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Zidane schweigt, Rebiger nicht

9. Juni 2016

Sie kennen das, nicht wahr? Man möchte noch schnell was schreiben, und eigentlich auch noch was zweites, ganz anderes, und ständig kommt was dazwischen, aber es ist einem ja wirklich ein Anliegen, beides, vielleicht könnte man das ja in einen Topf, Sie wissen schon, und eine hübsche Überschrift hat man ja auch schon, geklaut natürlich, aber schön, doch sie deckt den zweiten Teil nicht ab, und überhaupt passen die Inhalte ja eh nicht recht zusammen, aber, puh, gleich zwei Sachen veröffentlichen, muss ja auch nicht sein, ne, und, dann, tja, ach egal.

Vor ein paar Tagen hatte ich das Vergnügen, ein elektronisches Buch zu lesen. Der geschätzte Frédéric Valin („Wäre ihr Spielstil eine Sprache, es gäbe keine Relativsätze, Adjektive nur an Sonntagen.“ Über wen er das gesagt hat, in seiner EM-Vorschau? Schlagen Sie nach!) hat mir dieses Buch an die Hand gegeben, elektronisch, wie gesagt, aus der Elektrobibliothek, und ich wusste zwar ungefähr, worum es gehen und dass es mich interessieren, nicht aber, dass er mich bereits mit dem Titel komplett für das Büchlein einnehmen würde. Dieser Titel lautet eben, Sie mögen es geahnt haben, „Zidane schweigt“, auch wenn er, Zidane, wie auch im Text zur Sprache kommt, sich in mindestens einem Fall dann doch nicht daran halten konnte und reden musste, und vielleicht sollte ich hinzufügen, dass der Diminutiv „Büchlein“ einzig und allein darauf hinweisen soll, dass es sich, wäre das Buch ein physisches, um einen eher dünnen, rasch zu lesenden Band handelt, keineswegs aber um leichte, gar seichte Kost.

Gut zu lesen sind seine Texte ohnehin, wenn man seinen Stil mag, und ich gebe zu, dass mir kaum Gründe einfielen, ihn nicht zu mögen. Inhaltlich sieht das schon ein bisschen anders aus, also zumindest dann, wenn man wie ich große Stücke auf Mario Gomez hält, aber das soll an dieser Stelle nichts zur Sache tun, denn in besagtem Buch geht es zwar auch um Fußball, ganz intensiv um Fußball, aber zum einen nur bedingt um deutschen Fußball und zum anderen auch weit darüber hinaus um eine politische und vor allem gesellschaftliche Komponente, die dem Autor ganz offensichtlich am Herzen liegt.

Frédéric Valin, der Name lässt es erahnen, ist nach eigenen Angaben „sehr französisch sozialisiert“, und so befasst er sich in „Zidane schweigt“ mit dem französischen Fußball der letzten Jahrzehnte und in besonderem Maße seit 1998, seit jenem Sieg, den der Klappentext als „Beweis für ein Gelingen des Multikulturalismus in Frankreich“ anführt und der auch den Ausgangspunkt des Textes darstellt. Frédéric begleitet diese französische Nationalmannschaft durch die folgenden Jahre bis hin zum Kulminationspunkt in Knysna, einem Ort, der im französischen Fußball einen Klang hat wie hierzulande Gijón oder Córdoba, tatsächlich aber weit über den sportlichen Aspekt hinausreicht – anders als die beiden genannten Tiefpunkte deutscher Fußballhistorie bezieht sich Knysna nicht auf ein konkretes Fußballspiel, sondern auf die verheerenden, großteils fußballfremden Geschehnisse im französischen Quartier während der WM 2010. Und nein, den Schlucksee akzeptiere ich nicht als Vergleich.

Knysna, so der Autor, war für die extreme Rechte, und damit sind wir also deutlich im politischen Bereich „ein Geschenk des Himmels“. Sie konnte die dortigen Vorgänge in ihrem Sinne deuten und auch rasch die öffentliche Wahrnehmung dominieren, in Frédérics Worten zeigten „die Medien ein Zerrbild einer Gesellschaft, die – so die Moral von Knysna – nicht funktionieren kann: eine voller Einwanderer, unterentwickelten Schulabbrechern, Leuten, die in den Straßenschluchten der Banlieues abhängen.“

Dieser Weg, von 1998 bis 2010, von ganz oben in einer keineswegs linearen Bewegung nach ziemlich weit unten, steht im Zentrum des Buches, mit viel Fußball, aber auch mit vielen gesellschaftlichen und politischen Betrachtungen, die deutlich weiter zurückreichen, zu Mitterrand, zu Tapie, und natürlich zum Aufstieg Jean-Marie Le Pens und seines Front National, und von dort dann wieder chronologisch nach vorne zur Ankunft von dessen Tochter in der Mitte der Gesellschaft.

Ich glaube, mich im französischen Fußball der letzten zwanzig Jahre ganz gut auszukennen, und auch gesellschaftspolitische Entwicklungen bei unseren Nachbarn verfolge ich stets interessiert. Dass dennoch mit der Zeit manches verloren geht, liegt auf der Hand, und auch vor diesem Hintergrund war es sehr aufschlussreich, sowohl sportliche als auch gesellschaftliche als auch politische Ereignisse nochmals vor Augen geführt, erläutert und eingeordnet zu bekommen. Dabei laufen die einzelnen Ebenen mitunter nebeneinander her, mit gelegentlich recht abrupten Themen- und Schauplatzwechseln, die einem Thriller zur Ehre gereichen würden; zum Teil werden aber auch von Anfang an die Querverbindungen zwischen Fußball bzw. ganz konkret der französischen Nationalmannschaft und der französischen Gesellschaft hergestellt. Besonders deutlich werden sie meines Erachtens etwa ab der Hälfte des Buches, wenn es verstärkt auf Knysna zusteuert und wenn der Autor, und damit der Leser, vielleicht auch schlichtweg von den Grundlagen profitiert, die im ersten Teil gelegt wurden.

Das Buch „Zidane schweigt“ von Frédéric Valin ist im Verbrecher Verlag erschienen, und das, wie bereits erwähnt, ausschließlich elektronisch im Rahmen der neuen „Edition Elektrobibliothek“ des Verlags. In dieser Reihe sollen künftig Romane, Erzählungen und Essais lebender Autorinnen und Autoren in ausschließlich elektronischer Form veröffentlicht werden. Ich habe keine Beziehung zu dem Verlag, bin aber Frédéric Valin bereits begegnet und schätze sein Werk sehr.

Eine andere Person, deren Werk ich sehr schätze, ist Herr Rebiger. Oder @rebiger, bei Twitter. Dieser Herr Rebiger hat sich zu meiner großen Freude und analog zur Weltmeisterschaft 2014 bereit erklärt, wiederum gemeinsam mit mir und interessierten Gästen das Turnier in Fünfzeilern zu begleiten: in der Doppelfünf.

Wir sind mit einer kurzen Historie der Europameisterschaften eingestiegen, haben dies und jenes kommentiert und zuletzt eine kurze Prognose zu den einzelnen Gruppen vorgelegt. Nun wird es Zeit, dass es losgeht, und wenn alles nach Plan läuft, sollte in den nächsten Wochen, Ausnahmen bestätigen die Regel, jedes Spiel der EM von mindestens zwei Leuten in je fünf Zeilen kommentiert werden. Vielleicht möchte ja jemand mal reinschauen und am liebsten auch noch mitreimen. Bei Twitter gibt’s uns unter @doppelfuenf2016.

Hier ein kleiner Vorgeschmack, ein Outtake sozusagen, der in der historischen Betrachtung einen Tick zu spät kam und unveröffentlicht blieb (die Sprachwahl ist hier dem Veranstaltungsort geschuldet, stellt aber eher die Ausnahme dar):

1996
Thanks to Shearer, they seemed on their way,
but Germany’s Kuntz countered: Nay.
Darren Anderton missed
So football (the twist!)
had come home, but the cup didn’t stay.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Benzemas Lächeln

6. August 2014

Lang ist sie her, die Weltmeisterschaft, irgendwie, und doch liegt sie erst ein paar Tage zurück und wird uns noch lange begleiten. Erfreulich begleiten, möchte ich sagen, auch wenn ich am Montag, als ich meinen vierteljährlichen Kicker las, der hier gewiss exemplarisch für viele andere steht, schon recht bald genug davon hatte, allüberall zu lesen, wo die Parallelen zwischen der deutschen Mannschaft, dem deutschen Spielsystem, dem deutschen Teamgeist oder sonstigen deutschen Tugenden und der oder dem Augsburger, Paderborner, Leipziger oder Großaspacher Mannschaft, Spielsystem, Teamgeist oder auch sonstigen dortigen Tugenden liegen. Ist wohl unvermeidlich.

Meine persönlichen Erinnerungen an die WM hatte ich ja kürzlich schon in aller Ausführlichkeit dargestellt – und schon damals gedroht, angekündigt, was auch immer, dass es das noch nicht gewesen sei.

Eine „Retrospektive“ hatte ich in Aussicht gestellt, was für ein großer, überhöhender Begriff. Tatsächlich möchte ich lediglich noch einmal auf die #doppelfuenf zurückschauen, jenes fünfzeilige Reimprojekt, das ich mit dem fabulösen Herrn @rebiger, der im echten Leben dieser Tage auf die Bundesliga vorschaut, planen und umsetzen durfte, und zudem mit der grandiosen Unterstützung einer kleinen und sehr feinen Reimcommunity, die unsere Aufforderung zur Mitwirkung in gar wunderbarer Weise aufnahm und so die #doppelfuenf mit viel mehr Leben füllte, als wir es je gekonnt hätten.

Weniger für diejenigen, die an dieser Stelle deshalb noch mitlesen, weil sie noch keine Allergie gegen die hier phasenweise eher hochfrequent veröffentlichen Fünfzeilereien entwickelt haben, als vielmehr für jene Mitlesenden, die sich zufällig hierher verirrt haben und noch gar nicht wissen, wovon ich rede bzw. worum es in der #doppelfuenf ging, sei kurz gesagt, dass der Herr @rebiger und ich, und eben besagte externen AutorInnen, die WM in Fünfzeilern begleitet haben.

Dies geschah weitestgehend im Limerickschema, was sowohl uns beiden als auch dem einen oder der anderen Beitragenden nicht immer leicht fiel: von der Nennung von Ortsnamen in der ersten Zeile, wie die mitlesenden Fachleute sie erwarten dürften, nahmen wir bereits zu Projektbeginn weitgehend Abschied, aber auch die Metrik genügte nicht immer allen puristischen Ansprüchen. Entsprechende Kritik möge an die Betreiber gerichtet werden.

Während die Gäste thematisch sehr frei waren und dies auch in wunderbarer Weise nutzten, hatten sich die beiden Hauptverantwortlichen, das mag nicht zwingend deutlich geworden sein, die Vorgabe gesetzt, zu jedem Spiel mindestens zwei Fünfzeiler zu erstellen, je einen aus Sicht beider beteiligten Mannschaften, was nicht immer in Reinform gelang, zumindest wenn man die Eindeutigkeit der beiden unterschiedlichen Perspektiven hinterfragt; die geforderten 128 gleichmäßig verteilten Werke kamen indes locker zustande.

Ein besonderer Dank, also über den ohnehin besonderen Dank hinaus, gilt hierbei Herrn @rebiger, der einige Tage lang beide Seiten abdeckte, also die Heim- und die Auswärtsperspektive, als ich selbst aus persönlichen Gründen ausfiel. Womit wir das große Geheimnis jener ausgeklügelten Perspektivenverteilung auch gelüftet hätten, die diesen bemerkenswert störungsfreien Ablauf gewährleistete.

Ok, seien wir ehrlich: Störungen im Ablauf wären ja auch nicht so sehr aufgefallen – zum einen hatten wir Füchse unsere selbst gewählte quantitative Vorgabe gar nicht kommuniziert, zum anderen war die Zahl derjenigen, die die Störung hätten wahrnehmen können, jederzeit überschaubar. Korrekter: fast jederzeit, es gab schon gelegentlich ein höheres Aufkommen, ohne dass ich es an Ereignissen festmachen könnte. Was keine Klage ist: wir hatten Spaß, ein paar Mitlesende ebenso, die Mitschreibenden vermutlich auch.

Letztere vielleicht nicht immer, wenn ich ehrlich bin, weil wir uns in Einzelfällen herausnahmen, an der Metrik herum zu kritteln oder gar, in ganz seltenen Fällen, Beiträge abzulehnen, weil sie vom Fünfzeilenschema abwichen. Was uns die Darstellung zerrissen hätte. Eine Darstellung übrigens, die von unserer, ehrlicher: meiner Seite zwar dilettantisch entwickelt wurde, die aber zumindest auf ein aus unserer Sicht ganz wunderbares Logo setzen konnte, das uns die über die Maßen geschätzte Frau @rudelbildung im Vorübergehen gebaut hat.

Jene Frau @rudelbildung, Eingeweihte ahnten es, die in diesen Tagen ein Buch über Fußball veröffentlicht hat. „Bring mich zum Rasen“ heißt es, und ich gebe offen zu, dass ich mit dem Titel fremdle. Nicht aber mit den Texten. Ich kenne noch nicht alle, einige davon sehr wohl, und ich mag ihren Blick auf den Fußball und sein Drumherum, nicht erst seitdem das Buch erschienen ist, sondern seit Jahren, im von ihr gegründeten Textilvergehen, Sie wissen schon.

Ob ihre eine weibliche Perspektive sei? Ja, klar ist sie das. Eine von vielen weiblichen Perspektiven, um genau zu sein. Zudem eine Berliner Perspektive. Und eine portugiesische. Eine Union-Perspektive. Eine Fotografinnenperspektive. Die Perspektive von jemandem, der mit den Menschen redet. Beidseitig, mit zuhören und so. Und mancher Blickwinkel mehr. Ich freu mich drauf, demnächst bei der Lektüre noch ein paar weitere Perspektiven zu entdecken. Das hier schreibt übrigens der Verlag dazu, und das der Herr @bunkinho.

Diese Frau @rudelbildung also, die jüngst ein Buch veröffentlicht hat, von dem Sie möglicherweise gehört oder gelesen haben, hat unser #doppelfuenf-Logo gebaut und damit all unsere graphische Unbeholfenheit in den Hintergrund rücken lassen, sodass wir uns stattdessen auf Metrik und Reime konzentrierten durften, was uns ein bisschen näher lag. Und so veröffentlichten wir binnen sieben Wochen, vom 2. Juni bis zum 21. Juli, insgesamt 272 Fünfzeiler, von denen bemerkenswerte 64 nicht unseren eigenen Federn entstammten. Ja, 64. Als wär’s geplant gewesen.

Herzlichen Dank dafür! Vielleicht kann ich ja an dieser Stelle einfach mal exemplarisch ein Werk aus der #doppelfuenf entleihen und hier zitieren:

Reimendendank
Ein Fünfzeilerschreiber aus Schwaben
genießt’s, sich an Reimen zu laben,
die, von Gästen erdacht,
große Vielfalt gebracht.
Habt Dank, uns veredelt zu haben!

Wenn ich schon am Danken bin, kann ich ja gleich weiterzitieren:

Lesendendank
Ein Fünfzeilerschreiber aus Stuttgart
dankt der #doppelfuenf lesenden Hood hart:
seid so freundlich gewesen,
Anapäste zu lesen,
bis der Sprechrhythmus völlig kaputt ward!

Ich sag’s ungern, aber jetzt wäre der Punkt gekommen, an dem sich die nicht so reimaffinen Leserinnen und deren männliche Pendants spätestens zurückziehen sollten, weil der bis hierher noch halbwegs prosaische Text nun endgültig in die angekündigte selbstverliebte und sich selbst zitierende Retrospektive Eigenlobhudelei übergeht, bestenfalls mit dem einen oder anderen hinführenden Kommentar, aber 272 untereinander geschriebene Fünfzeiler sprechen dann ja auch weitgehend für sich. Bzw. jetzt nur noch 270. Vielleicht auch ein paar weniger.

Vielleicht kann ich sie sogar ein bisschen gliedern. Wie wär’s zum Beispiel mit Prognosenfünfzeilern? Sind ja gang und gäbe, wie auch Kollege @rebiger zu berichten wusste:

Tierische Vorhersage
Hin und wieder beschwört man Orakel,
und nicht selten ham diese Tentakel.
Wer nun wen hier denn schlüge.
Ob’s der Wahrheit genüge?
Kann auch sein: ‘s wird ein Riesendebakel.

Und der Debakel gab es reichlich. Nehmen wir zum Beispiel Herrn @SvenGZ:

Lüftchen
Mit Einmannsturm Old Miro Klose
kann das nur geh`n in die Hose
Nen Titel beim Kicken
Kannste so knicken
So lautet bei mir die Prognose

Auf der anderen Seite gab es auch die Checker, die von Anfang an so richtig Bescheid wussten. So wie Herr @chrisprech:

Neymar sings the Blues
Den Pokal will Brasilien erringen.
Die Hüften die Weiber woll’n schwingen.
Doch dann wird es müllern,
geradezu knüllern,
und Neymar wird Blues nur noch singen.

Der Mann kennt sich aus. Meine Wenigkeit hingegen meinte vor der Gruppenphase Folgendes:

A wie Altmeister
Favorit ist, selbstredend, Brasil.
Dann Kroatien. (Mittelfeld! Stil!)
El Tri: eher bieder.
Ist Eto’o noch ein Leader?
Und wenn ja, ist das gut für ihr Spiel?

Nun ja. Mexiko. Vielleicht doch nicht ganz so bieder, wie ich dann auch reumütig eingestand:

Irrtum
Jüngst nannte ich Mexiko “bieder”.
Verzeihung, ich tu es nie wieder!
Ich verklärte Kroaten,
wart’ vergebens auf Taten.
Man lache mich aus, mach’ mich nieder!

Doch weiterhin gilt, immerhin: ich bin nicht allein in meiner Ignoranz. Herr @rebiger zum Beispiel hatte die Chuzpe, gegen das Dark Horse aus Kolumbien zu setzen. Zugunsten von … Japan:

C wie Chuzpe
Kein Falcao und so: kaum Probleme.
Und für Hellas gibt’s maximal Häme.
Auch die Elf um Herrn Drogba:
nicht gänzlich unrockbar.
Nippon holt Punkte bis ins Extreme.

Japan, Kolumbien, Griechenland? Na, Herr @rebiger?
Nun, ich selbst vertat mich da wohl auch:

Sounds like a melody
Gruppe C – wen ich ganz vorne wähn’?
“Die Japaner”, sprach ich, “souverän”.
Doch gegn die Ivoren
war ihr Posten verloren.
Sind sie lediglich big in Japan?

Oder nehmen wir die Dreiweltmeistergruppe, die der Kollege etwas anders benannte:

D wie Dodesgruppe
Costa Rica wird wenig bestellen:
Hunde-like, bloß nicht beißen, nur bellen.
Fraglich nur: Wer an zwei?
England? Uruguay?
Wer wird sich zu Italien gesellen?

Knapp daneben, würde ich sagen, und nicht nur dort:

Fehleinschätzung
Dieses war meine Top-Expertise:
Zu den Top 4 zählt “der Portugiese”.
Nun ist klar, dass – oh, Mist –
er nichts anderes ist
als ein schnarchender, schlafender Riese.

Da wir grade bei Portugal sind: Herr @rebiger scheint dort nicht alle Spieler gleichermaßen zu mögen. Einen verortet er in der Tierwelt:

Cristiano wer?
Es war einmal ein eitler Pfau,
aus dem Land neben Spanien (genau).
Wollt’ den weltweiten Ruhm,
hat jetzt Freizeit. Und nun
intressiert sich für ihn keine Sau.

Wohingegen ich ihm schon sehr gern zusehe.

Brotlos? Vielleicht.
Zirzensische Künste am Ball
sind vielen Beleg für ‘nen Knall.
Doch die Moves von Neymar
(und Cristiano, na klar)
sind tatsächlich und gänzlich mein Fall.

(Natürlich weiß ich um Herrn Ronaldos Torquote, und die von Neymar jr. ist auch nicht so übel. Aufhänger waren ein paar schick anzusehende und nur so halb effektive Dribblings.)
Ach, und noch etwas, vorgreifend, zu Neymar. Und den Fans.

Bedauern
Ein getretener Volksheld aus Santos,
der, beseelt, manches Tor für sein Land schoss,
lässt Brasilien trauern.
Weltweit herrscht Bedauern –
sofern in die Wertung Verstand floss.

Doch wir waren eigentlich bei Prognosen. Hin und wieder galten sie auch einzelnen Spielen. Und waren nicht weniger wild, so zum Beispiel beim ersten Auftritt von Volker Finkes „unbezähmbaren Löwen“, als ich drei Tore von Herrn Choupo-Moting vorhergesagt hatte. Wenigstens konnte ich den Hauch einer Erklärung liefern:

De facto draußen
Eric konnt’ mein Träumchen nicht leben.
Hat Maxim gleich die Schuld dran gegeben.
Sagt Choupo: i wo,
es lag an Eto’o.
Und Moting weiß: das war’s dann wohl. Eben.

Eher nicht so gut erklären konnte man indes rückblickend, wieso gerade Belgien „von der Bank“ Algerien hatte schlagen können:

Hipsterexpertenhipster
„Experten, ey!“, sagt jeder zweite
algerische Fan nach der Pleite.
Gegen belgische Hip-
ster gäb’s einen Tipp:
auf der Bank, hieß es, fehle die Breite.

Wo wir grad von Belgien sprechen: ganz schön respektlos, der Herr Kollege, nicht wahr?

Gutes Pferd
Bis zur 70. sehr viel Verdruss,
dann der erste vernünftige Schuss:
Mit dem Kopf von Fellaini,
diesem Wollknäuel-Heini.
Belgien springt nur so hoch wie es muss.

Wollknäuel-Heini!? So geht’s ja wohl nicht! Um indes kurz, nun ja, beim Thema zu bleiben:

Korkenzieher
Marcelo, Willian und Luiz!
(Fehlt Dante, der wär ja auch süß.)
Doch so sehr sie auch rocken –
als Meister der Locken
grüßt Ochoa, derdie Null stehen ließ.

(Ja, derdie ist ein einsilbiges Wort.)

Nicht schlecht übrigens dies hier von @rebiger, prognosemäßig, letztlich aber doch nicht gut genug:

Kein Geheimfavorit
Herr van Gaal so: “Sie spielen, Herr Fer.
Komm’ se doch mal vom Aufwärmen her!”
Der zieht sich kurz um,
kommt rein, dann macht’s bumm!
Tja, Oranje schlägt wohl keiner mehr.

Mir war’s irgendwann dann doch ganz angenehm, dass er nicht recht gehabt hatte mit seiner niederländischen Unschlagbarkeitsthese:

Unsachlich
Argentinien steht im Finale.
Das sendet die richt’gen Signale.
Ich räume gern ein:
ihr Spiel war nicht fein.
But your one-man-show sucks, Louis van Gaal, ey!

Wenn wir somit quasi in Finalnähe gerückt sind, zitiere ich gern eine meiner Lieblingseinschätzungen, die Herr @bimbeshausen unmittelbar vor dem Halbfinale abgab:

11 Richtige
Geht’s ums Stehen, geht’s eher ums Sputen?
Schweini sagt: »Ich kann 90 Minuten
und wenn’s sein muss auch mehr«.
Immerhin – gleichwohl: er
zählt für mich derzeit nicht zu 11 Guten.

Bezog sich ja nur aufs Halbfinale, nicht wahr? Bereits vor dem Viertelfinale hatten wir, also der Herr @rebiger und ich, noch einmal Rollen verteilt. Ok, ich hatte. Ohne dass der positiv gestimmte Herr Kollege etwas davon gewusst hätte, schon gar nicht, dass ich den bad cop spielen und mich noch dazu nicht an seine Fünfzeilenvorgabe halten würde:

Voller Vorfreude
Ich will Belgier und Brasilianer,
auch die Deutschen und Costa Ricaner.
Argentinier, Franzosen
in kurzen Sporthosen.
Und Holländer. Und Kolumbianer.

Wieso denn Vorfreude? (I)
Argentinien, Brasilien, ey, Alter:
kein Fußball – Alleinunterhalter!
Die Franzosen: brutal.
(Die FIFA: “Egal.”)
Costa Rica? Nein, wirklich: ein Kalter!

Wieso denn Vorfreude? (II)
Kolumbien? Pfft – ohne Tiger!?
Oranje setzt nur auf den Flieger.
Den Belgiern (geheim)
geh ich nicht auf den Leim.
Und mit Löw wird man eh niemals Sieger.

Ah, der Herr Löw. Den wollen wir ja nicht ganz vergessen. In der Tat galten nicht wenige Prognosen, da unterscheidet sich die #doppelfuenf nicht vom richtigen Leben, ihm und seiner Mannschaft. Ich bin ein bisschen stolz auf diese eine sehr frühe Einschätzung, die nun wahrlich nah an der Realität lag:

Fangedanken: So nicht!
Der Kader: nicht mehr als ein Torso.
Wie stellt sich der Trainer das vor, so?
Kaum Stürmer, so’n Dreck –
der Jogi muss weg!
Im Juli dann: Auto raus, Korso!

Die Prognosequalität war im Übrigen nicht überall gleich hoch, wie erneut Herr @SvenGZ bezeugen kann:

Guter Brauch
Ein guter Start in die WM
ist nichts Besonderes, denn
so war es sonst auch.
Fast schon ein Brauch
wie das Aus gegen Italien.

Italien, tze! Vor dem Halbfinale gab es dann im Wesentlichen zwei Denkschulen, die ich kurz  zu umreißen versuchte:

Gar nicht mal so schlecht
Herr Löw und sein Team sind vor Ort.
Italien und Spanien: längst fort!
Auch Frankreich und Chile
hatten höhere Ziele.
Schon wieder top 4 – großer Sport!

Gar nicht mal so gut
Noch ein Spiel um Platz 3? Hat kein’ Zweck!
Verliern im Finale? So’n Dreck!
Man kann’s drehen und wenden:
es wird titellos enden –
die Wurst an der Linie muss weg!

Ach, dieses Halbfinale! So groß  – und zwischendurch so unangenehm, dem, Verzeihung, Gemetzel televisuell beizuwohnen:

Lämmer
„Hört mal auf,“ sagte ich, „haltet ein!
Ich will das jetzt nicht, muss das sein?”
Wollt mich gerne verbeugen,
aber bloß nicht bezeugen:
die Lämmer, die Schlachtbank, das Wein’n.

Herr @nobilor war indes derart beeindruckt, dass er das 7:1 zum Anlass nehmen wollte, die fünfzeilige Struktur aufzubrechen, was wir Betonköpfe verwehrten. So genießt sein Werk nun das Alleinstellungsmerkmal, hier als einzig unveröffentlichtes aufgeführt zu werden. Und sieben Zeilen zu umfassen:

Ausnahmeerscheinung
Müller – eins vor
Miros 16tes Tor,
Schürrle/Kroos mal zwei
Sami auch dabei
Legendenspiel
für großes Ziel
Zeilenzahl heute nach Score.

Danach war Brasilien ziemlich durch, wie @rebiger auch beim Spiel um Platz 3 voller Poesie feststellte. Dabei hätte man wissen können, dass die Niederlande mit Windmühlen aufwarten:

Arme Ritter
Sie kamen kein Stück mehr zu Potte.
Es glich einem Gang zum Schafotte.
Seleçao, sehr schaurig,
gestaltete traurig
das Spiel. Wie dereinst Don Quijote.

Immerhin durften sie bis zum Ende dabei sein, die Gastgeber. Von einigen Großen und nicht ganz so Großen hatte man längst Abschied genommen. Vom Weltmeister, zum Beispiel:

Zäsur
Eine Ära und manche Karriere
endet heute, in Sieg und Misere.
Vorerst schließt sich der Reigen,
ich werd mich verneigen:
der Weltmeister gab sich die Ehre.

Oder Italien, vermisst von @rebiger:

Gondeln tragen Trauer
Von Mailand bis zum Apennin,
von Sizilien bis nach Turin:
Ein Land ist in Trauer,
halb weinend, halb sauer,
und Schuld daran ist Herr Godín.

Ich machte die Gruppe dann rund, irgendwie. Waren auf jeden Fall auch mal Weltmeister:

Generationswechsel
Roy Hodgson, der frech nominierte,
den Jugendwunsch nicht ignorierte,
kam dann doch nicht zurand’
und beschämte das Land:
man ging heim als verheerende vierte.

Oder nehmen wir die Elfenbeinküste. Zum dritten Mal in der Vorrunde raus. Und mit ihr Didier Drogba.

Dann halt 2018!
Nun würde sein Traum echt noch wahr,
so dachte der alternde Star.
Es war doch nicht zu spät,
diese Wies’ schien gemäht.
Wer hat’s dennoch verkackt? Côte d’Ivoire!

Überhaupt, Afrika, komplett raus nach der Vorrunde. Algerien geht da dem Vernehmen nach gerne mal unter. Dabei warfen sie sogar die Deutschen aus dem Turnier, wenn ich @fraochdachs recht verstanden habe:

Teufel an der Wand
Die Überraschung perfekt: Algerien
schickt Jogi & Co. in die Ferien.
Lahm patzte, ohwei!
Dann Klose: vorbei!
Daraus zieht man hoffentlich Lehrien.

Tatsächlich hatte man sie wohl schon früher gezogen.

Noch so ein schwerer Abschied: Mexiko. Mal wieder im Achtelfinale, und mal wieder mit Kapitän Marquez:

Käptn trifft Robben
Bis der Rückzugsimpuls unten ankam,
hatt’ er längst schon gemerkt: ‘s war zu langsam.
Es war so ein starkes
Turnier von Herrn Márquez,
bis Robben sein Angebot annahm.

Am schmerzlichsten war mir der Verlust der Chilenen, die ich ein bisschen adoptiert habe. Als unerwartetes Zweitteam, gewissermaßen. Gegen Spanien wussten sie noch zu begeistern:

Königsmord
Sie liefen so viel und so schnell.
Man dachte bei sich: Duracell.
Bissen mutig und keck
den Weltmeister weg.
Mancher meinte, er höre Gebell.

Doch irgendwann verließen selbst ihn, dem ich ein bisschen zu nahe trat, die Kräfte:

Die anderen Werte
Mein Mitleid gilt ihm ganz speziell.
Steht für Wille und Einsatz Modell.
Sieht zwar aus wie Gesocks,
das auf Kirmessen boxt;
hab mich dennoch verliebt in Medel.

– und so war es um sie geschehen:

Ehrerbietung
Lobpreisungen schenkt man Dir. Viele.
Deinem Mut, Deinem Herz, Deinem Stile.
Du nahmst mich gefangen
und ließest mich bangen.
Ich weine mit Dir, großes Chile!

Szenenwechsel. Das Fernsehen. Könnte man viel drüber schreiben. Geschah in der #doppelfuenf erfreulicherweise nicht im Übermaß. Aber diese ständige Einspielung des Facepalm-Logos bei Wiederholungen, ich weiß ja nicht … mich störte sie schon beim Eröffnungsspiel:

Zeitlupengesichter
Erst ein Kullertor, dann ein Präsent;
schließlich Pike (wiewohl sehr behänd).
Nicht nur in Kroatien
palmierte man Fazien.
Und das Fernsehen stützt diesen Trend!

Herrn Mertesacker störte etwas anderes, später, was einige fünfzeilig festhielten, exemplarisch sei auf Herrn @chrisprech verwiesen:

Arschtritt für Büchler
Und Merte sagt: Boris, so’n Scheiß!
Ich leg mich jetzt ersma auf Eis.
wie kannst Du es wagen,
so dämlich zu fragen,
Echt, Alter, gleich gibt’s auf den Steiß!

Das TV-Gesicht der WM, zumindest hierzulande, war für mich Mehmet Scholl. Zumindest hörte ich ihm am liebsten zu: oder sah mir seine Kleider an. Einverstanden: manchmal war er auch einfach ein bisschen zu sehr er selbst:

Der Mehmet
Der Südam’rikaner per se:
Emotionen vom Kopf bis zum Zeh.
Hat er Frust, muss der raus –
Mehmet Scholl kennt sich aus.
Demnächst dann “der Iwan”, ok ?

Wohingegen ich es sehr mochte, wie er sich ob der zum Teil überharten Spielweise so sehr echauffierte, dass der Flötenmann neben ihm eine neue Zehnkämpfergeneration fürchtete:

Zehnkämpfer
Mehmet Scholl schöbe gern einen Riegel
vor Tritte und Schläge und Prügel.
Sieht den Fußball in Not,
Filigrane bedroht.
Und Opdi disst Hans-Peter Briegel.

Wo wir grade vom Fernsehen reden: hier meine fünf Alibi-Minuten zu gesellschaftlichen Missständen, und die nur so halb:

WM-Paradoxon
Das Geschehen vor Ort: schwer erträglich.
Die FIFA (per se?): rundum kläglich.
Das Gebaren: rigide.
Die Kritik: sehr valide.
Heut geht’s los, und ich freu mich unsäglich!

Herr @kaffchris zog indes eine überzeugende gesellschaftliche Parallele:

Kann hier ja nicht passieren 
Polizei außer Rand und auch Band –
geprügelt wird ohne Verstand.
Nichts ist fertig, ein Graus,
auf den Straßen nur Staus!
Mein Gott, was’n rückständig’ Land!

, während die Herren @frankie1960 und Kamke noch ein bisschen bei unser aller Lieblingsverband verweilten:

Sepp
Es war einst ein Sepp, der hieß Blatter
Seine Reden war’n lautes Geknatter.
Die Stimmung toll.
Die Taschen voll.
Doch: irgendwann kommt der Gevatter

Ellbogen (II)
Dass Suárez bestraft wird, ist wichtig.
Das Strafmaß: nicht meins. (Aber: nichtig.)
Der Franzose Sakho:
exkulpiert, lebensfroh.
Jedes FIFA-Klischee erscheint richtig.

 

Wenn wir über die #doppelfuenf reden, müssen wir wohl auch über Sprache sprechen. Über bis zur Unkenntlichkeit gebeugte Aussprachen, der Metrik wegen, über erfundene, falsch geschriebene oder fragwürdig gebeugte Worte. Über gebeugt gehende Menschen indes eher nicht. Bleiben wir erst einmal bei der Orthographie, die Herr @ojweh, im Verbund mit einer diskutablen Namensbetonung, wunderbar für seine Zwecke optimiert hat:

Drecksdefensive 
Zum Superstar namens Neymar
Sprach der Scholari: Nu sey mar
nicht so offensiv
wir stehen heut tief
Für den war der Spieltag im Eymar!

Der hiesige Hausherr passte die Aussprache auch gerne mal bei Nicht-Eigennamen an, was ähnlich schwer wiegt und auch durch ein Betonungszeichen nicht gerettet werden kann. (Aber hey, es ging um Karagounis!)

Fast wie immer
Hellas’ Endstation: Achtelfinale.
Ihr Spiel trug bekannte Merkmále:
hinten ziemlich verschlossen –
ein Gewühltor geschossen –
Karagounis gibt fleißig Signale.

Dass es immer noch schlimmer geht, steht außer Frage. Da werden dann Namen falsch geschrieben, um bei der Silbenzahl zu tricksen und damit einen furchtbaren Scherz zu ermöglichen, der den Begriff Wortspiel nicht verdient hat und den mancher Twitternutzer mit zahlreichen Strafkästen belegen würde. Immerhin, die Überschrift vermittelt, wie mies er (also ich) sich dabei fühlte:

Oh mein Gott!
Man wartet ja drauf, dass der Witz fällt.
(Marjo Barth macht mit solcherlei Hits Geld. )
Als Komparse: der Shaq,
mit getripeltem Pack,
in Manaus, Ihr wisst: auf dem Hitzfeld.

Immerhin: der Herr @rebiger war auch nicht immer völlig frei von Unsinnsphantasien sprachlicher Art, und auch ihm war es überschriftlich bewusst. Brüder im Geiste?

Ähm… tja.
Und am Ende gewann Kolumbiehn
(Ich hoffe, mir wird es verzieh’n:
Dass der Reim einer ist,
sorgt für Grammatik-Mist.
Doch wie heißt es so schön: C’est la Wien.).

Und noch ne Überschrift, und noch ne Namenssache:

Cilessen, ich weiß.
Coach van Gaal sagt: “He, Jasper Celissen,
Sie werden aus dem Tor geschmissen.
Denn ich hab’ das Gefühl,
Ihr Rivale, Tim Krul,
hält viel besser und nicht so beschissen.”

(Ach so, ähm: Cillessen, ich weiß.)

Selbes Spiel, andere Verfehlung, anderer Autor (moi):

Akkusativfehler
Die vergebenen Strafstöße kosten
Costa Rica den Halbfinalposten.
Das geht doch nicht an!
Drum klage ich an:
Hollands Unsympath zwischen den Pfosten.

Immerhin: ganz böse war unser aller Umgang mit Sprache dann auch wieder nicht. Hin und wieder kamen schöne Sachen dabei heraus, hashtagbezogene Wortspielereien, zum Beispiel, wie sie Herr @bimbeshausen nach dem Halbfinale erdachte, zugegeben: mit von der Redaktion ergänzten #-Zeichen.

Ehrlichkeit
Gurken hinten herum, so ein Quark
wohl ein Spielstil, den keiner gern mag
Oder sag mal: Gefiel
dir denn etwa das Spiel?
Weil ich ehrlich bin, sag ich: #ned #arg.

Gelegentlich wurd’s auch mal fremdsprachlich, so zum Beispiel vor dem vermeintlich turnierrelevanten Duell der später in der Gruppenphase gescheiterten Exweltmeister, als Kollege @rebiger der englischen und ich der italienischen Seite zugelost worden war:

Very british
If we bring this round and little ball
behind the „Catenaccio“-wall,
Rooney or his mates score,
(Germans shout: England! Tor!)
This would be like „… and Justice for all“.

Vinceremo noi!
Voi: Welbeck, ma noi: Balotelli.
Voi: Hodgson, noialtri: Prandelli.
Poi grandissimo Pirlo.
Oltracciò, devo dirlo:
le barbe, occhiali, capelli.

Wieso Nigeria letztlich auch fremdsprachlich scheiterte, weiß ich gar nicht mehr so genau, es mag am gesetzten „same old“ gelegen haben:

Nearly super eagles
Same old, said Nigeria, same old –
an often-heard story retold:
the outsiders shine –
big teams in decline?
In fact, then, the underdogs fold.

Wohingegen „algerische Tränen“ einfach nicht so schön klingt.

Les larmes algériennes
Leur jeu: plein d’esprit et de charme.
Ont causé une espèce de vacarme.
(Silencieux, sur l’terrain)
Néanmoins, à la fin,
l’Algérie se retrouve en larmes.

Ach, Sprache. Auch im TV eine Thema, irgendwie:

Griezerklärung
Grissœument, sagt Herr Simon, nasal.
Auch Grisemanne und Grisement, optional.
Wär er skisportbeschlagen,
würd er’s noch anders sagen,
nämlich Grissmann, wie Werner – normal!

Zurück zum Sport. Irgendwann ließ es sich nicht mehr leugnen: Deutschland stand im Finale. Und konnte auf eine bemerkenswerte WM-Geschichte gegen Argentinien zurückblicken. Was allerorten geschah, so auch bei uns:

Keine Pointe
Herr Jürgens und so singen Schlager.
Matthäus: “Mein Schuhwerk!” – Versager.
Lehmanns Zettel brilliert.
Zwanzigzehn: filetiert.
Doch die Schlusspointe setzt Burruchaga.

Was dann doch nicht stimmte. Die Pointe kam von Herrn Götze, der schon früh im Turnier einen Glanzpunkt gesetzt hatte:

Kniefälle
Herr Rojo traf jüngst mit dem Knie.
Das sei ja nicht schlecht, meinen Sie?
Mich reißt’s nicht vom Stuhle,
denn die ganz hohe Schule
ist Herrn Götzes Kopf-Knie-Strategie.

Im Finale adaptierte er sie zu einer nicht weniger imposanten Brust-linker-Fuß-Strategie, womit er seine Vorgänger in einer Hinsicht weit in den Schatten stellte:

Weltmeistertorschützen
Aus dem Hintergrund, Drehung, Elfmeter –
na ja, war halt wichtig. Konkreter:
Götze traf, man konnt’s sehn,
nicht nur wichtig – auch schön!
Löws Sinn für Ästhetik versteht er.

Selbstverständlich war er nicht der alleinige Held, wie Herr @rebiger sogleich deutlich machte:

Fels in der Brandung
Das Tor schoss zwar Mario G.,
und Schweini tut sicher viel weh.
Doch mein Held an dem Tage,
und zwar ohne Frage:
Boateng (Und zwar nicht Kevin-P.).

Nicht so überraschend, meinen Sie? Noch nicht mal originell? Was soll ich sagen? Meine sind’s auch nicht:

Schweinsteiger
Strapaziert war er, beinah’ schon über-,
sowohl körperlich als auch – noch lieber – ,
um ‘ne Sehnsucht zu stillen:
als Symbolbild für Willen,
für Kraft und, vor allem, für’ n Leader.

Erfolgstrainer
’s ist ein spielphilosophischer Schöngeist,
der Tacklings im Grunde “obszön” heißt
und der Standards verachtet,
der – wer das wohl gedacht hätt’? –
den Weg in betitelte Höh’n weist.

Puh, ist jetzt doch schon ganz schön lange geworden. Ich fasse nochmal zusammen:

Kurz und knapp
Erst mal Portugal, Ghana, US.
Dann Algerien: Merte hat Stress.
Neuers Arm gegen Frankreich,
Brasilien versank gleich.
Und nach #arg-em Finale: Exzess!

So war das also. Und das Unvermeidliche trat ein.

Die Erben des Kaisers
„German dominance“ tönt’s mancherorten,
begleitet von markigen Worten.
Der Subtext, unsagbar:
auf Jahre unschlagbar.
(Experten und ihre Konsorten.)

Ob die größte Überraschung im Nachgang des Turniers vermeidlich gewesen wäre, vermag ich nicht zu beantworten. Sie nötigt mir großen Respekt und ähnlich großes Bedauern ab.

Irrelevantes Gebrüll
Da stand er, im strahlendsten Licht.
Sein Timing, wie stets, ein Gedicht.
Ich veneigte mich tief,
doch mein Innerstes rief:
Herr Lahm, mensch, ich möchte das nicht!

Womit wir eigentlich durch wären. Aber wenn man sich so die WM-Rückblicke angehört oder durchgelesen hat, kam immer auch die Frage nach den besonderen, den vielleicht auch kleinen, großen Momenten auf. Dem möchte ich mich nicht entziehen und verweise abschließend auf ein paar solcher Szenen:

Mondragóns Einwechslung war so eine. Schön gemacht, Herr Pekerman. (Bitte nicht mit Felix Magath und André Lenz verwechseln.)

43
Herr Pekerman möchte ihn ehren,
drauf rinnen ergreifend die Zähren.
Ein schöner Moment:
Herr Mondragón [weint].
Auch ich kann und will mich nicht wehren.

Oder Herr Löw im Dauerregen von Recife? So gar nicht geschniegelt. Da bröckelte ein Image, und manche(r) mag schon gehofft haben:

Beim Schopf gepackt
Das bildjournalistische Rudel
erkannte den tückischen Strudel,
in dem er nun steckt –
hat’s Symbolbild gecheckt:
Herr Löw als begossener Pudel.

Nach Kolumbiens Ausscheiden forderte David Luiz das Publikum auf, dem wunderbaren James Rodriguez zu huldigen. Nach meiner Wahrnehmung war indes Dani Alves, den ich lange Zeit nicht sonderlich mochte, was sich seit geraumer Zeit geändert hat, derjenige gewesen, der ihn zunächst getröstet hatte. Und natürlich war er damit nicht allein, auch die Deutschen Spieler taten sich so gegen Brasilien hervor. Sportler.

Respekt
Dani Alves, ich zieh meinen Hut:
Ihr Trost für Herrn James tat gut.
Macht den Jungen nicht glücklich,
doch als Fan ist’s erquicklich –
man erlebt, was ein Ehrenmann tut.

Erinnern Sie sich an Stephan Lichtsteiner? Der kurz vor Ende der Verlängerung (?) den Ball verloren und Lionel Messi die Chance zum Gegentor eröffnete, das dann Angel di María erzielte? Und daran, wie Lichtsteiner anschließend mit leerem Blick im Netz hing? Genau.

Große Gefühle
Herr Lichtsteiner in seinem Netz:
ohne Worte, ermüdet, entsetzt.
Geht, so sagt sein Gesicht,
mit sich selbst ins Gericht.
Ist zutiefst in der Seele verletzt.

Und schließlich, meine ganz persönliche Szene der WM. Der Schuss auch, klar, die Parade erst recht. Vor allem aber das, was danach kurz von den Kameras eingefangen wurde. Ungläubig war er, bewundernd, ja, fast ein bisschen fassungslos. Und, um es ein bisschen zu überhöhen, sich vielleicht auch im Klaren, dass er eben zu einer der größten Szenen des Turniers beigetragen hatte, die ich gern angemessener in fünf Zeilen gepresst hätte:

Wunderbares Lächeln
Die Nachspielzeit läuft, alles schwächelt.
Das Atmen fällt schwer, mancher hechelt.
Letzte Chance: riesengroß.
Die Parade: grandios.
Benzema ist perplex. Und er lächelt.

 

Ja, war lang. Die WM. Der Text. Die Fünfzeilerphase. Jetzt ist erst einmal Ruhe. Danke nochmals allen Beteiligten, und sorry an all jene, die nicht im Rückblick auftauchen. Vielleicht hätte ich jemanden bitten sollen, statt meiner die Auswahl vorzunehmen.

 

 

 

Unendlicher Spaß

24. Juli 2014

Neulich (tatsächlich ist „neulich“ während der stockenden Entstehungsgeschichte dieses Textes zu einem veritablen „vor einiger Zeit“ herangewachsen) habe ich den WM-Rückblick von The Football Ramble gehört. Er hieß ein bisschen anders, nicht nur der Sprache wegen, aber es war ein WM-Rückblick. Zum Ende hin ging es um die BBC, die sich wohl gedacht hatte, dass sie, wenn sie schon dieses fußballaffine Publikum vor den Fernsehern sitzen habe, doch gleich Werbung für die neue Premier-League-Saison machen könnte, Match of the Day, Sie wissen schon, Ähnliches galt für Sky. Die Antwort der Podcaster lautete, sinngemäß:

„Respect the mode we’re all still in […] Give us a break! […] We love the Premier League, we’re gonna be into it … but just … give us a moment!“

Dem möchte ich nichts entgegensetzen. Noch immer nicht, auch nicht nach einiger Zeit. Im Gegenteil: „Give us a moment!“ bringt meine Stimmungslage sehr gut auf den Punkt. Gewiss, der VfB Stuttgart hat noch viele Baustellen im Kader. Andernorts tut sich diesbezüglich sogar einiges. Auch manches, über das man den Kopf schütteln möchte, wie es der vierte Offizielle vehement tut.

Unabhängig davon möchte ich das alles im Moment überhaupt nicht hören. Möchte vielmehr schwelgen und schwärmen, dieser Weltmeisterschaft huldigen, sie als beste aller Zeiten verklären. Allein diese Gruppenphase! Die Niederlande gegen Spanien! Die „kleineren“ Südamerikaner! Die Concacaf-Teams (ja, ja, Honduras)! Sie alle haben mich, wie soll ich sagen, geblitzdingst, nein: geflasht.

Geflasht waren auch die jungen Männer beim Fehlpass, Sie wissen schon, jenem (bitte die Stimme kurz etwas anheben) fast (senken) täglichen WM-Podcast von und mit Yalcin Imre (@fehlpass), der während der WM häufig zu unchristlichen Zeiten aufgenommen wurde und doch so viele sinnvolle Gespräche zu Wege gebracht hat.

Diese jungen Männer blickten also begeistert auf die WM zurück und ließen mich kurz schmunzeln, als Herr @GNetzer Wert darauf legte, dem Schwelgen eine sehr deutliche, sehr angemessene Kritik an den nicht sportlichen Aspekten der Weltmeisterschaft in Brasilien voranzustellen, insbesondere mit Blick auf das Gebaren der FIFA, das an kolonialistische Zeiten gemahne. Wie gesagt: ich fand das gut. Besagtes Schmunzeln ließ sich dennoch nicht vermeiden, als nach gut fünf Minuten die „Alibi-fünf-Minuten-Einspieler“ im Fernsehen zur Sprache kamen.

Es ist ein Dilemma. Oder, wie ich drüben in der #doppelfuenf zu Turnierbeginn in fünf Zeilen darzulegen versuchte, ein

WM-Paradoxon

Das Geschehen vor Ort: schwer erträglich.
Die FIFA (per se?): rundum kläglich.
Das Gebaren: rigide.
Die Kritik: sehr valide.
Heut geht’s los, und ich freu mich unsäglich!

Wo waren wir? Ach ja, ich schmunzelte. Und distanziere mich auf das Entschiedenste von der Schlussfolgerung, ich stellte die einführenden letztlich siebeneinhalb Fehlpass-Minuten auf eine Stufe mit den Alibis der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. Aber lustig war’s schon.

Nicht zwingend lustig, aber eine große Freude war indes tatsächlich die – fast – tägliche Fehlpass-[hier bitte ein auf das Hören bezogenes Pendant zu Lektüre einfügen], gerade mit den vielen verschiedenen Gesprächspartnern, und ich stelle gerne fest, dass gerade besagter @GNetzer viel zu selten zu hören ist in diesem meinem Internet. Die Stimme angenehm, der Stil ruhig, die Argumentation schlüssig, der Mann gescheit. Was nicht heißen soll, dass seine Gesprächspartner nicht auch gut gewesen seien.

Klar gab’s noch viele andere Podcasts, und vermutlich komme ich weiter unten auch noch darauf zu sprechen, weil das ganze Zeug, das sich so in meinem Kopf angesammelt hat, letztlich scho au irgendwie raus muss, oder zumindest ein Teil davon, um dann doch wieder Platz für die Bundesliga zu schaffen.

Zuerst aber: der Sport. Ein bisschen. Im Grunde ist ja alles gesagt. Die WM ist durchanalysiert, wir kennen den goldenen Handschuh, den goldenen Schuh, den goldenen Ball, die goldene Mannschaft, vermute ich, und auch das goldene Tor, will sagen: das schönste. Geschossen von James Rodriguez, diesem jungen, aufstrebenden 80-Millionen-Mann, der den Ball so wunderbar auf seiner Brust tanzen ließ und dann an und unter Musleras Latte schmetterte.

Weil wir Fußballfans aber gerne mal zur Distinktion neigen, gelegentlich auch zum Hipstertum, hab ich mich zwar auch für ein Tor jenes jungen Mannes entschieden, aber eben ein anderes; auch nicht jenes, das von der Jury zum drittschönsten Turniertreffer gewählt wurde, noch vor dem titelbringenden, technisch sehr bemerkenswerten von Herrn Götze, das die drei jungen Männer vom Fehlpass irgendwann einmal in einer umjubelten Inszenierung nachzustellen versuchen werden.

Mein höchstpersönliches Lieblingstor, das mir zumindest in der Livebetrachtung ganz außergewöhnlich vorkam, bei der nochmaligen Beschau indes, so ehrlich will ich sein, ein bisschen von seiner ursprünglichen Brillanz eingebüßt hat, weil es doch nur elf kolumbianische Ballkontakte waren, darunter ein eher zufälliger, die letztlich zum Torerfolg führten, war das 2:0 gegen Uruguay.

Sie erinnern sich? Der Angriff über rechts, die Verlagerung, die Räume, die geschaffen wurden, die Flanke auf das lange Fünfereck, die Kopfballablage, der banale Abschluss. Ich weiß nicht, ob es unter Hipstertum fällt, der relativen Geringschätzung schön herausgespielter Tore mit vergleichsweise gewöhnlichem Abschluss etwas überdrüssig zu sein und ihm möglicherweise übertriebene Lobhudeleien entgegensetzen zu wollen; unter Distinktionsbestreben dürfte es gleichwohl abzulegen sein.

Und ja, es gibt natürlich Ausnahmen, ganz herausragende Ausnahmen, Argentinien 2006 zum Beispiel, oder Brasilien 1970 (da war der Abschluss selbst auch nicht so schlecht), und natürlich auch Brasilien 1982, wobei man sich auch dort fragen kann, wieso ein Ranking aller brasilianischen Tore am Ende eine Art Antiklimax erfährt, zumindest aus Sicht einzelner distinguierter Möchtegern-Hipster, indem die vordersten Plätze schnöden Fernschüssen vorbehalten sind.

Ob ich ein Video von Rodriguez‘ 2:0 zu bieten habe? Na ja, nicht explizit. Die Zusammenschnitte im Videoportal meiner Wahl räumen dem 1:0 in der Regel so viel Platz bzw. Zeit ein, dass kein Speicherplatz mehr für eine ausführlichere Würdigung des 2:0 (sprich: den kompletten Angriff) übrig bleibt. Immerhin: die ARD-Mediathek hilft bis Ende Januar 2015, ab 03:55.

Genug überhöht. Das Tor, meine ich. Die WM überhöhe ich gerne auch weiterhin. Nenne sie einen unendlichen Spaß, ohne David Foster Wallace‘ Buch gelesen zu haben oder das Hamlet-Zitat einordnen zu können, und somit Gefahr laufend, den literarischen Kniff nicht zu erkennen, der dann möglicherweise gegen meinen Willen in meine Bewertung einfließt. Tja. Ich mein’s aber wörtlich, also fast.

Natürlich gab’s Spaßbremsen, und damit versuche ich nicht, einen Alibi-fünf-Minuten-Einspieler zu platzieren – Verzeihung, das klingt vermutlich viel zu flapsig für das wahrlich ernsthaft Thema jener Schere, die sich in Brasilien abseits des Sports so beschissen weit öffnete –, sondern bleibe beim Sport, beim einen oder anderen langweiligen Spiel, beim Schiedsrichter-Dilemma, das ich jüngst kürzlich vor einiger Zeit bereits ansprach, auch bei den brasilianischen Jagdszenen gegen Herrn James.

Und doch: was für eine Freude! Was für eine Gruppenphase! Und was sind die süd- und mittelamerikanischen Mannschaften gerannt, wie haben sie gespielt, sich taktisch geschickt verhalten, ihre Gegner mit zum Teil unerwarteten Aufgaben konfrontiert. Man denke an Chile, das Spanien aufgefressen hat, oder aus der Concacaf Costa Rica, das sich in der Dreiweltmeistergruppe lächelnd an die Spitze gesetzt hat. Wunderbar.

Ja, wissen Sie alles, ich weiß. Und was hatten wir, also Teile von uns, gejammert vor dem Turnier! Kolumbien ohne Falcao? Abgeschrieben. Deutsche Titelchancen ohne Reus? Dahin! Die Niederlande ohne Strootman? Puh. La France ohne Ribéry? Mon Dieu! Von den außen vor Gelassenen oder nicht Qualifizierten gar nicht zu reden. Indes: so richtig schmerzhaft würde es schon nicht werden:

Hicks!

Ein Jammer: die ganzen Absenzen,
abseits aller Flaggen und Grenzen!
Für Verletzte: bescheiden.
Das Turnier? Wird auch leiden –
wie bei Schluckauf und – hicks! – Flatulenzen.

Will sagen: schade für Falcao, um bei einem der genannten Beispiele zu bleiben, ziemlich schade für Kolumbien, aber dem Turnier ist’s letztlich egal.

Natürlich war der unendliche Spaß auch ganz stark mit der deutschen Mannschaft verknüpft, über die nun ja doch ziemlich viel geschrieben wurde, und nicht selten ziemlich Positives. Über Neuer. Über Schweinsteiger und Hummels und Boateng und so weiter. Darüber, dass jenes Halbfinale viele Leben lang in Erinnerung bleiben wird.

Und über Herrn Löw natürlich. Faszinierend, wie viele Menschen sich freuen, dass nun das ständige Gerede über seine Titellosigkeit, um es harmlos auszudrücken, ein Ende hat. Faszinierend zudem und vielmehr, wie viele Menschen demnach tatsächlich schon immer gewusst haben, wie gut er ist. Vielleicht waren also jene fünf Zeilen, die ich vor Turnierbeginn dem einen oder anderen Skeptiker widmete, fernab jeder Realität und irgendeiner realen Person, sondern nur eine böse Fantasie:

Fangedanken: So nicht!

Der Kader: nicht mehr als ein Torso.
Wie stellt sich der Trainer das vor, so?
Kaum Stürmer, so’n Dreck –
der Jogi muss weg!
Im Juli dann: Auto raus, Korso!

 

Schöne Geschichte natürlich auch für Mario Götze. Ich hatte mir im Vorfeld des Finales eigentlich einen spielentscheidenden Özil gewünscht, aber ich nahm auch Götze recht klaglos hin. Auch er soll ja zwischenzeitlich gar nicht mal so gut gelitten gewesen sein, hörte ich. Quatsch. Natürlich habe ich das mitbekommen, und es stimmt ja auch, dass er nicht immer überzeugte, nachdem der Auftakt gegen Portugal durchaus vielversprechend gewesen war.

Was ich aber sagen wollte: mein unendlicher Spaß hatte gewiss auch damit zu tun, dass ich mich meist auf das Wesentliche konzentrierte: die Spiele. Die TV-Vorberichterstattung zu den Partien ging fast komplett an mir vorüber, was unter anderem dazu führte, dass mich die von meinem Sohn kurz vor Anpfiff übermittelte Information, dass Kramer für Khedira auf dem Platz stehe, aus ziemlich heiterem Himmel traf, nachdem eine knappe Stunde zuvor noch eine unveränderte Aufstellung vermeldet worden war.

Auch nach den Spielen zog ich mich meist recht rasch zurück, aber wenn ich doch was sah, dann war dies in aller Regel besser als ich erwartet hatte. Natürlich hat das mit Erwartungen zu tun, vielleicht auch mit einer deutsch-polnischen Ostseeinsel, doch ganz im Ernst: ich hatte mir die Olis schlimmer und die Herren Scholl und Opdenhövel genau so vorgestellt. Schlecht wäre, auf Basis einer überschaubar großen Stichprobe, anders gewesen.

Selbst die Kommentatoren ließen mich weitgehend kalt. Vielleicht waren sie wirklich besser als in früheren Jahren, vielleicht filterte ich schlichtweg effektiver, ich weiß es nicht. Am liebsten hörte ich erwartungsgemäß dem unaufgeregten Oliver Schmidt zu, auch dem sehr unaufgeregten Thomas Wark, der gefühlt seit Jahrzehnten die Back-Office-Spiele auffängt. Eigentlich hatte ich auch auf den vermeintlich unaufgeregten Gerd Gottlob gehofft, doch sein hemmungsloses „Wirzen“ bei zumindest einer Partie der deutschen Mannschaft ließ mich diese Hoffnung rasch begraben und in Sorge vor einem weiteren solchen Auftritt umwandeln.

Tom Bartels habe ich nur aus dem Finale in schlechter Erinnerung, und bei Steffen Simon kann ich schlichtweg nicht objektiv sein. Wenn ich es dennoch versuche, komme ich rasch an den Punkt, wo ich mich frage, ob es Erbsenzählerei meinerseits oder ein Mangel an Professionalität seinerseits ist, wenn ich mich darüber aufregen muss, dass er den italienischen Nationaltrainer Prandelli, einen Mann, der nicht nur in der jüngeren deutschen Fußballhistorie tiefe Spuren hinterlassen hat, sondern der auch außerhalb des Feldes eine bemerkenswerte Persönlichkeit darstellt, konsequent Pandrelli nennt. Hab’s mir überlegt: ja, ich zähle Erbsen. Und es ist unprofessionell.

Während also mein TV-Konsum für eine WM überschaubar blieb, was natürlich auch familiären Freuden und Zwängen geschuldet war, verbrachte ich ungewöhnlich viel Zeit mit dem Hören von Podcasts. Dem Fehlpass, wie gesagt, oder als zweitem, nein, sorry, eigentlich erstem fixem Programmpunkt, World Cup Football Daily, hinzu kamen mit zunehmender Regelmäßigkeit „Fear and Loathing in Sao Paulo“ beim Sportradio 360, und gelegentlich 5 live’s Football Daily. Tägliche Sachen halt. Und die Erben, eh klar. mit anderem Fokus.

Wohingegen ich das Gemeinschaftsprojekt des Textilvergehens mit den Mikrodilettanten nur selten hörte, wiewohl ich es mochte: es passte nur so überhaupt nicht zu meinem WM-Rhythmus. Immerhin lernte ich dort fürs Leben: „Die FIFA ist kein empathischer Mensch.“

Was übrigens auch nicht zu meinem Rhythmus passte: Blogs. Peinlich, nicht wahr? Im Grunde las ich überhaupt nichts systematisch, auch nicht in Sportportalen, ja noch nicht einmal die Link11 bei Fokus Fussball, die sonst mein steter Ausgangspunkt ist. Bei der WM war das anders, war diese Rolle anders besetzt: von Twitter. Twitter war meine völlig willkürliche Informationszentrale. Was dort zu einem günstigen Zeitpunkt in Linkform vorbeitrieb, wurde gelesen, alles andere nicht. War gut.

Auch abseits des Medienkonsums habe ich nicht so wirklich viel mitbekommen. Die Spiele sah ich zumeist zuhause, im Schoß der Familie, gewissermaßen. In zwei, höchstens drei Fällen, verfolgte ich die Partien in kleineren Gruppen von vielleicht 10 Leuten, eher weniger. Danach traf man mich nicht in der Stadt an, die Schlandisierung, von der ich immer wieder las, ging weitgehend an mir vorüber. Ich wollte nur Fußball. Pur, nahezu. Ein unendlicher Spaß!

Fußballgespräche mit beruflichen Kontakten, die sich meines Wissens sonst nicht besonders für Fußball interessieren, lenkte ich in der Regel so rasch in professionelle Bahnen, dass der eine oder die andere gedacht haben mag, ich interessierte mich nicht für Fußball. Ich kann nicht einmal ausschließen, dass ich selbst jahrelang eine ebensolche falsche Vorstellung von deren Fußballaffinität hatte bzw. noch immer habe. In Einzelfällen, meine ich.

Der Kollege, der mich als sehr fußballaffinen Menschen einschätzt und mich am Tag des Brasilien-Spiels frug, ob ich mir trotz der Uhrzeit gegebenenfalls auch noch eine Verlängerung ansehen würde, ehe er tags darauf verkündete, es auch gesehen zu haben und dass es ja sehr spannend gewesen sei, dürfte nicht zu denjenigen zählen, in denen ich mich getäuscht hatte.

Das heißt nicht, dass ich nichts mit solchen Leuten zu tun haben will, dass ich mich gar als würdigeren, echteren Fan begreife. Vielmehr haben wir schlichtweg keine gemeinsame Ebene, auf der wir über Fußball reden können. Ok, Fragen und Antworten wären eine, und gelegentlich betrete ich sie auch, mit Leuten, die ernsthaft fragen und Antworten suchen. Aber ich bin nicht in der Lage, mit Menschen über Fußball zu reden, die so tun, als kennten sie sich aus, und die auf dieser Basis ein bisschen fachsimpeln wollen. So wie jener Kommilitone, damals, der sich als großer Fußball-Fan gerierte und mir von VfB-Legende Effi Buttmayer erzählen wollte. Ein weites Feld. Oder war es Etty Buffmayer? Ich weiß es nicht mehr.

Überheblich? Vielleicht. Zumal mir klar ist, dass ich bei weitem nicht so viel (mehr oder weniger) nützliches Fußballwissen angehäuft habe wie manch(e) andere(r). Zweifellos habe ich Schwächen in der Beschreibung und oft genug auch im Erkennen taktischer Winkelzüge, und, um zum nützlichen Wissen zurückzukehren, kenne mich beispielsweise im Weltfußball um die Jahrtausendwende längst nicht so gut aus, wie ich es gerne hätte. Aber ich erinnere mich doch an manches, informiere mich zumeist recht aktuell und ausführlich, und bilde mir auch ein, zum einen das Spiel ganz gut zu verstehen, und dass zum anderen die eigene praktische Erfahrung durchaus hilft, den einen oder anderen Ablauf auf dem Spielfeld einzuordnen.

Um es kurz zu machen: ich möchte nicht mit Leuten über Abseits diskutieren, die nicht verstehen, inwiefern die Abseitslinie bei Freds Tor gegen Kamerun falsch war.

Was ich übrigens auch nicht so gern möchte, wenn auch in ganz anderem Kontext und auf ganz anderer Ebene: tagelang über eine kontrovers aufgenommene Feierchoreographie der frischgebackenen Weltmeister diskutieren bzw. Diskussionen darüber lesen. Ich hatte meinen ersten Eindruck in einem Tweet zusammengefasst:

Diese Sichtweise hat im Grunde nach wie vor Bestand. Das, was mich stört, ist die Häme, ist das Auslachen des unterlegenen Gegners. Beides gäbe es auch, und gibt es immer wieder, in deutlicherer Form. Aber es ginge auch ohne. Was mich nicht stört, weil ich es nicht erkenne, ist jener Nationalismus oder gar Rassismus, den manche darin zu sehen glauben. Kann ich nicht nachvollziehen, aber das ist wohl eine Frage der Lesart.

Dass diese Diskussion dann allerdings tagelang tobte, dass man bei Twitter auch am vierten Tag noch mit einem morgendlichen #gauchogate begrüßt wurde, konnte ich zunächst noch viel weniger nachvollziehen. Bis ich die Diskussion bei den bereits genannten Textilvergehensmikrodilettanten hörte, von der ich den Eindruck gewann, dass sie einen Großteil dessen, was ich online über Tage gelesen hatte, in der vielzitierten nutshell abbildete. Gescheite Menschen mit vernünftigen, diskussionswürdigen, aber nicht unvereinbaren Positionen, und doch zog sich das Ganze ewig in die Länge, mit deutlich abnehmendem  Grenznutzen, hier: Erkenntnisgewinn.

Was mich an der Diskussion, und damit entferne ich mich wieder von besagtem Podcast, mitunter dann doch zum Schmunzeln brachte, war der eine oder andere Beleg, der bei Twitter oder sonst wo ins Feld geführt wurde; exemplarisch sei kurz auf zwei verwiesen:

Zum einen auf einen Twitternutzer, der ein argentinisches Medium verlinkte und auf ironische Weise deutlich machte, dass das dort zum Ausdruck gebrachte Gefühl, verhöhnt zu werden, nicht überraschen könne. Mich überraschte das durchaus ein bisschen, sodass ich nachlas:

„El cántico terminó con los jugadores erguidos y gritando „Así caminan los alemanes„, lo cual ha sido señalado como un gesto de burla, según algunos comentaristas alemanes que transmitían los festejos.“
(Fettdruck wie im Original, kursive Hervorhebung durch mich)

Nun ist mein Spanisch kein besonders gutes, mit südamerikanischen Varianten kenne ich mich erst recht nicht aus, aber ich lese das ungefähr so, dass die Einlage der deutschen Spieler eine höhnische Geste gewesen sei, „laut einigen deutschen Kommentatoren, die die Feierlichkeiten übertrugen„. Für mich klingt das gar nicht so sehr nach argentinischer Empörung über den Spott, aber ich mag mich irren.

Zum anderen irritierte mich, auch dies exemplarisch und auch dies bei Twitter, der Hinweis, dass Dante, jener brasilianische Nationalspieler des FC Bayern München, in seinem Buch „Ich, Dante“, davon berichtet habe, wie seine Mannschaft dereinst mit dem Spruch „So geh’n die Dortmunder, die Dortmunder geh’n so“ gefeiert hätte, was beweise, dass #gauchogate Schwachsinn sei. Quod esset demonstrandum, möchte ich anfügen.

Genug. Nun also auch hier: zu viel über besagtes Thema. Sind jetzt doch wieder ein paar Zeilen mehr geworden, so insgesamt. Und, der eine oder die andere wird es ungern hören: so ganz ist die WM hier noch nicht abgeschlossen. Eine kleine Retrospektive zur #doppelfuenf, die ein unendlicher Spaß war, wird noch folgen.

Überraschung auf der Mittagsspitze

25. Dezember 2013

(Damüls, 25.12. 2013.) Am ersten Weihnachtsfeiertag wartete Bundestrainer Kamke mit einer Überraschung auf, die das Attribut „faustdick“ wahrlich verdiente. Im Rahmen einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz stellte er auf der Damülser Mittagsspitze, deren symbolische Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, ohne dass Kamke näher darauf eingegangen wäre, ungewöhnlich früh seinen Kader für die Weltmeisterschaft in Brasilien vor.

„Der mediale Druck, der mit zunehmender Nähe zum FIFA-Benennungstermin aufgebaut wird, ist schwer zu ertragen und letztlich unmenschlich. Deshalb kam ich gemeinsam mit meinem Kompetenzteam zu dem Schluss, ein selbstbewusstes Zeichen zu setzen und den Kader bereits heute zu nominieren,“ erläuterte Kamke, der mit diesem bemerkenswerten Vorgehen seinerseits einen gewissen Druck auf die anderen 31* Nationaltrainer ausübt, gleichzeitig aber betonte, dass man im Verletzungsfall „natürlich noch was machen“ könne.

Der Bundestrainer informierte zudem über sein innovatives Auswahlsystem, das auf dem gleichermaßen intensiven wie formal strikten Austausch mit etwa 25 Ratgebern beruht, denen Kamke sein vollstes Vertrauen aussprach. Im Ergebnis änderte sich trotz des neuartigen Ausleseprozesses zumindest insofern nichts, als auch für 2014 das eine oder andere Aha-Erlebnis bei der Kaderzusammensetzung herauskam, sowohl bei den Mitfahrern als auch bei den Daheimbleibenden.

Der aus Sicht der Redaktion sehr ausgewogene Kader setzt einige deutliche Fragezeichen. Insbesondere auf der Torhüterposition betreibt man ein gefährliches Spiel, nachdem zunächst Manuel Neuer (wie übrigens weiter vorne auch Mario Gomez) lediglich en passant und keineswegs explizit genannt wurde, ehe Marc-André ter Stegen, der vermeintlich dritte, dann unter Umständen sogar zweite Mann, in letzter Sekunde Zeile herausgestrichen wurde. Hier dürfte Kamke noch nachbessern (müssen), will er sich nicht allein auf den unerfahrenen Weidenfeller verlassen.

Auch in der Abwehr fehlen einige Namen, fehlt insbesondere ein linker Verteidiger. Kamke ließ sich diesbezüglich zu keinen konkretisierenden Äußerungen bewegen, sodass unter Experten drei Theorien kursieren: entweder wolle der Bundestrainer die in Dortmund bereits erfolgreich praktizierte Dreierkette einführen und sich keinen vierten Mann schnitzen, oder er verlasse sich schlichtweg auf den Umstand, dass in einem Kader mit den Herren Lahm und Großkreutz jede Position von vornherein doppelt besetzt sei. Theorie Nummer drei klingt eher abwegig und lässt sich auch nur schwer in Worte fassen, ließe sich aber möglicherweise mit „Westermann“ umschreiben.

Im Mittelfeld tauchen nicht nur die Langzeitverletzten Sami Khedira und Ilkay Gündogan nicht auf, sondern unter anderem auch Draxler und die Benders sowie, für den einen oder die andere vielleicht ein bisschen überraschend, Kroos und Özil. Kamkes Beratungsgremium hatte ihn von einer etwas anderen Schwerpunktsetzung und insbesondere Altersstruktur überzeugt, die gerade bei einer Weltmeisterschaft den Unterschied ausmachen kann. Anstelle der jungen Leute, die die Fußballwelt verzaubern, aber immer noch nichts gewonnen haben, entschied sich der Bundestrainer neben einem kleinen Bayern-Block (nur eben ohne den als Turniernörgler verschrieenen Kroos) für die alten Fahrensmänner Fabian Boll, Torsten Mattuschka und Mehmet Scholl.

Ganz vorne setzt Kamke ein Zeichen. Entgegen dem Trend, die Spitze auszudünnen, nominierte er erstmals sieben Angreifer – ein Wert, den selbst Erich Ribbeck nicht erreichte. Naturgemäß fehlt angesichts dieser Zahl keiner der üblichen Verdächtigen. Klose ist auf der Liste, Gomez (mit Fragezeichen, vgl. Neuer), auch Kruse und natürlich Kießling, der sich aus Sicht des Beratungsgremiums allerdings etwas verkriechen werde. Eher überraschend sind indes die Nominierungen der Nachwuchsstürmer Volland und Werner, denen nicht nur Kamke selbst eine bemerkenswerte Rolle zutraut, während die Entscheidung für Jürgen Klinsmann unter den urbanen Mythos die Rubrik „Schwächung des Gegners“ fallen dürfte.

Der ungewöhnlichste Aspekt, neben dem frühen Zeitpunkt, war sicherlich die Entscheidung, nicht nur den Spielerkader zu benennen, sondern darüber hinaus auch gleich zwei Schiedsrichter an die FIFA zu melden – auch dies ein möglicherweise beispielloses Vorgehen, das „nicht mit dem fußballkulturellen Code in Einklang zu bringen“ sei, so Kamke, der diesen Begriff wohl irgendwo aufgeschnappt, ihn aber außerhalb des passenden Kontextes verwendet haben dürfte. Er meinte wohl eher das FIFA-Regelwerk, und in der Tat bleibt abzuwarten, ob tatsächlich die Herren Dr. Brych und Stark an den Zuckerhut reisen werden.

Abschließend dankte der Bundestrainer seinem Kompetenzeam für die kreativ-disziplinierte Mitwirkung, „die mit dem Begriff ‚Zuarbeit‘ gewiss nicht angemessen gewürdigt wäre. Vielmehr ist durch die Vielfalt der Beiträge ein Gesamtbild entstanden, das meine kühnsten Erwartungen übertroffen hat und das einzig und allein dem Fachwissen und der Originalität meiner Ratgeberinnen und Ratgeber zu verdanken ist. Ich bin ein bisschen gerührt.

Der Kader im Überblick:

Tor:
Weidenfeller, (Neuer),  ter Stegen

Abwehr:
Boateng, Großkreutz, Hummels, Lahm, Mertesacker, Westermann,

Mittelfeld:
Boll, Götze, Mattuschka, Müller, Reus, Scholl, Schweinsteiger,

Sturm:
Kießling, Klinsmann, Klose, Kruse, Volland, Werner, (Gomez)

Schiedsrichter:
Dr. Brych, Stark

* Wir bitten angesichts der sprichwörtlichen heißen Nadel, mit der der obige Text gestrickt wurde, um Nachsicht für den Fehler, der sich eingeschlichen hat, den wir aber der Authentizität halber unverändert belassen wollen. Tatsächlich handelt es sich nicht um 31 andere Bundestrainer, sondern um 31 Millionen.

Aßet Ihr?

13. Dezember 2013

Vor einer ganzen Reihe von Jahren heiratete eine Freundin einen Italiener. Ziemlich weit aus dem Süden. Ziemlich weit im Süden. Ich durfte vor Ort dabei sein und könnte gewiss sehr lange und nicht minder fasziniert über Speisenfolgen reden, über Traditionen und eine schöne Brautprozession, so man sie so nennt, über einen wunderbaren Urlaub mit Familienanschluss, über ’Ndrangheta, Gastfreundlichkeit und die Freundlichkeit der Gäste, was nun wahrlich zwei verschiedene Paar Stiefel sind, aber ich sollte das besser nicht tun. Aus Zeitgründen, sag ich mal.

Das Ganze spielte sich in einer eher ländlichen Gegend ab, wobei „eher ländlich“ als Euphemismus durchgehen dürfte, was wiederum die Frage nach meiner Einstellung zu ländlichen Räumen aufwirft, die meiner Wortwahl zum Trotz eine sehr positive ist. Die Eltern sind freundliche Leute, denen man nicht zu nahe tritt, ganz im Gegenteil, wenn man ihnen eine gewisse Bodenständigkeit und eine starke Bindung an die Scholle nachsagt, und auch die Rede von den „einfachen Leuten“ dürften sie, so meine persönliche Wahrnehmung, nicht negativ auffassen, vielleicht im Gegenteil.

Es kostete sie dann auch eine gewisse Überwindung, und viel Zeit, den seit vielen Jahren im Ausland ansässigen Sohn, die Schwiegertochter und schließlich auch die Enkelin einmal an deren Lebensmittelpunkt im Süden Deutschlands zu besuchen. Geld kostete es auch, Eurolines oder ein Wettbewerber wusste Abhilfe. Natürlich sollte sich eine solche Reise auch lohnen, also stellte man sich, schweren Herzens, auf eine etwas längere Abwesenheit in der Größenordnung von vier Wochen ein. Dass diese Planung eingedenk einer überschaubar großen Wohnung möglicherweise keine ideale war, mag man sich denken, ist aber an dieser Stelle nur mittelbar, zur Einordnung der Gemengelage, von Interesse.

Als zentrale Herausforderung stellte sich bereits vor der Abreise aus Kalabrien die Verpflegungsfrage dar. Nahrung für vier Wochen, angefangen bei Obst und Gemüse über den Sugo bin hin zu heimischen Weinen und Salvatore, dem sauber portionierten ehemaligen Hausschwein, lässt sich in einem handelsüblichen Reisebus nur unter gewissen Schwierigkeiten transportieren, doch man fand Lösungen.

Die Szenerie dürfte klar sein. Es liegt mir fern, nein, es liegt mir gar nicht, jetzt „Maria, ihm schmeckt’s nicht“, von dem ich nur die ersten sehr wenigen Seiten las, aufzugreifen oder schlecht zu kopieren. Ich will noch nicht einmal die dem ganzen Tun möglicherweise innewohnende Unhöflichkeit den Gastgebern gegenüber, die Geringschätzung einer fremden, unbekannten Küche oder auch nur das Bestreben, sich andernorts weder zur Last zu machen noch, das dortige Essen missbilligend, ungehobelt zu wirken, anprangern.

Wie gesagt: einfache Leute, die sich nichts Böses dabei dachten. Was ich ihnen damals noch unterschwellig zum Vorwurf machte, so glaube ich, im Lauf der Zeit aber zunehmend zu ihren Gunsten auslegte. Ich mag sie. Mein eher durchwachsenes Italienisch ist noch heute von einzelnen aus der Zeit gefallenen, mitunter kalabresischen Ausdrücken der Signora durchdrungen. „Mangiasti?“, aßest Du?, war die am häufigsten gehörte Formel, die Antwort hatte keinen Einfluss auf den Fortgang der Geschichte. Klischee erfüllt, und vermutlich habe ich mich jetzt doch Jan Weiler angenähert. Während Mangiasti? bei Familie Kamke noch heute als geflügeltes Wort daherkommt.

Dass ich gerade heute daran denke, mag zu einem kleinen Teil daran liegen, dass ich das ohnehin häufige tue. Geflügeltes Wort, ich sagte es schon. Und ne schöne Erinnerung. Es liegt überhaupt nicht daran, auch wenn das ein sehr guter Grund wäre, dass ich in den letzten Tagen mit großer Freude begonnen habe, bei La Zia Tedesca mitzulesen, die so wunderbar herzlich von ihren italienischen Erlebnissen erzählt und dabei das Essen in einer Art und Weise zelebriert, die auch Camilleris Montalbano zur Ehre gereichen würde. Nur anders.

Tatsächlich kam der Anstoß aus einer ganz anderen Ecke, wie sich die geneigte Leserin bereits gedacht haben mag. Genau, aus dem Campo Bahia. Der deutschen Enklave im brasilianischen Bundesstaat Bahia, die mich, auch wenn die obigen Ausführungen diese These nicht zwingend stützen mögen, ein bisschen sprachlos gemacht haben. Mir ist natürlich klar, dass es eine schöne Legende um das ganze Projekt geben wird, dass die infrastrukturelle Förderung einer strukturschwachen Region eben diese Region zu großer Dankbarkeit gegenüber den deutschen Investoren verpflichten wird, und ich will noch nicht einmal behaupten, dass dieser Dank auf lange Sicht ungerechtfertigt sei, vielleicht macht man ja wirklich etwas Vernünftiges daraus.

Für den Moment möchte ich den DFB-Verantwortlichen, die angeführten sportlichen und klimatischen Erwägungen belächelnd, die professionellen Nuancen belachend, all das (und ein bisschen mehr) vorwerfen, was ich den einfachen Leuten aus Kalabrien nicht unterstellen wollte. Arroganz. Respektlosigkeit. Ignoranz. Großmannssucht. Ok, alter Hut. Unhöflichkeit. Gedankenlosigkeit. Egozentrik. Und manches mehr.