Von Trainern und Leisten

9. Dezember 2014

Landauf, landab pfeifen die Rotkehlchen gerade den Namen Dutt von den Dächern. (Verzeihung.) Parallel dazu wird diskutiert, ob er denn eine gute Lösung für den vielleicht, vielleicht aber auch nicht vakanten Sportdirektorenposten des VfB wäre. Um es vorweg zu nehmen: ich weiß es nicht.

Das gilt unabhängig vom VfB. Ich weiß schlichtweg nicht, ob Herr Dutt ein guter Sportdirektor ist, was nicht zuletzt daran liegt, dass er noch nie als solcher beschäftigt war, nach meiner Kenntnis. Formal schon, klar, beim DFB, aber dass das eine mit dem anderen nur bedingt vergleichbar ist, dürfte auf der Hand liegen.

Was ja erst einmal ganz gut ist, schließlich sah sich Dutt, wie wir alle wissen, auf dem DFB-Sportdirektorenstuhl de facto deplatziert. Ich möchte mir den inneren Kampf nicht vorstellen müssen, den er dort ausgefochten hat, ehe er zu dem Schluss kam, dass seine Zukunft doch weiterhin auf dem Trainingsplatz, in der Kabine und am Spielfeldrand liege.

Möglicherweise hatte er recht, und möglicherweise hätte er auch jetzt wieder recht, wenn er das Gegenteil behauptete. Es spricht schließlich nichts dagegen, dass sich Meinungen, Vorlieben, Kompetenzen im Zeitablauf verändern.

Insofern würde ich vermutlich auch bald wieder diesen Vergleich aus dem Kopf bekommen, der eine zwischen zwei Frauen hin- und hergerissene junge Frau vorsieht, ja beobachtet, möglicherweise ist es auch ein Mann, und das Geschlecht der beiden Rivalisierenden ist auch nicht ganz klar; eine Person also, die in einer unsystematischen Abfolge eigener oder vom jeweiligen Gegenüber getroffener Entscheidungen zwischen den beiden Optionen pendelt und mal die eine, mal die andere voller Überzeugung als die einzig wahre und endgültige betrachtet oder zumindest so tut.

So ist das eben manchmal im wahren Leben, und wer wäre ich, darüber zu urteilen. Auch wenn mich der plötzliche Abschied vom DFB, das gebe ich naiver Romantiker gerne zu, ein wenig irritiert hat.

Unabhängig davon bleibt bestehen, dass ich Herrn Dutt nicht so recht beurteilen kann. Die Einschätzungen von Leuten, mit denen ich in der Vergangenheit sprach und die zum Teil einen recht guten Einblick haben, variieren in vielerlei Hinsicht sehr stark, helfen mir also auch nicht. Womit wir wieder am Ausgangspunkt wären: „ich weiß es nicht“.

An dieser Stelle könnte ich es nun bewenden lassen, wenn, ja wenn mich nicht noch eine Frage umgetrieben hätte:
Wieso denken wir so oft an (ehemalige) Trainer, wenn Sportdirektorenposten zu besetzen sind?

Eine Hypothese, die ganz gut in einem Tweet des geschätzten Herrn @el_pibe12 zum Ausdruck kommt, der die Kritik an Dutt folgendermaßen kommentierte:

Wir kennen diese Art der Argumentation: Ihr seid nie zufrieden, wärt es auch nicht, wenn ein (oder eben drei) ausgewiesener Meister seines Fachs käme, und ich habe manches für sie übrig. Allein: die drei im Tweet genannten sind mir bis dato nicht als herausragende Sportdirektoren aufgefallen. Was an mir liegen kann.

Entschuldigung, ich will nicht polemisch werden, und es liegt mir fern, Philipps Tweet auf die Goldwaage zu legen. Seine Aussage illustriert nur ganz gut den Gedanken, dass wir Trainer und Sportdirektoren gerne mal über einen Kamm scheren – einen Gedanken, den vermutlich nicht nur viele von uns Fans hegen, sondern auch der eine oder andere Trainer, der sich an einem gewissen Punkt nicht mehr im Trainingsanzug auf dem Platz, sondern eher in übergeordneter Rolle sieht.

Und, um nicht missverstanden zu werden: dieser Gedanke liegt nahe. Es gibt zahlreiche Überschneidungen, wie nicht zuletzt anhand der Position des Managers englischer Prägung deutlich wird, dem hierzulande wohl am ehesten Felix Magath in Wolfsburg und zeitweise auch bei Schalke entsprach.

Auch Armin Veh hatte in Wolfsburg meines Wissens kurzzeitig eine ähnliche Rolle inne. Dass es nicht funktioniert hatte, lag gewiss an mancherlei Dingen; eines davon dürfte nach der Lesart des gemeinen VfB-Fans sein eher mittelgutes Händchen auf dem Transfermarkt gewesen sein. Oder anders: in Stuttgart überraschte es nicht so sehr, dass der Meistertrainer Veh möglicherweise kein meisterhafter Sportdirektor sein würde. Umso bemerkenswerter, dass er auch hier in den vergangenen Monaten immer wieder einmal als möglicher Bobic-Nachfolger gehandelt wurde.

So frug ich mich also, ob denn tatsächlich zahlreiche Geschichten gelungener Übergänge vom guten Trainer, wie auch immer das zu bemessen sei, zum erfolgreichen Sportdirektor verbrieft seien. Natürlich fiel mir (nicht nur) auf Basis unrealistisch erscheinender Stuttgarter Diskussionen der letzten Monate sogleich Ralf Rangnick ein, der in Leipzig zweifellos gute Arbeit leistet. Dass er noch nicht in der ersten Liga angekommen ist und dass er aus einer in mancher Hinsicht überaus privilegierten Position heraus arbeitet, ist mir bewusst.

Auch Matthias Sammer hat gegenüber vielen seiner Kollegen gewisse betriebswirtschaftliche Vorteile auf seiner Seite, die das Geschäft erleichtern. Manche zweifeln zudem an, dass er wirklich ein guter Trainer war (ehrlich gesagt verdränge ich sein Intermezzo als Trainer gerne mal), sowohl in Dortmund als auch in Stuttgart, und die Gründe sind nicht die schlechtesten. Andere hinterfragen seine Rolle in München sehr kritisch, bzw. zweifeln sie grundsätzlich an, was dann ja unmittelbar seine Qualitäten als Sportdirektor negieren würde.

Da mich eben diese Diskussion um Sammers Rolle in München eher langweilt, betrachtete ich ihn in meinem nächtlichen Informationsbeschaffungstweet, lange vor El Pibes Dreitrainertweet übrigens, der Einfachheit halber als gesetzt:

Rangnick und Sammer waren nicht die einzigen, die mir eingefallen waren. Zu denjenigen, die ich noch am ehesten unter „Erfolgsgeschichte“ einordnen würde, zählte Wolf Werner, dessen Leistungen als Trainer möglicherweise nicht allerorten als „gut“ charakterisiert würden, der aber immerhin gut genug war, in der ersten Liga zu arbeiten, oder Helmut Schulte, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er auch als Sportdirektor in der Bundesliga wirkte. In gewisser Weise natürlich auch Felix Magath, während zum Beispiel Otmar Hitzfelds Episode als Sportdirektor bei mir keinen bleibenden Eindruck hinterließ, oder ganz sicher keinen positiven.

Die Timeline reagierte rasch und nannte unter anderem Werner und Schulte, scherzend auch Magath, zudem Dutt, ohne dass ich die Ernsthaftigkeit jenes Tweets einzuordnen wüsste. Hitzfeld wurde nicht genannt, dafür aber ein paar, die ich nicht auf dem Zettel hatte:

Tobi war nicht der einzige, der Völler nannte, und auch wenn er es dem Anschein nach nicht uneingeschränkt ernst meinte, muss man wohl über Völler nachdenken. Und kann, wie ich, zu dem Schluss kommen, dass seine Trainerstationen (Roma!) abseits der Nationalelf (ja, ja, Teamchef) nicht für eine Bewertung genügen und dass seine Tätigkeit in Leverkusen nur schwer einzuschätzen ist. Will sagen: für mich ist er nach wie vor in erster Linie Mittelstürmer.

 

Aus formalen Gründen nicht wählbar, sag ich mal.

 

Sehr interessanter Gedanke, an Udo Lattek hatte ich überhaupt nicht gedacht. Und kann seine Tätigkeit dort nicht seriös einschätzen; die Symbiose mit Daum war zweifellos eine erfolgreiche, sein Pullover eine schöne Idee. Vermutlich gehört er auf die Liste.

 

Ganz ehrlich: ich kann seine Arbeit in Minsk und Taschkent nicht einmal ansatzweise beurteilen. Und die als Trainer auch nicht.

 

Abseits der genannten oder zitierten Namensvorschläge kamen auch noch vereinzelt weitere Rückmeldungen, zum Beispiel diese hier:

Eben! Wollte ich entgegnen, genau darum ging es mir: dass die bisherige Erfahrung mit Trainern eben nicht zwingend zu dem Schluss führe, sich auf der Suche nach einem Sportdirektor bei den Trainern umzusehen.

Oder andersherum: wer sich bei den führenden Sportdirektoren umsieht, wird darunter nicht allzu viele ehemals große Trainer finden. Gewiss, Klaus Allofs war mal ein paar Monate lang Trainer bei der Fortuna, hat dabei meines Wissens aber keine allzu großen Fußspuren hinterlassen.

Max Eberl und Christian Heidel waren ebenso wenig als Trainer tätig wie Stefan Reuter, Michael Zorc, Jörg Schmadtke, Dirk Dufner, Alexander Rosen oder Michael Preetz, wir können das gerne fortführen, und ja, „führende Sportdirektoren“ ist ein verdammt schwammiger Begriff.

Möglicherweise ist es einfach so, wie Herr @bimbeshausen sagt: Gute Trainer bleiben Trainer.

Glaubt mir keiner, dass er als erklärter Rangnickjünger sowas sagen würde. Ja, ich weiß, da steht „oft“. Aber es scheint was dran zu sein.

Zur Frage nach der Kontrollgruppe: Hitzfeld, vielleicht, nicht im Sinne von „schlecht“, aber eventuell im Sinne von „nicht seine Welt“, auch Veh, wie bereits gesagt. Volker Finkes Arbeit in Köln betrachte ich nicht als sonderlich erfolgreich, Ähnliches gilt für den kurzzeitig doppelbelasteten Markus Babbel in Hoffenheim, bei dem man gewiss auch die Trainerqualitätsfrage stellen kann.

Gute Trainer bleiben Trainer. Gefällt mir.

Immerhin: dass gute Trainer auch gute Sportdirektoren werden können, ist nicht auszuschließen. Und dass Robin Dutt bis dato mindestens phasenweise ein guter Trainer war, nicht von der Hand zu weisen.

Ansonsten gilt weiterhin: ich weiß es nicht.

 

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3 Antworten to “Von Trainern und Leisten”


  1. Entschuldigung dass ich mich hier einmische. Aber wozu braucht man eigentlich einen „Sportdirektor“? Ist diese Position irgendwann einmal ersonnen worden, um womöglich nicht ganz so erfolgreiche Trainer oder lauffaule ehemalige Spieler von der Straße bzw. von der „Sport 1“-Elf-Freunde-Bar wegzubekommen? Welche Tätigkeit, die man allgemein Sportdirektoren zuschreibt, kann nur eine solche Person vollbringen? So lese ich immer, dass der Sportdirektor für die Zusammenstellung des Kaders verantwortlich ist. Aber gibt es dafür nicht einen Trainer? (manche Vereine haben ja im Laufe einer Saison gleich mehrere davon). Und/oder einen Vorsitzenden, der die finanziellen und sonstigen Aspekte abklären könnte? Braucht man einen Sportdirektor? Wenn ja: Wo kann man das lernen? In einem Wochenend-Lehrgang in einem Wellness-Hotel? Wer meldet mich an?

  2. heinzkamke Says:

    @Gregor Keuschnig:

    Zunächst einmal erkenne ich keine Einmischung, und gewiss keine unerbetene.

    Zur Frage: ich denke schon, dass man einen Sportdirektor, Manager, Sportvorstand oder Ähnliches braucht. Um es mir ganz leicht zu machen: Uli Hoeneß und die mit ihm verknüpfte Entwicklung des FC Bayern ist mein Zeuge.

    Etwas ernsthafter: meines Erachtens ist es wichtig, neben dem Trainer einen weiteren, dem Trainer übergeordneten sportlich Verantwortlichen zu haben. In der Kreisliga heißt der oftmals Spielausschussvorsitzender, in kleinen Einspartenvereinen kann es auch der Vorsitzende sein; in jedem Fall aber jemand mit sportlicher Kompetenz, dessen Verweildauer über die des Trainers hinausgeht und der dadurch langfristige Entwicklungen vorgeben (zB mit Blick auf die Jugendarbeit und deren Verzahnung mit den Profis/Erwachsenen) und in gewissem Rahmen für Stetigkeit sorgen kann.

    Natürlich kann man den Standpunkt vertreten, dass diese Aufgabe dem Vereinspräsidenten oder dem Geschäftsführer zusteht. Und in der Tat ist es ja auch so, dass „Sportdirektoren“ oftmals als „Vorstand Sport“, „Geschäftsführer Sport“ o. ä. fungieren. Ich bezweifle indes, dass der Vereinschef diese Aufgabe in der Regel auch (und alleine) schultern kann.

    Die Qualifikation der Sportdirektoren ist tatsächlich immer wieder ein Diskussionspunkt. Qualifikationsprozesse analog zur Trainerausbildung stehen gelegentlich im Raum, werden dann aber, so mein Eindruck, stets rasch wieder verworfen. Möglicherweise hängt das damit zu tun, dass der Aufgabenzuschnitt, auch die Erwartungshaltung, an den Sportdirektor in den einzelnen Vereinen (oder AGs oder sonst was) oftmals sehr unterschiedliche sind – was wiederum von der sportlichen Kompetenz (tatsächlich oder eingebildet) des Präsidenten oder Vorstandsvorsitzenden abhängt.

    Hm. Viel geschrieben, aber nicht unbedingt das eine zwingende Argument geliefert, wieso ein Sportdirektor notwendig ist.

  3. Tery Whenett Says:

    Die Notwendigkeit ergibt sich meines Erachtens aus der Aufgabenfülle, die ein Manager klassischer Prägung heutzutage abzuarbeiten hätte – sofern er Schlaf und Nahrung braucht, ist das auf einem gewissen Level nicht mehr zu leisten.

    An dem Punkt, an dem aus Vereinen Unternehmen geworden sind, ist es schwer geworden Personen zu finden, die unternehmerisch und sportlich top qualifiziert sind. Und selbst wenn es einen solchen Glücksgriff gibt, hat er auch nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Schön zu sehen ist es an der Entwicklung des FC Bayern und der Person Uli Hoeneß, der als Manager nie und nimmer eins zu eins ersetzbar gewesen wäre. Zu groß und weitläufig ist die Aufgabenfülle geworden: Sponsoren, Merchandising, Scouting, Netzwerkpflege, Kaderplanung, Vertragsverhandlungen, Personalentwicklung, …

    Eigentlich geht die Entwicklung sogar schon weiter – mittlerweile braucht es nicht nur einen Sportdirektor/Vorstand Sport, sondern (darunter/daneben) auch einen Kaderplaner. Siehe Bayern mit Reschke unter/neben Sammer.


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