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Normalität

20. Mai 2016

Gestern fand das Hinspiel der diesjährigen Relegation um den letzten verbleibenden Bundesligaplatz für die kommende Saison statt. Es wurde überschattet von den Geschehnissen um den offenbar schwer erkrankten Marco Russ, und vor allem anderen wünsche ich ihm von Herzen eine baldige und vollständige Genesung.

Nicht ganz unerwartet verschob sich das öffentliche Interesse im Vorfeld des Spiels zusehends weg vom rein Sportlichen hin zum Schicksal des Spielers; die als bewusste Geste interpretierte Entscheidung, ihn und nicht den etatmäßigen, aber lange verletzten Spielführer Alex Meier die Kapitänsbinde tragen zu lassen, verstärkte diese Tendenz weiter. Die Geschichte des Spiels ist bekannt: Russ brachte seine Mannschaft durch ein Eigentor in Rückstand, das bundesweite Aufstöhnen war zu erahnen, das Bedauern schmerzte körperlich. Der Wille, seinen Lapsus auszumerzen, war ihm fortan deutlich anzumerken – es war schließlich ein Relegationsspiel – und später sah er nach einem Foul eine gelbe Karte, die eine Sperre für das Rückspiel zur Folge hat.

Dass die sportliche Betrachtung angesichts der Vorgeschichte ein wenig in den Hintergrund rückte, war wohl unvermeidlich und ist im Grunde zu begrüßen: natürlich steht die Gesundheit über allem, und es ist beruhigend, dass die individuellen Kompasse hier in der Regel verlässlich funktionieren. Gleichzeitig boten die Begleitumstände – der Dopingverdacht, der Zeitpunkt der Veröffentlichung, die Kapitänsbinde – auf der einen Seite zu viel Gesprächsstoff. Auf der anderen Seite zeigten sie auch echten Diskussionsbedarf auf: zum Vorgehen der Staatsanwaltschaft angesichts des Dopingverdachts, vielleicht auch zu den dahinter liegenden Regularien, zum kolportierten Veröffentlichungsdruck, der – wieder einmal – von mindestens einem Medium ausgeübt worden sei, oder zum fernsehjournalistischen Umgang mit der Thematik vor, während und nach dem Spiel. Zu all diesen Facetten liegt bestimmt eine Vielzahl von Einschätzungen und Analysen vor; mein Thema sollen sie im Einzelnen nicht sein.

Dies gilt analog für die Äußerungen der Herren Weiler und Schäfer nach dem Spiel. Auch dazu ist man, gewünscht oder nicht, vielfältigen Meinungen und Einlassungen begegnet. Eine angemessen differenzierte Betrachtung fand ich beispielsweise beim geschätzten Herrn @Surfin_Bird:

Ich weiß, Herr Schäfer hat sich in recht deutlichen Worten von seinem dummen Interview distanziert, immerhin, und wer wäre ich, ihm zu widersprechen?

So etwas darf mir nicht passieren, das ist absolut nicht in Ordnung.

Stimmt. Das hätte ihm auch vorher bewusst sein müssen. Vielleicht hat er etwas daraus gelernt und denkt künftig einen Schritt weiter. Auch René Weiler wurde mit vernünftigen Worten zitiert, mehr Zeit möchte ich darauf nicht verwenden.

Was mich indes seit gestern Abend immer wieder beschäftigt, ist die Frage, die @Dagobert 95 gestellt hat, bzw. die Antwort von @ColliniSue:

Ist das so? Ist es so außergewöhnlich, dass Marco Russ spielen wollte? Also ganz abgesehen davon, dass eine solche Erkrankung per se im Profifußball eher außergewöhnlich ist? Seit gestern versuche ich mir vorzustellen, wie sehr er aus der Bahn geworfen war und ist. Er hatte das verstörende Ergebnis einer Dopingkontrolle erhalten, das entweder seine berufliche Existenz oder, viel schlimmer, seine Gesundheit massiv bedrohte. Ärztliche Untersuchungen, juristische Erwägungen, Gespräche mit der Familie natürlich, Überlegungen zu einer Veröffentlichung, und über alledem: Ängste. So stelle ich mir das vor, und die Realität dürfte eher drastischer sein als meine Gedanken.

Liegt es da nicht nahe, sich ein wenig Normalität zu wünschen? Ist es vielleicht beruhigend, all jene Rituale ablaufen zu lassen, die man in vielen Jahren als Profi für die 24 Stunden vor einem Fußballspiel verinnerlicht hat, voll fokussiert, zumal vor einem besonderen Spiel? 24 Stunden, in denen es gelingen könnte, diese beschissene Diagnose, deren Auswirkungen man nicht so ganz greifen kann, die vielleicht auch die Ärzte nur unzureichend einschätzen und beschreiben können, phasenweise ein wenig in den Hintergrund zu rücken?

Ich weiß nicht, ob dem so ist; glücklicherweise war ich noch nie in einer derart existenziellen Situation. Aber überraschen würde es mich nicht. Und wenn dann noch die Ärzte sagen, dass es keinen Unterschied ausmache, ob die Therapie drei Tage früher oder später beginnt, ob die Operation morgen oder erst in der kommenden Woche stattfindet, und wenn man sich als Betroffener gar vorstellt, dass – was eine höhere Macht verhüten möge – das bevorstehende Spiel möglicherweise das letzte auf diesem Niveau sein könnte, dann finde ich es, auf Basis all dieser Vermutungen und Hypothesen, alles andere als ungewöhnlich, dieses Spiel bestreiten zu wollen.

Eine ganz andere Frage ist die, ob die Verantwortlichen in Frankfurt, der Trainer, die Ärzte, vielleicht die Psychologen, eine Pflicht gehabt hätten, Russ von vornherein herauszunehmen, ihn zu schützen vor all dem, was da auf ihn einstürzen würde. Kann ich nicht beantworten. Ich kann mir allerdings nur schwer vorstellen, dass bzw. wie Niko Kovač, sofern keine medizinische Indikation vorliegt, Marco Russ hätte sagen wollen, dass er ihn nicht berücksichtigen werde.

Aber letztlich ist das alles irrelevant. Vielleicht ist es unangemessen, diese Überlegungen hier öffentlich zu machen, bloße Spekulationen um einen erkrankten Menschen und dessen Beweggründe, an einem Fußballspiel mitzuwirken. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich Ihre Zeit gestohlen habe.

Abschließend wünsche ich Marco Russ nochmals alles Gute für die nächsten Wochen und Monate. Ich würde mich unsagbar freuen, ihn in absehbarer Zeit vollständig genesen wieder irgendwo mit seinen beiden Kindern an der Hand zu sehen. Wenn er noch dazu Fußballschuhe trägt: schön.

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Gewonnen!

5. Mai 2014

Mein erster Französischlehrer war ein guter. Er liebte diese Sprache, und eben das vermittelte er uns jeden Tag. Genauer: denjenigen, die dafür empfänglich waren. Den anderen gab er freundlicherweise die Gelegenheit, sich nicht zu sehr in die Materie vertiefen zu müssen, aber den einen, also denjenigen, die sich von seiner Freude an der französischen Sprache anstecken ließen, darunter, man mag es geahnt haben, auch ich, vermittelte er einen großen Schatz an landeskulturellem Wissen und sprachlichen Feinheiten.

So manches ist im Lauf der Jahre leider verschütt gegangen, und doch empfinde ich auch heute, da meine Kommunikations- und Konversationsfähigkeit eine ganze Menge Rost angesetzt hat, eine große Nähe zum Französischen, zu seinem Klang, seinen Eigenheiten, auch seinem Vokabular, und nicht selten fallen im Hause Kamke französische Begriffe, die wir nicht in erster Linie deshalb verwenden, weil die Kinder sie nicht verstehen, wiewohl auch das gelegentlich der Fall ist, sondern weil wir sie einfach für passend halten. Woraus man natürlich, so man möchte, Rückschlüsse auf unseren Umgang mit der deutschen Sprache ziehen kann.

Wenn man das Haus Kamke noch einmal verlässt und statt seiner die staatliche Bildungseinrichtung aufsucht, an der besagter Herr lehrte, vielleicht auch ein paar Unterrichtsstunden Paroli ziehen lässt, so fällt der eine oder andere wiederkehrende Aspekt auf, möglicherweise könnte man von Steckenpferden sprechen.

Neben Dorschangeln vom Boot und an den Küsten der jahrzehntelang gepflegten Städtepartnerschaft, inklusive Lobpreisung Adenauers und de Gaulles, neben Lobgesängen auf das Chanson und das Schicksal Reinhard Meys, der, verkürzt, nach Frankreich habe ausweichen müssen, um in Deutschland angemessen gewürdigt zu werden, also neben diesen eher landeskundlichen Unterrichtsinhalten, wurde auch einer Reihe rein sprachlicher Aspekte besondere Aufmerksamkeit und eine er-, eventuell auch überhöhte Unterrichtspräsenz zuteil.

Exemplarisch sei auf die Verben obtenir und recevoir verwiesen, gerne auch in Verbindung mit toucher, sie wissen schon: obtenir une bourse (ein Stipendium bekommen), recevoir un cadeau (ein Geschenk bekommen) und toucher de l’argent (Geld bekommen).

Ok, vermutlich würde man im Deutschen nicht in jedem Fall „bekommen“ verwenden, aber Sie verstehen, was ich meine, nicht wahr? Mal ganz vom Geld abgesehen, erhält man manchmal Dinge, die man sich erarbeitet hat, und manchmal eben auch solche, für die man im Grunde nichts kann, und dafür gibt es unterschiedliche Verben. Zumindest behauptete das mein Lehrer, und wer wäre ich, daran zu zweifeln?

Am Samstag dachte ich wieder einmal an obtenir und recevoir. Als der man für den VfB den Klassenerhalt schaffte. Sicherlich, die Mannschaft hatte hart dafür gearbeitet; gleichwohl war und ist mein Gefühl ein recht eindeutiges: reçu. Ein Geschenk. Des Himmels, Eintracht Braunschweigs, des HSV, des 1. FC Nürnberg.

Ist „Geschenk“ zu negativ, klingt es so, als habe man nichts dafür getan? Ok, ich revidiere: ein Losgewinn. So fühlt es sich an. Als habe man einen Euro bezahlt und damit das große Los gezogen. Ok, ich bessere noch einmal nach: ein paar Fehlgriffe waren auch dabei, aber wen schert das schon noch, wenn man den Hauptgewinn zieht?

Natürlich ist es nicht nur ein bisschen deprimierend, als VfB-Fan nach dem erreichten Klassenerhalt von einem Hauptgewinn zu sprechen, aber seien wir ehrlich:

Es ist schlichtweg eine extrem glückliche Fügung, dass sich drei Mannschaften gefunden haben, die noch weniger Punkte zu sammeln imstande waren, und es ist alles andere als eine Überraschung, dass auch am vorletzten Spieltag, in einer Saisonphase also, in der wir gerne mal völlig verrückte Ergebnisse erleben und kommentieren dürfen, weil Abstiegskandidaten plötzlich verborgene Qualitäten auspacken und auf den Platz bringen, dass also auch an diesem vorletzten Spieltag die vier schlechtesten Mannschaften ihre jeweiligen Heimspiele verloren haben, und so scheint es nicht sonderlich abwegig, dass am Saisonende 27 Punkte genügen könnten, um die Relegation zu erreichen, womöglich also in der Liga zu bleiben. 27 aus 34. Wahnsinn.

Bleibt also die Frage, was der VfB aus diesem gewonnenen, nein, doch: geschenkten Bundesligajahr macht. Und ich möchte sie mir im Moment gar nicht so recht stellen. Hiesige Qualitätsmedien rufen nach einer objektiven Analyse und raschem Handeln, nicht zuletzt personell, und keineswegs auf die Spieler beschränkt; und so fragt sich der interessierte Zuschauer, wie es denn wohl aussehen mag, wenn sich Fredi Bobic wie angekündigt am von ihm zusammengestellten Kader messen lässt. Nach dem Spiel ließ zumindest er selbst schon einmal durchblicken, dass er wenig davon hält, beim Wort genommen zu werden. Bernd Wahler sollte das anders sehen.

Dass Bobic den Hut nehmen muss, kann ich mir nicht vorstellen. Zu klar scheint im Moment, von außen betrachtet, dass er in die Beantwortung der Trainerfrage für die kommende Saison in gewichtiger Weise eingebunden ist, was eingedenk seines kolportierten Bemühens, wenige Spieltage vor Schluss Krassimir Balakov zu installieren, über den einen oder anderen in seiner Grundaussage negativen Superlativ nachdenken lässt.

Wo wir gerade bei Dingen sind, die ich mir nicht vorstellen kann: Thomas Tuchel nach Stuttgart? Ralf Rangnick nach Stuttgart? Mir fallen derzeit nicht viele Gründe ein, weshalb sie das tun sollten. Oder anders: die Gestaltungsspielräume, die man ihnen einräumen müsste, aber das ist nur ein Vermutung, wären immens und dürften eine deutliche Veränderung der Vereinspolitik erfordern. Mit der ich, um nicht, missverstanden zu werden, durchaus umgehen könnte. Vermutlich könnte ich auch mit Armin Vehs Cannstatter Comeback umgehen. Wenn ich ehrlich bin, möchte ich ihn aber lieber als ewigen Meistertrainer in Erinnerung behalten.

So wie ich Cacau als Schützen eines verrückten Siegtores in einem verrückten Spiel in Bielefeld in Erinnerung behalten werde. Und Hitzlsperger als Verwerter von Pardos Eckball, Sie wissen schon. Schön, dass er am Samstag im Stadion gefeiert wurde, und ja, ich wäre auch lieber der Meinung, das nicht betonen zu müssen. Traoré wird mir nicht zuletzt wegen seiner letzten halben Halbserie in Erinnerung bleiben, und für den rechten Vorlagenfuß, den er in dieser Phase entdeckt hat. Tja, und Boka? Es ist bezeichnend, dass ich erst einmal eine ganze Weile brauchen werde, um bei seinem Namen nicht dauerhaft unmittelbar an das Wolfsburg-Spiel zu denken. Irgendwann werden sich diese Haken wieder in den Vordergrund schieben, die für mein bloßes Auge zu schnell waren. Hoffe ich.

Ob ich mich bereits mit Erinnerungen an Huub Stevens beschäftigen muss, werden die nächsten Tage zeigen, vermute ich. In jedem Fall ziehe ich den Hut vor der Leistung, die er in den vergangenen Wochen erbracht hat. Und habe, mich selbst revidierend, nichts daran zu kritisieren, wenn er als eine mögliche Option für die Trainerposition in der kommenden Saison gilt, die es nun anhand eines gewissenhaft erarbeiteten und objektivierbaren Kriterienkataloges zu bewerten gilt. Oder so ähnlich.

 

Prinzipien und Pragmatismus

Zu den Verhaltensweisen, die mich im Stadion stets irritieren, zählt das kompromisslose Ausleben von Abneigungen, gerne auch situationsunabhängig. Es war mir stets ein Rätsel, was einen dazu bringt, Gesänge gegen den Karlsruher SC anzustimmen, während dieser sich im Mittelfeld der dritten Liga tummelt, der VfB aber gerade ein Bundesligaspiel bestreitet. Und es verwundert mich seit Jahren, dass zahlreiche Zuschauer jedes Gegentor des FC Bayern lautstark bejubeln, auch dann, wenn die Münchner in der Tabelle etwa 25 Punkte vom VfB trennen, deren Gegner indes nur deren vier. Weil’s halt die Bayern sind, da geht’s ums Prinzip. Ja, sagte ich schon, wiederholt, beides.

Letzteres scheint sich nun zu ändern. Der Jubel, den jedes einzelne Tor des FC Bayern am Samstag auslöste, die Geschwindigkeit, mit der sich die Kunde von den Treffern verbreitete, obschon sie nicht offiziell angezeigt wurden, ließ aufhorchen. „Oh, wie ist das schön“ wurde ganz pragmatisch an der einen oder anderen Stelle angestimmt, „Niemals zweite Liga“, dieser unangenehm nach unten gewandte Ruf, machte nach der Entscheidung in Hamburg ebenfalls die Runde, und kurzzeitig wurde mein Nachbar etwas nervös, weil er, so ich ihn recht verstanden habe, versäumt hatte, sich im Vorfeld noch einmal den Text von „Stern des Südens“ anzusehen. Fiel dann aber der Aktualität zum Opfer aus, bis zum samstäglichen Dank an den Gewinnbringer wird er gewiss nacharbeiten.

 

Rückschlag, Rückhand, Rückfall. Ein Sammelsurium.

27. März 2014

Rückschlag

Eigentlich war ich guter Dinge vor dem VfB-Spiel in Nürnberg. Hatte auch meinen Teil beigesteuert, indem ich tagsüber einen Brustring auf dem Kopf getragen hatte und beim abendlichen Kick in den Vereinsfarben auflief, mit dem Ring auf der Brust und Hleb auf dem Rücken. Sicher, der Umstand, dass mir das letzte Mittwochabendspiel beim Club noch heute als Sternstunde eines Fußballweltmeisters in Erinnerung ist, auch damals hatte ich nach dem eigenen Kick nur die letzten Minuten gesehen, beunruhigte mich ein bisschen, aber wirklich nur ein bisschen. Zu sehr war in den Tagen zuvor meine Überzeugung gereift, dass die Nürnberger ihren Lauf zu früh gehabt hatten, dass sie vielmehr komplett kollabieren und nur noch das eine oder andere Ehrenpünktchen sammeln würden.

Gewiss, der Wunsch konnte die gedankliche Vaterschaft dabei nicht glaubwürdig abstreiten; dennoch war ich mir ziemlich sicher, dass der VfB in Nürnberg gewinnen, zumindest aber sehr solide, entschlossen und vielleicht auch kampfeslustig auftreten würde.

Nun, zwischen der 74. und der 88. Minute, so lange sah ich zu, konnten sie diese Erwartungen nicht in Gänze erfüllen. Anwesende, die das Spiel von Beginn an gesehen hatten, ließen mich wissen, dass es sich bei meinem Eindruck nicht um eine Momentaufnahme handle. Und so reift allmählich der Gedanke, dass der VfB seinen Lauf zu früh gehabt hat (Braunschweig – Werder – HSV, 5 Punkte!), dass er nun vielmehr komplett kollabiert und nur noch das eine oder andere Ehrenpünktchen sammeln wird.

Ok, das mag ein bisschen übertreiben sein. Dass ich so denke, meine ich. Tatsächlich fällt es mir schwer, mein Empfinden in Worte zu fassen. Einerseits erscheint mir der Gedanke an einen Abstieg einer anderen Welt zugehörig. Andererseits fehlt mir die Fantasie, um mir vorzustellen, wie der VfB in den verbleibenden Spielen noch mehr als, sagen wir, fünf Punkte holen soll. Und die reichen nicht.

Ich will schon wieder nicht mehr drüber reden.

 

Rückhand

Der FC Bayern München ist Meister. Ist damit der verdienteste Meister aller Zeiten, so wie jeder Meister vor ihm, Sie wissen schon. Es ist sehr beeindruckend, ihnen zuzuschauen, ja, es macht Spaß, immer wieder. Und es liegt mir fern, jetzt und hier eine Ode zu schreiben, das ist in den letzten Tagen hinreichend geschehen und oftmals gelungen.

Dass viele der Kommentatoren dabei nicht umhin kamen, zum Teil sicherlich auch nicht kommen wollten, die Causa Hoeneß aufzugreifen, ist angesichts sowohl der zeitlichen Nähe als auch Hoeneß‘ unbestreitbaren (und vermutlich beträchtlichen) Anteils an den jüngsten Erfolgen, nicht zuletzt an der Verpflichtung der letzten beiden Trainer, und damit unmittelbar auch an der aktuellen Rekordsaison, mehr als nur nachvollziehbar. Dass sich der Trainer dann entschließt, ihm diese Meisterschaft zu widmen, empfinde ich bei wohlwollender Betrachtung nicht als sehr geschmackvoll, aber das nur am Rande.

Was mir indes ein bisschen sauer aufstößt, ist der Umstand, dass neben Hoeneß‘ kriminellen Handlungen in nicht sonderlich schöner Regelmäßigkeit auch noch die einiger anderer Protagonisten thematisiert werden. Ja, natürlich ist Karl-Heinz Rummenigge vorbestraft, und natürlich ist er das völlig zu Recht.

Es ist auch unstrittig, dass Franck Ribéry Sex mit einer minderjährigen Prostituierten hatte. Und freigesprochen wurde, aber selbst wenn dem nicht so wäre: mir erschließt sich in beiden Fällen, die ich, jeden für sich, für verurteilenswürdig halte, und die, jeder für sich, medial hinreichend intensiv begleitet wurden, schlichtweg nicht, woher ihre Relevanz für eine sportliche Bewertung der Saison 2013/14 kommen soll, wieso sie jetzt aus einer Schublade hervorgekramt werden, in der sie noch nie wirklich verschwunden waren. Da kann ich es noch so oft lesen.

Andere sehen das anders, ich weiß. Nicht nur die, die es schreiben. Oder im persönlichen Umfeld sagen, die habe ich auch. Und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man einfach nicht hinnehmen kann, wie gut der ungeliebte Verein aus München sportlich derzeit ist. Dafür lobt man ihn, klar, alles andere wäre nun wirklich realitätsverweigernd, aber man reichert es eben auch an, um weniger liebenswerte Aspekte. Oder verachtenswerte. Um die Komplimente ein bisschen zu entwerten.

Der Sprung zum „backhanded compliment“ will mir nicht so recht gelingen. Wäre ein bisschen schief. Aber irgendwie muss die Überschrift ja wenigstens ansatzweise begründet werden.

 

Rückfall

Früher trank ich meinen Kaffee stets mit Zucker. Aus mir nicht erinnerlichen Gründen hörte ich irgendwann damit auf, gewöhnte mich daran, mochte ihn ohne. Monate später schüttete ich, vermutlich gedankenverloren, aus mir nicht erklärlichen Gründen wieder Zucker in meinen Kaffee. Na ja, trank ich ihn halt.

Früher reimte ich auch recht regelmäßig ein bisschen. Aus guten Gründen hörte ich irgendwann damit auf, gewöhnte mich daran, mochte mich ohne. Monate später schüttelte ich, vermutlich gedankenverloren, aus mir nicht erklärlichen Gründen wieder ein paar gereimte Zeilen zusammen. Na ja, schrieb ich sie halt auf.

 

„Nimm mich!“, sagte Alex zu And-
re. Doch Andre sprach: „Nein, ’s war der and-
re.“ Drauf Alex: „Das gibt’s nicht –
Mensch, verweis‘ doch den Gibbs nicht!“
Doch er redete gegen ’ne Wand.

re: Gibbs, and the Ox, und die Karten:
da war wohl nicht mehr zu erwarten.
Die FA war nicht kleinlich
(es war ihr zu peinlich),
ließ beide beim nächsten Spiel starten.

Im einen Fall gibt’s kein Vertun
(Ihr Erben, was saget Ihr nun?):
es gelang ihm – hört, hört! –
(der Satzbau verstört),
in der Tat nicht nicht gar nichts zu tun.

Nummer zwei wollt‘ nen Heldentod sterben:
sprang ab, um sich „rot“ zu erwerben.
Die Parade: ne Schau!
Doch dem Schützen (der Sau!)
gelang’s, ihm die Tat zu verderben.

Ich hab das mal ausdekliniert:
wenn der Schiri im Flug deduziert,
wohin der Ball flöge,
ihn der Schein aber tröge,
dann wird‘ seine Karte kassiert.

Die Absicht des Täters: egal.
Bestrafung? Was war das nochmal?
Der Ball wär nicht rein.
Drum: Freispruch? Wie fein!
Nicht gesperrt. Nicht verwarnt! Geni.al!

 

Ganz offensichtlich hatte ich es mit dem Zucker übertrieben.

Manchmal ist es einfach

28. Oktober 2013

Vor dem VfB-Spiel gegen Nürnberg hatte ich zum zweiten Mal das Vergnügen, den Clubfans United, dem Fanmagazin rund um den Club, ein paar Fragen beantworten zu dürfen. Leider schaffte ich es diesmal nicht, den Kollegen meinerseits die eine oder andere Frage zu stellen, was nicht nur angesichts der aussagekräftigen damaligen Antworten bedauerlich ist.

Erneut empfand ich es als sehr angenehm, mich bei den Clubfans zu vielen verschiedenen Themen äußern zu dürfen, von der Lage des Fußballs im Allgemeinen über die Bundesliga im Spezielleren und die Bundesliga-Spielplangestaltung im ganz Besonderen bis hin zum Wesen von Trainerentlassungen und historischen Überlegungen zum besten Fußballer aller Zeiten, die dann auch in den Kommentaren aufgegriffen und vertieft wurden.

Ganz nebenbei sagte ich auch ein paar Sätze zum VfB, und, nun ja, habe diesem einen Absatz nach dem Spiel im Grunde nicht viel hinzuzufügen:

[Clubfans United] Sportlich läuft es bei euch ja so “lala”. Neben zwei Siegen (Braunschweig und Berlin) stehen vor allem Remis. Immerhin aber 12 Punkte, davon träumen wir. Wie schätzt du die Liga ein? Beginnt die Abstiegszone ab Platz 4?

“Empfinde ich gar nicht so, dass es so lala läuft. Was wenig damit zu tun hat, dass Du den Freaksieg gegen Hoffenheim unterschlagen hast, sondern vielmehr damit, dass die drei Niederlagen aus den ersten drei Saisonspielen stammen und die Bilanz nach dem Trainerwechsel drei Siege und drei Unentschieden ausweist. Das finde ich einerseits sehr ansprechend, zum Teil auch über das nackte Ergebnis hinaus; andererseits, und da kommt dann doch wieder “lala” ins Spiel, gelingt es bisher nicht, die Möglichkeiten, noch weiter nach vorne zu rücken, beim Schopf zu packen. Ohne dass man aus meiner Sicht bereits weiter nach vorne gehören würde.

Manchmal ist es eben einfach. Man nimmt ein paar Zeilen, die nicht nur vor dem jüngsten Spiel schon als halbwegs passende Situationsbeschreibung durchgingen, sondern bereits nach dem vergangenen. Und dem vorvergangenen. Aktuell hat der VfB weiter oben noch nichts verloren. Gerade nach dieser Partie, die ich als die schwächste mit Trainer Schneider wahrgenommen habe.

Hinten mag man gelten lassen, dass die aus bekannten Gründen (Sperre, Verletzung) notwendig gewordenen Veränderungen im Verbund mit den aus bekannten Gründen (Spielerkader) eigentlich notwendigen Veränderungen eine geringere Fehlerquote von vornherein nicht zuließen. Negativer Höhepunkt war dabei der gut zwanzigminütige Auftritt von Konstantin Rausch, den ich schlichtweg als verheerend empfunden habe. Vielleicht war er ja übernervös oder übermotiviert, weil er mal wieder eine Chance bekam. Zumindest hoffe ich, dass es daran lag.

Der Torwartwechsel dürfte auf die Abwehrleistung keinen Einfluss gehabt haben; dass er von den Verantwortlichen als völlig selbstverständlich dargestellt wurde, halte ich für eine interessante Randnotiz. Die Stuttgarter Nachrichten hatten denn auch vor Ulreichs Rückkehr nachgefragt und ein paar sportliche Argumente aus dem Trainerteam ins Feld geführt. Woraufhin man eine Lobhudelei auf Ulreich verfasste, der ich, gewissen Zweifeln zum Trotz, inhaltlich in weiten Teilen zustimmen würde.

Was mich stört, ist zum einen die angesprochene Selbstverständlichkeit seitens des VfB, was mich irritiert, dieser Satz in den StN: „Und auch beim Mitspielen nach Rückpässen schlägt Ulreich die Nummer zwei noch um Längen und bringt die Bälle präziser zum Mann.“ Ich kann das nicht nachvollziehen. Nicht einmal ansatzweise. Und irgendwie färbt das auf meine Haltung zum gesamten Text ab.

Dass das kreative Mittelfeldspiel mit Maxim steht und fällt, ist nichts Neues. Klappt ja auch ganz gut, selbst am Freitag, solange seine Kraft reicht. Danach aber tut es besonders weh, wenn Gentner einen eher durchschnittlichen Tag erwischt und auch Traoré nicht sonderlich viel einfällt. Dann ruhen die Hoffnungen des gemeinen VfB-Fans in Sachen Kreativität auf den Schultern der Herren Harnik und Kvist. Und dann ruhen sie eben.

Ernsthaft: ich habe mich sehr gefreut über William Kvists Rückkehr ins Team. Er ist ein wichtiger Stabilisator. Aber man muss dem Umstand, dass sich sein Beitrag zum Offensivspiel, und damit meine ich nicht nur eigene Abschlüsse oder den „letzten Pass“, in sehr engen Grenzen hält, Rechnung tragen. Maxim allein kann das nicht auffangen. Bleibt also zu hoffen, dass Christian Gentner künftig wieder ertragreicher nach vorne spielt und Moritz Leitner an die Eindrücke unmittelbar vor der Verletzungspause anknüpfen kann. Die Alternative würde wohl lauten, Kvists Position doch noch einmal zu hinterfragen.

Jetzt habe ich schon wieder viel mehr geschrieben, als ich eigentlich wollte. Zu lange und zu intensiv habe ich mich über das Spiel aufgeregt, und darüber, wie sehr ich mich beeilt habe, um das Spiel doch noch sehen zu können, inklusive beruflich diskutabler Priorisierungsentscheidungen, um jetzt auch noch so viel Zeit zu investieren. Bleibt also nur noch, Ibisevic zu loben. Für seine Aktion vor dem 2:1, so Martin Harnik getroffen hätte. So geschickt sieht man ihn im Mittelkreis sonst selten agieren. (Außer wenn es darum geht, den Ball abzudecken und zu behaupten, das schon, eh klar.)

Klingt jetzt alles recht negativ, ne? Fühlte sich ja auch so an, weil es einfach keinen Spaß gemacht hat. Und doch bin ich nach wie vor recht entspannt. Nicht nur, weil die Tabellensituation im Grunde seit Wochen unverändert bleibt, sondern weil ich weiterhin ein gutes Gefühl habe. Die Probleme wird man angehen, und zumindest auf den definitiven Außenpositionen bin ich guter Dinge, dass sich auch vernünftige Lösungen finden. Darüber hinaus erlaube ich mir, noch eine zweites Mal auf meine eigenen bei den Clubfans geäußerten Worte hinzuweisen:

„Der VfB ist […] ein ganz anderer Verein als damals. Ein anderer Präsident, ein anderer Aufsichtsratsvorsitzender, ein anderer Trainer, und in jedem einzelnen Fall wurden nicht nur Personen ausgetauscht, sondern, bitte verzeiht das große Wort, Weltanschauungen. Während ich damals eine “latente Unzufriedenheit” ausgemacht hatte, wirkt derzeit alles irgendwie zuversichtlicher und, wie soll ich sagen, leichter. Der Präsident ist allem Anschein nach ein positiver, umgänglicher und doch ehrgeiziger Typ, der Aufsichtsratsvorsitzende scheint willens und in der Lage zu sein, den vom Präsidenten vorgelebten Teamgedanken mitzutragen, und der Trainer beginnt nicht jede öffentliche Äußerung mit einer Klage über die Rahmenbedingungen. Kurz: irgendwie ist alles anders.”

Und zwar besser.

Die Uerdingen-Uebertreibung

17. Mai 2013

Die Bundesliga-Saison läuft noch, hörte ich. Es fallen tatsächlich auch noch einige relevante Entscheidungen, und ja, ich werde sie interessiert verfolgen. Ich werde auch ins Neckarstadion gehen, um dem VfB gegen irgendeinen Gegner, möglicherweise ist es Mainz, zuzuschauen. Ok, ich weiß, dass es Mainz ist, mir war nur grade nach einer billigen, Effekt heischenden (wohl aber nicht erzielenden) Illustration meines sehr überschaubaren Interesses an den verbleibenden (jenes in Gelsenkirchen zählte bereits dazu) Bundesligaspielen des VfB in dieser Saison. Vom Schalke-Spiel habe ich noch nicht einmal die Tore gesehen.

Nun könnte man einwenden, die Spiele seien allein deshalb interessant, weil es ja für alle Spieler darum gehe, so auch öffentlich von Trainer und Sportvorstand propagiert, sich für das Pokalfinale zu empfehlen. Was voraussetzen würde, dass es tatsächlich einen Konkurrenzkampf gibt. Tatsächlich suche ich gegenwärtig noch nach der Startelfposition, die nicht vergeben ist. Rechts hinten vielleicht?

Letztlich ist es ja ohnehin egal, wer gegen die übermächtigen Tripleaspiranten aus München aufläuft, hört man. Denkt man auch selbst. Manchmal. Meist. Aber gegen so ein bisschen Hoffnung ist ja nichts einzuwenden, kann und will man sich nicht einmal wehren, und Strohhalme sind schnell gefunden:

Tweets_Uerdingen_20130515

Der Reihe nach: Trainer Baade wünscht einigen VfB-Anhängern ein längeres Vergnügen als jenes, das er selbst (obschon Nicht-Vereinsanhänger, d. Red.) im Jahr 2011 mit Meiderich hatte. Er geht allerdings von einer geringen Eintrittswahrscheinlichkeit aus, was sich mit meiner Erwartungshaltung zu decken scheint. Martyn interveniert und verweist auf ein geschichtliches Vorbild: Bayer Uerdingen, vermutlich im Jahr 1985 (Sie wissen schon, wie auch in meiner Reaktion angedeutet: Wolfgang Schäfer, Pokal im Bett, undsoweiterundsofort).

Richtig interessant wird es in dem Moment, als Trainer Baade die Vergleichbarkeit bestätigt. Beinahe, fügt er fast ein wenig verschämt hinzu, und der gemeine Stuttgarter Anhänger interpretiert seine Relativierung dahingehend, dass der VfB, ein Traditionsverein und in diesem Jahrtausend einer der regelmäßigsten deutschen Europapokalteilnehmer, dann ja doch nicht auf ganz so verlorenem Posten stehe wie das mittlerweile ungefähr siebzehntklassige Bayer Uerdingen damals, ein Plastikverein von Bayers Gnaden, dessen anhaltende öffentliche Bekanntheit sich nahezu ausschließlich aus zwei Spielen speist, von denen das eine eben genannt wurde und das zweite sich bereits in den Köpfen der Mitlesenden eingenistet hat.

So zumindest meine Interpretation der Baade’schen Einschränkung, seiner Höflichkeit eingedenk. Möglicherweise meinte er es aber auch ganz anders. Möglicherweise gelang es ihm, die Stuttgarter Fans glauben zu machen, er bewerte die Chancen ihrer Mannschaft höher als die damaligen Uerdinger Aussichten, obwohl er eigentlich, die Fakten vor Augen, das Gegenteil meinte. Sicherlich wusste er, im Gegensatz zu den verblendeten VfB-Anhängern wie Martyn und mir selbst, dass Bayer Uerdingen zu jener Zeit wesentlich näher an den Bayern dran war, als es sich der VfB heute auch nur erträumen könnte:

Zum Zeitpunkt des Pokalfinales 2013 wird der VfB in der Liga rund 10 Plätze und mindestens 43 Punkte (maximal 49) hinter den Bayern liegen. Bayer Uerdingen lag damals – übrigens beim ersten Finale im sogenannten deutschen Wembley und zugleich dem letzten, so ich mich nicht vertan habe, das vor dem letzten Bundesligaspieltag stattfand – auf Platz 5, also 4 Ränge und 10 Punkte hinter dem Finalgegner, von denen letztere auch bei Umrechnung gemäß der 3-Punkte-Regel nur auf 15 anwachsen. Kein Vergleich zum VfB, wenn man ehrlich ist.

Momentaufnahme? Ja, wie immer. Aber nicht nur. Im Folgejahr, das Bayer mit einem 1:0-Sieg gegen den FC Bayern begann, belegte die Mannschaft am Saisonende Rang 3, 4(6) Punkte hinter dem Meister aus München, und scheiterte im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger an Atlético Madrid. Durchaus ehrenvoll, was gewiss auch für den FC Bayern gilt, der im Viertelfinale des Landesmeisterpokals gegen Anderlecht und den jungen Enzo Scifo den Kürzeren zog. Klingt aber – meiner eigenen anderslautenden Erinnerung zum Trotz – irgendwie so, als sei man sich sportlich damals annähernd auf Augenhöhe begegnet, zumal auch noch niemand das Bedürfnis verspürte, von spanisch-schottischen Verhältnissen zu sprechen.

Quintessenz: Uerdingen taugt nicht als Referenz. Mit viel Wohlwollen vielleicht als Strohhalm. Bleibt also die Frage, wo man die von Martyn angesprochene Hoffnung in der Geschichte des DFB-Pokals suchen und vielleicht doch noch finden soll.

Ich hab das dann mal übernommen, wenn auch eingeschränkt: seit der Gründungssaison der Bundesliga, weiter habe ich der Vergleichbarkeit wegen nicht zurückgeblickt, gewann in immerhin 15 Fällen die in der regulären Saison (kleine Ungenauigkeit: am Saisonende, nicht zwingend zum Zeitpunkt des Finales) schlechter platzierte oder unterklassige Mannschaft, angefangen gleich 1964 in Stuttgart, als der Bundesligasiebte 1860 gegen den Dritten (nach 3-Punkte-Zählung sogar Zweiten) aus Frankfurt, der 13 Punkte (3er) mehr erzielt hatte, siegreich blieb.

Mit dem heutigen Platzierungs-, Punkt und Leistungsunterschied zwischen den beiden Finalisten scheint so ein Ergebnis indes nur schwer vergleichbar zu sein, nicht einmal »(beinahe)«. Lediglich zweimal gelang es einer Mannschaft, die in der Bundesliga 20 oder mehr Punkte Rückstand auf ihren Finalgegner hatte, diesen dann tatsächlich zu besiegen: 1999 lag Werder Bremen (fast hätte ich gesagt: aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, um mich dann doch kurz der aktuellen Tabelle zu besinnen) als 13. satte 40 Punkte hinter dem Meister aus München, den es im Elfmeterschießen besiegte, und, tja, der frischgebackene Meister aus Stuttgart war im Jahr 2007 dem 5 Plätze und 22 Punkte hinter ihm eingelaufenen 1. FC Nürnberg nicht gewachsen. 1989 lag Pokalsieger Dortmund immerhin noch 13 Punkte und 4 Ränge hinter Finalgegner Bremen, 1996 schlug Absteiger Kaiserslautern im Finale den um 9 Plätze und (nur!) 12 Punkte besseren KSC.

Eine Sonderrolle nehmen schließlich, die gemeine Leserin wird die Protestnote bereits formuliert haben, noch die beiden Finale ein, bei denen ein unterklassiger Verein siegreich vom Platz ging: 1970 schlug Regionalligist (und Bundesliga-Aufsteiger) Offenbach den Bundesliga-Vierten aus Köln. Mit etwas Wohlwollen kann man von einer Differenz von 15 Rängen reden [Nachtrag: war alles anders, wie Trainer Baade in den Kommentaren erklärt.], bei den Punkten wird es dann gänzlich unseriös. Gleiches gilt im Falle von Hannover 96, das 1992 als fünfter der 2. Liga Nord den 13. der ersten Liga, Borussia Mönchengladbach, im Elfmeterschießen schlug. Aufsteiger aus der 2. Liga Nord war in jener Saison, genau, Bayer Uerdingen.

Was das nun für den VfB heißt? Man weiß es nicht. Oder zumindest ich nicht. Aber man könnte sich an Werder 1999 orientieren. Oder an, honi soit qui mal y pense, den beiden Zweitligisten.

Und dann erinnern wir uns, wie so oft in kritischen Situationen, des Buches von den Elf Freunden, in dem Heini, Matze und die anderen vor ihrem eigenen großen Spiel alte Ergebnislisten wälzten, um sich einen vergleichbaren Außenseitersieg zum Vorbild zu nehmen. Dass der letztlich für passend befundene 3:0-Sieg der Düsseldorfer Fortuna gegen Schalke im 33er Meisterschaftsfinale aus einer Zeit stammte, in der die Kräfteverhältnisse noch etwas andere gewesen waren, musste man ihnen ja nicht auf die Nase binden. Und es half.

Also doch unsere Hoffnung: Bayer Uerdingen!