch sei kurz auf zwei verwiesen:

Zum einen auf einen Twitternutzer, der ein argentinisches Medium verlinkte und auf ironische Weise deutlich machte, dass das dort zum Ausdruck gebrachte Gefühl, verhöhnt zu werden, nicht überraschen könne. Mich überraschte das durchaus ein bisschen, sodass ich nachlas:

„El cántico terminó con los jugadores erguidos y gritando „Así caminan los alemanes„, lo cual ha sido señalado como un gesto de burla, según algunos comentaristas alemanes que transmitían los festejos.“
(Fettdruck wie im Original, kursive Hervorhebung durch mich)

Nun ist mein Spanisch kein besonders gutes, mit südamerikanischen Varianten kenne ich mich erst recht nicht aus, aber ich lese das ungefähr so, dass die Einlage der deutschen Spieler eine höhnische Geste gewesen sei, „laut einigen deutschen Kommentatoren, die die Feierlichkeiten übertrugen„. Für mich klingt das gar nicht so sehr nach argentinischer Empörung über den Spott, aber ich mag mich irren.

Zum anderen irritierte mich, auch dies exemplarisch und auch dies bei Twitter, der Hinweis, dass Dante, jener brasilianische Nationalspieler des FC Bayern München, in seinem Buch „Ich, Dante“, davon berichtet habe, wie seine Mannschaft dereinst mit dem Spruch „So geh’n die Dortmunder, die Dortmunder geh’n so“ gefeiert hätte, was beweise, dass #gauchogate Schwachsinn sei. Quod esset demonstrandum, möchte ich anfügen.

Genug. Nun also auch hier: zu viel über besagtes Thema. Sind jetzt doch wieder ein paar Zeilen mehr geworden, so insgesamt. Und, der eine oder die andere wird es ungern hören: so ganz ist die WM hier noch nicht abgeschlossen. Eine kleine Retrospektive zur #doppelfuenf, die ein unendlicher Spaß war, wird noch folgen.

WM-Trends 2014: Der Libero

12. Juni 2014

Ja, der Libero hat einen Trend gesetzt. So einen kleinen zumindest. Mit seinem Blogstöckchen do Brasil. Und weil er mich so nett gefragt hat, mache ich auch gerne mit.

wmblogstöckchen2

 

 

 

 

Mein erstes bewusstes WM-Erlebnis war?

Deutschland-Tunesien am 10. Juni 1978. Und den Termin musste ich nicht einmal nachschlagen. Meine Eltern heirateten. Ja, offensichtlich hatten sie in Sünde gelebt. Muss ich mir auch immer wieder vor Augen führen.

Im Nebenzimmer lief das besagte Spiel, ein Grottenkick, der in einem angemessenen 0:0 endete, ich sprang immer wieder hin und her. Rummenigge schoss relativ knapp (aber ungefährlich) daneben, mir entfuhr ein kurzer Ausruf, den ich nicht mehr genauer bezeichnen kann, und die Umsitzenden ließen den kleinen Steppke wissen, dass der Rummenigge mit seinen roten Bäckchen doch gar nichts könne, oder, ganz konkret: „Ach, Bub, der Rummenigge ist doch ein Blindgänger.” Da hat er, sportlich betrachtet, auch nicht so ganz recht behalten.

78 verfolgte ich gleichwohl noch eher kursorisch, verstand weder vom Modus noch vom Spiel selbst besonders viel. 1982 war das dann etwas besser, und noch heute kann man mich nachts um vier wecken, um mich einen Elfmeter schießen Ole España singen zu lassen.

 

Mit welcher WM-Legende würde ich gern einmal Doppelpass spielen?

Puh, Legenden. Mit einem von denen, die ich selbst nicht mehr in ihrer Blütezeit spielen sah, weil ich genau das dann könnte: ihnen zusehen. Oder sieht der Deal gar keine Zeitreise vor? Falls doch: Beckenbauer vor allem, und Cruijff. Auch Eusébio. Pelé a priori nicht einmal so sehr, vermutlich würde er mich aber vom Gegenteil überzeugen. Zidane sowieso, aber klar: beim Doppelpass läuft es immer wieder auf Beckenbauer hinaus. Kleines dickes Kamke.

Oder sprechen wir vom verbalen Doppelpass abseits des Platzes? Dann nehme ich, Sprachbarrieren in pfingstlicher Stimmung ignorierend, zeitreisend, nicht zwingend bis in seine sportliche Blütezeit, Sócrates, eine faszinierende Gestalt. Oder, dann vermutlich etwas kürzer, Ronaldo, um ihn zu fragen, was da wirklich los war anno 1998.

 

Welchem TV-Kommentator werde ich bei der WM gerne zuhören?

Gerd Gottlob und Oliver Schmidt fallen mir als erste ein. Weil sie als Kommentatoren das verkörpern, was man sich, klassisch, von Schiedsrichtern verspricht: sie fallen nicht auf. Und das ist doch viel mehr als das, was von den meisten anderen zu erwarten sein wird. Das andere Ende der Skala braucht an dieser Stelle nicht weiter thematisiert zu werden.

Nachtrag: Mir war nicht bewusst gewesen, vielleicht hatte ich es vergessen oder er seine Herangehensweise verändert, dass sich Gerd Gottlob nicht entblödet, als Kommentator eines Spiels der deutschen Mannschaft regelmäßig in der Wir-Form zu sprechen, im Sinne von (fiktiv): „Da haben wir aber dem Gegner zu viel Raum gelassen.“ Vor diesem Hintergrund ziehe ich meine Aussage zurück. Nein, ich höre ihm nicht gerne zu.

 

Die Iren haben sich für die WM am Zuckerhut leider nicht qualifiziert. Welchem weiteren Land drücke ich neben Jogis Jungs als »Zweitteam« die Daumen?

In der Gruppenphase gibt’s einige Zweit-, Dritt- oder auch Viertteams, einfach weil ich zum Beispiel lieber Chile als die Niederlande, lieber Südkorea als Russland oder auch lieber Klinsmanns USA als Portugal oder Ghana im Achtelfinale sähe.

Genereller betrachtet, hat mein Faible für die Franzosen chronische Züge, auch wenn es zwischenzeitlich auf harte Proben gestellt wurde und phasenweise zur Hassliebe mutierte, und dann natürlich Belgien, ewige Lieblinge seit Pfaff, Ceulemans (nicht Raymond) , Vanderelsteyckenbergh, van Moer, später Scifo. Und ja, irgendwie scho au die bereits genannten Südkoreaner. Können die eigentlich auf Italien treffen?

 

Zu Jogis Jungs: Meine beiden Lieblingskicker aus dem deutschen Kader sind?

Großkreutz. Seine, ja, Hingabe beeindruckt mich. Hatte ich hier auch schon das eine oder andere Mal thematisiert, dass ich ihn schätze und ihm manches (vermutlich mehr als anderen) verzeihe, auch (gerade?) abseits des Platzes. Rein sportlich gibt’s natürlich ne Menge Kandidaten. Müller und Özil in sehr hohem Maße, Khedira nicht nur aus lokalpatriotischem Antrieb.

Wenn ich mich aber entscheiden müsste, sagen wir für zwei Spieler, ihrer sportlichen Fähigkeiten wegen, dann für Lahm, der so unsagbar gut ist,

und für Götze, der so unsagbar gut ist, es aber noch nicht so oft zeigt, wie er könnte.

 

Wie weit kommen Jogis Jungs?

Ganz nach oben.

Klar ist da der Wunsch Vater des Gedanken. Der unmittelbare, klar, aber auch jener mittelbare, dass Herr Löw am 13. Juli eine ganz große Runde „in your face“ ausgeben können möge. Was er so vermutlich nicht täte.

 

(Wenn nicht Jogis Jungs:) Wer wird am 13.07.2014 im Maracanã Weltmeister?

Ich kann mir gar nicht recht erklären, wieso ich bei dieser Frage nie an Argentinien denke, obwohl ich doch zu glauben weiß, wie stark sie sind. Und doch lande ich immer bei Brasilien, halbherzig, und vor allem bei Italien, auf die ich mich, müsste ich mich entscheiden, wohl festlegen würde, noch vor Spanien. Ach, und Belgien. Einen aus dem offen geheimsten Favoritenkreis Belgien, Chile, Kolumbien muss man wohl nennen.

Wobei so ein geschlechterübergreifendes japanisches Double schon was hätte.

Von Laienstadiongängern und Sitzplatznazis

6. März 2014

Hätte ich meinen Körper verlassen und das Ganze von außen betrachten können, so wäre mir das Ganze wohl wie ein Trugbild vorgekommen. Nicht nur, dass ich in der Cannstatter Kurve saß, nein, vielmehr zählte ich zu denjenigen, die die vor uns Stehenden recht penetrant dazu aufforderten, sich doch bitte hinzusetzen. In meinem Kopf formte sich, ohne dass ich meinen Körper dafür hätte verlassen müssen, das Wort „Sitzplatznazi“, das ich den Adressaten unseres Anliegens gedanklich in den Mund legte, um damit mich selbst zu bedenken.

Was insofern nicht in Ordnung war, als es zum einen inhaltlich eine – wiewohl nicht zwingend abwegige – Unterstellung bedeutete; schließlich hatte keiner der wenig sitzenswilligen Herren explizite Beschimpfungen ausgestoßen – zumindest nicht mir gegenüber, in einem anderen Fall mag es so gewesen sein. Zum anderen hatte ich mit dem Nazi-Kompositum eine zwar sehr aussagekräftige und in ihrer Deutlichkeit nur schwer zu umschreibende, mir aber gänzlich unsympathische Formulierung gewählt: Rechtschreib-, Grammatik-, Irgendwas-Nazi. Nicht meins.

Offensichtlich fühlte ich mich also sehr unwohl in meiner Haut, sonst hätte ich mich vermutlich nicht so titulieren lassen wollen. War ja auch doof. Sitzen einfordern. Im Fußballstadion. In der Cannstatter Kurve. Wo ich sonst stehe. Wo vermutlich auch nicht wenige der nun zum Sitzen aufgeforderten sonst stehen. Für die wir vielleicht keine Sitzplatznazis, aber doch Laienstadiongänger gewesen sein dürften, die keine Ahnung von den Gepflogenheiten in Stadien im Allgemeinen und im Neckarstadion, ihrem Wohnzimmer, im Besonderen hatten, vermutlich. Auch das eine Unterstellung.

Und auch das so eine Wortbildung. „Laienbahnfahrer“ lese ich immer mal wieder, bei Twitter hauptsächlich, gerne auch mal in Blogs. Und empfinde die dort transportierte Haltung als ziemlich überheblich. Was damit zu tun haben mag, dass ich gelegentlich mitbekomme, wie aufgeregt meine in der Bahn-Diaspora groß gewordenen und gebliebenen Eltern sind, wenn sie mal eine Bahnreise antreten und alle möglichen Befürchtungen hegen, was sie falsch machen könnten.

Laienbahnfahrer par excellence, quasi, und der Gedanke, dass sich Menschen bei Twitter über sie mokieren, weil sie den Wagenstandsanzeiger nicht richtig gelesen haben oder in ihrer Aufregung etwas zu laut telefonieren, um ihre nun doch bevorstehende Ankunft anzukündigen, ist mir, um es sehr vorsichtig auszudrücken, unangenehm.

Dass sich Laienstadiongänger- und Laienbahnfahrertum ganz gut vereinen lassen, wurde bereits im Zuge der Anreise zum Spiel deutlich, als die Bahnen übervoll, die Türbereiche brechend voll und die Gänge nur normal voll waren, was den einen oder anderen Eintrittswilligen zu Unmutsbekundungen gegenüber den in den Gängen lümmelnden bzw. den sich nicht aus dem Türbereich in die Gänge hinein bewegenden Herrschaften animierte: „Noch nie Bahn gefahren, wenn Fußball ist?“

Der selbstgefällige Tonfall ließ meine grundsätzliche Zustimmung zu seinem Begehr verblassen und verließ ihn auch nicht, als sich die Bahn am Ziel zusehends leerte und lediglich unsere Tür verschlossen blieb, weil nicht zuletzt der Profibahnfahrer die Lichtschranke blockierte. Oder wie auch immer das technisch gelöst ist. Ich schweife ab.

Zurück zu uns Laienstadiongängern. Die wir in der Cannstatter Kurve sitzen wollten. Weil wir Kinder dabei hatten, die auch was sehen wollten. Was einigen der vor uns Stehenden sehr egal war, und ich meine wirklich sehr egal, was wiederum einer der Gründe der Hauptgrund dafür gewesen sein könnte, dass ich ihnen so unschöne Begriffe wie Sitzplatznazi oder Laienstadiongänger in den Mund legte.

Und nein, wir hatten nicht explizit Karten in diesem Block bestellt, waren nicht vorgewarnt worden, hätten es nicht wissen müssen. Eine sitzplatzgenaue Auswahl war im Zuge des Bestellprozesses gar nicht möglich, es sei denn, ich war zu dumm, auch keine blockgenaue, de facto konnte man nicht einmal angeben, in welcher Kurve man stehen wollte, sondern lediglich eine Kategorie auswählen.

So saßen wir, eine zufällige Gemeinschaft, also da mit unseren Kindern, die ein Länderspiel sehen wollten, in aller Regel ihr erstes, und die beim Anpfiff faktisch nichts sahen, hinter einer Wand von Menschen, denen das sehr egal war, weil sie ja genug sahen, und vielleicht auch, weil man beim VfB da eben steht. Genau: beim VfB. Da war aber gar keine Porsche-Werbung an den Banden. Auch keine von Fanuc oder irgendeiner regionalen Bank auf der Anzeigetafel. Gastgeber war der DFB. Er hatte Sitzplätze ausgewiesen.

Hätte ich nicht gedacht, dass ich mal wegen sowas die Ordner holen würde. Hat aber ganz gut geklappt. Schöne Pointe übrigens, dass just nach deren Einsatz „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid“ ertönte. Mal schauen, ob ich am Samstag in die Kurve darf.

Ach ja, Fußball war auch. Die Perspektive war ungewohnt, ich stehe normalerweise einen Tick höher, das Interesse der Kinder an Nebensächlichkeiten tat sein Übriges, meine Verärgerung über Nebensächlichkeiten erst recht. So bleibt mir in besonderem Maße der Umfang von Bastian Schweinsteigers Oberschenkeln in Erinnerung, zudem die Jagdszenen der chilenischen Offensive, die mich in ihrer Intensität an die Dortmunder Anfangsphase in Wembley erinnerten, Philipp Lahms ungewöhnliche Zahl an Fehlpässen, die lange Zeit völlig an mir vorbeigehende Anwesenheit von Toni Kroos, und die Pfiffe gegen Mesut Özil.

Das weiß dann doch jeder von uns Laienstadiongängern, dass man, wenn man bezahlt hat, auch meckern darf. Und eben pfeifen. Nicht zuletzt dann, wenn es um einen derjenigen geht, die es in Brasilien ganz besonders richten sollen, um einen, der gerade an einem schlechten Tag jene entscheidenden Bälle spielen soll, jenen einen womöglich an der Genialität schnuppernden Ball, der vielleicht ein dreckiges Tor, einen dreckigen Sieg bringt, ein dreckiges, im Zweifel auch als unverdient bezeichnetes 1:0. Der kann das ab, bestimmt.

Überraschung auf der Mittagsspitze

25. Dezember 2013

(Damüls, 25.12. 2013.) Am ersten Weihnachtsfeiertag wartete Bundestrainer Kamke mit einer Überraschung auf, die das Attribut „faustdick“ wahrlich verdiente. Im Rahmen einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz stellte er auf der Damülser Mittagsspitze, deren symbolische Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, ohne dass Kamke näher darauf eingegangen wäre, ungewöhnlich früh seinen Kader für die Weltmeisterschaft in Brasilien vor.

„Der mediale Druck, der mit zunehmender Nähe zum FIFA-Benennungstermin aufgebaut wird, ist schwer zu ertragen und letztlich unmenschlich. Deshalb kam ich gemeinsam mit meinem Kompetenzteam zu dem Schluss, ein selbstbewusstes Zeichen zu setzen und den Kader bereits heute zu nominieren,“ erläuterte Kamke, der mit diesem bemerkenswerten Vorgehen seinerseits einen gewissen Druck auf die anderen 31* Nationaltrainer ausübt, gleichzeitig aber betonte, dass man im Verletzungsfall „natürlich noch was machen“ könne.

Der Bundestrainer informierte zudem über sein innovatives Auswahlsystem, das auf dem gleichermaßen intensiven wie formal strikten Austausch mit etwa 25 Ratgebern beruht, denen Kamke sein vollstes Vertrauen aussprach. Im Ergebnis änderte sich trotz des neuartigen Ausleseprozesses zumindest insofern nichts, als auch für 2014 das eine oder andere Aha-Erlebnis bei der Kaderzusammensetzung herauskam, sowohl bei den Mitfahrern als auch bei den Daheimbleibenden.

Der aus Sicht der Redaktion sehr ausgewogene Kader setzt einige deutliche Fragezeichen. Insbesondere auf der Torhüterposition betreibt man ein gefährliches Spiel, nachdem zunächst Manuel Neuer (wie übrigens weiter vorne auch Mario Gomez) lediglich en passant und keineswegs explizit genannt wurde, ehe Marc-André ter Stegen, der vermeintlich dritte, dann unter Umständen sogar zweite Mann, in letzter Sekunde Zeile herausgestrichen wurde. Hier dürfte Kamke noch nachbessern (müssen), will er sich nicht allein auf den unerfahrenen Weidenfeller verlassen.

Auch in der Abwehr fehlen einige Namen, fehlt insbesondere ein linker Verteidiger. Kamke ließ sich diesbezüglich zu keinen konkretisierenden Äußerungen bewegen, sodass unter Experten drei Theorien kursieren: entweder wolle der Bundestrainer die in Dortmund bereits erfolgreich praktizierte Dreierkette einführen und sich keinen vierten Mann schnitzen, oder er verlasse sich schlichtweg auf den Umstand, dass in einem Kader mit den Herren Lahm und Großkreutz jede Position von vornherein doppelt besetzt sei. Theorie Nummer drei klingt eher abwegig und lässt sich auch nur schwer in Worte fassen, ließe sich aber möglicherweise mit „Westermann“ umschreiben.

Im Mittelfeld tauchen nicht nur die Langzeitverletzten Sami Khedira und Ilkay Gündogan nicht auf, sondern unter anderem auch Draxler und die Benders sowie, für den einen oder die andere vielleicht ein bisschen überraschend, Kroos und Özil. Kamkes Beratungsgremium hatte ihn von einer etwas anderen Schwerpunktsetzung und insbesondere Altersstruktur überzeugt, die gerade bei einer Weltmeisterschaft den Unterschied ausmachen kann. Anstelle der jungen Leute, die die Fußballwelt verzaubern, aber immer noch nichts gewonnen haben, entschied sich der Bundestrainer neben einem kleinen Bayern-Block (nur eben ohne den als Turniernörgler verschrieenen Kroos) für die alten Fahrensmänner Fabian Boll, Torsten Mattuschka und Mehmet Scholl.

Ganz vorne setzt Kamke ein Zeichen. Entgegen dem Trend, die Spitze auszudünnen, nominierte er erstmals sieben Angreifer – ein Wert, den selbst Erich Ribbeck nicht erreichte. Naturgemäß fehlt angesichts dieser Zahl keiner der üblichen Verdächtigen. Klose ist auf der Liste, Gomez (mit Fragezeichen, vgl. Neuer), auch Kruse und natürlich Kießling, der sich aus Sicht des Beratungsgremiums allerdings etwas verkriechen werde. Eher überraschend sind indes die Nominierungen der Nachwuchsstürmer Volland und Werner, denen nicht nur Kamke selbst eine bemerkenswerte Rolle zutraut, während die Entscheidung für Jürgen Klinsmann unter den urbanen Mythos die Rubrik „Schwächung des Gegners“ fallen dürfte.

Der ungewöhnlichste Aspekt, neben dem frühen Zeitpunkt, war sicherlich die Entscheidung, nicht nur den Spielerkader zu benennen, sondern darüber hinaus auch gleich zwei Schiedsrichter an die FIFA zu melden – auch dies ein möglicherweise beispielloses Vorgehen, das „nicht mit dem fußballkulturellen Code in Einklang zu bringen“ sei, so Kamke, der diesen Begriff wohl irgendwo aufgeschnappt, ihn aber außerhalb des passenden Kontextes verwendet haben dürfte. Er meinte wohl eher das FIFA-Regelwerk, und in der Tat bleibt abzuwarten, ob tatsächlich die Herren Dr. Brych und Stark an den Zuckerhut reisen werden.

Abschließend dankte der Bundestrainer seinem Kompetenzeam für die kreativ-disziplinierte Mitwirkung, „die mit dem Begriff ‚Zuarbeit‘ gewiss nicht angemessen gewürdigt wäre. Vielmehr ist durch die Vielfalt der Beiträge ein Gesamtbild entstanden, das meine kühnsten Erwartungen übertroffen hat und das einzig und allein dem Fachwissen und der Originalität meiner Ratgeberinnen und Ratgeber zu verdanken ist. Ich bin ein bisschen gerührt.

Der Kader im Überblick:

Tor:
Weidenfeller, (Neuer),  ter Stegen

Abwehr:
Boateng, Großkreutz, Hummels, Lahm, Mertesacker, Westermann,

Mittelfeld:
Boll, Götze, Mattuschka, Müller, Reus, Scholl, Schweinsteiger,

Sturm:
Kießling, Klinsmann, Klose, Kruse, Volland, Werner, (Gomez)

Schiedsrichter:
Dr. Brych, Stark

* Wir bitten angesichts der sprichwörtlichen heißen Nadel, mit der der obige Text gestrickt wurde, um Nachsicht für den Fehler, der sich eingeschlichen hat, den wir aber der Authentizität halber unverändert belassen wollen. Tatsächlich handelt es sich nicht um 31 andere Bundestrainer, sondern um 31 Millionen.

Fünf Zeilen, die der Fußball schrieb (XLI)

9. Oktober 2013

In Fußballkabinen wird eher selten gereimt. Es sei denn, wir sprächen über Trinksprüche, die sich in aller Regel sehr wohl reimen und gelegentlich auch einem Versmaß folgen; auf ein exemplarisches Zitat sei an dieser Stelle verzichtet. Aber sonst? Eher keine Reime. Nicht einmal Fünfzeiler, die mitunter nicht allzu weit von Trinksprüchen entfernt sein dürften.

Was man häufiger sieht, nein: hört, sind Gesänge. Laute, einschlägige Gesänge. Irgendwie mochte ich das immer ganz gern. Sang mit, auch wenn die Verbreitung in meiner Generation schon deutlich nachgelassen hatte im Vergleich zu dem, was ich als Steppke nach den Spielen meines Vaters – phasenweises jugendliches Kabinenprivileg – so erlebt hatte: Ja, unsre Verteidger, die Trottoir-Beleidger, die ham uns das Spiel heut verlorn.

Bereits viel früher, die Mitglieder des Teams der 5. Wilmersdorfer Volksschule werden sich erinnern, hatten im Siegestaumel angestimmte Fußballlieder literarische Spuren hinterlassen: Sieben Tore haben wir geschossen, vier haben wir reingekriegt [von den Spandauern], wir haben die Ehr‘ gerettet, verloren haben wir nicht. Kannte ich aber schon bei der ersten Lektüre nicht und müsste hinsichtlich der Melodie auch heute noch raten. So wie ein jeder, der mich singen hört, hinsichtlich der Melodie tendenziell raten muss, aber das ist ein anderes Thema.

Viele Jahre später sangen wir vom FCB (ja, der hieß halt so), dem Meister aller Klassen. FCB, ja, FCB, wenn Du spielst, dann muss ich passen [was auch immer das bedeuten mag, anderswo wird’s, das förderte eine bemerkenswert ertragreiche Kurzrecherche zutage, anders gesungen]. FCB, wenn ich Dich spielen seh‘, fällt mir das schönste Spiel von Schalke wieder ein, es könnt‘ auch Bayern München sein. Es ist nicht völlig abwegig, dass das Lied statt mit FCB auch mit SVP, SCG oder manch anderer Kombination funktioniert haben könnte.

Die Gesänge waren also selten individuell, selbst dann, wenn es um mehr oder weniger offizielle Vereinshymnen ging. Schwarz und grün, wie lieb ich Dich … Oder blau und weiß, wie es dem Vernehmen nach im Original heißt. Grün und weiß. blau und gelb, rot und schwarz, Hauptsache, die Mädchen kleiden sich so.

Gemeinsam mit den nach meiner nicht fundierten Wahrnehmung dedizierten Fußballliedern machten fußballspezifische Umdichtungen (TSV wird Meister, soundso wird Zweiter, blabla wird nur Dritter, oh wie ist das bitter, kling, Glöckchen, …) das Gros der Werke aus, aber auch andere Kontexte genossen eine gewisse Beliebtheit. Exemplarisch sei auf das Lied vom Puff von Barcelona verwiesen, das die Sehnsucht der 70er Jahre nach südländischem Flair, nach Sonne und Strand bedienen sollte, glaube ich.

Verzeihung, kein schönes Beispiel. Und ein ziemlich doofes Lied, um es freundlich auszudrücken. Aber der Süden war tatsächlich ein Thema, zum Teil ohne direkten Fußballbezug, zum Teil auch mit, wenn wir an die Abwehr aus Granit denken, die einst Real Madrid ausgezeichnet hatte. Schlager mischten sich unter die Fußballlieder, Dieter Thomas Kuhn tat in den 90ern seinen Teil dazu, sodass allerorten gute Freunde von niemandem getrennt werden konnten; man wollte nie mehr was an einem Sonntag anfangen, dafür aber der Knopf an Deiner Bluse sein. Sowas setzt sich im Kopf fest. Je trivialer die Texte, je hanebüchener die Reime, desto hartnäckiger blieben die Zeilen hängen.

So hartnäckig, dass man viele Jahre später, den Fußball und das Leben aus nicht näher bestimmten Gründen nach Fünfzeilern absuchend, das eine oder andere in mancherlei Hinsicht diskutable Mash-up generiert. So wie man gelegentlich nagenden Gewissens wagt, sich an lyrischer Hochkultur zu vergreifen – an dieser Stelle bitte ich nochmals um Nachsicht dafür, Heines Teetisch oder auch Rilkes Panther nachgerade verwurstet zu haben – , so entstehen eben auch Mixturen mit Werken, die näher am anderen Ende der kulturellen Skala liegen.

Exemplarisch sei ein Gesangsstück genannt, dem man sowohl inhaltlich als auch unter reimspezifischen Gesichtspunkten guten Gewissens eine gewisse Plumpheit attestieren darf, das mich aber seit Monaten immer wieder heimgesucht hat, wenn ich mit dem Gedanken spielte, ein paar Zeilen zu einem im Ausland aktiven Nationalspieler niederzuschreiben. Äußere Umstände läuteten kürzlich das Ende dieses liebgewonnenen inneren Dialoges ein und resultierten in der Veröffentlichung ebenso plumper fünf Zeilen:

 

♫ Einst spielt’ ich für Spanisch Madrido,
hatt‘ die Hand stets am weiblichen Trikot. ♫
Unser Präses war prüde,
ich des Kopfschüttelns müde.
Seither stellt er mich dar wie so’n Sicko!

 

Faszinierend. 4000 erläuternde Zeichen, bloß weil einem ein möglicherweise nicht allzu bekanntes, ähem, literarisches Zitat so unangenehm ist, dass man die Herkunft erklären zu müssen glaubt.