Warm ums Herz

21. September 2015

Herzzerreißend“, las ich irgendwo, und ja, das trifft es wohl ziemlich gut, auch mit dem nötigen Pathos. Meine Wahl fiele eher auf „erwärmend“. „Begeisternd“ wäre vielleicht etwas hoch gegriffen. Zwischendurch, gewiss, da war ich begeistert, immer wieder, kurzzeitig. Bis zum Torabschluss, genauer gesagt.

Nun will ich gar nicht behaupten, verwirrend durchdachte Kombinationen gesehen zu haben, gestern, gegen Schalke, Kombinationen, die dann regelmäßig in eigentlich nicht zu verpassende Torgelegenheiten gemündet seien, die wiederum auf unerklärliche Art und Weise vergeben wurden. 

Vielmehr entstanden die Torgelegenheiten, wie es eben so ist beim VfB zornigerscher Prägung, mal aus dem Nichts, mal nach Schema F, auch mal eher zufällig, vertikal durch die Mitte, diagonal über außen, das Tempo deutlich höher als die Präzision. Und so waren es auch gar nicht so sehr die einzelnen Chancen, die mich fassungslos zurückließen, sondern vielmehr deren Vielzahl und die im Kopf wider besseres Wissen erfolgte Kumulation der jeweiligen Torerfolgswahrscheinlichkeiten. Sechs Dreiviertelchancen, manche etwas drunter, einzelne deutlich drüber, sollten halt viereinhalb Tore ergeben. Oder so.

Bei Fouls geht das schließlich auch. Seit einiger Zeit sieht man Schiedsrichtern regelmäßig dabei zu, wie sie vermeintlich den Spielern, tatsächlich aber in erster Linie allen anderen, etwas weiter entfernt stehenden, Beteiligten in Grundschülermanier an den Fingern vorzählen, wie viele Vergehen derjenige bereits begangen habe, und begründen so die nun folgende persönliche Strafe, die allein das jüngste Foul sonst nicht rechtfertigen würde:

„Vier Fouls – gelb!
Nochmal vier von dem Kaliber, dann gehen Sie duschen!“

Hoffentlich lesen Collinas Erben das nicht.
Aber so ein Pendant für Torchancen, das wär’s gewesen:

„Ginczek, sie haben’s vorhin allein vor dem Tor verkackt, der Klein auch, der junge Baumgartl gar doppelt und das skurril, und jetzt schießen Sie auch noch dem Hüter aus kürzester Distanz ins Gesicht? Irgendwann ist es wirklich genug – also: 1:1, und nun gehen Sie mir aus den Augen!“

Hätte ich genommen, ehrlich. Ausnahmsweise. Dass dann auch noch das 2:1 gefallen wäre, versteht sich von selbst.

Ja, Schnapsidee. Und Fahrradkette. Dennoch, und trotz herzzerreißender Niederlage: erwärmend. Es hat Spaß gemacht, dem VfB zuzuschauen. Der einen Gegner in die eigene Hälfte drängte und dennoch (ja, dennoch) zu klaren, erspielten Chancen kam. Hat man nicht so oft gesehen in den letzten Jahren. Und der gleichzeitig zwar einige rasche Gegenangriffe zuließ, zum Teil auf erschreckende Weise selbst einleitete (here’s looking at you, Serey Dié), diesen aber auch eine Rückwärtsbewegung entgegensetzen konnte, die ihren Namen verdient hatte. Und in Toni Sunjic einen sehr aufmerksamen Mann an der Seite von Timo Baumgartl.

Emotional erwärmt hat mich zudem nicht zuletzt das Spiel von Timo Werner. Nicht dass er der herausragende Mann auf dem Feld gewesen wäre, keineswegs, aber er war Teil des Spiels. Er war sehr agil, brachte sich ein, spielte selbstverständlich, schnell und direkt, wollte selten mit dem Kopf durch die Wand. Von den schlampigen Ballannahmen und unerklärlichen Abspielfehlern der letzten Wochen und Monate, nach denen man regelmäßig auf den Platz laufen und ihn einerseits in den Arm nehmen, andererseits kräftig durchschütteln wollte, war kaum etwas zu sehen; stattdessen erahnte man jene Dynamik und jenen Zug zum Tor, die ihn zu einem ganz heißen Scheiß gemacht haben. Wenn jetzt noch ein bisschen mehr Selbstvertrauen dazu kommt, bin ich sehr optimistisch.

Dass das nicht so einfach ist mit dem Selbstvertrauen, weiß ich auch. Und dass es nicht nur für Werner gilt. Schon klar. Schön, dass zumindest der Trainer genug davon hat und die Mannschaft nach der zurückhaltenden Vorstellung in Berlin wieder konsequenter nach vorne gehen ließ.

Klar zählen am Ende die Ergebnisse, und nur diese. Natürlich ist die Konstellation nun auf dem Papier noch ein bisschen schwieriger als gestern, als ich kurz vor dem Spiel eine trotzige Solidaritätsadresse an Alexander Zorniger schickte, und zweifelsohne werden die Timbersportler ihre Säge so langsam auf Touren bringen. Umso bemerkenswerter die gestrige Stimmung rund um den VfB, die nach dem Spiel im Applaus der Fans Ausdruck fand, oder in den quasi in Echtzeit formulierten Schuldzuweisungen der Vertikalpassgeber, oder aber bereits zur Pause im Twitteraccount von Herrn @Das_Mietmaul:

War noch was? Ein Badge am Ärmel? Ich sah es nicht, ehrlich gesagt, war zu weit entfernt. Bis lange nach dem Spiel wusste ich nicht einmal, ob sich die Kurve zur BILD-Aktion geäußert hatte – ich stand wie immer dahinter. Aber ich hatte einen starken Verdacht, der dann erfreulicherweise auch bestätigt wurde. Besten Dank an die Kurve!

Am Mittwoch geht’s weiter. Klar wäre es an der Zeit, mal zu punkten. Und wenn nicht: Tro-tro-trotrotro-trotzkopf! 

3 Antworten to “Warm ums Herz”


  1. […] auf das namensgebende Bewegungsspiel denn auf die fußballspezifischen Ergebniskriterien gerichtet. Heinz Kamke konnte sich für das letzte Spiel seiner Mannen dennoch erwärmen. Hannover dagegen ist in den […]

  2. klaasr Says:

    Wunderbar geschrieben. Famose Formulierungen, die mir viel Freude gemacht haben. Vielen Dank.


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