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Sieben. Und elf: link-elf.

24. Oktober 2014

Null. Nominierungen.
Bei Twitter, in Blogs, gerne mal im Facebook, vermutlich auch bei Google plus oder sonst wo, wird man in letzter Zeit gerne mal nominiert. Man möge sein liebstes Buch nennen, oder die besten Musikstücke, oder die schönsten Filmszenen, Sie erkennen das Prinzip, oder kennen es. Ich kann dem nicht so wahnsinnig viel abgewinnen, um es ein bisschen euphemistisch auszudrücken. Also dem Nominierungsprozess. Die jeweiligen Präferenzen und die entstehenden Gespräche an sich sind häufig sehr erquicklich, mir missfällt nur das kettenbriefartige.

Vielleicht bin ich da zu sehr Kind der 80er, das mehrfach um sein Seelenheil fürchtete, weil Papa nicht bereit war, den Brief im Büro neunfach zu fotokopieren, auf dass der Sohnemann ihn durch die Republik oder auch nur an die noch nicht bedienten Mitschülerinnen und Mitschüler versenden könne, sodass ihm, also mir, wegen Kettenbruchs gar schreckliche Szenarien blühten. Sie traten nicht ein, das Trauma blieb.

Eins. Empathie.
Andere Menschen haben möglicherweise auch Traumata. Vielleicht Thomas, wiewohl eher ein Kind der 70er, oder auch @dierudola, von der ich annehme, dass sie ganz gut in die 90er passt, schulisch, aber ich weiß es nicht. Vermutlich gab es aber auch zu ihren Zeiten Kettenbriefe, und wer weiß, ob sie nicht nach wie vor die Angst vor dem Kettenbruch mit sich herumtragen.

Es wäre mir sehr arg, diese beiden liebgewonnenen Social-Media-WeggefährtInnen einem solchen Risiko auszusetzen. Und so schreibe ich nun also sieben Fakten (naja, was man halt so mit viel Wohlwollen Fakten nennt) über mich auf, ergänzend zu jenen zwanzig, die hier vor einem knappen Jahr unnominiert aufgelistet wurden.

Zwei. Fußball.
Ich interessiere mich für Fußball. Könnte sehr viel Zeit damit verbringen, mir Fußball anzusehen. Manche(r) mag es geahnt haben. Aus eben diesem Grund sehe ich seit Jahren davon ab, Bezahlfernsehensabonnent zu werden. Denn ich bin schwach. Und habe Angst vor der zweiten griechischen Liga, exemplarisch, die mich fürderhin dreimal pro Woche in ihren Bann ziehen könnte, wenn nicht grade Ligapokalspiele in Chile angesetzt sind. In der Konsequenz muss ich mitunter unwirtliche Orte aufsuchen, um Spiele des VfB Stuttgart zu verfolgen.

So wie jüngst jenen 80er-(schon wieder)-Jahre-Partykeller, der mir als Nebenraum einer „Lounge“ angekündigt worden war, die ihren Namen auch nur so halb verdiente. Drei auf zwei Meter, mit eierkartonähnlichem Relief vor dem einzigen Fenster Lichtschacht, einem Spielautomaten, der sich die Stirnseite mit dem Bildschirm teilte, mit Sitzgelegenheiten, die noch den Duft selbstgedrehter Zigaretten aus den späten 60er Jahren atmeten und so einen gelungenen olfaktorischen Kontrast zur benachbarten Toilette bildeten.

Aber ich war allein, bis weit in die zweite Halbzeit hinein, dann gesellte sich ein junges Pärchen ohne jedes Fußballinteresse hinzu, Fußballsmalltalk war also nicht nötig. Perfekt. Was man von dem Spiel nicht sagen konnte. 2:3 in Berlin, Sie erinnern sich. Frühere 3:2-Spiele, die ich an Einmal-und-nie-wieder-Orten gesehen habe: Bielefeld 2006, Bochum 2007. Besser. Wesentlich.

Drei. Schwächen.
Man kann nicht drumherum reden: ich habe eine Schwäche für Moritz Leitner. Regelmäßige Mitlesende wissen das.

Bei besagtem Spiel in Berlin hatte ich kurz die Hoffnung, erstmals eine größere Anzahl VfB-Anhänger auf meiner Seite zu wissen. Nicht dass es mir wichtig wäre, mein Faible zu teilen, aber es hätte vermutlich darauf hingedeutet, dass sich das Spiel so weiterentwickelt hätte, wie es begonnen hatte. Mit Leitners Tor, Leitners Ballgewinnen und einer Leitner’schen Kopfball-Rettungsaktion. Hat es aber nicht. Nun denn. Frühere Schwächen galten beispielsweise Christian Tiffert, Roberto Hilbert oder Raphael Holzhauser. Es hätte schlimmer kommen können: mein Stadionnachbar stimmt heute noch Emanuel-Centurión-Gesänge an.

Vier. Unwissenheit.
Dass dieses Blog seit mehr als drei Wochen schweigt und auch davor nichts wesentlich anderes tat, hat in allererster Linie mit zeitlicher Auslastung zu tun. Beruflich. Und ganz am Rande damit, dass ich mich aus unerfindlichen Gründen in jüngster Freizeit gerne mal auf Gedichtseiten und in entsprechenden Foren herumtreibe. Eine sehr frustrierende Erfahrung, hatte ich doch gedacht, mich für den Hausgebrauch ganz gut mit Versmaßen, Strophenschemata und dergleichen auszukennen. Pustekuchen!

Es reicht offensichtlich nicht, weitgehend unfallfreie Fünfzeiler zustande zu bringen, Rilkes Panther herunterleiern zu können und irgendwann mal Heines Wintermärchen (Gedicht? Na ja, reimt sich halt.) gelesen zu haben. Den formalen Rahmen eines Sonetts bekomme ich vielleicht grade noch hin, beim Inhalt wird’s schon dünn, von Akrostichen, Haikus oder Terzinen gar nicht zu reden. Geht übrigens häufig auch denjenigen so, die sich an diesen Formen versuchen und ihre Werke zur Diskussion stellen. Nicht dass ich es beurteilen könnte, aber die Reaktionen der Checker lassen darauf schließen.

Fünf. Murphy.
Dass ich das Spiel gegen Leverkusen nicht gesehen habe, hat keine lyrischen Gründe. Stattdessen verbrachte ich einen Kurzurlaub, mit Bergwanderung und so, in Bayern. Schön war’s. Sehr schön sogar. Aber ich gebe zu, dass ich so ein 3:3 nach 0:3 schon auch gern mal mitgenommen hätte. Frühere Spiele, die ich aus Kurzurlaubsgründen verpasst habe: Bremen 2004 (4:4), Hoffenheim 2013 (6:2).

Sechs. Fachwissen.
In der Startelf, die ich vor der Saison in einem Blogger-Fragebogen gegenüber n-tv.de prognostizierte, nahm den linken Außenverteidigerposten Adam Hloušek ein. Eine Personalie, deretwegen ich mitunter belächelt wurde. Bitte vergleichen Sie hierzu auch Punkt drei. Gegen Leverkusen kam er nun erstmals zum Einsatz. Und, was soll ich sagen: 45 Minuten, 3:0 Tore, fiktive drei Punkte. Ich traue mich gar nicht, das auf die Saison hochzurechnen.

Sieben. Schuld.
Ich trage eine große Schuld. Nicht alleine, aber mit. An einer bitteren Entwicklung in der Sportbloggerei. Nein, ich habe nicht in dogfoods Kommentarspalte getrollt. Aber ich habe die #Link11 nicht hinreichend unterstützt. Sie wissen schon, drüben bei Fokus Fussball. Wo tolle Typen tolle Dinge tun. Mit hoher Qualität und hohem Aufwand. Nun schläft sie, also die Blog- und Presseschau, allem Anschein nach noch ein bisschen tiefer als zuletzt dieses Blog.

Sicherlich, die Erben sind noch dort, und jeden Besuch wert. Aber eben keine #Link11 mehr. Was dazu führt, dass ich, gerade zu Zeiten eines besonders gut gefüllten Terminkalenders, fußballmäßig verdammt uninformiert durchs Leben gehe. Und was nebenbei auch zur Gewissheit werden lässt, was sonst nur sehr wahrscheinlich wäre: dass kaum jemand diesen Text lesen wird. (Der Einfachheit halber sei an dieser Stelle ignoriert, dass Charakter und Inhalt ohnehin nicht geeignet wären, dem vorliegenden Text eine #Link11-, Obacht!, -Nominierung einzubringen.)

Klar, ich habe immer mal wieder auf die #Link11 verwiesen, im nennenden wie im verlinkenden Sinne, in der Regel fiel beides zusammen, und sie bei Twitter gelobt, retweetet oder kommentierend verlinkt, aber den Magen der Autoren, leider ohne -innen, füllt das ja auch nicht. Nicht dass der eine oder andere flattr-Obolus gleich geeignet wäre, die Mägen fünf oder noch mehr ausgewachsener junger Männer in der Blüte ihres Lebens zu füllen, aber ich Pfeife bin ja noch nicht mal bei flattr angemeldet!

Nun will ich den jungen Leuten, allen voran den Gründern Jens und Klaas, gar nicht unterstellen, dass die gegenwärtige Funkstille in erster Linie monetäre Gründe habe, es sei denn, was nicht abwegig ist, man bezeichnet die betriebswirtschaftlich unstrittige Priorisierung bezahlter gegenüber unbezahlten Projekten und Aufgaben als monetären Grund.

Vielmehr, um den Gedanken wieder aufzunehmen, unterstelle ich Ihnen zeitliche Restriktionen, in Verbindung mit kaum existenten finanziellen Anreizen, sich stundenlang mit Podcasts, Blog- und Pressetexten zu befassen, eine Auswahl zu treffen, einzudampfen, zu strukturieren, zu zitieren, ein übergreifendes literarisch-musikalisches oder auf anderes Weise Struktur gebendes Thema zu finden und dieses dann auszugestalten, kurz: zu kuratieren, um letztlich von der verwöhnten Leserschaft viel Kenntnisnahme, manches Lob, ein wenig Kritik ob der Textauswahl und gelegentlich blöde Sprüche zu ernten.

Wertschätzung. Sollte ich dran arbeiten. Im Movember melde ich mich bei flattr an. So als Anfang.

Nullnull. Nominierungen.
Keine. Mein Seelenheil wird’s verkraften.

 

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Benzemas Lächeln

6. August 2014

Lang ist sie her, die Weltmeisterschaft, irgendwie, und doch liegt sie erst ein paar Tage zurück und wird uns noch lange begleiten. Erfreulich begleiten, möchte ich sagen, auch wenn ich am Montag, als ich meinen vierteljährlichen Kicker las, der hier gewiss exemplarisch für viele andere steht, schon recht bald genug davon hatte, allüberall zu lesen, wo die Parallelen zwischen der deutschen Mannschaft, dem deutschen Spielsystem, dem deutschen Teamgeist oder sonstigen deutschen Tugenden und der oder dem Augsburger, Paderborner, Leipziger oder Großaspacher Mannschaft, Spielsystem, Teamgeist oder auch sonstigen dortigen Tugenden liegen. Ist wohl unvermeidlich.

Meine persönlichen Erinnerungen an die WM hatte ich ja kürzlich schon in aller Ausführlichkeit dargestellt – und schon damals gedroht, angekündigt, was auch immer, dass es das noch nicht gewesen sei.

Eine „Retrospektive“ hatte ich in Aussicht gestellt, was für ein großer, überhöhender Begriff. Tatsächlich möchte ich lediglich noch einmal auf die #doppelfuenf zurückschauen, jenes fünfzeilige Reimprojekt, das ich mit dem fabulösen Herrn @rebiger, der im echten Leben dieser Tage auf die Bundesliga vorschaut, planen und umsetzen durfte, und zudem mit der grandiosen Unterstützung einer kleinen und sehr feinen Reimcommunity, die unsere Aufforderung zur Mitwirkung in gar wunderbarer Weise aufnahm und so die #doppelfuenf mit viel mehr Leben füllte, als wir es je gekonnt hätten.

Weniger für diejenigen, die an dieser Stelle deshalb noch mitlesen, weil sie noch keine Allergie gegen die hier phasenweise eher hochfrequent veröffentlichen Fünfzeilereien entwickelt haben, als vielmehr für jene Mitlesenden, die sich zufällig hierher verirrt haben und noch gar nicht wissen, wovon ich rede bzw. worum es in der #doppelfuenf ging, sei kurz gesagt, dass der Herr @rebiger und ich, und eben besagte externen AutorInnen, die WM in Fünfzeilern begleitet haben.

Dies geschah weitestgehend im Limerickschema, was sowohl uns beiden als auch dem einen oder der anderen Beitragenden nicht immer leicht fiel: von der Nennung von Ortsnamen in der ersten Zeile, wie die mitlesenden Fachleute sie erwarten dürften, nahmen wir bereits zu Projektbeginn weitgehend Abschied, aber auch die Metrik genügte nicht immer allen puristischen Ansprüchen. Entsprechende Kritik möge an die Betreiber gerichtet werden.

Während die Gäste thematisch sehr frei waren und dies auch in wunderbarer Weise nutzten, hatten sich die beiden Hauptverantwortlichen, das mag nicht zwingend deutlich geworden sein, die Vorgabe gesetzt, zu jedem Spiel mindestens zwei Fünfzeiler zu erstellen, je einen aus Sicht beider beteiligten Mannschaften, was nicht immer in Reinform gelang, zumindest wenn man die Eindeutigkeit der beiden unterschiedlichen Perspektiven hinterfragt; die geforderten 128 gleichmäßig verteilten Werke kamen indes locker zustande.

Ein besonderer Dank, also über den ohnehin besonderen Dank hinaus, gilt hierbei Herrn @rebiger, der einige Tage lang beide Seiten abdeckte, also die Heim- und die Auswärtsperspektive, als ich selbst aus persönlichen Gründen ausfiel. Womit wir das große Geheimnis jener ausgeklügelten Perspektivenverteilung auch gelüftet hätten, die diesen bemerkenswert störungsfreien Ablauf gewährleistete.

Ok, seien wir ehrlich: Störungen im Ablauf wären ja auch nicht so sehr aufgefallen – zum einen hatten wir Füchse unsere selbst gewählte quantitative Vorgabe gar nicht kommuniziert, zum anderen war die Zahl derjenigen, die die Störung hätten wahrnehmen können, jederzeit überschaubar. Korrekter: fast jederzeit, es gab schon gelegentlich ein höheres Aufkommen, ohne dass ich es an Ereignissen festmachen könnte. Was keine Klage ist: wir hatten Spaß, ein paar Mitlesende ebenso, die Mitschreibenden vermutlich auch.

Letztere vielleicht nicht immer, wenn ich ehrlich bin, weil wir uns in Einzelfällen herausnahmen, an der Metrik herum zu kritteln oder gar, in ganz seltenen Fällen, Beiträge abzulehnen, weil sie vom Fünfzeilenschema abwichen. Was uns die Darstellung zerrissen hätte. Eine Darstellung übrigens, die von unserer, ehrlicher: meiner Seite zwar dilettantisch entwickelt wurde, die aber zumindest auf ein aus unserer Sicht ganz wunderbares Logo setzen konnte, das uns die über die Maßen geschätzte Frau @rudelbildung im Vorübergehen gebaut hat.

Jene Frau @rudelbildung, Eingeweihte ahnten es, die in diesen Tagen ein Buch über Fußball veröffentlicht hat. „Bring mich zum Rasen“ heißt es, und ich gebe offen zu, dass ich mit dem Titel fremdle. Nicht aber mit den Texten. Ich kenne noch nicht alle, einige davon sehr wohl, und ich mag ihren Blick auf den Fußball und sein Drumherum, nicht erst seitdem das Buch erschienen ist, sondern seit Jahren, im von ihr gegründeten Textilvergehen, Sie wissen schon.

Ob ihre eine weibliche Perspektive sei? Ja, klar ist sie das. Eine von vielen weiblichen Perspektiven, um genau zu sein. Zudem eine Berliner Perspektive. Und eine portugiesische. Eine Union-Perspektive. Eine Fotografinnenperspektive. Die Perspektive von jemandem, der mit den Menschen redet. Beidseitig, mit zuhören und so. Und mancher Blickwinkel mehr. Ich freu mich drauf, demnächst bei der Lektüre noch ein paar weitere Perspektiven zu entdecken. Das hier schreibt übrigens der Verlag dazu, und das der Herr @bunkinho.

Diese Frau @rudelbildung also, die jüngst ein Buch veröffentlicht hat, von dem Sie möglicherweise gehört oder gelesen haben, hat unser #doppelfuenf-Logo gebaut und damit all unsere graphische Unbeholfenheit in den Hintergrund rücken lassen, sodass wir uns stattdessen auf Metrik und Reime konzentrierten durften, was uns ein bisschen näher lag. Und so veröffentlichten wir binnen sieben Wochen, vom 2. Juni bis zum 21. Juli, insgesamt 272 Fünfzeiler, von denen bemerkenswerte 64 nicht unseren eigenen Federn entstammten. Ja, 64. Als wär’s geplant gewesen.

Herzlichen Dank dafür! Vielleicht kann ich ja an dieser Stelle einfach mal exemplarisch ein Werk aus der #doppelfuenf entleihen und hier zitieren:

Reimendendank
Ein Fünfzeilerschreiber aus Schwaben
genießt’s, sich an Reimen zu laben,
die, von Gästen erdacht,
große Vielfalt gebracht.
Habt Dank, uns veredelt zu haben!

Wenn ich schon am Danken bin, kann ich ja gleich weiterzitieren:

Lesendendank
Ein Fünfzeilerschreiber aus Stuttgart
dankt der #doppelfuenf lesenden Hood hart:
seid so freundlich gewesen,
Anapäste zu lesen,
bis der Sprechrhythmus völlig kaputt ward!

Ich sag’s ungern, aber jetzt wäre der Punkt gekommen, an dem sich die nicht so reimaffinen Leserinnen und deren männliche Pendants spätestens zurückziehen sollten, weil der bis hierher noch halbwegs prosaische Text nun endgültig in die angekündigte selbstverliebte und sich selbst zitierende Retrospektive Eigenlobhudelei übergeht, bestenfalls mit dem einen oder anderen hinführenden Kommentar, aber 272 untereinander geschriebene Fünfzeiler sprechen dann ja auch weitgehend für sich. Bzw. jetzt nur noch 270. Vielleicht auch ein paar weniger.

Vielleicht kann ich sie sogar ein bisschen gliedern. Wie wär’s zum Beispiel mit Prognosenfünfzeilern? Sind ja gang und gäbe, wie auch Kollege @rebiger zu berichten wusste:

Tierische Vorhersage
Hin und wieder beschwört man Orakel,
und nicht selten ham diese Tentakel.
Wer nun wen hier denn schlüge.
Ob’s der Wahrheit genüge?
Kann auch sein: ‘s wird ein Riesendebakel.

Und der Debakel gab es reichlich. Nehmen wir zum Beispiel Herrn @SvenGZ:

Lüftchen
Mit Einmannsturm Old Miro Klose
kann das nur geh`n in die Hose
Nen Titel beim Kicken
Kannste so knicken
So lautet bei mir die Prognose

Auf der anderen Seite gab es auch die Checker, die von Anfang an so richtig Bescheid wussten. So wie Herr @chrisprech:

Neymar sings the Blues
Den Pokal will Brasilien erringen.
Die Hüften die Weiber woll’n schwingen.
Doch dann wird es müllern,
geradezu knüllern,
und Neymar wird Blues nur noch singen.

Der Mann kennt sich aus. Meine Wenigkeit hingegen meinte vor der Gruppenphase Folgendes:

A wie Altmeister
Favorit ist, selbstredend, Brasil.
Dann Kroatien. (Mittelfeld! Stil!)
El Tri: eher bieder.
Ist Eto’o noch ein Leader?
Und wenn ja, ist das gut für ihr Spiel?

Nun ja. Mexiko. Vielleicht doch nicht ganz so bieder, wie ich dann auch reumütig eingestand:

Irrtum
Jüngst nannte ich Mexiko “bieder”.
Verzeihung, ich tu es nie wieder!
Ich verklärte Kroaten,
wart’ vergebens auf Taten.
Man lache mich aus, mach’ mich nieder!

Doch weiterhin gilt, immerhin: ich bin nicht allein in meiner Ignoranz. Herr @rebiger zum Beispiel hatte die Chuzpe, gegen das Dark Horse aus Kolumbien zu setzen. Zugunsten von … Japan:

C wie Chuzpe
Kein Falcao und so: kaum Probleme.
Und für Hellas gibt’s maximal Häme.
Auch die Elf um Herrn Drogba:
nicht gänzlich unrockbar.
Nippon holt Punkte bis ins Extreme.

Japan, Kolumbien, Griechenland? Na, Herr @rebiger?
Nun, ich selbst vertat mich da wohl auch:

Sounds like a melody
Gruppe C – wen ich ganz vorne wähn’?
“Die Japaner”, sprach ich, “souverän”.
Doch gegn die Ivoren
war ihr Posten verloren.
Sind sie lediglich big in Japan?

Oder nehmen wir die Dreiweltmeistergruppe, die der Kollege etwas anders benannte:

D wie Dodesgruppe
Costa Rica wird wenig bestellen:
Hunde-like, bloß nicht beißen, nur bellen.
Fraglich nur: Wer an zwei?
England? Uruguay?
Wer wird sich zu Italien gesellen?

Knapp daneben, würde ich sagen, und nicht nur dort:

Fehleinschätzung
Dieses war meine Top-Expertise:
Zu den Top 4 zählt “der Portugiese”.
Nun ist klar, dass – oh, Mist –
er nichts anderes ist
als ein schnarchender, schlafender Riese.

Da wir grade bei Portugal sind: Herr @rebiger scheint dort nicht alle Spieler gleichermaßen zu mögen. Einen verortet er in der Tierwelt:

Cristiano wer?
Es war einmal ein eitler Pfau,
aus dem Land neben Spanien (genau).
Wollt’ den weltweiten Ruhm,
hat jetzt Freizeit. Und nun
intressiert sich für ihn keine Sau.

Wohingegen ich ihm schon sehr gern zusehe.

Brotlos? Vielleicht.
Zirzensische Künste am Ball
sind vielen Beleg für ‘nen Knall.
Doch die Moves von Neymar
(und Cristiano, na klar)
sind tatsächlich und gänzlich mein Fall.

(Natürlich weiß ich um Herrn Ronaldos Torquote, und die von Neymar jr. ist auch nicht so übel. Aufhänger waren ein paar schick anzusehende und nur so halb effektive Dribblings.)
Ach, und noch etwas, vorgreifend, zu Neymar. Und den Fans.

Bedauern
Ein getretener Volksheld aus Santos,
der, beseelt, manches Tor für sein Land schoss,
lässt Brasilien trauern.
Weltweit herrscht Bedauern –
sofern in die Wertung Verstand floss.

Doch wir waren eigentlich bei Prognosen. Hin und wieder galten sie auch einzelnen Spielen. Und waren nicht weniger wild, so zum Beispiel beim ersten Auftritt von Volker Finkes „unbezähmbaren Löwen“, als ich drei Tore von Herrn Choupo-Moting vorhergesagt hatte. Wenigstens konnte ich den Hauch einer Erklärung liefern:

De facto draußen
Eric konnt’ mein Träumchen nicht leben.
Hat Maxim gleich die Schuld dran gegeben.
Sagt Choupo: i wo,
es lag an Eto’o.
Und Moting weiß: das war’s dann wohl. Eben.

Eher nicht so gut erklären konnte man indes rückblickend, wieso gerade Belgien „von der Bank“ Algerien hatte schlagen können:

Hipsterexpertenhipster
„Experten, ey!“, sagt jeder zweite
algerische Fan nach der Pleite.
Gegen belgische Hip-
ster gäb’s einen Tipp:
auf der Bank, hieß es, fehle die Breite.

Wo wir grad von Belgien sprechen: ganz schön respektlos, der Herr Kollege, nicht wahr?

Gutes Pferd
Bis zur 70. sehr viel Verdruss,
dann der erste vernünftige Schuss:
Mit dem Kopf von Fellaini,
diesem Wollknäuel-Heini.
Belgien springt nur so hoch wie es muss.

Wollknäuel-Heini!? So geht’s ja wohl nicht! Um indes kurz, nun ja, beim Thema zu bleiben:

Korkenzieher
Marcelo, Willian und Luiz!
(Fehlt Dante, der wär ja auch süß.)
Doch so sehr sie auch rocken –
als Meister der Locken
grüßt Ochoa, derdie Null stehen ließ.

(Ja, derdie ist ein einsilbiges Wort.)

Nicht schlecht übrigens dies hier von @rebiger, prognosemäßig, letztlich aber doch nicht gut genug:

Kein Geheimfavorit
Herr van Gaal so: “Sie spielen, Herr Fer.
Komm’ se doch mal vom Aufwärmen her!”
Der zieht sich kurz um,
kommt rein, dann macht’s bumm!
Tja, Oranje schlägt wohl keiner mehr.

Mir war’s irgendwann dann doch ganz angenehm, dass er nicht recht gehabt hatte mit seiner niederländischen Unschlagbarkeitsthese:

Unsachlich
Argentinien steht im Finale.
Das sendet die richt’gen Signale.
Ich räume gern ein:
ihr Spiel war nicht fein.
But your one-man-show sucks, Louis van Gaal, ey!

Wenn wir somit quasi in Finalnähe gerückt sind, zitiere ich gern eine meiner Lieblingseinschätzungen, die Herr @bimbeshausen unmittelbar vor dem Halbfinale abgab:

11 Richtige
Geht’s ums Stehen, geht’s eher ums Sputen?
Schweini sagt: »Ich kann 90 Minuten
und wenn’s sein muss auch mehr«.
Immerhin – gleichwohl: er
zählt für mich derzeit nicht zu 11 Guten.

Bezog sich ja nur aufs Halbfinale, nicht wahr? Bereits vor dem Viertelfinale hatten wir, also der Herr @rebiger und ich, noch einmal Rollen verteilt. Ok, ich hatte. Ohne dass der positiv gestimmte Herr Kollege etwas davon gewusst hätte, schon gar nicht, dass ich den bad cop spielen und mich noch dazu nicht an seine Fünfzeilenvorgabe halten würde:

Voller Vorfreude
Ich will Belgier und Brasilianer,
auch die Deutschen und Costa Ricaner.
Argentinier, Franzosen
in kurzen Sporthosen.
Und Holländer. Und Kolumbianer.

Wieso denn Vorfreude? (I)
Argentinien, Brasilien, ey, Alter:
kein Fußball – Alleinunterhalter!
Die Franzosen: brutal.
(Die FIFA: “Egal.”)
Costa Rica? Nein, wirklich: ein Kalter!

Wieso denn Vorfreude? (II)
Kolumbien? Pfft – ohne Tiger!?
Oranje setzt nur auf den Flieger.
Den Belgiern (geheim)
geh ich nicht auf den Leim.
Und mit Löw wird man eh niemals Sieger.

Ah, der Herr Löw. Den wollen wir ja nicht ganz vergessen. In der Tat galten nicht wenige Prognosen, da unterscheidet sich die #doppelfuenf nicht vom richtigen Leben, ihm und seiner Mannschaft. Ich bin ein bisschen stolz auf diese eine sehr frühe Einschätzung, die nun wahrlich nah an der Realität lag:

Fangedanken: So nicht!
Der Kader: nicht mehr als ein Torso.
Wie stellt sich der Trainer das vor, so?
Kaum Stürmer, so’n Dreck –
der Jogi muss weg!
Im Juli dann: Auto raus, Korso!

Die Prognosequalität war im Übrigen nicht überall gleich hoch, wie erneut Herr @SvenGZ bezeugen kann:

Guter Brauch
Ein guter Start in die WM
ist nichts Besonderes, denn
so war es sonst auch.
Fast schon ein Brauch
wie das Aus gegen Italien.

Italien, tze! Vor dem Halbfinale gab es dann im Wesentlichen zwei Denkschulen, die ich kurz  zu umreißen versuchte:

Gar nicht mal so schlecht
Herr Löw und sein Team sind vor Ort.
Italien und Spanien: längst fort!
Auch Frankreich und Chile
hatten höhere Ziele.
Schon wieder top 4 – großer Sport!

Gar nicht mal so gut
Noch ein Spiel um Platz 3? Hat kein’ Zweck!
Verliern im Finale? So’n Dreck!
Man kann’s drehen und wenden:
es wird titellos enden –
die Wurst an der Linie muss weg!

Ach, dieses Halbfinale! So groß  – und zwischendurch so unangenehm, dem, Verzeihung, Gemetzel televisuell beizuwohnen:

Lämmer
„Hört mal auf,“ sagte ich, „haltet ein!
Ich will das jetzt nicht, muss das sein?”
Wollt mich gerne verbeugen,
aber bloß nicht bezeugen:
die Lämmer, die Schlachtbank, das Wein’n.

Herr @nobilor war indes derart beeindruckt, dass er das 7:1 zum Anlass nehmen wollte, die fünfzeilige Struktur aufzubrechen, was wir Betonköpfe verwehrten. So genießt sein Werk nun das Alleinstellungsmerkmal, hier als einzig unveröffentlichtes aufgeführt zu werden. Und sieben Zeilen zu umfassen:

Ausnahmeerscheinung
Müller – eins vor
Miros 16tes Tor,
Schürrle/Kroos mal zwei
Sami auch dabei
Legendenspiel
für großes Ziel
Zeilenzahl heute nach Score.

Danach war Brasilien ziemlich durch, wie @rebiger auch beim Spiel um Platz 3 voller Poesie feststellte. Dabei hätte man wissen können, dass die Niederlande mit Windmühlen aufwarten:

Arme Ritter
Sie kamen kein Stück mehr zu Potte.
Es glich einem Gang zum Schafotte.
Seleçao, sehr schaurig,
gestaltete traurig
das Spiel. Wie dereinst Don Quijote.

Immerhin durften sie bis zum Ende dabei sein, die Gastgeber. Von einigen Großen und nicht ganz so Großen hatte man längst Abschied genommen. Vom Weltmeister, zum Beispiel:

Zäsur
Eine Ära und manche Karriere
endet heute, in Sieg und Misere.
Vorerst schließt sich der Reigen,
ich werd mich verneigen:
der Weltmeister gab sich die Ehre.

Oder Italien, vermisst von @rebiger:

Gondeln tragen Trauer
Von Mailand bis zum Apennin,
von Sizilien bis nach Turin:
Ein Land ist in Trauer,
halb weinend, halb sauer,
und Schuld daran ist Herr Godín.

Ich machte die Gruppe dann rund, irgendwie. Waren auf jeden Fall auch mal Weltmeister:

Generationswechsel
Roy Hodgson, der frech nominierte,
den Jugendwunsch nicht ignorierte,
kam dann doch nicht zurand’
und beschämte das Land:
man ging heim als verheerende vierte.

Oder nehmen wir die Elfenbeinküste. Zum dritten Mal in der Vorrunde raus. Und mit ihr Didier Drogba.

Dann halt 2018!
Nun würde sein Traum echt noch wahr,
so dachte der alternde Star.
Es war doch nicht zu spät,
diese Wies’ schien gemäht.
Wer hat’s dennoch verkackt? Côte d’Ivoire!

Überhaupt, Afrika, komplett raus nach der Vorrunde. Algerien geht da dem Vernehmen nach gerne mal unter. Dabei warfen sie sogar die Deutschen aus dem Turnier, wenn ich @fraochdachs recht verstanden habe:

Teufel an der Wand
Die Überraschung perfekt: Algerien
schickt Jogi & Co. in die Ferien.
Lahm patzte, ohwei!
Dann Klose: vorbei!
Daraus zieht man hoffentlich Lehrien.

Tatsächlich hatte man sie wohl schon früher gezogen.

Noch so ein schwerer Abschied: Mexiko. Mal wieder im Achtelfinale, und mal wieder mit Kapitän Marquez:

Käptn trifft Robben
Bis der Rückzugsimpuls unten ankam,
hatt’ er längst schon gemerkt: ‘s war zu langsam.
Es war so ein starkes
Turnier von Herrn Márquez,
bis Robben sein Angebot annahm.

Am schmerzlichsten war mir der Verlust der Chilenen, die ich ein bisschen adoptiert habe. Als unerwartetes Zweitteam, gewissermaßen. Gegen Spanien wussten sie noch zu begeistern:

Königsmord
Sie liefen so viel und so schnell.
Man dachte bei sich: Duracell.
Bissen mutig und keck
den Weltmeister weg.
Mancher meinte, er höre Gebell.

Doch irgendwann verließen selbst ihn, dem ich ein bisschen zu nahe trat, die Kräfte:

Die anderen Werte
Mein Mitleid gilt ihm ganz speziell.
Steht für Wille und Einsatz Modell.
Sieht zwar aus wie Gesocks,
das auf Kirmessen boxt;
hab mich dennoch verliebt in Medel.

– und so war es um sie geschehen:

Ehrerbietung
Lobpreisungen schenkt man Dir. Viele.
Deinem Mut, Deinem Herz, Deinem Stile.
Du nahmst mich gefangen
und ließest mich bangen.
Ich weine mit Dir, großes Chile!

Szenenwechsel. Das Fernsehen. Könnte man viel drüber schreiben. Geschah in der #doppelfuenf erfreulicherweise nicht im Übermaß. Aber diese ständige Einspielung des Facepalm-Logos bei Wiederholungen, ich weiß ja nicht … mich störte sie schon beim Eröffnungsspiel:

Zeitlupengesichter
Erst ein Kullertor, dann ein Präsent;
schließlich Pike (wiewohl sehr behänd).
Nicht nur in Kroatien
palmierte man Fazien.
Und das Fernsehen stützt diesen Trend!

Herrn Mertesacker störte etwas anderes, später, was einige fünfzeilig festhielten, exemplarisch sei auf Herrn @chrisprech verwiesen:

Arschtritt für Büchler
Und Merte sagt: Boris, so’n Scheiß!
Ich leg mich jetzt ersma auf Eis.
wie kannst Du es wagen,
so dämlich zu fragen,
Echt, Alter, gleich gibt’s auf den Steiß!

Das TV-Gesicht der WM, zumindest hierzulande, war für mich Mehmet Scholl. Zumindest hörte ich ihm am liebsten zu: oder sah mir seine Kleider an. Einverstanden: manchmal war er auch einfach ein bisschen zu sehr er selbst:

Der Mehmet
Der Südam’rikaner per se:
Emotionen vom Kopf bis zum Zeh.
Hat er Frust, muss der raus –
Mehmet Scholl kennt sich aus.
Demnächst dann “der Iwan”, ok ?

Wohingegen ich es sehr mochte, wie er sich ob der zum Teil überharten Spielweise so sehr echauffierte, dass der Flötenmann neben ihm eine neue Zehnkämpfergeneration fürchtete:

Zehnkämpfer
Mehmet Scholl schöbe gern einen Riegel
vor Tritte und Schläge und Prügel.
Sieht den Fußball in Not,
Filigrane bedroht.
Und Opdi disst Hans-Peter Briegel.

Wo wir grade vom Fernsehen reden: hier meine fünf Alibi-Minuten zu gesellschaftlichen Missständen, und die nur so halb:

WM-Paradoxon
Das Geschehen vor Ort: schwer erträglich.
Die FIFA (per se?): rundum kläglich.
Das Gebaren: rigide.
Die Kritik: sehr valide.
Heut geht’s los, und ich freu mich unsäglich!

Herr @kaffchris zog indes eine überzeugende gesellschaftliche Parallele:

Kann hier ja nicht passieren 
Polizei außer Rand und auch Band –
geprügelt wird ohne Verstand.
Nichts ist fertig, ein Graus,
auf den Straßen nur Staus!
Mein Gott, was’n rückständig’ Land!

, während die Herren @frankie1960 und Kamke noch ein bisschen bei unser aller Lieblingsverband verweilten:

Sepp
Es war einst ein Sepp, der hieß Blatter
Seine Reden war’n lautes Geknatter.
Die Stimmung toll.
Die Taschen voll.
Doch: irgendwann kommt der Gevatter

Ellbogen (II)
Dass Suárez bestraft wird, ist wichtig.
Das Strafmaß: nicht meins. (Aber: nichtig.)
Der Franzose Sakho:
exkulpiert, lebensfroh.
Jedes FIFA-Klischee erscheint richtig.

 

Wenn wir über die #doppelfuenf reden, müssen wir wohl auch über Sprache sprechen. Über bis zur Unkenntlichkeit gebeugte Aussprachen, der Metrik wegen, über erfundene, falsch geschriebene oder fragwürdig gebeugte Worte. Über gebeugt gehende Menschen indes eher nicht. Bleiben wir erst einmal bei der Orthographie, die Herr @ojweh, im Verbund mit einer diskutablen Namensbetonung, wunderbar für seine Zwecke optimiert hat:

Drecksdefensive 
Zum Superstar namens Neymar
Sprach der Scholari: Nu sey mar
nicht so offensiv
wir stehen heut tief
Für den war der Spieltag im Eymar!

Der hiesige Hausherr passte die Aussprache auch gerne mal bei Nicht-Eigennamen an, was ähnlich schwer wiegt und auch durch ein Betonungszeichen nicht gerettet werden kann. (Aber hey, es ging um Karagounis!)

Fast wie immer
Hellas’ Endstation: Achtelfinale.
Ihr Spiel trug bekannte Merkmále:
hinten ziemlich verschlossen –
ein Gewühltor geschossen –
Karagounis gibt fleißig Signale.

Dass es immer noch schlimmer geht, steht außer Frage. Da werden dann Namen falsch geschrieben, um bei der Silbenzahl zu tricksen und damit einen furchtbaren Scherz zu ermöglichen, der den Begriff Wortspiel nicht verdient hat und den mancher Twitternutzer mit zahlreichen Strafkästen belegen würde. Immerhin, die Überschrift vermittelt, wie mies er (also ich) sich dabei fühlte:

Oh mein Gott!
Man wartet ja drauf, dass der Witz fällt.
(Marjo Barth macht mit solcherlei Hits Geld. )
Als Komparse: der Shaq,
mit getripeltem Pack,
in Manaus, Ihr wisst: auf dem Hitzfeld.

Immerhin: der Herr @rebiger war auch nicht immer völlig frei von Unsinnsphantasien sprachlicher Art, und auch ihm war es überschriftlich bewusst. Brüder im Geiste?

Ähm… tja.
Und am Ende gewann Kolumbiehn
(Ich hoffe, mir wird es verzieh’n:
Dass der Reim einer ist,
sorgt für Grammatik-Mist.
Doch wie heißt es so schön: C’est la Wien.).

Und noch ne Überschrift, und noch ne Namenssache:

Cilessen, ich weiß.
Coach van Gaal sagt: “He, Jasper Celissen,
Sie werden aus dem Tor geschmissen.
Denn ich hab’ das Gefühl,
Ihr Rivale, Tim Krul,
hält viel besser und nicht so beschissen.”

(Ach so, ähm: Cillessen, ich weiß.)

Selbes Spiel, andere Verfehlung, anderer Autor (moi):

Akkusativfehler
Die vergebenen Strafstöße kosten
Costa Rica den Halbfinalposten.
Das geht doch nicht an!
Drum klage ich an:
Hollands Unsympath zwischen den Pfosten.

Immerhin: ganz böse war unser aller Umgang mit Sprache dann auch wieder nicht. Hin und wieder kamen schöne Sachen dabei heraus, hashtagbezogene Wortspielereien, zum Beispiel, wie sie Herr @bimbeshausen nach dem Halbfinale erdachte, zugegeben: mit von der Redaktion ergänzten #-Zeichen.

Ehrlichkeit
Gurken hinten herum, so ein Quark
wohl ein Spielstil, den keiner gern mag
Oder sag mal: Gefiel
dir denn etwa das Spiel?
Weil ich ehrlich bin, sag ich: #ned #arg.

Gelegentlich wurd’s auch mal fremdsprachlich, so zum Beispiel vor dem vermeintlich turnierrelevanten Duell der später in der Gruppenphase gescheiterten Exweltmeister, als Kollege @rebiger der englischen und ich der italienischen Seite zugelost worden war:

Very british
If we bring this round and little ball
behind the „Catenaccio“-wall,
Rooney or his mates score,
(Germans shout: England! Tor!)
This would be like „… and Justice for all“.

Vinceremo noi!
Voi: Welbeck, ma noi: Balotelli.
Voi: Hodgson, noialtri: Prandelli.
Poi grandissimo Pirlo.
Oltracciò, devo dirlo:
le barbe, occhiali, capelli.

Wieso Nigeria letztlich auch fremdsprachlich scheiterte, weiß ich gar nicht mehr so genau, es mag am gesetzten „same old“ gelegen haben:

Nearly super eagles
Same old, said Nigeria, same old –
an often-heard story retold:
the outsiders shine –
big teams in decline?
In fact, then, the underdogs fold.

Wohingegen „algerische Tränen“ einfach nicht so schön klingt.

Les larmes algériennes
Leur jeu: plein d’esprit et de charme.
Ont causé une espèce de vacarme.
(Silencieux, sur l’terrain)
Néanmoins, à la fin,
l’Algérie se retrouve en larmes.

Ach, Sprache. Auch im TV eine Thema, irgendwie:

Griezerklärung
Grissœument, sagt Herr Simon, nasal.
Auch Grisemanne und Grisement, optional.
Wär er skisportbeschlagen,
würd er’s noch anders sagen,
nämlich Grissmann, wie Werner – normal!

Zurück zum Sport. Irgendwann ließ es sich nicht mehr leugnen: Deutschland stand im Finale. Und konnte auf eine bemerkenswerte WM-Geschichte gegen Argentinien zurückblicken. Was allerorten geschah, so auch bei uns:

Keine Pointe
Herr Jürgens und so singen Schlager.
Matthäus: “Mein Schuhwerk!” – Versager.
Lehmanns Zettel brilliert.
Zwanzigzehn: filetiert.
Doch die Schlusspointe setzt Burruchaga.

Was dann doch nicht stimmte. Die Pointe kam von Herrn Götze, der schon früh im Turnier einen Glanzpunkt gesetzt hatte:

Kniefälle
Herr Rojo traf jüngst mit dem Knie.
Das sei ja nicht schlecht, meinen Sie?
Mich reißt’s nicht vom Stuhle,
denn die ganz hohe Schule
ist Herrn Götzes Kopf-Knie-Strategie.

Im Finale adaptierte er sie zu einer nicht weniger imposanten Brust-linker-Fuß-Strategie, womit er seine Vorgänger in einer Hinsicht weit in den Schatten stellte:

Weltmeistertorschützen
Aus dem Hintergrund, Drehung, Elfmeter –
na ja, war halt wichtig. Konkreter:
Götze traf, man konnt’s sehn,
nicht nur wichtig – auch schön!
Löws Sinn für Ästhetik versteht er.

Selbstverständlich war er nicht der alleinige Held, wie Herr @rebiger sogleich deutlich machte:

Fels in der Brandung
Das Tor schoss zwar Mario G.,
und Schweini tut sicher viel weh.
Doch mein Held an dem Tage,
und zwar ohne Frage:
Boateng (Und zwar nicht Kevin-P.).

Nicht so überraschend, meinen Sie? Noch nicht mal originell? Was soll ich sagen? Meine sind’s auch nicht:

Schweinsteiger
Strapaziert war er, beinah’ schon über-,
sowohl körperlich als auch – noch lieber – ,
um ‘ne Sehnsucht zu stillen:
als Symbolbild für Willen,
für Kraft und, vor allem, für’ n Leader.

Erfolgstrainer
’s ist ein spielphilosophischer Schöngeist,
der Tacklings im Grunde “obszön” heißt
und der Standards verachtet,
der – wer das wohl gedacht hätt’? –
den Weg in betitelte Höh’n weist.

Puh, ist jetzt doch schon ganz schön lange geworden. Ich fasse nochmal zusammen:

Kurz und knapp
Erst mal Portugal, Ghana, US.
Dann Algerien: Merte hat Stress.
Neuers Arm gegen Frankreich,
Brasilien versank gleich.
Und nach #arg-em Finale: Exzess!

So war das also. Und das Unvermeidliche trat ein.

Die Erben des Kaisers
„German dominance“ tönt’s mancherorten,
begleitet von markigen Worten.
Der Subtext, unsagbar:
auf Jahre unschlagbar.
(Experten und ihre Konsorten.)

Ob die größte Überraschung im Nachgang des Turniers vermeidlich gewesen wäre, vermag ich nicht zu beantworten. Sie nötigt mir großen Respekt und ähnlich großes Bedauern ab.

Irrelevantes Gebrüll
Da stand er, im strahlendsten Licht.
Sein Timing, wie stets, ein Gedicht.
Ich veneigte mich tief,
doch mein Innerstes rief:
Herr Lahm, mensch, ich möchte das nicht!

Womit wir eigentlich durch wären. Aber wenn man sich so die WM-Rückblicke angehört oder durchgelesen hat, kam immer auch die Frage nach den besonderen, den vielleicht auch kleinen, großen Momenten auf. Dem möchte ich mich nicht entziehen und verweise abschließend auf ein paar solcher Szenen:

Mondragóns Einwechslung war so eine. Schön gemacht, Herr Pekerman. (Bitte nicht mit Felix Magath und André Lenz verwechseln.)

43
Herr Pekerman möchte ihn ehren,
drauf rinnen ergreifend die Zähren.
Ein schöner Moment:
Herr Mondragón [weint].
Auch ich kann und will mich nicht wehren.

Oder Herr Löw im Dauerregen von Recife? So gar nicht geschniegelt. Da bröckelte ein Image, und manche(r) mag schon gehofft haben:

Beim Schopf gepackt
Das bildjournalistische Rudel
erkannte den tückischen Strudel,
in dem er nun steckt –
hat’s Symbolbild gecheckt:
Herr Löw als begossener Pudel.

Nach Kolumbiens Ausscheiden forderte David Luiz das Publikum auf, dem wunderbaren James Rodriguez zu huldigen. Nach meiner Wahrnehmung war indes Dani Alves, den ich lange Zeit nicht sonderlich mochte, was sich seit geraumer Zeit geändert hat, derjenige gewesen, der ihn zunächst getröstet hatte. Und natürlich war er damit nicht allein, auch die Deutschen Spieler taten sich so gegen Brasilien hervor. Sportler.

Respekt
Dani Alves, ich zieh meinen Hut:
Ihr Trost für Herrn James tat gut.
Macht den Jungen nicht glücklich,
doch als Fan ist’s erquicklich –
man erlebt, was ein Ehrenmann tut.

Erinnern Sie sich an Stephan Lichtsteiner? Der kurz vor Ende der Verlängerung (?) den Ball verloren und Lionel Messi die Chance zum Gegentor eröffnete, das dann Angel di María erzielte? Und daran, wie Lichtsteiner anschließend mit leerem Blick im Netz hing? Genau.

Große Gefühle
Herr Lichtsteiner in seinem Netz:
ohne Worte, ermüdet, entsetzt.
Geht, so sagt sein Gesicht,
mit sich selbst ins Gericht.
Ist zutiefst in der Seele verletzt.

Und schließlich, meine ganz persönliche Szene der WM. Der Schuss auch, klar, die Parade erst recht. Vor allem aber das, was danach kurz von den Kameras eingefangen wurde. Ungläubig war er, bewundernd, ja, fast ein bisschen fassungslos. Und, um es ein bisschen zu überhöhen, sich vielleicht auch im Klaren, dass er eben zu einer der größten Szenen des Turniers beigetragen hatte, die ich gern angemessener in fünf Zeilen gepresst hätte:

Wunderbares Lächeln
Die Nachspielzeit läuft, alles schwächelt.
Das Atmen fällt schwer, mancher hechelt.
Letzte Chance: riesengroß.
Die Parade: grandios.
Benzema ist perplex. Und er lächelt.

 

Ja, war lang. Die WM. Der Text. Die Fünfzeilerphase. Jetzt ist erst einmal Ruhe. Danke nochmals allen Beteiligten, und sorry an all jene, die nicht im Rückblick auftauchen. Vielleicht hätte ich jemanden bitten sollen, statt meiner die Auswahl vorzunehmen.

 

 

 

Selbstbild als Ratte?

15. April 2014

Nein, natürlich wird das Schiff nicht sinken. Und ich verlasse es auch nicht. Aber meine Spielstatistik in der laufenden Saison ist in der Tat erschreckend. Gefühlt, wie man so schön sagt, de facto führe ich gar keine Statistik. Der Eindruck, so gut wie gar kein Spiel im Stadion und noch weniger wenigstens live in der Fußballkneipe meines Vertrauens gesehen zu haben, dürfte jedoch nicht von ungefähr kommen.

Nun könnte man sagen, dass das ja in der laufenden Saison keine allzu große Entbehrung darstellen dürfte, mag vielleicht gar zu dem Schluss kommen, dass ich gerne verzichtete. Zumal die Liebste gerne mal die Macht-doch-eh-keinen-Spaß-sei-ehrlich-Karte spielt, wohl wissend, dass dieses Argument nicht zieht. Andere Argumente ziehen indes sehr wohl. Kindergeburtstage, zum Beispiel, in deren Verlauf man das tickerfähige Endgerät nicht aus den Augen lässt, oder auch anderweitige Familienfeiern, so wie jene vom Wochenende, die mich unterwegs ganz nebenbei an die großen Zeiten von OLI Bürstadt denken ließ.

Wieder andere Gründe waren weniger erfreulich und nicht weniger triftig, sodass die Quintessenz bleibt: ich habe nicht viel gesehen. Nur wenige der, wie ich heute las, 18 Gegentreffer in der letzten Viertelstunde, nur einen kleinen Teil der kurz vor Schluss abgegebenen paarundzwanzig Punkte, die, seien wir ehrlich, die frühzeitige Meisterschaftsentscheidung überhaupt erst ermöglicht haben.

Nicht dass das Zittern in der Nähe des Telefons erträglicher gewesen wäre als jenes im Stadion oder vor dem Fernseher. Ok, vielleicht doch: man sieht es nicht kommen. Auf der anderen Seite indes, auch nicht schön: man sieht es nicht kommen. Pest. Cholera. Sie wissen schon. Mit der Zeit entwickelt man Strategien. Kontinuierliches Auf-das-Display-Starren ist eine, scheinbar nonchalantes Ignorieren ab der 80. Minute eine andere, natürlich werden auch unterschiedliche Anbieter, Formate und Übertragungswege getestet, doch vergebens. Das einzige, was letztlich funktioniert, manchmal, ist ein komplettes Ausblenden, ein völliges Ignorieren des gerade laufenden Spiels. Was ja auch niemand will.

Mir scheint, ich habe den geraden Weg verlassen. Oder das, was möglicherweise ein roter Faden hätte sein können. Eigentlich wollte ich darauf hinaus, dass ich das tue, was auch in die Kritik geratene Trainer, Sportdirektoren und Präsidenten auf Nachfrage gerne mal zu tun behaupten: ich hinterfrage mich. Und im konkreten Fall die Reinheit meiner Stadionfernbleibemotivation.

Fast hätte ich geschrieben, dass ich mich „so’n bisschen“ hinterfrage, aber die Lektüre der jüngsten Ausgabe des tödlichen Passes, also eines (vermutlich: des) Magazins zur näheren Betrachtung des Fußballspiels lehrte mich so manches über die „Generation Stückweit“, die sich in ihren subtileren Momenten eben nicht nur ein Stück weit, sondern auch ein bisschen selbst relativiert, und ja: touché! Ich zähle dazu, immer mal wieder. So zum Beispiel, entgegen meiner ursprünglichen Hoffnung, auch in meinem eigenen dort veröffentlichten Text, wo ich zu Protokoll gab, „ein bisschen stolz“ auf einen Fußballverein gewesen zu sein. „Meinen“ Fußballverein, nachgerade, aber das ist ein anderes Thema.

Immerhin: den einen oder anderen Fünfzeiler bekam ich ohne einschränkende Formulierungen hin, einer wurde von den tödlichen Passgebern auch per Twitterfoto verbreitet:

pass_fuenfzeiler_20140415

Natürlich hinterfragen sich übrigens auch Schiedsrichter. Genau wie Trainer, Sportdirektoren, Präsidenten, wie wir vorhin feststellten. Und wie der Autor dieser Zeilen, der sich bereits seit einigen Wochen fragt, ob es Zufall sein kann, dass er gerade in dieser wenig erquicklichen Saison so viele Spiele verpasst, oder ob er das eine oder andere Mal vielleicht doch ein bisschen bereitwilliger verzichtet als in früheren Jahren. Und ohne jeden Zweifel wird er diese Frage nie ohne jeden Zweifel beantworten können. Es sei denn, er bejahte sie.

Tut er aber nicht. Ganz im Gegenteil: es tut mir im Herzen weh, und das hat erst einmal nichts mit der möglicherweise in absehbarer Zeit sehr begrenzten Anzahl an Bundesligaspielen im Neckarstadion zu tun, am Sonntag gegen Schalke nicht im Stadion sein zu können, sondern tatenlos irgendwo an einem Fernseher, per Hörfunk oder gar die Augen starr auf den Ticker gerichtet verfolgen zu müssen. Und wir alle wissen, dass die Formulierung schon ihre Richtigkeit hat. Denn selbstverständlich sind wir im Stadion nicht tatenlos, sondern können Tore qua Willenskraft erzielen oder verhindern.

Was wiederum die Frage aufwirft, ob ich nicht doch irgendwie (da ist sie wieder, die Generation Stückweit) eine – tatenlose – Ratte bin, wenn ich nicht hingehe.

Rückschlag, Rückhand, Rückfall. Ein Sammelsurium.

27. März 2014

Rückschlag

Eigentlich war ich guter Dinge vor dem VfB-Spiel in Nürnberg. Hatte auch meinen Teil beigesteuert, indem ich tagsüber einen Brustring auf dem Kopf getragen hatte und beim abendlichen Kick in den Vereinsfarben auflief, mit dem Ring auf der Brust und Hleb auf dem Rücken. Sicher, der Umstand, dass mir das letzte Mittwochabendspiel beim Club noch heute als Sternstunde eines Fußballweltmeisters in Erinnerung ist, auch damals hatte ich nach dem eigenen Kick nur die letzten Minuten gesehen, beunruhigte mich ein bisschen, aber wirklich nur ein bisschen. Zu sehr war in den Tagen zuvor meine Überzeugung gereift, dass die Nürnberger ihren Lauf zu früh gehabt hatten, dass sie vielmehr komplett kollabieren und nur noch das eine oder andere Ehrenpünktchen sammeln würden.

Gewiss, der Wunsch konnte die gedankliche Vaterschaft dabei nicht glaubwürdig abstreiten; dennoch war ich mir ziemlich sicher, dass der VfB in Nürnberg gewinnen, zumindest aber sehr solide, entschlossen und vielleicht auch kampfeslustig auftreten würde.

Nun, zwischen der 74. und der 88. Minute, so lange sah ich zu, konnten sie diese Erwartungen nicht in Gänze erfüllen. Anwesende, die das Spiel von Beginn an gesehen hatten, ließen mich wissen, dass es sich bei meinem Eindruck nicht um eine Momentaufnahme handle. Und so reift allmählich der Gedanke, dass der VfB seinen Lauf zu früh gehabt hat (Braunschweig – Werder – HSV, 5 Punkte!), dass er nun vielmehr komplett kollabiert und nur noch das eine oder andere Ehrenpünktchen sammeln wird.

Ok, das mag ein bisschen übertreiben sein. Dass ich so denke, meine ich. Tatsächlich fällt es mir schwer, mein Empfinden in Worte zu fassen. Einerseits erscheint mir der Gedanke an einen Abstieg einer anderen Welt zugehörig. Andererseits fehlt mir die Fantasie, um mir vorzustellen, wie der VfB in den verbleibenden Spielen noch mehr als, sagen wir, fünf Punkte holen soll. Und die reichen nicht.

Ich will schon wieder nicht mehr drüber reden.

 

Rückhand

Der FC Bayern München ist Meister. Ist damit der verdienteste Meister aller Zeiten, so wie jeder Meister vor ihm, Sie wissen schon. Es ist sehr beeindruckend, ihnen zuzuschauen, ja, es macht Spaß, immer wieder. Und es liegt mir fern, jetzt und hier eine Ode zu schreiben, das ist in den letzten Tagen hinreichend geschehen und oftmals gelungen.

Dass viele der Kommentatoren dabei nicht umhin kamen, zum Teil sicherlich auch nicht kommen wollten, die Causa Hoeneß aufzugreifen, ist angesichts sowohl der zeitlichen Nähe als auch Hoeneß‘ unbestreitbaren (und vermutlich beträchtlichen) Anteils an den jüngsten Erfolgen, nicht zuletzt an der Verpflichtung der letzten beiden Trainer, und damit unmittelbar auch an der aktuellen Rekordsaison, mehr als nur nachvollziehbar. Dass sich der Trainer dann entschließt, ihm diese Meisterschaft zu widmen, empfinde ich bei wohlwollender Betrachtung nicht als sehr geschmackvoll, aber das nur am Rande.

Was mir indes ein bisschen sauer aufstößt, ist der Umstand, dass neben Hoeneß‘ kriminellen Handlungen in nicht sonderlich schöner Regelmäßigkeit auch noch die einiger anderer Protagonisten thematisiert werden. Ja, natürlich ist Karl-Heinz Rummenigge vorbestraft, und natürlich ist er das völlig zu Recht.

Es ist auch unstrittig, dass Franck Ribéry Sex mit einer minderjährigen Prostituierten hatte. Und freigesprochen wurde, aber selbst wenn dem nicht so wäre: mir erschließt sich in beiden Fällen, die ich, jeden für sich, für verurteilenswürdig halte, und die, jeder für sich, medial hinreichend intensiv begleitet wurden, schlichtweg nicht, woher ihre Relevanz für eine sportliche Bewertung der Saison 2013/14 kommen soll, wieso sie jetzt aus einer Schublade hervorgekramt werden, in der sie noch nie wirklich verschwunden waren. Da kann ich es noch so oft lesen.

Andere sehen das anders, ich weiß. Nicht nur die, die es schreiben. Oder im persönlichen Umfeld sagen, die habe ich auch. Und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man einfach nicht hinnehmen kann, wie gut der ungeliebte Verein aus München sportlich derzeit ist. Dafür lobt man ihn, klar, alles andere wäre nun wirklich realitätsverweigernd, aber man reichert es eben auch an, um weniger liebenswerte Aspekte. Oder verachtenswerte. Um die Komplimente ein bisschen zu entwerten.

Der Sprung zum „backhanded compliment“ will mir nicht so recht gelingen. Wäre ein bisschen schief. Aber irgendwie muss die Überschrift ja wenigstens ansatzweise begründet werden.

 

Rückfall

Früher trank ich meinen Kaffee stets mit Zucker. Aus mir nicht erinnerlichen Gründen hörte ich irgendwann damit auf, gewöhnte mich daran, mochte ihn ohne. Monate später schüttete ich, vermutlich gedankenverloren, aus mir nicht erklärlichen Gründen wieder Zucker in meinen Kaffee. Na ja, trank ich ihn halt.

Früher reimte ich auch recht regelmäßig ein bisschen. Aus guten Gründen hörte ich irgendwann damit auf, gewöhnte mich daran, mochte mich ohne. Monate später schüttelte ich, vermutlich gedankenverloren, aus mir nicht erklärlichen Gründen wieder ein paar gereimte Zeilen zusammen. Na ja, schrieb ich sie halt auf.

 

„Nimm mich!“, sagte Alex zu And-
re. Doch Andre sprach: „Nein, ’s war der and-
re.“ Drauf Alex: „Das gibt’s nicht –
Mensch, verweis‘ doch den Gibbs nicht!“
Doch er redete gegen ’ne Wand.

re: Gibbs, and the Ox, und die Karten:
da war wohl nicht mehr zu erwarten.
Die FA war nicht kleinlich
(es war ihr zu peinlich),
ließ beide beim nächsten Spiel starten.

Im einen Fall gibt’s kein Vertun
(Ihr Erben, was saget Ihr nun?):
es gelang ihm – hört, hört! –
(der Satzbau verstört),
in der Tat nicht nicht gar nichts zu tun.

Nummer zwei wollt‘ nen Heldentod sterben:
sprang ab, um sich „rot“ zu erwerben.
Die Parade: ne Schau!
Doch dem Schützen (der Sau!)
gelang’s, ihm die Tat zu verderben.

Ich hab das mal ausdekliniert:
wenn der Schiri im Flug deduziert,
wohin der Ball flöge,
ihn der Schein aber tröge,
dann wird‘ seine Karte kassiert.

Die Absicht des Täters: egal.
Bestrafung? Was war das nochmal?
Der Ball wär nicht rein.
Drum: Freispruch? Wie fein!
Nicht gesperrt. Nicht verwarnt! Geni.al!

 

Ganz offensichtlich hatte ich es mit dem Zucker übertrieben.

Soundsoviele Zeilen, die der Fußball schrieb (LII). Ein langer, selbstreferenzieller Abgesang.

9. Januar 2014

Vor ‘nem Jahr hatt’ ich mir einen Plan gemacht –
meine Reimlust war weihnachtlich angefacht:
wollt’ Erinn’rungen teilen
– jede Woche fünf Zeilen.
Geschichten zum Fußball war’n angedacht.

Hab’s terminlich (erstaunlich!) gepackt,
nur die zweinfuffzich ziemlich verkackt.
(Da hätt’s eh keiner g’lesen,
ist nach Weihnachten g’wesen.)
Darum nun: neues Jahr, letzter Akt:

 

Der Fußball hat klare Statuten:
das Spiel dauert 90 Minuten.
Elf Spieler pro Mannschaft,
wovon einer per Hand schafft,
und am Ende gewinnen die Guten.

Die Guten? Die Bess’ren. Erkoren
wird der Bess’re ausschließlich nach Toren.
Mancher Sieg sei zwar “dreckig”,
doch was zählt: rund in eckig.
(Wird gern aus den Augen verloren.)

Denn es geht bei dem Sport nicht um viel:
„ein Tor mehr“ – letztlich ’s einzige Ziel.
Klingt arg digital?
Wird auch mal zur Qual!
Doch es ist halt kein B-Noten-Spiel.

 

 

Ist jetzt fast ’n bisschen getragen, so als Abschluss, ne? Kein Anekdötchen, keine Aneinanderreihung von Dopern, Schwalbenkönigen oder Pechvögeln, keine Hommage an einen Spieler oder auch eine Spielerin, einfach nur was Grundsätzliches zum Spiel, das ich noch dazu so bzw. in anderer Form schon gelegentlich zu Blog gegeben habe. Und keine Geschichte im unmittelbaren Sinne.

Mittelbar schon, wenn man sich manch böse Defensivtaktik (Was erlauben die sich!?) oder das eine oder andere späte Tor vor Augen führt, das den Spielverlauf klassisch auf den Kopf gestellt habe, wenn man über Pech oder gar überragende Torwartleistungen philosophiert, oder auch über Rory Delaps Einwurfstärke, die ja eigentlich gar nicht so recht zum Fußball gehöre: Geschichten über Geschichten.

Wer nun in Fußballgeschichten über vermeintlich unverdiente Siege, ungerecht verpasste Europapokalsiege oder Meisterschaften der Herzen schwelgen oder sonst etwas Sinnvolles tun möchte, anstatt sich mit der weinerlichen Selbstreferenzialität des Hausherrn zu befassen, dem sei für die Lektüre gedankt und ein fröhliches „Bestmögliche Entscheidung!“ mit auf den Weg gegeben. Sollte sich jemand anders entscheiden, so heiße ich ihn oder sie herzlich willkommen in meiner kleinen rückblickenden Seelenwelt.

„Getragen“, hatte ich oben mit Blick auf den 52. Akt geschrieben. Das mag vielleicht nicht die richtige Vokabel sein; zumindest aber könnte man den Eindruck gewinnen, dass es zum Projektende so’n bisschen ums große Ganze gehen soll, gerade so, als wollte man, also ich, abschließend noch etwas von Belang sagen. Was vermutlich weder abwegig noch verwerflich ist, wenn man ein längeres Projekt abschließt.

Ein Projekt, das einen über ein Jahr lang tatsächlich kontinuierlich begleitet hat. Das einen dazu bringt, Alltagssituationen nicht mehr stets – mitlesende Twitternutzer werden mit dem Kopf nicken – möglichst originell in 140 Zeichen zu packen, sondern vielmehr dazu, fußballspezifische Inhalte, die einem so über den Weg laufen, und das sind gar nicht so wenige, konsequent in Anapäste oder auch Amphibrachys pressen zu wollen, noch dazu mit vorgegebenem Reimschema. Was immerhin den Vorteil hat, dass man sich abends, wenn die Lust, sich unwillentlich mit hängengebliebenen beruflichen Themen oder dergleichen zu beschäftigen, sehr überschaubar ist, stattdessen in den Schlaf reimen kann.

Zudem kommt so ein erschlafener Reim, vermutlich der Prägnanz geschuldet, nach dem Aufstehen viel eher wieder zurück als eine möglicherweise ganz gelungene Prosa-Formulierung für einen Text mit weniger strikten Formalkriterien. Letztere habe ich – reden wir nicht drumherum – im Lauf des Projekts natürlich nicht konsequent erfüllt, was zum Teil gewollt, zum Teil ungewollt mangels besserer Lösungen, zum Teil auch von mir selbst unbemerkt erfolgte. Vor allem, aber nicht nur, am Anfang.

Also jenem Anfang, der streng genommen noch gar nicht zu besagtem Projekt zählte, sondern eine adventliche Vorstufe war, damals, im Dezember 2012, als der VfB-Kader in Fünfzeilern beschrieben wurde. Was insofern nicht ganz trivial ist, als man vereinfachen, verkürzen, letztlich auch beugen muss. Nein, nicht muss. Aber man tut es. Nein, nicht man. Ich tat es. Des Reims wegen, der Metrik wegen, möglicherweise auch der Pointe wegen.

Nicht fair, ne, den Betrachteten gegenüber? Stimmt. Das habe ich dann beim Adventskalender 2013, den man mit der nötigen Freiheit in der Interpretation dann wohl auch zum Projekt zählen darf, sehr deutlich erkannt. Nachdem es mir gelungen war, für die 24 Türchen liebenswerte Internetmenschen für je einen Fünfzeiler zu gewinnen, versäumte ich es, mir schlicht die Hände zu reiben und für die abgenommene Arbeit zu danken. Vielmehr verfiel ich auf den Gedanken, eben jenen Menschen anstelle einer kurzen Hinführung zu ihrem Werk und einer Verlinkung zu ihren Online-Veröffentlichungsorten jeweils zuzusätzlich ein ebenfalls fünfzeiliges Porträt zu widmen.

Verzeihung, da steckten jetzt mindestens zwei Ungenauigkeiten drin: zum einen handelt es sich nicht um Porträts. Um Ausschnitte davon vielleicht, pointierte Ausschnitte. Zum Teil auch nur um von mir als witzig wahrgenommene Anekdoten, um Einzelaspekte, Charakterzüge, zum Teil längst vergessene Konversationen, die niemand mehr nachvollziehen kann.

Zum anderen hatte ich zu Beginn keineswegs vor, 24 (bzw. 26, glaube ich) solcher „Porträts“ zu erstellen. Dummerweise dachte ich aber nicht groß nach, ehe ich dem ersten Spenderfünfzeiler aus einer Laune heraus fünf eigene Zeilen zur Seite stellte – und dann nicht mehr recht zurück konnte. So lief ich einerseits Gefahr, dem Dichter oder der Dichterin ein wenig von ihrem verdienten Rampenlicht (auf einer ohnehin spärlich ausgeleuchteten Bühne) zu rauben bzw. der Raubabsicht verdächtigt zu werden; andererseits sieht es eben auch ein bisschen seltsam aus, wenn man einzelne Gäste formgerecht würdigt, eine ebensolche Behandlung aber nicht allen zuteilwerden lässt.

Also doch: Porträts für alle. Beziehungsweise Ausschnitte, pointierte Ausschnitte, von mir als witzig wahrgenommene Anekdoten, Einzelaspekte, Charakterzüge, zum Teil längst vergessene Konversationen, Sie wissen schon. Bei manchen fällt das relativ schwer, bei anderen nicht ganz so leicht. Bei den einen fallen einem (hier: mir) nur viersilbige Begriffe mit unglücklich platzierten Hebungen ein, andere können sich aus namentlichen Gründen vor reimenden und metrisch passenden Assoziationen gar nicht retten, sodass die Hauptaufgabe des Reimenden, also meine, in diesen Fällen darin besteht, die Lesenden kürzend und vor allem selektierend zu schützen.

Was ich sagen will: verdammt heterogen, diese Begleittexte. Und zum Teil unangemessen oder gar irreführend überzeichnet. Vermutlich liegt es in der Natur der fünfzeiligen Sache, was es aber nicht besser macht.

Nein, ich schreibe das nicht, um Widerspruch zu ernten, sondern mit etwas Abstand und aufrichtig zerknirscht. Ich will gar nicht verhehlen, dass ich mit dem einen oder anderen meiner Adventskalenderbegleittexte sehr zufrieden bin. Andere halte ich für durchwachsen, wieder andere für gut, aber inhaltlich unglücklich, oder für sprachlich mittelprächtig, inhaltlich aber treffend, undsoweiterundsoweiter.

Aber ich hätte mir all das vorher überlegen müssen, anstatt halbblinden Auges einfach mal etwas anzufangen, von dem ich hätte wissen können, dass es über kurz oder lang schwierig wird, dass ich dem einen oder der anderen nicht gerecht werde, dass ich Schwerpunkte setze, in denen sich manche(r) Porträtierte, nachdem er oder sie mir mit dem jeweiligen Fünfzeiler eine große Freude gemacht hat, nicht so recht wiederfindet.

In unserer Abizeitung wurde der gesamte Jahrgang porträtiert. In Vierzeilern, glaube ich, vielleicht waren es auch acht. Über mich stand etwas von meiner Liebe zu Hefeweizen, des Reims wegen. Tatsächlich habe ich in meinem Leben noch kein Hefeweizen getrunken. Nicht wichtig, keine Frage. Aber aus dem Umstand, dass ich mich noch heute daran erinnere, mag man ableiten, wie völlig egal mir diese Beugung damals war. Wenn einige meiner adventlichen Gäste ganz genau wissen, was ich meine: sorry, tut mir leid.

Umrahmt von Adventskalendern (ob man von einem umfassenden Reim sprechen darf?) machte das eigentliche Projekt „Fünfzeilenfussball“ einfach nur sehr viel Spaß. Ich sagte bereits, dass Reim- und Denkschemata sich vermischten, überlagerten, vereinten, und bereits jetzt, ein paar Tage nach der Niederschrift der letzten Fünfzeiler, kann ich auf den einen oder anderen Abend, manche Dusche oder auch einzelne Kaffeepausen zurückblicken, in denen ich das Bemühen, manchmal auch Ringen, um Silben und Endungen vermisst habe.

Sie schütteln den Kopf? Nun, ich kann Sie beruhigen: das wird sich legen. Ach, Sie schütteln den Kopf gar nicht deshalb, sondern vielmehr angesichts des Umstands, dass sich ein erwachsener Mann so zeitintensiv mit einer wenig ernsthaften und recht trivialen Gedichtform befasst? Kann ich nachvollziehen. Aber so ist das halt mit Hobbys.

Umso mehr freue ich mich, dass sich eine kleine und aus meiner Sicht sehr feine Schar gefunden hat, die immer wieder auf meine Zeilen reagiert hat, die mich in den Kommentaren korrigiert, kritisiert, ergänzt und einiges mehr hat – häufig selbst in fünf Zeilen, schöne Sache, das. In der Adventszeit 2013 sind gar, zu meiner (meist) stillen Freude, andernorts eigene Sammlungen entstanden. Andere verlinkten per Twitter, retweeteten, kommentierten dort, die Fokusfußballer wiesen des Öfteren darauf hin, was sich dann auch stets in den Zugriffszahlen bemerkbar machte. Danke schön.

That being said: sie bleibt eine Nische, diese Fünfzeilerei. Reichweite schafft man sich damit eher nicht. War zumindest bei mir nicht so. Stattdessen verprellt man – so mein Eindruck, der mich aber nicht allzu sehr anficht – den einen oder die andere Mitlesende, die mit dieser ständigen Reimerei nicht viel anfangen können, die Meinungen zu aktuelleren Themen austauschen wollen, ohne auf irgendwelche formalen Beschränkungen zu achten, die über Sven Ulreich schimpfen oder Fredi Bobic loben möchten, oder vice versa. (Endlich mal wieder ein bisschen VfB-Content hier hereingeschmuggelt.) Ist halt so.

Mal schauen, wie’s hier so wird ohne Fünfzeiler. Oder sagen wir: ohne wöchentliche Fünfzeiler. Man braucht ja ein Hintertürchen.

(Auf einen abschließenden Reim wird verzichtet. Zu getragen.)