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TeWe – Torwartwechsel!

22. Juni 2015

“TW. …
TeeWee!  …
TeeeWee-he! …
Torwartwechsel, verdammt noch mal!!”

So hieß es in jenen Achtzigern, von denen wir gerne mal lesen – mittlerweile vielleicht auch nicht mehr so gerne, die Sättigung, Sie wissen schon – dass sie angerufen haben und irgendwas zurückwollen, so hieß es also tagtäglich auf dem Bolzplatz, und so heißt es auch heute, will sagen: gestern vorgestern vor Tagen letzte Woche, ist schon fast nicht mehr wahr, beim VfB: Torwartwechsel! Wie schon im Jahr 2008.

Und was haben wir uns gefreut damals, als Armin Veh endlich das personifizierte Missverständnis Raphael Schäfer aus dem Tor nahm und durch „Eigengewächs“ Sven Ulreich ersetzte. Ein aufstrebender Kerl war er, hochtalentiert, so hieß es, sei er, wie so viele VfB-Nachwuchstorhüter vor ihm, ein junger, na ja, Wilder fast, der an die Tradition des aus dem Nachwuchs gekommenen und als Meister nach Spanien gegangenen Timo Hildebrand – ein weiteres großes Missverständnis – anknüpfen sollte. Dem man auch nachzusehen bereit war, dass noch nicht alles so rund laufen konnte, dass er gelegentlich ein bisschen flatterte, im Umgang mit dem Ball nervös wirkte und auch mal eine Flanke fallen ließ. Auf der Linie konnte er was, war oiner von uns und hätte vor allem niemals einen Platzverweis für Cacau gefordert.

Vielleicht sahen wir das nicht alle so, vielleicht vermittle ich nur die Meinung einer weniger Leute aus meinem engeren Stadionumfeld, oder auch nur meine eigene. Die bereits einige Wochen später zumindest dahingehend etwas relativiert war, dass wir es allem Anschein nach nicht mit einem neuen Manuel Neuer, Iker Casillas oder Bodo Illgner zu tun hatten – allesamt Herren, die in sehr jungen Jahren ein Bundesligator zu hüten bekamen und vom ersten Tag an den Eindruck erweckten, dass sie es nicht mehr verlassen würden (ja, ich weiß, Casillas und Sánchez), und die sich vielmehr schon bald ihre ersten internationalen Sporen verdienten.

Armin Vehs erneuter Torwartwechsel, zurück zum Missverständnis, mag damals hart und harsch gewesen sein, er hätte gar, unter unglücklicheren Umständen, Ulreichs Bundesligakarriere beenden können, bevor sie recht begann. Argumente dafür gab es gleichwohl. Ulreich hatte nicht geglänzt, selbst Europa stand, aus heutiger Sicht nur schwer vorstellbar, auf der Kippe.

Dort spielte dann im Jahr darauf Jens Lehmann, und Ulreich durfte von ihm lernen. Zwei Jahre lang, und natürlich hofften wir, und wiederum vereinnahme ich zumindest meinen Stadionnachbarn, dass er von Lehmann all das hinzulernen würde, was ihn zu einem sehr guten Torwart werden ließe. Wir dachten an eine offensive, von großem Spielverständnis geprägte Spieleröffnung, an schnelle, präzise Abwürfe, an eine einschüchternde Selbstverständlichkeit im Angesicht des Gegners.

Nun, fair war das nicht. Auch Jens Lehmann konnte mit Anfang zwanzig einem heraneilenden Stürmer nicht durch seine bloße Präsenz vermitteln, dass es für ihn, den Spieler, gegen ihn, den Torwart, nichts zu holen gibt, und auch Jens Lehmann verfeinerte seine fußballerischen Stärken und seine Fähigkeit, das Spiel sehr schnell sehr schnell zu machen, im Herbst seiner Karriere bei Arsenal noch einmal beträchtlich. Und doch waren wir nach Lehmanns Abgang und Ulreichs Aufstieg zur Nummer eins ein bisschen enttäuscht. Natürlich war er auf der Linie nach wie vor bemerkenswert stark und in Eins-gegen-eins-Duellen sehr geschickt; aber wir hatten halt Lehmann gesehen.

Nein, fair war das nicht. Wir hatten uns eben etwas anderes erhofft, die Realitäten ein bisschen beugend. Wir wollten einen Ulreich, der in der Zwischenzeit nicht nur gelernt habe, sondern auch gereift sei, der nicht nur in der Lage sein würde, das Spiel zu eröffnen, mit Hand und Fuß, das Spiel schnell zu machen, sondern der auch in der Lage sei, seinen Vorderleuten deutlich zu machen, dass sie gefälligst in Positionen zu sprinten hätten, die er dann anspielen könnte. Das konnte er nicht.

Und so arrangierten wir uns mit ihm, manche mehr, manche weniger. Natürlich wurde er gefeiert, auch zu Recht, weil er immer wieder großartige Paraden zeigte, Tore verhinderte, Punkte rettete – und das als Schorndorfer Junge. Irgendwann kamen wir gar an den Punkt, an dem einzelne Leute aus dem Verein oder dessen Umfeld laut darüber nachdachten, dass dieser Ulreich doch einer für die Nationalelf sein könnte. Bald glaubte er es sogar selbst, oder ließ es sich zumindest von seinem Berater einflüstern. Ich wäre nur zu gern Mäuschen gewesen, als Joachim Löw erstmals von dieser Ambition hörte.

Wie auch immer: der VfB setzte auf ihn. Ließ Bernd Leno ziehen, von dem alle Welt, zumindest aber meine kleine, überzeugt war, dass er der bessere, komplettere, vielleicht schon damals reifere Torhüter sei. Es ist müßig, über die Beweggründe des Vereins zu spekulieren. Geld war einer, gewiss, und auch sonst ist uns nichts Menschliches fremd, und es kam eben so.

Das Meinungsbild unter den VfB-Fans war kein einheitliches, es bildeten sich Fraktionen und Fronten. Die einen feierten den Sohn der Region, die Identifikationsfigur, den Torwart mit in einigen Bereichen hervorragenden Fähigkeiten. Die anderen bemängelten seine weniger ausgeprägten Stärken, bzw. nicht zuletzt den Umstand, dass sich an eben diesem Profil wenig änderte: die Schwächen blieben, er wurde nicht besser. Im Gegenteil, fanden nicht wenige, und allmählich bröckelte auch der unbedingte Rückhalt im Verein.

Unter Bruno Labbadia fand er sich ein zweites Mal auf der Bank wieder, wenn auch nur kurz, weil sich sein Ersatz Marc Ziegler in dessen erstem Spiel als möglicherweise neuer Stammtorhüter so schwer verletzte, dass Ulreich nicht nur während des Spiel seinen Posten wieder einnahm, sondern sich seiner auch gleich wieder langfristig sicher sein konnte. Er nutzte die geschenkte neue Chance und hielt fürderhin sehr anständig, sodass seine Position außer von ein paar konsequenten, aber irrelevanten Nörglern, zu denen ich mich auch zählen darf, lange Zeit nicht mehr hinterfragt wurde.

Dabei wollten wir doch nur einen Konkurrenzkampf auf Augenhöhe. Ergebnisoffen, wie man heute so gerne sagt, und wie er Bernd Leno nie gewährt wurde. Der VfB holte über die Jahre eine ganze Reihe junger Torhüter, die man – so wurde es zwischenzeitlich kaum verklausuliert nach außen getragen – besser machen und mit Gewinn verkaufen wollte.

Die Stuttgarter Torwartschule powered by Andreas Menger, sozusagen, und ich weiß nicht so recht, was dabei an Zählbarem herausgekommen ist. Der Gedanke an die Gerry-Ehrmann-Schule liegt nicht ganz fern, wenn auch nicht vom Spielstil her. Sie wird gerne mal belächelt, aus nachvollziehbaren Gründen, aber sie hat auch zwei spätere Nationaltorhüter hervorgebracht. Aus der Menger-Akademie fällt mir auf Anhieb keiner ein.

Ja, das hinkt. Zweifellos. Und doch: die Lobeshymnen, die dereinst auf Menger, vermeintlich einen der innovativsten Torwarttrainer im deutschen Fußball gesungen wurden, hört man, höre zumindest ich heute nur noch recht selten, und wenn, dann doch eher leise. Womit wir, die jungen Hüter der dritten Reihe einmal außer Acht lassend, wieder bei der Frage wären, ob Sven Ulreich in den letzten Jahren besser geworden ist. Oder wie es diesbezüglich um Thorsten Kirschbaum bestellt ist, der in den letzten Jahren Ulreichs Herausforderer sein durfte und im vergangenen Herbst von Armin Veh – wir erinnern uns an 2008 – unter Wettkampfbedingungen gewogen und allenthalben für zu leicht befunden wurde.

Man mag es, um doch bei Ulreich zu bleiben, für nebensächlich erachten, dass der Spielaufbau seit Jahren in unterschiedlich starker Ausprägung zu einem nicht unwesentlichen Teil aus Abstößen auf Martin Harniks Kopf besteht. Bei etwas mehr Erfolg könnte man den Umstand, dass dieser, wenn man so will, Spielzug unter VfB-Anhängern längst den Status eines Running Gags erreicht hat, sogar entspannt weglächeln.

Tatsächlich bleibt vielen Fans das Lachen aber eher im Halse stecken, spätestens dann, wenn die gegnerische Mannschaft beim Stuttgarter Abstoß einen Gutteil ihrer Spieler in einem kleinen Radius um Harnik herum konzentriert. Zugegeben: ich hatte immer gehofft, dass Ulreich den Ball irgendwann einmal völlig überraschend in die andere Richtung schlagen, den Gegner düpieren und ein Tor einleiten würde. Tja, schade. Nicht in diesem Leben.

Natürlich ist das nicht das zentrale Kriterium. Aber man fragt sich, wie es dazu kommen kann? Wieso lässt das jeder einzelne Trainer zu, fördert es vielleicht sogar? Weshalb übt es der Torwarttrainer seit Jahr und Tag mit ihm ein? Warum übt er nichts Anderes? Sind die Mitspieler nicht in der Lage, anders aufzubauen? Mag ja sein, zumindest nicht immer. Aber wenn dem so sein sollte: kann Ulreich wirklich nur von rechts nach rechts abstoßen? Und wenn ja, warum? Wieso lässt sich das nicht ändern? Dass man es nicht wollen könnte, übersteigt ehrlich gesagt meine Vorstellungskraft. Weshalb habe ich in den letzten fünf Jahren in Summe nur eine einstellige Anzahl an Abwürfen von ihm gesehen?

Steigere ich mich in etwas hinein? Ja, vielleicht. Noch dazu in Nebensächlichkeiten? Auch da: vielleicht. Schließlich steht außer Frage, dass Sven Ulreich ein sehr solider Torwart ist, der seine Kernaufgabe in ihrer klassischen Ausprägung ausnehmend gut erfüllt: Bälle halten. Insbesondere, wie bereits gesagt, auf der Linie und eins gegen eins. Über die Strafraumbeherrschung kann man diskutieren, bei flachen Hereingaben von außen habe ich die eine oder andere seltsame Aktion bildlich vor Augen, dennoch: ein verlässlicher Backup, wie es beim FC Bayern in der Vergangenheit schon den einen oder anderen gab, bzw. in Tom Starke noch gibt. Und vielleicht hat Manuel Neuer in Sachen Spieleröffnung ja didaktische Vorteile gegenüber Jens Lehmann.

Überrascht hat es mich dennoch. In mehrfacher Hinsicht. Dass Ulreich geht, ist bei näherer Betrachtung vielleicht am wenigsten überraschend. Es wirkt, als habe er Signale aus dem Verein erhalten, die seinen Status zumindest in Frage stellen, da kann man schon mal drüber nachdenken, ob es nicht woanders schöner ist. Wenn dann noch recht wenige Vereine zur Auswahl stehen, wo man mit fest davon ausgehen kann, als Nummer eins gesetzt zu sein (man frage nach bei Sebastian Mielitz, Fabian Giefer oder Raphael Wolf), hat so ein Arrangement als Nummer zwei mit dem einen oder anderen Pflichtspieleinsatz und ein paar Euro mehr durchaus das eine oder andere Argument auf seiner Seite.

Gleichzeitig lässt der VfB zwar einen langjährigen Stammspieler und eine Identifikationsfigur für viele Fans – die sich dann auch nicht entblöden, ihm ihre Liebe effektreich zu entziehen – vom Hof gehen; der Verein windet sich aber auch vergleichsweise elegant aus einer Meinungsverschiedenheit mit Teilen der an das Gute aus der Region glaubenden Fans heraus und kann die Handlungsoptionen des neuen Trainers ausweiten.

Ob sich der FC Bayern einen Gefallen tut, ist da schon eher diskutabel. Oder anders: ob solide reicht, weiß ich nicht, und ob Ulreichs fußballerische Fertigkeiten deren Trainer (Sie erinnern meinen Mäuschenwunsch? Ich adaptiere.) glücklich machen, erscheint mir dann doch zweifelhaft. Aber wie gesagt: vielleicht kann man’s ja einfach üben. Letztlich sollen sich diesen Kopf andere zerbrechen, was man in München ja auch tut – und zufrieden wirkt. Wohlan!

Herr Ulreich, machen Sie’s gut. Ja, Du auch, Ulle, meinetwegen. Ich hab mich oft über Dich geärgert, manchmal zu Unrecht, oft über Kleinigkeiten, häufig aus einer Übersensibilität heraus. Aber ich weiß, dass Sie nicht mehr als viele andere, und deutlich weniger als einige andere andere, dafür können, dass der VfB heute da steht, wo er eben steht. Und ich hab Sie auch gar nicht so selten gefeiert. Sie haben tolle Spiele abgeliefert, großartige Paraden gezeigt, und seien wir ehrlich: das Ding von Kachunga kurz vor Schluss, da haben Sie “uns” dringehalten. Danke dafür, und ganz gewiss auch dafür, dass Sie immer mit Herzblut dabei waren.

Und jetzt: Torwartwechsel!

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Von Trainern und Leisten

9. Dezember 2014

Landauf, landab pfeifen die Rotkehlchen gerade den Namen Dutt von den Dächern. (Verzeihung.) Parallel dazu wird diskutiert, ob er denn eine gute Lösung für den vielleicht, vielleicht aber auch nicht vakanten Sportdirektorenposten des VfB wäre. Um es vorweg zu nehmen: ich weiß es nicht.

Das gilt unabhängig vom VfB. Ich weiß schlichtweg nicht, ob Herr Dutt ein guter Sportdirektor ist, was nicht zuletzt daran liegt, dass er noch nie als solcher beschäftigt war, nach meiner Kenntnis. Formal schon, klar, beim DFB, aber dass das eine mit dem anderen nur bedingt vergleichbar ist, dürfte auf der Hand liegen.

Was ja erst einmal ganz gut ist, schließlich sah sich Dutt, wie wir alle wissen, auf dem DFB-Sportdirektorenstuhl de facto deplatziert. Ich möchte mir den inneren Kampf nicht vorstellen müssen, den er dort ausgefochten hat, ehe er zu dem Schluss kam, dass seine Zukunft doch weiterhin auf dem Trainingsplatz, in der Kabine und am Spielfeldrand liege.

Möglicherweise hatte er recht, und möglicherweise hätte er auch jetzt wieder recht, wenn er das Gegenteil behauptete. Es spricht schließlich nichts dagegen, dass sich Meinungen, Vorlieben, Kompetenzen im Zeitablauf verändern.

Insofern würde ich vermutlich auch bald wieder diesen Vergleich aus dem Kopf bekommen, der eine zwischen zwei Frauen hin- und hergerissene junge Frau vorsieht, ja beobachtet, möglicherweise ist es auch ein Mann, und das Geschlecht der beiden Rivalisierenden ist auch nicht ganz klar; eine Person also, die in einer unsystematischen Abfolge eigener oder vom jeweiligen Gegenüber getroffener Entscheidungen zwischen den beiden Optionen pendelt und mal die eine, mal die andere voller Überzeugung als die einzig wahre und endgültige betrachtet oder zumindest so tut.

So ist das eben manchmal im wahren Leben, und wer wäre ich, darüber zu urteilen. Auch wenn mich der plötzliche Abschied vom DFB, das gebe ich naiver Romantiker gerne zu, ein wenig irritiert hat.

Unabhängig davon bleibt bestehen, dass ich Herrn Dutt nicht so recht beurteilen kann. Die Einschätzungen von Leuten, mit denen ich in der Vergangenheit sprach und die zum Teil einen recht guten Einblick haben, variieren in vielerlei Hinsicht sehr stark, helfen mir also auch nicht. Womit wir wieder am Ausgangspunkt wären: „ich weiß es nicht“.

An dieser Stelle könnte ich es nun bewenden lassen, wenn, ja wenn mich nicht noch eine Frage umgetrieben hätte:
Wieso denken wir so oft an (ehemalige) Trainer, wenn Sportdirektorenposten zu besetzen sind?

Eine Hypothese, die ganz gut in einem Tweet des geschätzten Herrn @el_pibe12 zum Ausdruck kommt, der die Kritik an Dutt folgendermaßen kommentierte:

Wir kennen diese Art der Argumentation: Ihr seid nie zufrieden, wärt es auch nicht, wenn ein (oder eben drei) ausgewiesener Meister seines Fachs käme, und ich habe manches für sie übrig. Allein: die drei im Tweet genannten sind mir bis dato nicht als herausragende Sportdirektoren aufgefallen. Was an mir liegen kann.

Entschuldigung, ich will nicht polemisch werden, und es liegt mir fern, Philipps Tweet auf die Goldwaage zu legen. Seine Aussage illustriert nur ganz gut den Gedanken, dass wir Trainer und Sportdirektoren gerne mal über einen Kamm scheren – einen Gedanken, den vermutlich nicht nur viele von uns Fans hegen, sondern auch der eine oder andere Trainer, der sich an einem gewissen Punkt nicht mehr im Trainingsanzug auf dem Platz, sondern eher in übergeordneter Rolle sieht.

Und, um nicht missverstanden zu werden: dieser Gedanke liegt nahe. Es gibt zahlreiche Überschneidungen, wie nicht zuletzt anhand der Position des Managers englischer Prägung deutlich wird, dem hierzulande wohl am ehesten Felix Magath in Wolfsburg und zeitweise auch bei Schalke entsprach.

Auch Armin Veh hatte in Wolfsburg meines Wissens kurzzeitig eine ähnliche Rolle inne. Dass es nicht funktioniert hatte, lag gewiss an mancherlei Dingen; eines davon dürfte nach der Lesart des gemeinen VfB-Fans sein eher mittelgutes Händchen auf dem Transfermarkt gewesen sein. Oder anders: in Stuttgart überraschte es nicht so sehr, dass der Meistertrainer Veh möglicherweise kein meisterhafter Sportdirektor sein würde. Umso bemerkenswerter, dass er auch hier in den vergangenen Monaten immer wieder einmal als möglicher Bobic-Nachfolger gehandelt wurde.

So frug ich mich also, ob denn tatsächlich zahlreiche Geschichten gelungener Übergänge vom guten Trainer, wie auch immer das zu bemessen sei, zum erfolgreichen Sportdirektor verbrieft seien. Natürlich fiel mir (nicht nur) auf Basis unrealistisch erscheinender Stuttgarter Diskussionen der letzten Monate sogleich Ralf Rangnick ein, der in Leipzig zweifellos gute Arbeit leistet. Dass er noch nicht in der ersten Liga angekommen ist und dass er aus einer in mancher Hinsicht überaus privilegierten Position heraus arbeitet, ist mir bewusst.

Auch Matthias Sammer hat gegenüber vielen seiner Kollegen gewisse betriebswirtschaftliche Vorteile auf seiner Seite, die das Geschäft erleichtern. Manche zweifeln zudem an, dass er wirklich ein guter Trainer war (ehrlich gesagt verdränge ich sein Intermezzo als Trainer gerne mal), sowohl in Dortmund als auch in Stuttgart, und die Gründe sind nicht die schlechtesten. Andere hinterfragen seine Rolle in München sehr kritisch, bzw. zweifeln sie grundsätzlich an, was dann ja unmittelbar seine Qualitäten als Sportdirektor negieren würde.

Da mich eben diese Diskussion um Sammers Rolle in München eher langweilt, betrachtete ich ihn in meinem nächtlichen Informationsbeschaffungstweet, lange vor El Pibes Dreitrainertweet übrigens, der Einfachheit halber als gesetzt:

Rangnick und Sammer waren nicht die einzigen, die mir eingefallen waren. Zu denjenigen, die ich noch am ehesten unter „Erfolgsgeschichte“ einordnen würde, zählte Wolf Werner, dessen Leistungen als Trainer möglicherweise nicht allerorten als „gut“ charakterisiert würden, der aber immerhin gut genug war, in der ersten Liga zu arbeiten, oder Helmut Schulte, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er auch als Sportdirektor in der Bundesliga wirkte. In gewisser Weise natürlich auch Felix Magath, während zum Beispiel Otmar Hitzfelds Episode als Sportdirektor bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterließ, oder ganz sicher keinen positiven.

Die Timeline reagierte rasch und nannte unter anderem Werner und Schulte, scherzend auch Magath, zudem Dutt, ohne dass ich die Ernsthaftigkeit jenes Tweets einzuordnen wüsste. Hitzfeld wurde nicht genannt, dafür aber ein paar, die ich nicht auf dem Zettel hatte:

Tobi war nicht der einzige, der Völler nannte, und auch wenn er es dem Anschein nach nicht uneingeschränkt ernst meinte, muss man wohl über Völler nachdenken. Und kann, wie ich, zu dem Schluss kommen, dass seine Trainerstationen (Roma!) abseits der Nationalelf (ja, ja, Teamchef) nicht für eine Bewertung genügen und dass seine Tätigkeit in Leverkusen nur schwer einzuschätzen ist. Will sagen: für mich ist er nach wie vor in erster Linie Mittelstürmer.

 

Aus formalen Gründen nicht wählbar, sag ich mal.

 

Sehr interessanter Gedanke, an Udo Lattek hatte ich überhaupt nicht gedacht. Und kann seine Tätigkeit dort nicht seriös einschätzen; die Symbiose mit Daum war zweifellos eine erfolgreiche, sein Pullover eine schöne Idee. Vermutlich gehört er auf die Liste.

 

Ganz ehrlich: ich kann seine Arbeit in Minsk und Taschkent nicht einmal ansatzweise beurteilen. Und die als Trainer auch nicht.

 

Abseits der genannten oder zitierten Namensvorschläge kamen auch noch vereinzelt weitere Rückmeldungen, zum Beispiel diese hier:

Eben! Wollte ich entgegnen, genau darum ging es mir: dass die bisherige Erfahrung mit Trainern eben nicht zwingend zu dem Schluss führe, sich auf der Suche nach einem Sportdirektor bei den Trainern umzusehen.

Oder andersherum: wer sich bei den führenden Sportdirektoren umsieht, wird darunter nicht allzu viele ehemals große Trainer finden. Gewiss, Klaus Allofs war mal ein paar Monate lang Trainer bei der Fortuna, hat dabei meines Wissens aber keine allzu großen Fußspuren hinterlassen.

Max Eberl und Christian Heidel waren ebenso wenig als Trainer tätig wie Stefan Reuter, Michael Zorc, Jörg Schmadtke, Dirk Dufner, Alexander Rosen oder Michael Preetz, wir können das gerne fortführen, und ja, „führende Sportdirektoren“ ist ein verdammt schwammiger Begriff.

Möglicherweise ist es einfach so, wie Herr @bimbeshausen sagt: Gute Trainer bleiben Trainer.

Glaubt mir keiner, dass er als erklärter Rangnickjünger sowas sagen würde. Ja, ich weiß, da steht „oft“. Aber es scheint was dran zu sein.

Zur Frage nach der Kontrollgruppe: Hitzfeld, vielleicht, nicht im Sinne von „schlecht“, aber eventuell im Sinne von „nicht seine Welt“, auch Veh, wie bereits gesagt. Volker Finkes Arbeit in Köln betrachte ich nicht als sonderlich erfolgreich, Ähnliches gilt für den kurzzeitig doppelbelasteten Markus Babbel in Hoffenheim, bei dem man gewiss auch die Trainerqualitätsfrage stellen kann.

Gute Trainer bleiben Trainer. Gefällt mir.

Immerhin: dass gute Trainer auch gute Sportdirektoren werden können, ist nicht auszuschließen. Und dass Robin Dutt bis dato mindestens phasenweise ein guter Trainer war, nicht von der Hand zu weisen.

Ansonsten gilt weiterhin: ich weiß es nicht.

 

Aufstellungspokerface und mehr

28. November 2014

Tja. War doch eigentlich ein schöner Gedanke gewesen, erst einmal Herrn @yellowled zu zitieren:

Und dann würde ich fragen, ob es denn einen Wert an sich darstelle, alle zu verarschen, wo’s doch eigentlich nur darum geht, ein oder mehr Tore mehr zu schießen als die anderen. Ich würde hinzufügen, mir sei klar, dass der geschätzte Herr @yellowled das auch gar nicht behauptet habe, es aber doch irgendwie mitschwinge, und man sich dann eben an dunkle Zeiten erinnere, in denen man das Gefühl gehabt habe, auch der derzeitige hiesige Bundestrainer sehe eine, wenn nicht die zentrale Herausforderung darin, die heimische Presse und vielleicht en passant auch den Gegner mit der eigenen Aufstellung zu überraschen.

Möglicherweise würde ich einen Schlenker zur Lichtgestalt fahren und auf 1990 verweise, als im Halbfinale gegen England die beiden Kleinen hineinrotierten – ohne dass man damals schon von einer Rotation gesprochen hätte –, von denen einer ungeachtet des Erfolges dann auch wieder hinausrutschte. Vermutlich ginge ich dann zu jenem Aspekt über, dass die Verarsche nicht auf die Aufstellung per se beschränkt sei, sondern auch in individuellen Rollen bestehen könne, die so aus der Aufstellung gar nicht herauszulesen seien. Man denke an Hidegkuti, damals, dessen wahre Position der Legende zufolge nur der große Herberger entschlüsselte, oder an Kroos, der bei der EM 2012 überraschend als Manndecker für Pirlo auflief.

Und dann, so der Gedanke, würde ich direkt zu Veh überleiten, der ja gegen Augsburg ebenfalls ins Klo griff mit der einen oder anderen Überraschung aufwartete. Verzeihung, ins Klo griff er nicht, das ließ sich ja, im Gegenteil, ganz anständig an, auch wenn Ginczek noch nicht allzu viel Gefahr verströmte, auch wenn Hlousek die linke Seite nicht gleich zum Bollwerk machte, Leitner das Offensivspiel nicht revolutionierte und Schwaab einfach nur so spielte wie ein Innenverteidiger war, der außen spielen muss. Dennoch: war ok. Und lief dann halt doch so ganz anders, nachdem die Herren Schwaab, Altintop und Kinhöfer in einem unglücklichen Gemeinschaftswerk nachgerade zinnbaueresk all unsere Erwartungen und Eindrücke komplett über den Haufen geschmissen hatten.

Irgendwie würde ich dann noch einbauen, dass es auch Mannschaften gab und vermutlich immer noch gibt, die einfach qua Qualität, System, Stabilität, Taktik und/oder sonst was ihre Gegner jederzeit in Schach halten, dominieren, zumindest aber schlagen, auch ohne Aufstellungsverarsche. Einschränkend würde ich auf den aktuellen FC Bayern verweisen, der sein Gegenüber trotz ohnehin in vielerlei Hinsicht gegebener Überlegenheit immer wieder aufs Neue zu überraschen versteht, indem er entscheidende Nuancen verändert, wenn man dem über die Maßen begeisterten Philippe Auclair im jüngsten Football-Weekly-Podcast Glauben schenken darf, und welchen Grund hätte ich, der ich das Spiel in Manchester nicht sah, an seinen Worten zu zweifeln?

All das hätte ich also vielleicht geschrieben, wiewohl ohne den Champions-League-Schlenker, der eine Zeitreise erfordert hätte, wenn nicht, ja wenn nicht Armin Veh noch eine weitere Überraschung aus dem Hut gezaubert hätte, die Joe Zinnbauer dann doch vergleichsweise vorhersehbar aussehen ließ. Gewiss, ich höre Euch, die Ihr mir sagt, dass das doch sehr wohl zu Vehs früheren Abgängen passe, unter Verweis auf Rostock, den HSV, die Frankfurter Eintracht, wenn auch in den letztgenannten Fällen weniger abrupt, und überhaupt und sowieso, aber Hand aufs Herz: jedem, der mir glaubwürdig versichern kann, zum jetzigen Zeitpunkt mit Vehs Rücktritt gerechnet zu haben, gebe ich bei nächster Gelegenheit eine Stadionwurst inklusive Kaltgetränk aus. Geschlechtsunabhängig, übrigens.

Dass ich Vehs Rücktritt bedaure, dürften regelmäßige Mitlesende erahnen, oder Menschen, die noch vor zehn Tagen meine Widerrede erlebten, als eine Freundin die klare Meinung vertrat, der Trainer müsse weg. Noch dazu eine Freundin, die sonst nicht für derlei Forderungen bekannt ist, aber das nur nebenbei.

Gleichzeitig ist klar, dass mein Bedauern ganz wesentlich mit der Wertschätzung der Person Armin Veh zu tun hat, mit seiner zur Schau getragenen Unabhängigkeit, seinem Trotz, seinem Ihr-könnt-mich-mal. Sportlich gab’s gar nicht so viele Argumente, wenn man davon absieht, und das tue ich ungern, dass es ihm zumindest gelang, der Mannschaft im Lauf der Saison wieder ein bisschen mehr Tempo einzuimpfen, auch ein bisschen mehr Zug nach vorn. Will sagen: die Richtung stimmte, wiewohl ein bisschen mäandernd, die Entwicklungsgeschwindigkeit stockte indes immer wieder merklich.

Nun denn. Heute diskutieren wir also darüber, wie Huub Stevens aufstellen wird, und wahrscheinlich wird er uns alle verarschen: und wenn dies nur dadurch geschieht, dass er gar kein Kaninchen aus dem Hut zaubert.

Irgendjemand schrieb in dieser Woche, man ersetze den einen Kauz durch einen anderen Kauz, und obschon ich bei dem Begriff immer Catweazle vor Augen habe, der rein äußerlich wahrlich wenig mit dem Styler Veh gemein hat und mit dem man auch Stevens nicht gerecht würde, zeigte sich doch schon anhand der Torwart-Diskussion (… isch abe gar keine Handschuhe), einmal mehr, dass auch Stevens seinen eigenen Kopf und Humor hat. Und dass zumindest in meiner Wahrnehmung der Weg vom trockenen Witz zum aufgesetzten, lahmen Running „Gag“ ein kurzer ist.

Was nichts daran ändert, dass ich die Entscheidung des Vereins für Stevens nachvollziehen kann. Und an meiner Überzeugung, dass sich der VfB mit Stevens recht rasch aus der Abstiegszone herausbewegen wird. Über alles andere denken wir ein anderes Mal nach, nicht wahr?

 

Wald? Stadion!

1. November 2014

Heut geh ich ins Stadion. Ich freu mich wahnsinnig drauf. Ja, Wolfsburg. Nicht so der Bringer, meinen einige. Mag sein. Zumal Maximilian Arnold, den ich ziemlich großartig finde, in jüngster Zeit ein bisschen am Rande stand. Aber: de Bruyne!  Muss ja dennoch nicht grade heute zeigen, was er alles kann.

Die Bilanz gegen den VfL war zuletzt ja auch nicht so prickelnd. Aber da ist immer dieses Gomez-Spiel im Hinterkopf, damals, und auch wenn ich noch nicht weiß, wer heute die vier Tore schießen soll, gehe ich selbstverständlich fest von einem ähnlich deutlichen Sieg aus. Und Tore sollten ja nach den letzten Wochen nicht so das Problem sein. Eigene, wohlgemerkt.

Die letzten Wochen, Sie wissen schon. Leverkusen, und dann eben Frankfurt: 5:4, auswärts, was soll ich sagen?

Also außer: ich hab’s nicht gesehen. Dabei hatte ich vormittags im Familienrat vorgebracht, dass ich endlich mal wieder ein ganzes Fußballspiel sehen möchte, gerade jetzt, da der VfB möglicherweise wieder Fußball spielt, gerne in der Kneipe meines Vertrauens. Die Familie war verständnisvoll, gestand es mir gerne zu.

Aber es war halt ein Samstag. Dann war dies noch zu erledigen, jenes einzukaufen, sonst noch was zu regeln, und – schwupps – war es Mittag, der den Kindern versprochene Waldspaziergang stand noch immer aus, zuerst aber was zu essen, dann noch der Mittagsschlaf der Jüngsten, und schon schlug die Uhr drei Mal, das Wetter war großartig, die wunderbar unternehmungslustigen Mädchen frugen, familienratsvergessen und sowieso noch ohne ausgeprägtes Zeitgefühl, ob denn nun der Waldspaziergang komme, und was soll man dann aneres sagen, so als Vater, der während der Woche auch nicht rund um die Uhr zuhause ist, als: „Klar!“

Zumal es ja beileibe nicht so ist, dass wir es hier mit einem zu erbringenden Opfer zu tun hätten, ganz im Gegenteil; das Vergnügen, mit den Kindern durch das Laub zu waten, ihnen zuzusehen, wie sie Quatsch machen, lachen, sich necken, auch mal rumzicken, lachen, Geheimwege finden, irgendwelchen Kram sammeln, lachen … Verzeihung, ich verliere mich ein bisschen. Vielleicht sollte ich auf die Schattenseiten hinweisen, so zum Beispiel darauf, dass alle paar Minuten meine Unkenntnis der einheimischen Flora bloßgestellt wird.

Wie auch immer: Waldspaziergang. Zumindest so halb. Mit automobiler Anreise, übrigens, und 90elf, das nicht mehr 90elf ist, sondern irgendwie sport1.fm, auf einem Ohr. Das 1:0 war noch zuhause gefallen, aus dem Nichts, quasi, 1:1 bei der Abfahrt, das 2:1 fiel an einer roten Ampel, erreichte mich aufgrund technischer Probleme unmittelbar vor dem Torschuss aber erst ein paar Minuten später. Selten hing mein Sohn so an meinen Lippen wie in diesen Minuten der Ungewissheit.

Am Waldesrand verlangten familiäre Pflicht, familiäres Vergnügen (nicht in dieser Reihenfolge, selbstredend) und die schwache Netzabdeckung einen Umstieg von der Audioberichterstattung auf einen Ticker; kurz darauf trafen wir Menschen, die uns aus dem Wald zerrten und uns in ihren Garten baten, liebe Menschen, mit an diesem Tag ungenutzten Bezahlfernsehensabonnement, übrigens, auf das ich neben jenen Gründen, die ihren Ursprung in meiner Erziehung haben, auch deshalb nicht hinwies, weil mir die kicker-App gerade das 3:1 vermeldet hatte, das Spiel also durch war. Vielleicht sollte ich nicht so sehr auf Jochen Breyer hören.

Telefon weggelegt, gekickt. Mit Kindern. Auf dem frisch eingesäten Rasen, wie der Sohn des Hauses, in Abwesenheit des Vaters, erfreulicherweise erst nach dem Kick verriet. Bei sommerlichem Wetter bedurfte es der einen oder anderen Trinkpause, und in einer solchen nahm ich doch noch einmal mein Telefon zur Hand, und wir alle hatten keinen Spaß daran. 3:4, 4:3, je nach Perspektive. Doof halt.

Ablenken, weiterkicken. Doch nochmal drauf schauen. Ungläubig die App schließen, neu starten, und doch, es stimmt: 5:4. Sich das Telefon aus der Hand reißen lassen. Weiterkicken, ablenken. Sich von ungeduldigen Kindern erneut das Telefon aus der Hand reißen lassen. Fingernägel kauen. Hoffnungslos in Rückstand geraten, weil die Kids die Sache mit der Aufgabenteilung besser drauf haben: einer kickt, einer schaut nach dem VfB. Dem erwachsenen Unterzahlspieler fällt das tendenziell schwerer.

Gewonnen. Also der VfB. Darauf bestanden, die Sportschau zu sehen. Immerhin. Und das Sportstudio. Bundesliga pur, sofern es noch so heißt. Und immer wieder den Kopf geschüttelt. Harnik? Den selbst ich, der ich ihn schätze wie kaum einen anderen VfB-Spieler, was nur zum Teil sportliche Gründe hat, im Grunde abgeschrieben hatte? Und Sararer. Kann doch nicht sein! Werner. Endlich wieder. Und wie!

Nur Herr Veh hat mich ein bisschen enttäuscht. Die Schuhe fand ich dann doch eher fad. Da waren die Herren Breyer und Neureuther deutlich weiter vorne dabei.

Dann fahr ich jetzt mal ins Stadion und vergewissere mich, ob er nachgezogen hat. Manolo Blahniks, oder wie die heißen. Und nach dem Sieg sehe ich mir in irgendeiner Kneipe das Abendspiel an. Die Familie macht den Waldspaziergang heute woanders. Herbstferien und so, und ich hab viel gearbeitet, da kann man schon mal zu Opa fahren. Ich vermisse sie wie blöd, aber heute Nachmittag wird mich der Fußball ein bisschen darüber hinwegtrösten.

4:1, wer auch immer die Tore macht. Passt.

Mir doch egal, ob mir das hinterher auf die Füße fällt.
Meiner Vorfreude tut das keinen Abbruch.

Bleierne Todesser, die ihr Lachen verkauft hatten

1. Oktober 2014

[Inhaltlich irrelevante Nach- und Vorbemerkung: Ich hätte in der Überschrift, wie weiter unten im Text gehandhabt, beim Begriff „Death Eater“ bleiben sollen, anstatt mich auf die akustische Erinnerung an einen Fernsehabend zu verlassen: zunächst stand hier Totesser, die oder der URL spricht noch Bände.]

Samstag, 17 Uhr 30, so ungefähr. Die Cannstatter Kurve leerte sich ganz allmählich, das Gemurmel auf den Treppenabgängen ertönte komplett in Dur, an der einen oder anderen Ecke wurden Gesänge angestimmt, die weder Beleidigungen noch Fäkalien enthielten, auch keine Forderungen nach der Freisetzung einzelner Führungskräfte, sondern zuallererst Freude zum Ausdruck brachten, vielleicht auch ein wenig Genugtuung, gepaart mit übermütigen Einschätzungen zur Rückkehr des VfB. Schön.

Und so ungewohnt. Wäre ich poetisch veranlagt, spräche ich wohl von einem bleiernen Mantel, der sich seit geraumer Zeit über das Neckarstadion gelegt und alle Freude erstickt zu haben schien, und der nun, nach einem biederen 1:0 gegen Hannover 96, wie weggeblasen war.

Ja, um einen solchen Mantel wegzublasen, bedarf es eines sehr starken Atems oder eines besonders schiefen Bildes. Und vor allem einer Reihe von Faktoren, die über das reine Ergebnis hinausgehen. Wobei bereits der Umstand, dass es gelang, eine Führung zu verteidigen, beziehungsweise dass es möglich war, eine Schlussphase ohne Gegentreffer zu überstehen, obwohl man sich große Mühe gegeben hatte, ihn doch noch einzustecken, einem Meilenstein gleichkam.

Man hatte gesehen, dass der VfB in der Lage war, gegen einen Gast, der die Ankündigung seines Sportdirektors, mit einem Punkt zufrieden zu sein, mit viel Leben füllte, dennoch alle drei Punkte einzubehalten. Dies war, abseits aller taktischen Winkelzüge, nicht zuletzt einer insgesamt zupackenderen Leistung als in den Heimspielen zuvor geschuldet, und einer augenscheinlichen Entschlossenheit, das Spiel gewinnen zu wollen, die eine ihrer Symbolfiguren in Filip Kostic fand.

Vermutlich taugt auch Thorsten Kirschbaum zur Symbolfigur, wiewohl der von ihm ersetzte Sven Ulreich eher nicht im Ruch steht, nicht entschlossen genug um die Punkte gekämpft zu haben. Gewiss, die Formulierung „nicht entschlossen genug“ mag nach dem Dortmunder Ausgleich vom vergangenen Mittwoch an der einen oder anderen Stelle gefallen sein und zählte noch zu den wohlmeinenderen, aber das ist wohl eher eine kleine ironische Wendung des Schicksals.

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Ulreich bei einer Hereingabe schlecht aussah, und diesmal hatte die Situation nicht nur besonders unglücklich ausgesehen, sondern sich auch als besonders folgenreich erwiesen: sowohl für die Mannschaft als auch für ihn selbst, der bereits in den Wochen zuvor vom Trainer angezählt worden war, von der gemeinsamen Historie nicht zu reden.

Ich mache keinen Hehl daraus – alles andere ließe sich auch niemandem vermitteln, der oder die hier annähernd regelmäßig mitliest und meine Vorbehalte gegen Sven Ulreich kennt –, dass ich Vehs Entscheidung begrüßt habe, ohne aber genau zu wissen, was wir von Kirschbaum zu erwarten haben, über die Eindrücke aus einer Handvoll Spielen hinaus. Heute sind wir schlauer, wenigstens ein bisschen: der Neue hat solide gespielt, kurz vor Schluss eine Matchwinnerparade gezeigt, die, da habe ich keine Zweifel, auch Ulreich hinbekommen hätte, und er stand weiter vorn.

Was ganz gut in das Argumentationsmuster von Typen wie mir passt, die Ulreich fußballerische Schwächen ankreiden, die auch nach Jahren noch nicht ausgemerzt sind, begleitet von Defiziten in Sachen Gedankenschnelligkeit und Entscheidungsfindung, die uns immer wieder kollektiv aufstöhnen lassen, wenn die Möglichkeit, das Spiel von hinten heraus schnell zu machen, ungenutzt bleibt und wir uns fragen, was Ulreich eigentlich in den zwei Jahren gemacht hat, in denen er Jens Lehmann aus nächster Nähe studieren durfte.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: auch Kirschbaum tat das am Samstag nicht. Was in diesem Fall schlichtweg daran lag, dass sich nur selten (nie?) überhaupt die Option auftat, gegnerische Angriffe abzufangen und eine schnelle eigene Offensivaktion einzuleiten. Es fiel lediglich auf, dass er in der Regel, so redeten wir uns das zumindest ein, etwa 10-15 Meter weiter im Feld stand als Ulreich, aktiver am Spiel teilnehmen zu wollen schien, aber wie gesagt: es passte halt auch ganz gut in unser Narrativ.

Was indes nicht ganz so gut passte, oder eben doch, je nachdem, wie man gestrickt ist: die Einstiegsfrage des Kurzinterviews mit Sven Ulreich, das im Stadionheft zum Spiel veröffentlicht wurde:

„Hallo Ulle, der Saisonstart ist nicht nach Wunsch verlaufen. An welchen Hebeln ist nun anzusetzen?“

Faust. Auge. Realsatire?

Als recht hübsche Realsatire empfand ich auch den Moment, als sich ein Stuttgarter beim Einwurf nicht sonderlich beeilte und sich der Gast darüber empörte. Jener Gast, der seit Mitte der ersten Halbzeit jede Gelegenheit genutzt zu haben schien, sich etwas länger auf den Boden zu legen und die Uhr herunterlaufen zu lassen, und der nun seine Strategie ein bisschen ändern musste. Ich gebe zu: ich schmunzelte, lachte gar. Ob das schon unter Häme läuft, die ich sonst so gerne kritisiere? Vielleicht.

Vielleicht war’s aber auch nur ein großer Selbstbetrug. Vielleicht lachte ich schlichtweg hysterisch, weil mich die Fahrlässigkeit entsetzte, mit der der VfB den Gast ins Spiel kommen ließ, der zuvor in überzeugender Art und Weise die Basisstrategie gegen den VfB verfolgt hatte: Räume eng machen, gut verschieben, den Stuttgartern den Ball überlassen und zusehen, wie sie scheitern. Irgendwann die eigenen Räume nutzen, in Führung gehen, gewinnen.

Ich weiß nicht, wie bewusst die VfB-Spieler dazu übergingen, einen Schritt weiter zurückzuweichen, etwas weniger Mut zu zeigen, das Heft des Handelns weitgehend aus der Hand zu geben. Eine gute Idee war es auf jeden Fall nicht. Um nicht falsch verstanden zu werden: auch in der ersten Halbzeit hatte der VfB kein Feuerwerk abgebrannt.

Immerhin hatte ich aber den Eindruck, dass die Kurz- und Querpässe, derer man sich mangels größerer Lücken in der Hannoveraner Defensive behalf, einige Zeit lang schneller, druckvoller, entschlossener gespielt wurden als zuletzt und so den Gast stärker forderten. Der Mut, in die gelegentlich entstehenden kleinen Lücken zu stoßen, war dabei noch nicht sonderlich ausgeprägt, aber das mag auch viel mit dem nicht so sehr vorhandenen Selbstvertrauen zu tun haben.

Weiter oben hatte ich von mehreren Faktoren gesprochen, die dazu führten, dass man gegen Hannover nicht nur drei Punkte holte, sondern dass vor allem auch eine ganz andere Stimmung im und später um das Stadion herum herrschte. Nicht mehr so, als sei der gesamte Neckarpark von Death Eaters heimgesucht worden. Nun möchte ich keineswegs behaupten, Fredi Bobic sei irgendwann auf die schiefe Bahn und die falsche Seite geraten, praktiziere dunkle Magie und habe nur willfährige Genossen um sich versammelt, oder höchstens zum Teil.

Dass aber der unter der Woche vollzogene Schritt zur befreiten Stimmung auf den Rängen beitrug, dürfte auch von jenen, die nicht nur den Stil, sondern auch die Trennung an sich für kritikwürdig halten, nur schwer verneint werden können. Ganz wesentlich beitrug, wenn man mich früge.

„I don’t want anyone to lose their job“, so oder ähnlich sagt es Barry Glendenning, ich zitierte ihn gelegentlich in anderem Kontext, regelmäßig bei „Football weekly“, und ich sehe mich in aller Regel nicken. Grundsätzlich gilt das auch für Fredi Bobic. Dennoch brachte die Cannstatter Kurve (genauer: das dortige Commando) mein Empfinden ganz gut auf den Punkt: „Fredi, es war Zeit zu geh’n!“, ergänzt um den Dank für seine Verdienste und seine Treue. Passt.

Gerne würde ich mich an dieser Stelle Armin Veh anschließen, der am Mittwoch seine Zuversicht zum Ausdruck brachte, dass Bobic gewiss seinen Weg als Manager machen werde; allein: ich glaube es nicht. Ich glaube noch nicht einmal, dass man mit Bobic, wie Veh ebenfalls sagte, die vier Punkte aus den letzten beiden Spielen geholt hätte. Vielleicht will ich es auch nur nicht glauben.

Dass man sich die Trennung von Bobic anders hätte vorstellen können, steht außer Frage. Früher, vielleicht, nach dem Klassenerhalt zum Beispiel, oder auch später, einen Tag, und auf jeden Fall so, dass man all jenen, die mangelnden Stil unterstellten, nicht ebenso zähneknirschend wie überzeugt zustimmen hätte müssen. Ob die Entlassung letztlich telefonisch erfolgt ist oder doch erst im persönlichen Gespräch, weiß ich nicht, und auch nicht, ob der Unterschied im vorliegenden Fall letztlich doch nur eine Marginalie wäre. Peinlich ist es allemal.

In den ersten Tagen nach der Entlassung hatte ich den Stil kritisiert, grundsätzlich aber gelobt, dass die Vereinsführung getroffene Entscheidungen auch dann konsequent umsetzt, wenn der Zeitpunkt ungewöhnlich oder gar falsch erscheint. Der Begriff “Überzeugungstäter“ war in meinem Kopf herumgeschwirrt, wie möglicherweise auch in dem von Armin Veh.

Da mittlerweile jedoch relativ klar scheint, dass die handelnden Personen de facto von mindestens einem ganz besonders wichtig(tuend)en Menschen zu diesem raschen Schritt gedrängt wurden, der sein Wissen nicht für sich behalten konnte oder wollte, bin ich, abseits der inhaltlichen Entscheidung, in erster Linie verärgert. Ich möchte weiterhin über die kommunikativen Auswüchse der Aufsichtsräte anderer Vereine lachen können, ohne ständig an den Balken im eigenen Auge zu denken.

Und nun, wie geht es weiter? Mir gefällt, dass Bernd Wahler an Ralf Rangnick denkt. Aber ich mag es ja auch, wenn er von der Champions League redet, irgendwie. Illusionen machen das Leben rosarot.

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass wir uns derzeit auf dem Sportdirektorenmarkt in einer Situation befinden, wie wir sie jahrzehntelang bei den Trainern erlebt haben: bloß nicht außerhalb des Karussells denken! Vielleicht liegt das auch nur an mir, der ich keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft und –markt habe. Allein: den anderen TeilnehmerInnen an der öffentlichen Diskussion scheint es ganz ähnlich zu gehen.

Ich habe keine Ahnung, wer es könnte, und vor allem: wer es gut könnte. Natürlich ist der Name Rangnick attraktiv. War er Ende der Neunziger übrigens auch, wir erinnern uns. Ich weiß noch nicht einmal, wer es nicht könnte. Vielleicht wäre Jens Todt ja ein guter, auch wenn ich es a priori nicht glaube. Oder Bruno Hübner, frisurunabhängig. Vielleicht wartet Christian Heidel ja nur auf die Gelegenheit, sich außerhalb von Mainz zu beweisen, wer weiß? (Ich habe eine Vermutung.)

Und womöglich wäre eine Doppelspitze aus Guido Buchwald und Thomas Berthold das Nonplusultra, beraten von Uwe und Hansi Müller. Auch hier habe ich eine Vermutung. Letztlich aber keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft. Hoffentlich hat sie Herr Wahler. Oder die Menschen, mit denen er sich berät.