Schirichefschelte

8. Juli 2014

Diese Weltmeisterschaft, von der alle reden, die findet hier ja im Grunde nicht statt, wie die gemeine Leserin erkannt haben dürfte. Sondern in Brasilien. Verzeihung. Und ein klein wenig auch in der #doppelfuenf, wo wir vor dem Halbfinale ziemlich begeistert auf 48 WM-bezogene Fünfzeiler schauen. Also 48 aus der werten Leserschaft. Insgesamt stehen wir bei 224 Werken, und inoffiziell haben wir das Saisonziel auf 250 angehoben. Danke schön.

Völlig überraschend kommt die WM also auch ohne mediale Begleitung in diesem meinem Blog ganz gut zurecht; gleichwohl habe ich aktuell den Eindruck, dass zu einem konkreten Thema zwar alles gesagt ist, aber eben noch nicht von allen. Von mir zumindest nicht. Weshalb ich mich kurz zu den Schiedsrichtern äußern möchte, diesen armen Säuen.

Ernsthaft. Die stehen doch sowas von im Regen bei dieser WM, und ausnahmsweise beziehe ich mich da keineswegs auf Zeitlupenwissen, die Geschwindigkeit gegenläufiger Bewegungen oder was Collinas Erben sonst noch völlig zurecht ins Feld führen, um Verständnis für die eine oder andere nicht optimal ausgefallene Entscheidung zu wecken, sondern, Sie wissen schon, auf Herrn Busacca. Herr Busacca, die Älteren werden sich erinnern, bat einmal Herrn Karagounis, keine Signale zu geben, und leitet heute die Schiedsrichterabteilung der FIFA, aber das wissen Sie ja ohnehin, ob älter oder jünger.

Herr Busacca soll den WM-Schiedsrichtern gesagt haben, sie mögen lieber später als früher Karten verteilen, um eine Vielzahl an Sperren zu verhindern, und zudem solle man den aus dem Boden sprießenden Rufern nach einem strengeren Umgang mit taktischen Fouls eine lange Nase drehen. Möglicherweise war die offiziell nicht existierende Direktive etwas subtiler formuliert; inhaltlich würde sie indes ganz gut zum seit einigen Jahren allernthalben propagierten Trend passen, gerade in den großen Finalspielen nach Möglichkeit die besten Spieler auf dem Feld zu haben. Man könnte lange über dieses Bestreben und die dafür ergriffenen Maßnahmen, konkret: die Streichung gelber Karten nach dem Viertelfinale, diskutieren, oder auch über noch weiter reichende Vorschläge, aber darum soll es hier gar nicht gehen.

Sondern um besagte FIFA-Direktive, die besagte FIFA jüngst empört zurückgewiesen hat, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wie Herr @uersfeld bei ESPN zu berichten weiß: „This goes into the core business — protecting the main actors, the players, it’s the most important thing we have to do at FIFA.“, oder eben: „We have to protect the players. If Neymar isn’t playing the semifinal or the final, it’s not good for us too.“

Wenn man nur glauben könnte, dass sich die FIFA dessen von vornherein bewusst gewesen ist. Wenn man überhaupt glauben könnte, der FIFA irgendetwas glauben zu können. So aber glaube ich lieber Herrn Fandel, der eine solche Direktive durchscheinen ließ, oder the 3rd Team, oder eben den Erben, oder schließlich, ganz verrückt, meinen eigenen laienhaften Beobachtungen bei den Spielen, die einen zufälligen flächendeckenden Kartenverzicht unrealistisch erscheinen lassen.

Ist ja auch eine ganz geschickte Strategie, irgendwie, einfach den Schiedsrichtern zu sagen, sie mögen weniger Karten zeigen. Irgendwann werden wir auf diese Weltmeisterschaft zurückblicken, und die FIFA wird es auch tun, um dann nicht ohne Stolz zu verkünden, dass die Anzahl der Tore um (aktuell) 13 Prozent gestiegen und die der Verwarnungen um mehr als ein Viertel gesunken ist. So wie man Armutsdefinitionen verändern kann, oder Schattenhaushalte aufbauen, oder Dopingkontrollen in geeigneter Art und Weise gestalten, um strahlend helle Ergebnisse zu erhalten. Ja, ich komme vom Hundertsten ins Tausendste. Und die gesellschaftliche Relevanz von gelben Karten sollte man vielleicht nicht überhöhen. Was aber bleibt: die offensivste und fairste Weltmeisterschaften aller Zeiten, und wenn schon nicht aller Zeiten, dann stimmt zumindest die Tendenz. Und außerdem waren die besten Spieler im Finale auf dem Feld.

Dass die allerbesten Spieler am Ende doch nicht mehr dabei waren, zumindest einige von ihnen, liegt in der Natur der Sache. Können ja nur zwei Mannschaften im Finale stehen, nicht wahr? Sollte Brasilien dabei sein, wäre Neymar eher nicht dabei. Eigentlich fast schon eine tragische Geschichte, wenn man vielleicht an dieser Stelle ein bisschen Pathos ins, Verzeihung, Spiel bringen möchte, wie dieser junge Mann seiner Herkulesaufgabe nachkommt, eine keineswegs überragende Mannschaft auf seinen Schultern durch das Turnier zu tragen, um dann in einer Art und Weise zumindest der Halbfinalteilnahme beraubt zu werden, die ein besonnener Schiedsrichter vermutlich hätte verhindern können.

Denn das darf man ja, bei aller Kritik an Herrn Busacca und den mehr oder weniger gut verborgenen Agenden der FIFA, auch nicht gänzlich außer Acht lassen: auf dem Platz entscheiden immer noch die Schiedsrichter. Und wenn sich von denen einer hinstellt und deutlich macht: „Das ist ja gut und schön, werte Brasilianer, zumindest aus Eurer Sicht, dass Ihr nicht nur eine Vielzahl taktischer Fouls begeht, um Angriffe des Gegners frühzeitig zu unterbinden, sondern dass Ihr darüber hinaus ganz offensichtlich vorhabt, den Herrn James hier ebenso bewusst wie gezielt und regelwidrig aus dem Spiel zu nehmen, aber ganz ehrlich: ich mach da nicht mit.“ Was natürlich analog auch bei einer Reihe anderer Spiele denkbar gewesen wäre.

Natürlich trüge dieser Schiedsrichter dann das Risiko, dass ihn Herr Busacca, den ich gern als pars pro toto beibehalten möchte, oder vielleicht ist er es auch ganz persönlich, nach dem Spiel zur Seite nimmt und ihm sinngemäß sagt, es sei ihm, dem Schiedsrichter, zwar ganz vorzüglich gelungen, ein unter Umständen (Man weiß das ja im Vorfeld nie, und nur weil wir jetzt wissen, dass es aus den Fugen geriet, heißt das ja noch nicht, dass man es hätte ahnen können. Wobei.) zur Eskalation neigendes Spiel frühzeitig zu beruhigen, indem er klare Grenzen gezogen habe, anders als zum Beispiel Florian Meyer beim DFB-Pokalfinale; unglücklicherweise habe er hierzu allerdings zwei gelbe Karten benötigt, noch dazu vor der 30. Minute, und deshalb müsse er nun leider nach Hause fliegen. Aber er könne sich der Dankbarkeit der FIFA gewiss sein; schließlich habe er dafür Sorge getragen, dass sowohl Herr James als auch Herr Neymar das Ende des Turniers bei bester Gesundheit und mit hohem Unterhaltungswert erleben, einer von beiden vielleicht sogar als Finalteilnehmer.

Mir ist leider zweierlei klar: zum einen wäre das ganz schön viel verlangt von einem Schiedsrichter. Die wollen schließlich, wie Neymar oder Rodríguez, auch gern bis zum Endspiel im Turnier bleiben, gibt’s ja nur alle vier Jahre, klar, und dass man da nicht offenkundig gegen Herrn Busacca opponiert, ist nachvollziehbar. Zum anderen erscheint mir die von mir überspitzt formulierte FIFA-Reaktion im Grunde deutlich weniger spitz, als ich sie gerne interpretieren würde. Wenn ich zudem sehe, dass Felix Brych nach zwei sehr anständigen Einsätzen nach Hause geschickt wurde, und wenn ich zudem zwei und zwei zusammenzähle, was den Grund für seinen frühzeitigen Abschied anbelangt, jenen nicht gegebenen Elfmeter also, den kein Betroffener in Echtzeit geahnt hat, und wenn ich dann sehe, wer noch im Turnier bleiben durfte, und das hat nichts mit einer deutschen Brille zu tun, gewiss nicht, Herr Dr. Brych ist mir recht egal, dann schmunzle ich wieder einmal kurz über die namentliche Nähe des Ecclestonevereins FIA und des Blattervereins FIFA.

Ja, ich weiß, dass Herr Ecclestone dort kein Amt innehat. Und ich will noch nicht einmal Verschwörungstheorien formulieren. Nur Entscheidungsfindungen hinterfragen. Oder Transparenz. Womit wir dann doch wieder bei den Schiedsrichtern sind. Und bei Herrn Busacca:

„Dass die FIFA und der Vorsitzende ihrer Schiedsrichter-Kommission, der Schweizer Massimo Busacca, diesbezüglich deutlich weniger Transparenz walten lassen, gehört zu den Ärgernissen dieses Turniers.“

Das schrieb Alex Feuerherdt vor wenigen Minuten, mittlerweile vielleicht Stunden, ich bin zufällig grade darüber gestolpert, drüben bei Collinas Erben, und er schreibt noch viel mehr, und er bringt viele Dinge auf den Punkt, die ich hier bestenfalls vage angerissen habe, und spricht andere an, die hier überhaupt keine Erwähnung fanden.

Was mich, abseits der Verärgerung über das Gebaren der FIFA, mit Alex verbindet, ist der, so ich ihn im Podcast recht verstanden habe, gemeinsame Wunsch, dass Howard Webb das Finale leiten möge. Wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen: er hegt ihn wohl aus der Überzeugung heraus, dass Webb der vermutlich beste Schiedsrichter ist bzw. für das Finale wäre, ich hingegen hielte es schlichtweg für bemerkenswert konsequent, das Finale der WM 2014 von dem Mann pfeifen zu lassen, der bereits 2010 beispielgebend wirkte und zugelassen hätte, dass die Niederländer ihre spanischen Gegner buchstäblich vom Platz treten. Aber nur die besten.

 

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2 Antworten to “Schirichefschelte”


  1. […] »Schirichefschelte« von Heinz Kamke, veröffentlicht auf dessen Weblog […]


  2. […] Collinas Erben: Kein… zu Schirichefschelte […]


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