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Zidane schweigt, Rebiger nicht

9. Juni 2016

Sie kennen das, nicht wahr? Man möchte noch schnell was schreiben, und eigentlich auch noch was zweites, ganz anderes, und ständig kommt was dazwischen, aber es ist einem ja wirklich ein Anliegen, beides, vielleicht könnte man das ja in einen Topf, Sie wissen schon, und eine hübsche Überschrift hat man ja auch schon, geklaut natürlich, aber schön, doch sie deckt den zweiten Teil nicht ab, und überhaupt passen die Inhalte ja eh nicht recht zusammen, aber, puh, gleich zwei Sachen veröffentlichen, muss ja auch nicht sein, ne, und, dann, tja, ach egal.

Vor ein paar Tagen hatte ich das Vergnügen, ein elektronisches Buch zu lesen. Der geschätzte Frédéric Valin („Wäre ihr Spielstil eine Sprache, es gäbe keine Relativsätze, Adjektive nur an Sonntagen.“ Über wen er das gesagt hat, in seiner EM-Vorschau? Schlagen Sie nach!) hat mir dieses Buch an die Hand gegeben, elektronisch, wie gesagt, aus der Elektrobibliothek, und ich wusste zwar ungefähr, worum es gehen und dass es mich interessieren, nicht aber, dass er mich bereits mit dem Titel komplett für das Büchlein einnehmen würde. Dieser Titel lautet eben, Sie mögen es geahnt haben, „Zidane schweigt“, auch wenn er, Zidane, wie auch im Text zur Sprache kommt, sich in mindestens einem Fall dann doch nicht daran halten konnte und reden musste, und vielleicht sollte ich hinzufügen, dass der Diminutiv „Büchlein“ einzig und allein darauf hinweisen soll, dass es sich, wäre das Buch ein physisches, um einen eher dünnen, rasch zu lesenden Band handelt, keineswegs aber um leichte, gar seichte Kost.

Gut zu lesen sind seine Texte ohnehin, wenn man seinen Stil mag, und ich gebe zu, dass mir kaum Gründe einfielen, ihn nicht zu mögen. Inhaltlich sieht das schon ein bisschen anders aus, also zumindest dann, wenn man wie ich große Stücke auf Mario Gomez hält, aber das soll an dieser Stelle nichts zur Sache tun, denn in besagtem Buch geht es zwar auch um Fußball, ganz intensiv um Fußball, aber zum einen nur bedingt um deutschen Fußball und zum anderen auch weit darüber hinaus um eine politische und vor allem gesellschaftliche Komponente, die dem Autor ganz offensichtlich am Herzen liegt.

Frédéric Valin, der Name lässt es erahnen, ist nach eigenen Angaben „sehr französisch sozialisiert“, und so befasst er sich in „Zidane schweigt“ mit dem französischen Fußball der letzten Jahrzehnte und in besonderem Maße seit 1998, seit jenem Sieg, den der Klappentext als „Beweis für ein Gelingen des Multikulturalismus in Frankreich“ anführt und der auch den Ausgangspunkt des Textes darstellt. Frédéric begleitet diese französische Nationalmannschaft durch die folgenden Jahre bis hin zum Kulminationspunkt in Knysna, einem Ort, der im französischen Fußball einen Klang hat wie hierzulande Gijón oder Córdoba, tatsächlich aber weit über den sportlichen Aspekt hinausreicht – anders als die beiden genannten Tiefpunkte deutscher Fußballhistorie bezieht sich Knysna nicht auf ein konkretes Fußballspiel, sondern auf die verheerenden, großteils fußballfremden Geschehnisse im französischen Quartier während der WM 2010. Und nein, den Schlucksee akzeptiere ich nicht als Vergleich.

Knysna, so der Autor, war für die extreme Rechte, und damit sind wir also deutlich im politischen Bereich „ein Geschenk des Himmels“. Sie konnte die dortigen Vorgänge in ihrem Sinne deuten und auch rasch die öffentliche Wahrnehmung dominieren, in Frédérics Worten zeigten „die Medien ein Zerrbild einer Gesellschaft, die – so die Moral von Knysna – nicht funktionieren kann: eine voller Einwanderer, unterentwickelten Schulabbrechern, Leuten, die in den Straßenschluchten der Banlieues abhängen.“

Dieser Weg, von 1998 bis 2010, von ganz oben in einer keineswegs linearen Bewegung nach ziemlich weit unten, steht im Zentrum des Buches, mit viel Fußball, aber auch mit vielen gesellschaftlichen und politischen Betrachtungen, die deutlich weiter zurückreichen, zu Mitterrand, zu Tapie, und natürlich zum Aufstieg Jean-Marie Le Pens und seines Front National, und von dort dann wieder chronologisch nach vorne zur Ankunft von dessen Tochter in der Mitte der Gesellschaft.

Ich glaube, mich im französischen Fußball der letzten zwanzig Jahre ganz gut auszukennen, und auch gesellschaftspolitische Entwicklungen bei unseren Nachbarn verfolge ich stets interessiert. Dass dennoch mit der Zeit manches verloren geht, liegt auf der Hand, und auch vor diesem Hintergrund war es sehr aufschlussreich, sowohl sportliche als auch gesellschaftliche als auch politische Ereignisse nochmals vor Augen geführt, erläutert und eingeordnet zu bekommen. Dabei laufen die einzelnen Ebenen mitunter nebeneinander her, mit gelegentlich recht abrupten Themen- und Schauplatzwechseln, die einem Thriller zur Ehre gereichen würden; zum Teil werden aber auch von Anfang an die Querverbindungen zwischen Fußball bzw. ganz konkret der französischen Nationalmannschaft und der französischen Gesellschaft hergestellt. Besonders deutlich werden sie meines Erachtens etwa ab der Hälfte des Buches, wenn es verstärkt auf Knysna zusteuert und wenn der Autor, und damit der Leser, vielleicht auch schlichtweg von den Grundlagen profitiert, die im ersten Teil gelegt wurden.

Das Buch „Zidane schweigt“ von Frédéric Valin ist im Verbrecher Verlag erschienen, und das, wie bereits erwähnt, ausschließlich elektronisch im Rahmen der neuen „Edition Elektrobibliothek“ des Verlags. In dieser Reihe sollen künftig Romane, Erzählungen und Essais lebender Autorinnen und Autoren in ausschließlich elektronischer Form veröffentlicht werden. Ich habe keine Beziehung zu dem Verlag, bin aber Frédéric Valin bereits begegnet und schätze sein Werk sehr.

Eine andere Person, deren Werk ich sehr schätze, ist Herr Rebiger. Oder @rebiger, bei Twitter. Dieser Herr Rebiger hat sich zu meiner großen Freude und analog zur Weltmeisterschaft 2014 bereit erklärt, wiederum gemeinsam mit mir und interessierten Gästen das Turnier in Fünfzeilern zu begleiten: in der Doppelfünf.

Wir sind mit einer kurzen Historie der Europameisterschaften eingestiegen, haben dies und jenes kommentiert und zuletzt eine kurze Prognose zu den einzelnen Gruppen vorgelegt. Nun wird es Zeit, dass es losgeht, und wenn alles nach Plan läuft, sollte in den nächsten Wochen, Ausnahmen bestätigen die Regel, jedes Spiel der EM von mindestens zwei Leuten in je fünf Zeilen kommentiert werden. Vielleicht möchte ja jemand mal reinschauen und am liebsten auch noch mitreimen. Bei Twitter gibt’s uns unter @doppelfuenf2016.

Hier ein kleiner Vorgeschmack, ein Outtake sozusagen, der in der historischen Betrachtung einen Tick zu spät kam und unveröffentlicht blieb (die Sprachwahl ist hier dem Veranstaltungsort geschuldet, stellt aber eher die Ausnahme dar):

1996
Thanks to Shearer, they seemed on their way,
but Germany’s Kuntz countered: Nay.
Darren Anderton missed
So football (the twist!)
had come home, but the cup didn’t stay.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wellenreiter

16. September 2015

Das Flüchtlingsthema bewegt mich. Ja, schon klar, das ist nichts Besonderes, geht uns wohl allen so, vielleicht nicht in jedem Fall so, wie ich es mir wünschen würde, aber es bewegt. Wie ich es mir denn wünschen würde? Gute Frage. Da wollte ich schon lange mal was zu gesagt haben, brachte es aber bisher nicht auf den Punkt. Es ist ja leider nicht ganz so einfach, wie wir es gerne hätten. Wenn es aus Bayern heißt, man müsse wegen des Oktoberfestes einen Riegel vorschieben, dann lässt sich das erst einmal leicht von der Hand weisen, garniert mit dem Hinweis auf die CSU und ihr Weltbild. Hab ich auch getan. Wenn aus dem hiesigen Staatsministerium ein vorübergehender Aufnahmestopp verkündet wird, und sei er nur von kurzer Dauer, echauffieren wir uns zwar reflexartig, aber auch begründet. Schließlich gilt die Maxime Refugees welcome!

Gleichzeitig wissen wir, der Vernunft und unserem gesunden Menschenverstand folgend, dass es im einen wie im anderen Fall, und nicht nur in den genannten, objektiv gesehen stichhaltige Gründe gibt. Hinsichtlich des Oktoberfestes haben die taz und die Süddeutsche, die beide nicht zwingend im Verdacht stehen, Herrn Seehofer über die Maßen zu verehren, deutlich gemacht, dass München die Belastungen nicht stemmen könnte. Und dass Verwaltungen und Standorte, so auch in Baden-Württemberg, kurzzeitig an Grenzen stoßen können und in dieser Zeit andere noch etwas stärker in der Pflicht stehen, sollte selbstverständlich sein. Was zum Beispiel für Baden-Württemberg in der vergangenen Woche galt, aber eben auch für München in den kommenden Wochen gelten sollte – nicht zuletzt im Lichte der mehr als bemerkenswerten Arbeit, die dort in den letzten Wochen geleistet wurde.

Aber ich wollte gar nicht in die Grundlagen der deutschen und europäischen Asylpolitik einsteigen. Zum einen mangels vertiefter Kenntnisse, zum anderen in der Überzeugung, dass aktuell nicht binnen Tagen in vernünftige Bahnen gebracht werden kann, was man über Jahre versäumt hat. Natürlich muss man konzeptionell Dinge verbessern, und zweifellos muss man anerkennen, dass es eine theoretische Grenze der Belastbarkeit gibt, über deren Verortung man trefflich streiten kann. Dass sie, bundes- und EU-weit betrachtet, noch lange nicht erreicht ist, darüber besteht, wenn ich nicht furchtbar irre, in meinem Umfeld weitgehend Konsens.

Doch wie gesagt: die Priorität liegt gegenwärtig nicht bei Grundsatzfragen, oder sollte sie zumindest nicht. Vielmehr geht es, wir wissen es alle, haben die Sondersendungen verfolgt, die Bilder gesehen, uns in der einen oder anderen Form eingebracht, um schnelle, tatkräftige Hilfe, um die Verhinderung von Katastrophen, vielleicht auch nur deren Milderung, um Menschlichkeit und, ja, Nächstenliebe. Große Worte, die nicht ohne Grund groß sind.

Deshalb steht über allem im Moment die rasche, unmittelbare Hilfe für Menschen, deren Verzweiflung wir vermutlich nicht begreifen können. Die „Reisen“, die sie auf sich genommen haben, die sie ihren Familien und Kindern aufbürden, und die mit Adjektiven wie „abenteuerlich“, „wahnwitzig“ oder „lebensgefährlich“ nicht einmal ansatzweise beschrieben sind, dürften uns aber eine Ahnung vermitteln. Sie brauchen unseren Beistand, und viele haben ihn in den letzten Wochen bekommen. Gleichzeitig wissen wir alle, dass die beeindruckende Hilfswelle nicht ewig anhalten kann, nicht zuletzt deshalb, weil sie nach wie vor auf zu wenigen wirklich tragfähigen Schultern ruht.

Umso wichtiger ist es, dass die Botschaft nach draußen getragen wird, auch zu jenen, die in den vergangenen Wochen und Monaten keinen rechten Grund sahen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, oder zu jenen, denen wieder und wieder suggeriert wurde, dass die Not leidenden Menschen vor unserer Tür gar nicht Not litten, dass sie nicht in erster Linie von Zuhause weg wollen (was per se eine starke Vermutung ist), sondern dass sie im Grunde in erster Linie hierher wollen, zu uns, nach Deutschland, weil es ihnen hier, weit weg von daheim, noch besser geht als dort, weil sie uns unseren Wohlstand streitig machen, unsere Arbeit rauben, unsere Frauen und Männer wegnehmen und unsere Kinder fressen wollen.

Dass Menschen so etwas glauben, liegt zu einem ganz wesentlichen Teil an der BILD. Andernorts werden Sie B*LD lesen, oder ZEITUNG, oder die Zeitungsattrappe mit den vier Buchstaben, oder das Springer-Hetzblatt, oder das Organ der Niedertracht. Letzteres schreibe ich auch gerne mal, Max Goldt zitierend, Sie wissen schon. Grundsätzlich neige ich gleichwohl dazu, aber das nur am Rande, sie beim Namen zu nennen. Wir wollen sie dann ja auch nicht mystifizieren und Herrn Diekmann zum Dark Lord stilisieren.

Wie auch immer: diese BILD ist seit Jahr und Tag ganz weit vorne dabei, um es sehr zurückhaltend ausdrücken, wenn es darum geht, gegen ausländische Mitbürger, Migranten, Asylbewerber, Flüchtlinge, kurz: „kriminelle Ausländer“ zu hetzen. Ich werde das nicht mit Verweisen belegen, zähle es vielmehr zum Kanon unseres Allgemeinwissens.

Und eben diese BILD hat kürzlich eine Kehrtwende vollzogen. Eine Kehrtwende, die der wunderbare Wochenendrebell, dessen Verve und Entschlossenheit beim Einsatz für Flüchtlinge und gegen Nazis, Rassisten und so weiter mich Tag für Tag aufs Neue beeindrucken, sehr treffend als die „[aktuelle], zeitlich wie immer [befristete] Bild-Botschaft, Flüchtlinge wären in Deutschland willkommen“ bezeichnet. Schließlich wissen wir alle, dass sich der Wind gerade dort recht zügig wieder drehen wird.

Im Moment aber inszeniert man sich, ich sagte es, als Begründer einer neuen Empfangskultur, und, ja, erreicht damit auch Menschen. Es mag sein, dass sich diese Menschen darüber wundern, dass all das, was ihnen seit Jahren eingetrichtert wurde, nun gar nicht mehr stimmt. Es sollte nur nicht sein, dass diese Menschen in einigen Wochen die erneute Kehrtwende hin zur Diffamierung der bösen Asylanten auch wieder mitmachen.

Für den Moment aber: hey, super, BILD! Schöne Botschaft. Und weil wir grade dabei sind, Öffentlichkeit zu schaffen für „Refugees welcome“, spielt BILD gleich den höchsten Trumpf: sie koaliert mit der Bundesliga. Und die macht freudig mit. Ist doch klasse! Nirgends erreicht man so viele Menschen wie beim Fußball, und möglicherweise findet man auch kaum irgendwo anders so viele, sagen wir, in Flüchtlingsfragen Unentschlossene oder bisher nur leicht in die andere Richtung Geneigte, die zu sensibilisieren sich lohnen würde.

Abgesehen von der etwas unglücklichen Verwendung von „sensibilisieren“ im Zusammenhang mit der BILD bleibt festzuhalten, dass das vermutlich stimmt. Die Bundesliga ist in der Pflicht, diese Menschen zu erreichen, der VfB Stuttgart, der wie viele andere Vereine schon einiges tut, ist in der Pflicht, und wenn es der Sache dient, dann sollen sie halt in Gottes Namen mit dem Teufel paktieren, solange er noch das Engelsgewand trägt.

So kann man es sehen. Und ich gebe zu, im Grundsatz bin ich ein großer Anhänger der Haltung, dass es um die Sache geht und nicht darum, wer sich einen Erfolg letztlich auf die Fahnen schreibt. Ergebnis schlägt Eitelkeit, und Ergebnis schlägt bis zu einem gewissen Grad sogar den fauligen Geschmack im Mund, wenn man sich mit einem Organ der Niedertracht eingelassen hat, dem man keine zwei Millimeter über den Weg traut. Schließlich geht es um die Flüchtlinge, und wer wäre ich, wer wäre der VfB Stuttgart, wer wäre Hermes, wer die Bundesliga, sich der Fansensibilisierung mit Hilfe der BILD zu verschließen?

Schließlich geht es um die Flüchtlinge, sagte ich. Ist das denn wirklich so? Oder ist es vielmehr so, dass die BILD eine Welle reitet, die zufällig gerade, bitte verzeihen sie die Formulierung, ein paar Flüchtlinge an Land spült, an ein fürs Erste rettendes Ufer? Eine Welle, die bei der nächsten Flaute, und die kommt gerne mal ziemlich schnell, längst vergessen ist, an einem Strandabschnitt, den die Wellenreiter längst wieder verlassen haben, nicht ohne noch ein bisschen, im Zweifel auch lautstark, über den ganzen Dreck zu schimpfen, den die Welle dort hingetragen hat. Ach, Metaphern! Aber Sie verstehen mich, hoffe ich.

BILD zumindest geht es eher am Rande um die Flüchtlinge, wie Chefredakteur Diekmann heute in bemerkenswerter Weise deutlich machte, als bekannt wurde, dass der FC St. Pauli keinen von BILD gesponserten Aufnäher mit der Aufschrift „Wir helfen“ bzw. #refugeeswelcome tragen wird. Der Verein verwies durch Andreas Rettig auf bestehende diesbezügliche Aktivitäten. Er verwies nicht auf seine grundsätzliche Haltung zur BILD, aber selbst der kicker, der sich nicht entblödete, von einem „Boykott“ durch St. Pauli zu sprechen, bemerkte, zwischen den Zeilen, dass der offizielle Grund nicht der einzige sein dürfte.

Wie auch immer: als St. Paulis Ablehnung bekannt wurde, äußerte sich Diekmann bei Twitter dahingehend, dass der FC St. Pauli „kein Herz für Flüchtlinge“ habe, bzw. noch direkter, dass „#refugeesnotwelcome“ seien. Auf bild.de garnierte man zudem einen Artikel, in dem Vertreter einiger Bundesligavereine die BILD-Aktion und sich selbst ein bisschen feierten, mit einem unverschämten Kommentar:

„‚… Wir helfen – #refugeeswelcome‘ ist eine großartige Initiative, die wir sehr gern unterstützen!‘

Schade, dass das nicht alle so sehen…“

Wie kommt dieses Organ der Niedertracht, und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass es eines ist, wäre dieser spätestens heute erbracht gewesen, dazu, die Aktivitäten des FC St. Pauli, eines Vereins, dem man manches nachsagen kann, der einem zu kultig und in Marketingfragen zu kreativ sein mag, dessen Engagement in sozialen Fragen und auch und gerade bei Themen wie Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder eben der Hilfe für Flüchtlinge aber nicht nur völlig außer Frage steht, sondern vielmehr weithin als führend gilt, wie kommt konkret dieser spätberufene Zwischendurchflüchtlingsversteher dazu, St. Pauli derart zu diskreditieren? Ach ja, klar: die Welle. Um die geht es. Und kurzfristig werden ein paar Flüchtlinge an Land gespült.

Lieber VfB Stuttgart, liebe Bundesliga, mal im Ernst: das könnt Ihr doch alleine, das mit dem Engagement für die Flüchtlinge? Da braucht Ihr doch keine BILD? Und keine Welle. Ein langer, ruhiger Fluß, das wär doch was. Der in diesen Tagen gerne etwas zügiger fließen darf, der aber vor allem nicht in einigen Wochen versiegt.

Blog, Stock und 20 fragwürdige Fakten*

1. November 2013

Zu den Dingen, die man hier eher selten findet, zählt das, was gemeinhin Stöckchen genannt wird, also einen Fragebogen, der von verschiedenen Blogautorinnen und Blogautoren ausgefüllt wird. Möglicherweise fand bis dato noch gar keines den Weg in dieses Blog, aber ich würde es nicht beschwören wollen.

Der Grund dafür könnte darin bestehen, dass mir niemand Stöckchen zuwirft. Oder dass ich mir nicht so viel aus solchen Aktionen mache. Was sich leicht unter Verweis auf mein mehrfaches Ausfüllen des 11Freunde-Blogger-Fragebogens, so man dieses nicht unter Narzissmus und Eitelkeit ablegen möchte, widerlegen lässt. Und mit meiner Freude am Lesen Proust’scher Fragebögen.

Worauf man wiederum entgegnen könnte, dass Lesen und Ausfüllen etwa so viel gemein haben wie das Lesen und das Schreiben von Büchern. Ersteres nimmt einen beträchtlichen Teil meiner Zeit in Anspruch, Letzteres überfordert mich. Wie die geneigte Leserin gerade erahnen mag, überfordert mich tendenziell auch das Beantworten eines Stöckchens.

Ach komm, geh wech, hatte ich gesagt, womöglich etwas voreilig, als ich erstmals über das hier umschwurbelte Stöckchen gestolpert war.

Dem nachfolgenden Donnerhallen wagte ich mich dann nicht mehr zu widersetzen. (Einzelne Leser (sic!, ohne -innen) mögen an dieser Stelle eine Damoklesaxt vor Augen haben.)

[Nachtrag, 3.11.: Möglicherweise hätte ich explizit darauf hinweisen sollen, dass genau hier ein Perspektivwechsel stattfindet. Vom Blogbetreiber @heinzkamke zur literarischen Figur Heini Kamke. Verschiedene Reaktionen legen nahe, dass dieser Wechsel nicht selbsterklärend ist.]

20 Dinge über mich

  1. Ich bin zu nicht viel anderem nütze als zum Fußball. Alles, was ich sonst anfasse, wird nichts. Ein Armutszeugnis, nicht wahr? Ist aber so. Selbst mein Vater bestärkt mich – auch das ist nicht im engeren Sinne schmeichelhaft – in dieser Einschätzung. Immerhin: ich habe es eingesehen. Und spiele in letzter Zeit häufiger mit dem Gedanken, mein Geld damit zu verdienen. Darüber schreibend. Ist bestimmt besser als so ein Versicherungsjob.
  2. Die Helden meiner Jugend hießen Tazio Nuvolari, Louis Chiron und Raimondo Orsi. Aus Motorsport mache ich mir seit einer schicksalhaften Begegnung mit einem Lastwagen-Anhänger nicht mehr viel, beim Fußball bin ich geblieben.
  3. Mein Elternhaus ist nicht sehr wohlhabend. Meine Mutter machte bei Professor Gerlach sauber, auch um mir neben dem einen paar Straßenschuhe noch das Luxusgut „Fußballschuhe“ bieten zu können. Waren die Straßenschuhe kaputt, musste ich warten, bis mein Vater Zeit hatte, sie zu flicken oder neu zu besohlen. Mangels Alternativen ging ich einmal mit dem Luxusgut zur Schule. Kam nicht gut an.
  4. Es liegt auf der Hand, dass ich auch kein Taschengeld bekam. Aber ich fand Mittel und Wege, mir das Geld für die wirklich wichtigen Dinge zu verdienen. Outfit und so. Auch wenn sie mir manchmal peinlich waren. Die Mittel und Wege, meine ich. Das so verdiente Outfit nicht.
  5. Anders als mein Papa bin ich eine handwerkliche Niete. Wenn ich ihm dereinst bei häuslichen Arbeiten zur Hand gehen sollte, optimierten wir die Aufgabenverteilung dahingehend, dass er arbeitete und ich ihm dabei aus der Zeitung vorlas.
  6. Ich bin nicht nachtragend. So gar nicht. Der Wallner aus Pankow ist mein Zeuge. Donnerwetter!
  7. Mein bester Freund heißt Matze. Wir verstehen uns, wie sich das für beste Freunde gehört, meist ohne Worte. Und ähneln uns irgendwie. In der Schule nannte man uns die beiden Kleinen. Wie Hanne Berndt und Otto Sienholz sehen wir eher nicht aus.
  8. In Wahrheit heißt Matze Fritz. Und ich Heinz. Die sagen aber alle Heini zu mir.
  9. Mein Magen funktioniert wie ein Uhrwerk. Wenn es darauf ankommt, wird mir nach genau einer Stunde flau und ich muss ein bisschen an die frische Luft gehen.
  10. Einst war ich der ungekrönte Baumkletterkönig unserer Straße. Die große Linde am S-Bahnzaun bezwang ich als einziger in einem halbstündigen Aufstieg. Beim Abstieg musste allerdings eine fasst neue Hose daran glauben, was meine Mama körperlich sanktionierte. Tja, so war das damals.
  11. In kritischen Situationen, so sagt man mir nach, bin ich mitunter für ein kühnes und geniales Umgehungsmanöver gut. Na ja, eigentlich stammt die Umschreibung von mir selbst, ein Geschichtsbuch zitierend. Aber es war, in aller Bescheidenheit, schon kühn und genial, wie wir diese Spandauer Sache geregelt bekamen, als wir uns endlich vom Joch der Obrigkeit befreit hatten.
  12. Die einzige Sportart (Klettern habe ich aufgegeben), für die ich ein gewisses Talent mitbringe, ist Fußball. Am Barren versage ich auf ganzer Linie und am Reck bekomme ich nicht einmal eine einfache Bauchwelle hin. Und beim Tennis tauge ich bestenfalls zum Balljungen. Immerhin: Für Herrn Direktor Marquardt finde ich auch die unmöglichen Bälle wieder.
  13. Eine meiner leichteren Übungen besteht darin, mich unter schwierigsten Bedingungen umzuziehen. So erinnere ich mich an eine hernach als „Sensationsfahrt“ titulierte Taxifahrt von Wilmersdorf nach Spandau, in deren Verlauf sich vier junge Männer, die sich das Taxi mit zwei Erwachsenen und einem weiteren jungen Mann teilten, von Kopf bis Fuß umzogen.
  14. Ich habe ein Faible für die eher klassischen Wahrzeichen unserer Hauptstadt. Wer braucht schon den Funkturm, die Hochhäuser oder die Untergrundbahn, wenn er sich jenes kleinen Stückchens Alt-Berlin erfreuen kann, das noch vom vorvergangenen Jahrhundert erzählt, der Nikolai-Kirche oder, natürlich, der Museumsinsel?
  15. Auch mein persönlicher Wertekanon ist eher klassisch ausgeprägt. Kameradschaft zählt dazu, Verlässlichkeit sowieso, Sportsgeist natürlich, wie die Pfalzburger vermutlich bestätigen werden, auch wenn es ein Weilchen dauerte, bis ich ein mit der Hand erzieltes Tor gerade noch zu deren Gunsten ungeschehen machte. Und dass man für seine Überzeugungen eintritt, gegenüber Vorgesetzten bis hin zu Schulrektoren – selbst wenn man Letzteren sagen muss, dass der Schulrat von manchen Themen keine Ahnung hat.
  16. Manchmal singe ich lange und laut. Am liebsten Lieder, die sich endlos wiederholen lassen. Auf dem Tisch stehend. Wir haben die Ehr gerettet!
  17. Konflikte machen mir zu schaffen. Insbesondere dann, wenn sie dem Erreichen gemeinsamer Ziele im Wege zu stehen drohen. In der Regel bemühe ich mich dann, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Was nicht immer hilft, vor allem, wenn man selbst mittendrin steckt.
  18. Gelegentlich vergesse ich Verabredungen. Komplett. Mit etwas Glück habe ich dann den Ausredenkoffer dabei.
  19. In der Druckbranche habe ich mir eine gewisse Bekanntheit erarbeitet. Zack, zack, sozusagen. Wer aus der Branche kommt, wird vielleicht wissen, wovon ich rede. Und zur Bierflasche greifen.
  20. Wenn ich mal für eine Weile untertauche, dann habe ich meine Gründe. Können Sie mir glauben. Mussten meine Freunde aber auch erst lernen.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Identität des Torschützen gegen Nord-Ost ein Geheimnis bleiben soll.

* Mit bestem Dank an Sammy Drechsel.
Und der Bitte um Nachsicht.

Wasen, Werder, Weltklasse

8. Oktober 2013

Es ist ja nicht so, dass ich alles gut finde, was in der Cannstatter Kurve, wo ich mich heimisch fühle, so gesagt, getan, gesungen und irgendwie auch gespielt wird. Manches ist mir inhaltlich fern, anderes gar zuwider. Bei vielem bin ich inhaltlich völlig einer Meinung mit den aktiveren Fans, ohne dass unsere Wortwahl übereinstimmen würde. Bestimmt hätte ich auch nicht von „Bazi“-Trachten gesprochen, einfach weil der Begriff Bazi nicht zu meinem aktiven Wortschatz zählt, ich hätte ihn bis zu einer vorhin durchgeführten Kurzrecherche inhaltlich nicht einmal einordnen können.

Aber hey, „Bazitrachten raus aus Stuttgart„! Selten hatte ich so große Sympathien für ein Spruchband. Ok, das mag übertrieben sein, ich bin ja immer wieder mal sehr angetan von der Kreativität der jungen Leute, die, also die Kreativität, und nicht nur die, am Wochenende auch die Spieler noch einmal würdigten.

Aber ich hatte schlichtweg nicht damit gerechnet. Nicht zuletzt der Zusammensetzung der Kurve wegen, und so war es in der Tat auch ein diebisches Vergnügen, so manche(n) Kurvenbesucher(in) beim hoffnungslosen Versuch zu beobachten, gute Miene zum gar nicht bösen Banner zu machen, vielleicht gar das eigene Karohemdchen oder das porneuse Möchtegerndirndl zu verbergen. Verzeihung, möglicherweise vermischen sich jetzt auch die Eindrücke mit jenen aus dem tags darauf gemeinsam mit dem Sohnemann absolvierten Volksfestbesuch. Zumindest lag die „Trachten“-Dichte auch in der Kurve, um es sehr vorsichtig auszudrücken, im deutlich messbaren Bereich.

Zugegeben: so wirklich sympathisch finde ich meine ablehnende Haltung gegenüber der Volksfesttrachtenbewegung auch nicht. Ist ja irgendwie intolerant. Fast hätte ich was von Randgruppen gesagt; tatsächlich scheint die Realität aber eine andere zu sein, zumindest vor Ort in der Volksfest-Filterblase: allseits Trachten und deren Attrappen im trauten Stelldichein, die meisten fiktiv, manche württembergisch, viele bayrischen Ursprungs, wie auch das Volksfest-Merchandising weiß:

„Das Cannstatter Volksfest und Stuttgarter Frühlingsfest sind immer mehr von Besuchern geprägt, die das große Württemberger Volksvergnügen in Tracht besuchen. Sehr häufig tragen sie dabei Trachten bayrischen Ursprungs. Doch auch in Württemberg gibt es eine breite Trachten-Vielfalt.“

Trachten bayrischen Ursprungs. Ich verstehe das nicht, ehrlich nicht. Irritierte LeserInnen mögen sich fragen, ob ich nicht eigentlich was über Fußball schreiben wollte, ich würde antworten, dass ich ein bisschen vom Weg abgekommen sind, und besonders aufmerksame Mitlesende mögen zudem darauf hinweisen, dass ich Ähnliches schon einmal zu Papier (sie wissen schon) gebracht habe:

„Grundsätzlich sollen die Leute auf dem Cannstatter Volksfest meinetwegen anziehen, was sie wollen. Und wenn es Betreiber und Gäste gemeinsam für erstrebenswert halten, zu einer billigen Kopie des Münchner Oktoberfestes […] zu verkommen, dann sollen sie das halt tun. Es ist mir egal, ob sie tatsächlich die Zelte seit neuestem nach Münchner Vorbild angeordnet haben, und ich muss es nicht gutheißen, wenn Gott und die Welt in Dirndlgwand, Lederhose oder anderen Elementen der Brauchtumspflege auf den Wasen geht.“

Klingt nach meiner Einleitung ein bisschen so, als hätte ich mich mit der Zeit ein wenig radikalisiert, ne? Ist aber nicht so. Sollen sie machen. Was mir ein wenig auf die, Verzeihung, Eier, geht, ist der Versuch, so zu tun, als eifere man dem großen Bruder im Süden gar nicht nach, als habe man auf dem Volksfest schon immer Tracht getragen, württembergische natürlich. Zumindest in den 90ern scheint das eher nicht der Fall gewesen zu sein:

Ich räume gerne ein, nicht die ganzen fünfzehn Minuten angesehen zu haben, und möchte auch niemanden dazu auffordern, aber ganz ehrlich: ich habe keine Trachten entdeckt. Vielleicht waren natürlich die 90er ganz besonders „anders“, wollte man damals mit Trachten und Traditionen nichts zu tun haben.

Übrigens, um der Wahrheit die Ehre zugeben, auch in München nicht, wenn analoge Aufnahmen nicht täuschen. Was meine Plagiatsthese zunächst einmal eher in den Bereich des Kloppesken rückt. Wo sie auch bleibt, mangels Interesse an weitergehender Recherche. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn das weitere Herumtreiben auf dem Videoportal meiner Wahl zu dem Ergebnis führen würde, dass die Dirndlquote in Stuttgart seit zehn Jahren stets höher lag als in München. man denke nur an die diplomatischen Verstrickungen!

Dann doch lieber Fußball. Da habe ich nicht so viel zu meckern, und kenne mich zudem ein bisschen besser aus. Weiß zumindest einzuschätzen, dass das sehr ordentlich war, was der VfB am Samstag gegen Bremen geboten hat. Wenn die VfB-Verantwortlichen in der Vergangenheit davon sprachen, dass man ein Spiel überlegen geführt habe und nur an der Chancenverwertung gescheitert sei, schüttelte ich häufig den Kopf, nachdem die Mannschaft zuvor ohne selbigen, also ihren, angerannt und lediglich durch eine geeignete Aneinanderreihung von Zufällen zu einigen Gelegenheiten gekommen war.

Auch am Samstag waren zwar klare und wirklich zwingende Chancen Mangelware, und wenn der Trainer meint, man könne keine Kreativität wie bei den Bayern erwarten, hat er zweifellos recht, ohne sich gleich labbadiahafter Kleinmacherei verdächtig zu machen; gleichwohl meinte ich, ein Konzept zu erkennen, Schemata, aber auch spontane Ideen und letztlich sehr wohl Elemente, die man guten Gewissens unter Kreativität rubrizieren darf.

Dass die Flanke oder der Querpass, wenn man es, wie sehr häufig, über außen versuchte, mitunter zu früh kam, zu ungenau sowieso, dass aus ganz guten (häufig Kopfball-) Chancen keine sehr guten oder gar Tore wurden, ist unstrittig, dass aus 13 Eckbällen, die allesamt nicht schlecht getreten waren, nicht mehr Gefahr erwuchs, bedauerlich, vielleicht auch ein bisschen enttäuschend, und doch: ich mache mir keine Sorgen, Die Richtung stimmt.

Es dürfte sich von selbst verstehen, dass ich dabei in erster Linie von der zweiten Halbzeit spreche. Die erste war, von den Anfangsminuten mit dem frühen Tor abgesehen, insgesamt dann doch eher beschaulich, um nicht gleich das böse Wort träge zu verwenden, eventuell gar mit Hilfe der Vokabel Selbstzufriedenheit illustriert. Naja, irgendwie ging’s und wohl allen so. Die Bremer stellten sich als, mit Verlaub, Klassenerhaltsaspirant vor, der hinten – zunächst – mit dem Stuttgarter Tempo über die Außenpositionen nicht klarkam und auch Angriffe durch die Mitte nur bedingt unterbinden konnte. Der VfB war gut gestartet und irgendwie glaubte man, dass die weiteren Treffer dann schon fallen würden.

Tatsächlich fiel nur noch eines, und ich frage mich noch immer, was Antonio Rüdiger nach der ersten, von Arthur Boka noch abgewehrten Hereingabe so dachte. An dieser Stelle könnte man sich eine absurde Top-Ten-Liste des frühen Harald Schmidt, meinetwegen auch des frühen oder auch späteren David Letterman, vorstellen, die einen träumend auf dem Rücken liegenden Rüdiger mit Gedankenblasen in der Art von „Soll ich nachher erst mit dem Riesenrad oder mit der wilden Maus fahren?“ zeigen, untermalt von passendem Sitcomgelächter. Hat man zudem seine beiden hanebüchenen Abspielfehler kurz vor Schluss vor Augen, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die durch Niedermeiers Rückkehr verschärfte Konkurrenzsituation kein Fehler ist.

Ganz nebenbei verblüfft mich immer wieder, wie sehr sich die Karrieren zweier Protagonisten einer großen Nürnberger Bundesligasaison (und eines schönen Doppelinterviews, bei dem ich damals als eigentlicher Ekici-Sympathisant erstmals das nicht näher zu bestimmende Gefühl entwickelte, dass Gündogan deutlich weiter und vielleicht auch bereiter sei) voneinander entfernt zu haben scheinen: der eine auf dem Weg in die Weltklasse, phasenweise auch schon dort angekommen, und der andere, nun ja, ich hätte mich am Samstag als Bremer Fan spätestens zur Pause gefragt, weshalb er noch auf dem Platz, bzw. wo er in den 45 Minuten zuvor gewesen ist.

Entschuldigung, ich hätte mich nicht gefragt, ich tat es tatsächlich, auch ohne Bremer Fan zu sein. Schon klar: so eine Bewertung auf Basis eines Spiels und sonst einiger Sportschau-Eindrücke ist unseriös. Ich bin wohl einfach ein bisschen enttäuscht darüber, dass er meinen hohen einstigen Erwartungen so deutlich hinterherhinkt.

Zurück zum VfB. Die absolute Schlussphase verlief ein bisschen enttäuschend, weil es nicht gelang, noch einmal echte Torgefahr zu entwickeln. Vielmehr schafften es die Bremer mit einem intensiven Lauf- und Verschiebespiel, den VfB in den letzten Minuten zu zahlreichen Rück-, Quer- und Fehlpässen zu zwingen – und dem Zuschauer eine Ahnung davon zu vermitteln, dass es hier des einen oder anderen Spielers mit den Fähigkeiten, zumindest der Passgenauigkeit, oder auch nur dem Mut, eines Mats Hummels beziehungsweise, etwas weiter vorne, eines Toni Kroos bedurft hätte, um die Bremer Verteidigungsreihen zu durchstoßen, anstatt den Ball nur handballähnlich kreiseln zu lassen. Auf Höhe der Mittellinie. Vielleicht schwang auch das bei Thomas Schneiders Kreativitätsvergleich mit.

Möglicherweise hätte ein etwas früherer Wechsel hier noch einmal für Impulse sorgen können. Aber ganz ehrlich: ich hätte mich auch schwergetan, Traoré oder Harnik herauszunehmen, eben weil sie, trotz gelegentlicher unglücklicher Aktionen, noch immer für den einen entscheidenden Querpass oder Abschluss (der eine fürs eine, der andere fürs andere) hätten gut sein können. Am ehesten hätte ich – in diesem Spiel – von den Offensivkräften wohl noch Ibisevic herausgenommen, aber was wäre das für ein Signal gewesen? Zumal die zwischenzeitliche Platzverweisgefahr zum Ende hin wieder verflogen schien. Der Trainer macht das schon richtig.

Und dann war da ja noch Thorsten Kirschbaums Heimdebüt. Ein gelungenes, finde ich. Quervergleiche zu Ulreich verbieten sich zum einen aufgrund der allem Anschein nach klaren Rollenverteilung, zum anderen, speziell auf Samstag bezogen, schlichtweg deshalb, weil er kaum geprüft wurde – und auch zuvor bei seinen beiden Auswärtspartien nicht in dem Maße Gelegenheit hatte, sein Können zu zeigen, wie es bei Ulreich in den letzten Monaten leider häufig der Fall war, Auch wenn er, also Kirschbaum, in Freiburg ein paar schöne Reflexe zeigte.

Dann vergleiche ich halt anderweitig quer. Zu Raphael Schäfer. Nicht nett, ne? Es ist nur so, dass mich die Art und Weise, wie Kirschbaum den Ball mehrfach so lange auf sich zu und an sich vorbei laufen ließ, bis er perfekt vor seinem linken Fuß lag, fatal an Schäfer erinnerte. Die hohe Genauigkeit der dann folgenden Pässe war indes keineswegs mit Schäfers zu vergleichen. Und auch nicht mit Ulreichs.

Wenn diese Unart des langen Wartens nicht wäre, könnte ich mich glatt zu der Behauptung versteigen, dass ich mich bei Rückpässen, vielleicht auch insgesamt fußballerisch, mit Kirschbaum ein wenig wohler fühle. Aber ich bin nur ein Sack Reis, der irgendwo in Asien umkippt. Und auf der Linie sowie in Eins-gegen-eins-Situationen müsste er noch einige sehr bemerkenswerte Spiele abliefern, um ernsthaft an Ulreich gemessen werden zu können.

Ganz zum Schluss noch ein letzter Eindruck vom Wochenende. Kein eigener, sondern einer von Herrn Rotebrauseblogger, der sich, kreative Leser mögen es erraten, sachkundige Leserinnen gewusst haben, gerne, oft und sachkundig mit Rasenballsport Leipzig befasst, wo der zu meinem großen Bedauern „geparkte“ (so es denn so ist) Joshua Kimmich bei seinem Startelfdebüt in Liga drei einen prächtigen Eindruck hinterlassen zu haben scheint. Das weiß nicht nur die dortige Presse zu berichten, sondern eben auch der nicht zu unbegründetem Überschwang neigende Rotebrauseblogger: „Phänomenale Granate“ ist doch mal eine Ansage.

(Ein kleines persönliches Drittligadilemma, von einem Drama möchte ich nicht reden, deutet sich an, nachdem ich kürzlich an dieser Stelle das Stehblog als mein „Lieblingsdrittligablog“ bezeichnet hatte, das Rotebrauseblog aber in ähnlicher, und doch ganz anderer Weise schätze. Vielleicht sag ich den beiden einfach nichts davon.)

 

Le roi de l’Europe

23. September 2013

Kürzlich sprach mich, was relativ selten geschieht, jemand von außerhalb meiner Blogosphärenblase auf mein Blog an. Frei interpretiert sagte er ungefähr, dass ich mich – etwas überraschend, wenn man mich sonst primär von der gemeinsamen Freizeitgestaltung her kenne – schriftlich ja doch ganz nett ausdrücken könne. Er sagte das ein bisschen anders, aufrichtig freundlich, als Kompliment, als das es auch bei mir ankam, aber ein daraus entstehendes kurzes Nachdenken öffnete mir die viel zu lange verschlossenen Augen:

Natürlich! Daran lag es. Deshalb musste die Lesereise scheitern: ich kann nicht sprechen. Ich hab da keine Zeit, Sätze zu Ende zu denken, und in aller Regel enden sie dann ungefähr so wie jene von Piet Klocke, weil ich auf halbem Wege merke, dass der Satzanfang nicht zum vorgesehenen Verb passt, Sie wissen schon, und dann laviert man sich so …, Verzeihung: labert man halt so vor sich hin. Von der Aussprache ganz zu schweigen. Dem süddeutschen Idiom. Der optischen Wirkung.

Also engagierte ich mir einen Interpreten. Jemanden, der Texte vortragen kann. Inszenieren, nachgerade. Sie auch an der einen oder anderen Stelle noch ein wenig schleifen. Auf ein anderes Niveau heben. Peters. Den Christian Brückner der Bloggerei, wenn man solche Vergleiche mag. Und sein Filmteam. Profi(s) halt.

Ok, meine Geschichte stimmt nicht ganz. Tatsächlich war Herr Peters derjenige, der mir einen Auftrag erteilte. Ich revanchierte mich, beide lieferten wir. Er hat das ganz wunderbar gemacht, und ich bin ein kleines bisschen stolz, ihn dazu gedrängt (naja, leicht angestupst) zu haben und irgendwie beteiligt zu sein. Etwas mehr zu den Hintergründen gibt’s drüben in seinem Blog, meinen Text hier.

Dass ich in nächster Zeit lieber niemandem aus dem Umfeld Rio Reisers begegnen möchte (oder mich zumindest nicht zu erkennen geben würde), steht indes auf einem ganz anderen Blatt. Und hat nichts mit Herrn Peters‘ Performance zu tun.