Optionen prüfen

5. November 2014

Mal im Ernst: natürlich habe ich an dieses 4:1 gegen Wolfsburg geglaubt, das ich neulich prognostizierte. Mindestens so sehr, wie ich jedes Jahr daran glaube, dass der VfB wenigstens einen Titel holt. Oder bei jedem großen Turnier, dass Deutschland Welt- oder Europameister wird. Was gegenwärtig kein ideales Beispiel sein mag, um meine Sichtweise zu illustrieren, aber: Sie wissen schon, Fußballfans. Innerhalb weniger Sekunden von leuchtend weiß zu komplettem Schwarz und wieder zurück. Oder gar beides gleichzeitig. Ach, egal.

Am Montag telefonierte ich mit einem Bekannten. Wir kamen auf den VfB zu sprechen und umkreisten das Thema ausgesprochen vorsichtig, beiderseits bemüht, einander aus der Reserve zu locken, bis wir uns schließlich zwar nicht unsere Liebe gestanden, wohl aber, dass wir eigentlich sehr angetan gewesen waren vom Auftreten der Mannschaft. („Darf man ja eigentlich nicht sagen … ehrlich gesagt … ziemlich gut … Engagement … mutig … Chancen … Spaß …“)

Ja, ich hatte Spaß. An Harnik, zum Beispiel, dessen Präsenz im Sturmzentrum mich ziemlich beeindruckte. Nein, nicht Präsenz, das klingt so statisch. Er war unheimlich aktiv, ging die langen, schnellen Wege, die die Wolfsburger Abwehr nicht versperren konnte, tauchte gefährlich vor dem Tor auf, konnte, sonstige Defizite in den Hintergrund schiebend, auch immer wieder den Ball behaupten – allein, es half nichts, blieb erfolglos.

Und ja, zugegeben, sie spielten den Ball wieder oft quer, Rüdiger und Schwaab hatten viele Ballkontakte. Aber die waren anders als vor einigen Wochen. Schneller, druckvoller, so mein Eindruck, nicht an jenen Tran gemahnend, den wir als brot- und ziellos beklagten. Sahen nicht alle so, ich weiß. Vermutlich ist es wahrscheinlicher, dass diejenigen, die ob der Quer- und Rückpässe pfiffen, recht hatten, als dass ich, der darin einen neue Qualität sehen wollte, den besseren Durchblick für mich beanspruchen könnte.

Gleichwohl erinnere ich gerne daran, dass vor Gentners großer Ausgleichschance der Ball eine gefühlte Minute lang, wenn nicht länger, in der eigenen Hälfte zirkulierte, auch mal kurz über die Mittellinie ging, dann wieder zurück, zügig, ehe über rechts die Beschleunigung kam, der Ball nach innen zu Maxim gelang, der wiederum Gentner einsetzte – Bämm!

Nein, eben nicht bämm. Und selbst wenn, wäre die Entstehung rasch wieder in Vergessenheit geraten, zumindest jener Teil, der weiter als zwei Pässe zurückreichte, und Ballbesitz in der eigenen Hälfte gälte auch im nächsten Spiel wieder als böse. Zumal er Thorsten Kirschbaum einbezieht, der ja gegenwärtig nicht so wohlgelitten ist. Aus nachvollziehbaren Gründen, zweifellos – ich bin mir ziemlich sicher, dass das 1:1 gegen Sven Ulreich nicht gefallen wäre.

Ich bin mir übrigens ähnlich sicher, dass es auch bei Kirschbaum nicht oft fiele. Und ich bin mir sehr sicher, dass ein Passspiel, wie es in der ersten Hälfte gegen Wolfsburg zum Teil unter Einbeziehung von Kirschbaum erfolgte, mit Ulreich nicht möglich wäre. Flach, schnell, hart, mit Richtungswechseln. Gleichwohl: stimmt, der Hüter soll zunächst einmal hüten. Das ist Kirschbaum nicht so gut gelungen.

Fanden viele Fans auch. Aus guten Gründen, wie gesagt. Nicht wenige fanden zudem, dass Moritz Leitner nichts in der Mannschaft verloren habe. Auch aus sehr gut nachvollziehbaren Gründen, die ihren Höhepunkt im Ballverlust vor dem 0:4 fanden. Die Frage ist ja immer, wie man sowas zum Ausdruck bringt.

Wieder andere, oder vielleicht waren es auch dieselben, fanden zudem, man müsse den Schiedsrichter auspfeifen, weil er das Spiel unterbricht, wenn ein Wolfsburger, ich glaube, es war Luiz Gustavo, aus nächster Nähe vom Ball am Kopf getroffen wird und zu Boden geht wie ein gefällter Baum. Sportler. Oder die Pfiffe, wenn sich der Schiedsrichterassistent verletzt hat und behandelt werden muss. Geht’s noch?

Nimmt man dann noch das eine oder andere homophobe oder rassistische (Schwulette! Zigeuner!) Sprüchlein hinzu, als von Einzelpersonen vorgetragenes Sahnehäubchen, kommt man möglicherweise irgendwann an den Punkt, wo man sich fragt, was das eigentlich alles soll. Ja, klar. Die Frage nach dem Sinn es Fanseins stellen sich die meisten von uns immer mal wieder. Meist geht sie mit sportlichem Misserfolg einher. Und ja, der ist derzeit gegeben.

Dennoch war ich überrascht ob meiner Gedanken. Ob der so zuvor nie gestellten Frage, ob ein Fußballstadion ein Ort ist, an dem ich Zeit verbringen möchte, oder ob mir manche Begleiterscheinungen, die nichts mit Obrigkeit, mit Sicherheitsbedenken (als ob!), mit Preisgestaltung oder sportlichem Erfolg zu tun haben, vielleicht einfach so sehr auf den Sack gehen, dass ich mich mit Alternativen befassen sollte.

Erst kürzlich gab ich hier eine deutliche Absage an das fußballbezogene Bezahlfernsehen zu Protokoll. Obwohl – oder auch weil – zu diesem Zeitpunkt innerfamiliär bereits die Option formuliert worden war, angesichts eines weiteren verpassten Auswärtsspiels, die Dauerkarte gegen ein Sky-Abo zu tauschen, also anstelle von, na ja, 12 Heimspielen im Stadion und acht Auswärtspartien in der Kneipe, vielleicht einer oder zwei im Stadion, künftig 31 Spiele daheim zu sehen. Am Samstag im Stadion zog ich erstmals in Erwägung, diese Option ernsthafter zu prüfen. Zumal’s hinterher in der Kneipe beim Abendspiel auch nicht so richtig viel Spaß gemacht hat.

Ja, ja, ich weiß: Alterserscheinung. Erfolgsfan. Falsche Prioritäten. Fußball muss ursprünglich sein. Gegnerbeschimpfung gehört dazu.

Darf jeder sehen, wie sie will. Mir gibt mein Denken zu denken.

Um nochmal kurz zurück zum Sport zu kommen: die zweite Halbzeit machte dann eher weniger Spaß. Vielleicht abgesehen von jenen Momenten, in denen das Spiel ohnehin längst abgehakt war und wir Kevin de Bruyne zusehen durften. Ja, abgehakt. Innerlich auch von den Spielern, und ja, das verstehe ich. Ist menschlich. Geldunabhängig. Genickschlag zu Beginn der zweiten Halbzeit, als alles besser werden sollte. 0:3 gegen Wolfsburg, eine äußerst solide Mannschaft, von der man weiß, dass man nur an guten Tagen vielleicht gegen sie bestehen kann. Aufholjagderfahrung ist auch nicht mehr als eine schöne Illusion.

Trotzdem noch die eine Frage, die mich beschäftigt: was war das für ein Sprung von Rüdiger vor dem 0:3? Schattenköpfen mit eingezogenem Haupt? Klar, beschissen gespielt von Niedermeier, verheerende Rückwärtsbewegung von Kostić, wurde ja auch alles rauf und runter thematisiert, aber Rüdiger? Verschätzt? Wollte er den Ball ins Aus fliegen lassen? Wahrnehmungsfehler meinerseits? Ich bitte um Hilfestellung. Danke.

 

 

 

 

 

 

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4 Antworten to “Optionen prüfen”

  1. 1ng0 Says:

    das urteil der ersten halbzeit teile ich voll und ganz, zumindest aus sky-sicht (kneipe, nicht zu hause) sah das durchaus gut und zielstrebig aus. irgendwie fühlt sich diese niederlage trotz allem viel besser an als die gegen köln. ist natürlich sehr dünnes eis, wenn man aus der höchsten heimniederlage seit 20 jahren etwas gutes ziehen zu können meinen glaubt. aber ich bin ja nur fan und im gegensatz zu veh nicht dafür verantwortlich, die mannschaft wieder gerade zu rücken und auf den auswärtssieg in bremen vorzubereiten.

    rüdiger sah tatsächlich sehr unglücklich aus beim 0-3. hoffentlich hatt der sky-receiver der scouts aus monaco, chelsea oder machatschkala da gerade einen aussetzer. denn inzwischen bin ich mir auch trotz aller sympathien nicht sicher, ob er wirklich der nächste boateng wird. und das gerede vom talent, dem man noch zeit lassen muss, und dass er ja noch jung sei und viel lernen würde, bin ich auch über. hey, der hat 55 bl-spiele, so ganz grün hinter den ohren ist er echt nicht mehr, da ist der welpenschutz langsam mal aufgebraucht. vor allem, wenn man sich einen seiner vorgänger ansieht: tasci hat seine ersten spiele als vertreter von delpierre und meira gemacht und ist direkt meister geworden, kein wackler, keine anlaufschwierigkeiten, der war 19 und einfach da und präsent und hat die ersten 1,5-2 jahre dermaßen souverän gespielt, dass er nicht ganz zu unrecht (500.000 euro frage bei jauch) der vorgänger von lahm und schweinsteiger als dfb-kapitän war (jaja, waren nur 30 minuten, aber immerhin…)

    tatsächlich macht mir gerade die innenverteidigung am meisten sorgen. niedermeier finde ich komplett falsch eingesetzt: das hätte besser am anfang der saison, als veh eher hintensicherungsfußball spielen ließ, gepasst. jetzt, nach dem (oder seh nur ich das so?) leichten stilwechsel hin zur nach-ganz-weit-vorne-verteidigung wirkt er oft unglaublich steif und gedankenlahm. mal haggui probieren? oder zambrano holen? oder hübner holen, damit der zambrano holt?

    und als letztes: gibt es eigentlich einen bestimmten grund, wieso benaglio seit jahren seine besten spiele gegen den vfb zeigt? ist doch schon auffällig, oder? nagt da noch so sehr die enttäuschung, dass er damals nicht an hildebrand bzw. ernst vorbeigekommen ist, und er denkt, er muss es menger mal so richtig zeigen?

  2. rebiger Says:

    Gegnerbeschimpfung gehört dazu? So denkt doch höchstens noch @DerUebersteiger. :-) Und wenn es eine falsche Priorität sein soll, ein Sky-Abo zu besitzen, dann setze ich gern falsche Prioritäten.

    Es ist verdammt nochmal bequem, sich die Spiele der Lieblingsmannschaft daheim anzusehen. Ja, bequem. Bier in der Hand, Joggingbuxe an, neben sich: Menschen, die man mag. Und die keine homophoben Sprüche bringen. (Wenn die Kinder dabei sitzen, tausche ich das Bier natürlich gegen Wasser.)

    Ich bin deshalb kein schlechterer Fan als die, die jeden Spieltag im Stadion verbringen. Ich bin eine andere Art von Fan. Die Art, die weniger Zeit für Stadiongänge aufbringen kann, aus verschiedensten Gründen. Und deshalb soll ich darauf verzichten, mir die Spiele meines Klubs in Echtzeit anzusehen? Nö.

  3. heinzkamke Says:

    @1ng0:
    Ja, dünnes Eis, aber es trägt. (In der Hoffnung, dass uns am Samstag keiner rausziehen muss.)

    Um auch mal diesen Boateng-Vergleich zu ziehen, der mich sonst so sehr ärgert, weil er mir so offensichtlich nicht rein sportlicher Natur, sondern irgendwie äußerlicher Natur zu sein scheint: Boateng sind nach meiner Erinnerung schon ziemlich lange sehr seltsame Fehler (und dumme Fouls) unterlaufen, auch noch nach seiner Rückkehr aus England, und ich bin tatsächlich guter Dinge, dass sich das bei Rüdiger noch ähnlich entwickeln kann. Was nichts daran ändert, dass mir Deine Tasci-Analyse (tolle Jauch-Frage) sehr treffend erscheint und meine Argumentation untergräbt.

    Allerdings, und das erscheint mir wichtig – nicht nur mir, glaube ich, kann man ja grade so’n bisschen rauf und runter lesen – hatte Tasci Meira neben sich, einen verlässlichen Partner auf hohem Nivenau, an dem er sich anlehnen konnte. Diesen Partner hat Rüdiger leider nicht; vielmehr wirkt es so (und scheint er das selbst zu glauben), als müsse er der Seniorpartner sein. Was ihn überfordert.

    Auf Benaglios Leistungen gegen den VfB habe ich nicht so bewusst geachtet. (Am Samstag fiel’s natürlich auf, keine Frage.) Irgendwie glaube ich nicht, dass das noch nagt, aber letztlich habe ich keine Ahnung. Am Rande: Menger hat hier allerdings noch keine Rolle gespielt, als Benaglio da war.

    @rebiger:
    Ich weiß nicht genau, ob ich eher dem Schreibenden oder dem Lesenden dafür zürnen soll, dass der Eindruck entstanden ist, ich hielte Gegnerbeschimpfung tatsächlich für einen integralen Bestandteil des Spiels, oder, viel schlimmer, unterscheide zwischen guten und weniger guten Fans.

    Doch, ich weiß genau: a) zürne ich natürlich nicht, b) liegt es selbstverständlich am Schreibenden, der die vermutete Gegenrede („Ja, ja, ich weiß …“) nicht als fiktive Zitate Dritter kennzeichnete, und c) gehe ich dennoch fest davon aus, dass mir der Lesende derlei nicht unterstellt.

    Dass mir die oben beschriebenen Überlegungen dennoch zu denken geben, liegt nicht an irgendeiner moralischen Bewertung von Stadion- oder TV-Fans, sondern schlicht daran, dass ich das Erlebnis Stadionbesuch stets weit über dem Erlebnis TV-Spiel angesiedelt habe, und dass diese Grundfeste nun erstmals etwas erschüttert wurde. Irritiert mich sehr.

  4. abiszet Says:

    Ob man Rüdiger einen Welpenschutz zugesteht oder nicht: Alle Innenverteidiger (Haggui mal ausgenommen, der hat es noch nicht „bewiesen“) sind so fehlerhaft, dass einem die Chips vor dem Fernseher (ja, Sky) im Hals stecken bleiben. Und es sind immer andere Patzer: Abspielfehler, nicht gedankenschnell zu sein, überhaupt zu langsam zu sein, nicht konsequent und mit Überzeugung Zweikämpfe bestreiten, völlig falsch im Raum zu stehen – da verbietet sich ein Vergleich mit Meira, Delpierre und Tasci (in deren besten Zeiten) einfach. Ich denke, es muss ein harter Schnitt her. Diese Fehler dürfen nicht toleriert werden. Wobei – und das ist das, was ich bei uns drüben „Fehlerkultur“ nenne – die Spieler keine guten Vorbilder haben. Ob Vorstand, Führungskräfte in Jugend und Scouting bis hin zum Präsident, der eine Fehlbesetzung ist und in der Außendarstellung wie auch in der Ausgliederung des Vereins eine unwürdige Rolle abgibt: Die Spieler sehen, es darf gewurstelt werden, es hat keine Konsequenzen (nur für Ulreich und Gruezo).

    Ich bezweifle, dass Zambrano die Lösung ist: Der tritt eben mal einen um und provoziert, was ihn nicht sympathisch macht, aber bei einer hohen Verteidigung auch das Spiel nach vorne zu initiieren – damit ist er wie Niedermeier heillos überfordert.

    Was fehlt, ist eine klare Linie: Veh probiert mir im Moment noch ein bisschen zu viel aus. Was er allerdings mal ausprobieren sollte (darauf kommts jetzt auch nicht mehr an), wäre eine 5er Kette mit offensiven Außenverteidigern und 3 Innenverteidigern. Das könnte in der Mitte Stabilität bringen.


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