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Nichts hat sich geändert hier!

25. Februar 2014

Als Kind des Bodensees hat man, speziell dann, wenn immobiliäre Eigentumsverhältnisse der Vereinfachung halber außen vor bleiben, per definitionem nah am Wasser gebaut. Ich bin da keine Ausnahme. Gleichzeitig vermute ich, dass die Wassernähe am Samstag im Hamburger Volkspark gar nicht sonderlich groß sein musste, um bei der Verlesung der HSV-Aufstellung („Mit der [egal welche Nummer]: Hermann …“ – „RIEGER!“)  ihrer metaphorischen Bedeutung gerecht zu werden.

Kurz: es war bewegend, und es war tränenreich, auch für einen Nicht-HSV-Fan, dessen Bezug zu Rieger sich darauf beschränkte, dass er, Rieger, ihn, den Nicht-HSVer, also mich, spätestens seit den frühen 80ern irgendwie begleitete, seitdem irgendwann mal irgendwo eine Notiz über den beliebten Bayern in Hamburg zu lesen gewesen war.

Im Lauf der Jahre schien seine Bedeutung, auch aus der Ferne betrachtet, immer weiter zu wachsen, wurde er gar mit dem zweifelhaften Attribut „Kult-“ versehen, und erst vor ein paar Wochen frug ich mich, zufallsgetrieben, welche Mitglieder des medizinischen oder auch des sonstigen Betreuungsteams eines Bundesligisten bundesweit derart große Bekanntheit, weithin auch Beliebtheit, erlangt hätten. Abgesehen vom Münchner Arzt, der Rieger in Sachen Bekanntheit überragt, der aber auch außerhalb seines Vereins für den DFB tätig war und ist, fiel mir keiner ein. Na ja, egal.

Die Stimmung war bemerkenswert. Andächtig und sichtlich betroffen legten Hamburger Fans vor dem Spiel Blumen vor Uwes Fuß ab (bestimmt auch andernorts; ich nahm es eben dort wahr), sie zündeten Kerzen an, drapierten Trikots und Fahnen, um Riegers zu gedenken, und nicht wenige Dortmunder gesellten sich zu ihnen, wie auch schon während der Woche immer wieder Fußballfans verschiedenster Couleur per Twitter und sonst wo ihre Anteilnahme und ihre Wertschätzung zum Ausdruck gebracht hatten. Auch das hat mich ein bisschen angefasst, und das Bild, der Begriff von der Fußballfamilie, der so gerne mal in unsäglichen Kontexten bemüht wird, ging mir mehr als einmal durch den Kopf.

Hut ab, Ihr HSV-Fans, das habt Ihr gut gemacht! Ich weiß es zu schätzen, dass ich dabei sein und auch was hochhalten durfte.

Dass ich dabei war, hat zunächst einmal private Gründe, die mich am Wochenende nach Hamburg verschlugen, und ist dann natürlich der lieben Frau @astiae zu verdanken, die mich bedenkenlos neben Herrn @maik216 stehen ließ, einem sehr angenehmen Nebensteher, übrigens, den ich gerne weiterempfehle, und ehrlich gesagt bin ich ganz guter Dinge, das Vertrauen gerechtfertigt zu haben:

Ich stand, wenn auch aus egoistischen, fußballinteressierten Gründen, verlässlich mit auf, wenn die HSV-Fans dazu aufgefordert wurden, setzte mich dann, wider meine Natur, wieder hin, um niemandem die Sicht zu nehmen, und klatschte, wenn ein Tor fiel. Dass dies nur zugunsten des HSV geschah, war meiner sportlichen Zufriedenheit ab-, meinem sonstigen Wohlbefinden möglicherweise zuträglich.

Und so kann sich die Bilanz des HSV in meinem Beisein in dieser Saison leider wahrlich sehen lassen: zwei Spiele, sechs Punkte. 7:0 Tore. Und zwei Freistoßtore von Çalhanoğlu. Und schon vom ersten hatte ich so sehr geschwärmt.

Dabei hatte es am Samstag anfangs gar nicht mal schlecht ausgesehen:

„NICHTS hat sich geändert hier!“

So zumindest  lautete die deutliche Ansage eines Herrn schräg vor mir, die Stimme erregt, das Idiom norddeutsch – hanseatisch, wage ich zu sagen –, als ein Hamburger Spieler einem anderen Hamburger Spieler nicht die notwendige Hilfe zukommen ließ, der Ball den Besitzer wechselte und bereits nahezu zwanzich Minuten gespielt waren. Da war er also schon verpufft, der Neue-Besen-Effekt, und dieser Slomka ist ja auch nur ein Fink mit weniger eng sitzenden Hosen, ein van Marwijk mit Pulli statt Schal, ein Cardoso mit Vertrach, Sie wissen schon.

All das sagte er natürlich nicht, also all das letzte. Das erste schon, und die Ungeduld, die in seiner Stimme lag, die ich, wenn schon nicht als Verzweiflung, so doch als Ausdruck großer Sorge interpretiert hätte, oder vielleicht auch nur als Lust am Nörgeln, wer weiß das schon, sie schien nicht einmal völlig unbegründet: der HSV hatte den Gästen aus Dortmund zunächst das Spiel überlassen, was diese gern annahmen. Ohne allerdings so recht zu wissen, was sie damit anfangen sollten. Offensichtlich hatten sie die rechte Hamburger Abwehrseite als Schwachstelle ausgemacht – ob das dem ursprünglich aufgestellten Dennis Diekmeier oder dem nachgerückten Heiko Westermann geschuldet war, sei dahingestellt –, hatten aber mit Großkreutz und Schmelzer keine linke Seite, die ernsthaft in der Lage gewesen wäre, Taten folgen zu lassen.

Überhaupt, Großkreutz: der soll gefälligst rechts hinten spielen, da brauchen „wir“ ihn bei der WM schließlich auch. Denken Sie mal an die Nationalelf, Herr Klopp, Mann!

Ob Aubameyang rechts vorne in der Lage gewesen wäre, Jansen in Verlegenheit zu bringen, wollte der BVB gar nicht erst herausfinden, was, um der Wahrheit die Ehre zu geben, zumindest zum Teil auch am HSV-Mittelfeld gelegen haben mag, das die Antwort lieber auch nicht in Erfahrung bringen wollte und entsprechend beherzt zu Werke ging. Dass Nuri Sahin damit so gar nicht zurechtkam, hätte ich nicht erwartet. Kein Zufall, dass er das entscheidende 2:0 begünstigte, als er im Zweikampf den Kürzeren zog.

Vom titelgebenden Vordermann hörte man dann doch nicht mehr so viel. Hatte sich ja auch einiges geändert. Ob das nun doch noch der besagte Neue-Besen-Effekt war, wird sich zeigen; ich persönlich fühle mich indes leider bestätigt, dass die Entscheidung des HSV für Mirko Slomka (oder war’s andersrum?) dem VfB sehr weh tun könnte. Und damit meine ich nicht, dass Slomka vom Markt ist, auch wenn ich mich mit ihm schon verschiedentlich hätte anfreunden können, sondern vielmehr, dass er einen unmittelbaren Konkurrenten, so meine Überzeugung, aus der Abstiegszone führen wird.

Ob indes der Trainermarkt für den VfB von Belang ist, werden vermutlich die nächsten Tage zeigen. Die Spekulationen schießen schon einmal ins Kraut, neben den perspektivischen Lösungen Rangnick und Tuchel, die gedanklich etwa so fern liegen wie dereinst Daum in Köln, wurde auch schon Holger Stanislawski ins Spiel gebracht, der bei mir seit einigen Jahren unten durch ist, aber das will ja keiner wissen.

Ich selbst bin keineswegs so weit, mir die Ablösung von Thomas Schneider zu wünschen, was jedoch nicht nur mangels Einfluss nichts zu sagen hat, sondern auch, weil ich nur äußerst selten die Ablösung eines Trainers für die beste Lösung halte oder gar, meiner Hybris gehorchend, fordere. Wenn man von den letzten beiden hiesigen Übungsleitern und dem sich daraus ergebenden Trendverdacht absieht. Vom jüngsten Spiel habe ich zudem so gut wie nichts gesehen, genau genommen also von den jüngsten beiden, und so kann ich aus recht widersprüchlichen schriftlichen Medienberichten zum Auftreten der Mannschaft gegen die Hertha nicht ableiten, ob denn nun alles gut wird oder doch eher den Bach hinab geht.

Nun denn, ich lasse es auf mich zukommen. Ein bisschen Sorge bereitet mir allerdings jenes Bild im Kopf, das ich nicht mehr recht loswerde und das Fredi Bobic in gemütlicher Runde mit ein paar Kumpels um einen Kneipentisch herum sitzen sieht, ungefähr so, wie ich mit meinen Fußballfreunden mittwochs um einen Kneipentisch herum sitze, und in dem besagter Bobic mit besagten Kumpels, just wie besagter Kamke mit besagten Fußballfreunden, willkürlich ein paar Trainernamen in die Runde wirft. Irgendwann zieht dann ein besonders gut vorbereiteter Mitstreiter ein Mobiltelefon mit Transfermarkt-App aus der Tasche, um dem Ganzen das nötige Maß an Seriosität zu verleihen. Bis letztlich Erich Ribbeck aus dem Sack gezogen wird. Oder, was weiß ich, Trond Sollied, der hier schließlich mal ein ganz heißes Eisen war.

Team Schneider.

Ach, auf eines möchte ich doch noch hinweisen: wann immer ich den HSV in dieser Saison live sah, siegte die Heimmannschaft überzeugend. Am 22. März ist es wieder so weit.
Im Neckarstadion.

Überraschung auf der Mittagsspitze

25. Dezember 2013

(Damüls, 25.12. 2013.) Am ersten Weihnachtsfeiertag wartete Bundestrainer Kamke mit einer Überraschung auf, die das Attribut „faustdick“ wahrlich verdiente. Im Rahmen einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz stellte er auf der Damülser Mittagsspitze, deren symbolische Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, ohne dass Kamke näher darauf eingegangen wäre, ungewöhnlich früh seinen Kader für die Weltmeisterschaft in Brasilien vor.

„Der mediale Druck, der mit zunehmender Nähe zum FIFA-Benennungstermin aufgebaut wird, ist schwer zu ertragen und letztlich unmenschlich. Deshalb kam ich gemeinsam mit meinem Kompetenzteam zu dem Schluss, ein selbstbewusstes Zeichen zu setzen und den Kader bereits heute zu nominieren,“ erläuterte Kamke, der mit diesem bemerkenswerten Vorgehen seinerseits einen gewissen Druck auf die anderen 31* Nationaltrainer ausübt, gleichzeitig aber betonte, dass man im Verletzungsfall „natürlich noch was machen“ könne.

Der Bundestrainer informierte zudem über sein innovatives Auswahlsystem, das auf dem gleichermaßen intensiven wie formal strikten Austausch mit etwa 25 Ratgebern beruht, denen Kamke sein vollstes Vertrauen aussprach. Im Ergebnis änderte sich trotz des neuartigen Ausleseprozesses zumindest insofern nichts, als auch für 2014 das eine oder andere Aha-Erlebnis bei der Kaderzusammensetzung herauskam, sowohl bei den Mitfahrern als auch bei den Daheimbleibenden.

Der aus Sicht der Redaktion sehr ausgewogene Kader setzt einige deutliche Fragezeichen. Insbesondere auf der Torhüterposition betreibt man ein gefährliches Spiel, nachdem zunächst Manuel Neuer (wie übrigens weiter vorne auch Mario Gomez) lediglich en passant und keineswegs explizit genannt wurde, ehe Marc-André ter Stegen, der vermeintlich dritte, dann unter Umständen sogar zweite Mann, in letzter Sekunde Zeile herausgestrichen wurde. Hier dürfte Kamke noch nachbessern (müssen), will er sich nicht allein auf den unerfahrenen Weidenfeller verlassen.

Auch in der Abwehr fehlen einige Namen, fehlt insbesondere ein linker Verteidiger. Kamke ließ sich diesbezüglich zu keinen konkretisierenden Äußerungen bewegen, sodass unter Experten drei Theorien kursieren: entweder wolle der Bundestrainer die in Dortmund bereits erfolgreich praktizierte Dreierkette einführen und sich keinen vierten Mann schnitzen, oder er verlasse sich schlichtweg auf den Umstand, dass in einem Kader mit den Herren Lahm und Großkreutz jede Position von vornherein doppelt besetzt sei. Theorie Nummer drei klingt eher abwegig und lässt sich auch nur schwer in Worte fassen, ließe sich aber möglicherweise mit „Westermann“ umschreiben.

Im Mittelfeld tauchen nicht nur die Langzeitverletzten Sami Khedira und Ilkay Gündogan nicht auf, sondern unter anderem auch Draxler und die Benders sowie, für den einen oder die andere vielleicht ein bisschen überraschend, Kroos und Özil. Kamkes Beratungsgremium hatte ihn von einer etwas anderen Schwerpunktsetzung und insbesondere Altersstruktur überzeugt, die gerade bei einer Weltmeisterschaft den Unterschied ausmachen kann. Anstelle der jungen Leute, die die Fußballwelt verzaubern, aber immer noch nichts gewonnen haben, entschied sich der Bundestrainer neben einem kleinen Bayern-Block (nur eben ohne den als Turniernörgler verschrieenen Kroos) für die alten Fahrensmänner Fabian Boll, Torsten Mattuschka und Mehmet Scholl.

Ganz vorne setzt Kamke ein Zeichen. Entgegen dem Trend, die Spitze auszudünnen, nominierte er erstmals sieben Angreifer – ein Wert, den selbst Erich Ribbeck nicht erreichte. Naturgemäß fehlt angesichts dieser Zahl keiner der üblichen Verdächtigen. Klose ist auf der Liste, Gomez (mit Fragezeichen, vgl. Neuer), auch Kruse und natürlich Kießling, der sich aus Sicht des Beratungsgremiums allerdings etwas verkriechen werde. Eher überraschend sind indes die Nominierungen der Nachwuchsstürmer Volland und Werner, denen nicht nur Kamke selbst eine bemerkenswerte Rolle zutraut, während die Entscheidung für Jürgen Klinsmann unter den urbanen Mythos die Rubrik „Schwächung des Gegners“ fallen dürfte.

Der ungewöhnlichste Aspekt, neben dem frühen Zeitpunkt, war sicherlich die Entscheidung, nicht nur den Spielerkader zu benennen, sondern darüber hinaus auch gleich zwei Schiedsrichter an die FIFA zu melden – auch dies ein möglicherweise beispielloses Vorgehen, das „nicht mit dem fußballkulturellen Code in Einklang zu bringen“ sei, so Kamke, der diesen Begriff wohl irgendwo aufgeschnappt, ihn aber außerhalb des passenden Kontextes verwendet haben dürfte. Er meinte wohl eher das FIFA-Regelwerk, und in der Tat bleibt abzuwarten, ob tatsächlich die Herren Dr. Brych und Stark an den Zuckerhut reisen werden.

Abschließend dankte der Bundestrainer seinem Kompetenzeam für die kreativ-disziplinierte Mitwirkung, „die mit dem Begriff ‚Zuarbeit‘ gewiss nicht angemessen gewürdigt wäre. Vielmehr ist durch die Vielfalt der Beiträge ein Gesamtbild entstanden, das meine kühnsten Erwartungen übertroffen hat und das einzig und allein dem Fachwissen und der Originalität meiner Ratgeberinnen und Ratgeber zu verdanken ist. Ich bin ein bisschen gerührt.

Der Kader im Überblick:

Tor:
Weidenfeller, (Neuer),  ter Stegen

Abwehr:
Boateng, Großkreutz, Hummels, Lahm, Mertesacker, Westermann,

Mittelfeld:
Boll, Götze, Mattuschka, Müller, Reus, Scholl, Schweinsteiger,

Sturm:
Kießling, Klinsmann, Klose, Kruse, Volland, Werner, (Gomez)

Schiedsrichter:
Dr. Brych, Stark

* Wir bitten angesichts der sprichwörtlichen heißen Nadel, mit der der obige Text gestrickt wurde, um Nachsicht für den Fehler, der sich eingeschlichen hat, den wir aber der Authentizität halber unverändert belassen wollen. Tatsächlich handelt es sich nicht um 31 andere Bundestrainer, sondern um 31 Millionen.

acht/zwanzigdreizehn

8. Dezember 2013

Ein Herr aus dem unteren Franken:
wie vor runtergelassenen Schranken.
Konkurrenz: auf dem Platz;
so ist er nur Ersatz.
Käm’ er rein, würd’s mit Leistung er danken.

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Bei dem Herrn aus dem höheren Norden
ist’s kalendrig ganz ähnlich geworden.
Konkurrenz? Au contraire!
Ich schätze ihn sehr,
nominier’ ihn für’n Fünfzeilerorden.

Ach so, und wen meint er?

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Weitere Adventsfünfzeiler gibt’s im Kalender.

Die Twitterreise nach Jerusalem Johannesburg

7. Mai 2010

Butt Neuer Wiese

Aogo Badstuber Beck Boateng Friedrich
Jansen Lahm Mertesacker Tasci Westermann

Ballack Khedira Kroos Marin Özil
Schweinsteiger Träsch Trochowski

Cacau Gomez Kießling Klose Müller Podolski

Five-a-side, letzter Mann nimmt die Hand?

Outcoached

14. März 2010

Mit den nordamerikanischen Profiligen in den verschiedensten Ballsportarten hab ich’s nicht so. Das mag zum einen daran liegen, dass meine Affinität zu den USA nicht sonderlich ausgeprägt ist, zum anderen an einer gewissen Abneigung gegen Closed Shops. Aber ich bin Laie und mache mir möglicherweise ein völlig falsches Bild. Dennoch bekomme ich als sportinteressierter Mensch manches mit und beneide die Nordamerikaner gelegentlich um ihre Sportsprache. Der Begriff „outcoached“ zum Beispiel ist so simpel wie aussagekräftig, auch wenn man über seine inhaltliche Berechtigung häufig unterschiedlicher Meinung sein kann.

Mein persönliches Paradebeispiel (wie gesagt: man kann da anderer Meinung sein) für eine Trainerleistung, die den Gegner allem Anschein nach völlig unerwartet getroffen und letztlich ganz offensichtlich überfordert hat, war die von Marcello Lippi im WM-Halbfinale 2006. Die deutschen Verantwortlichen waren schlichtweg nicht darauf vorbereitet, dass Lippi zu Beginn der Verlängerung so offensiv wechseln und 10 Minuten später sogar noch nachlegen würde. Der Ausgang ist bekannt.

Am Freitag habe ich mich ein wenig daran erinnert gefühlt. Selbst Professor Thon gab sich in der Pause des Spiels seines VfB Hüls FC Schalke 04 vollkommen überzeugt, dass Felix Magath die defensive Ausrichtung nicht verändern würde, und vermutlich sah man das auf Stuttgarter Seite ähnlich. Magath jedoch dachte nicht daran, die Erwartungen zu erfüllen und brachte für den defensiven Matip mit Alexander Baumjohann einen offensiven Spieler und ließ den zweiten „10er“, Ivan Rakitic, etwas hinter ihm agieren. Ehe der VfB sich versah (und natürlich unter Zuhilfenahme individueller wie auch kollektiver Aussetzer), hatte Schalke Jens Lehmann zweifach bezwungen, agierte insgesamt offensiver und hielt das Spielgeschehen zusehends aus der eigenen Hälfte heraus. Dem VfB gelang es nicht, nach dem zweiten Rückstand nochmals vernünftig ins Spiel zu finden, sodass man hinterher zwar angesichts der Gelegenheiten aus der ersten Hälfte mit dem Ergebnis hadern, letztlich aber nicht von einer unverdienten Niederlage sprechen kann – eben weil man gegen Ende des Spiels nicht mehr in der Lage war, Druck zu entwickeln.

Zwar stand in den letzten 10 Minuten mit Marica ein zusätzlicher Stürmer auf dem Feld, doch wenn der Preis dafür ist, dass Cacau den Spielmacher geben soll (und noch dazu von den Mitspielern tatsächlich jeden Ball bekommt), halte ich das für keine gute Lösung. Es war offensichtlich, dass Schalke vor dem Duo Hleb-Molinaro einen Heidenrespekt hatte, und selbst wenn die beiden nicht so häufig auf die Grundlinie durchkamen wie in den Spielen zuvor, entwickelten sie doch weitaus mehr Gefahr als die im Offensivspiel kaum vorhandene rechte Seite. Kurz: zum ersten Mal bin ich der Ansicht, dass der Trainer Aliaksandr Hleb nicht hätte vom Platz nehmen sollen.

So bleibt unter dem Strich eine ärgerliche, weil unnötige Niederlage gegen eine taktisch disziplinierte Schalker Mannschaft mit einem  Torwart, den Herr Wieland in seiner treffenden Analyse völlig zurecht über den grünen Klee lobt. Auf Stuttgarter Seite war Zdravko Kuzmanovic sehr auffällig, was allerdings mit einem eher blassen Sami Khedira einher ging. Ich weiß nicht, ob die taktische Vorgabe des Trainers lautete, dass Khedira eher den Träsch geben und Kuzmanovic in stärkerem Maß nach vorne spielen solle; letztlich würde ich mir von den beiden aber ein noch überraschenderes Wechselspiel erhoffen. Wobei die Wahrscheinlichkeit, dass Khedira in der nächsten Saison noch mit von der Partie ist, derzeit von Woche zu Woche sinken dürfte bzw. bereits jetzt ein all-time low erreicht haben könnte.

Interessant finde ich übrigens, dass man es ohne genauere Kenntnis der Abseitsregel zu 23 Profijahren und 61 Länderspielen bringen kann (sinngemäß: „Es wäre nur dann kein Abseits gewesen, wenn Westermann den Ball nach hinten bzw. quer gespielt hätte“), und gar possierlich war Olaf Thons Versuch, in einem Satz gleichzeitig Jens Lehmann für dessen „Spielchen“ in Sachen WM-Torwart zu rügen und seinerseits nicht nur Manuel Neuer zu pushen, sondern auch noch die Kompetenz der Verantwortlichen bei der Nationalmannschaft in Frage zu stellen: „Jeder sieht, dass er der Beste ist.“

PS: Falls jemand fragt, wer den Part von Fabio Grosso als Sympathieträger Nr. 1 übernommen habe: Heiko Westermanns ständiges Gemecker über die Entscheidungen von Lutz Wagner ging mir ziemlich auf den Geist.