Was hat Euch bloß so ruiniert?

5. November 2013

Ich lade gern mir Gäste ein„, heißt es bei Strauss, und auch wenn dieses Blog sonst eher so ein Einzelgängerprojekt ist, so freue ich mich doch immer wieder, wenn mal jemand zu Besuch kommt. Netter Besuch, eh klar. Da ist es dann auch völlig egal, wo er herkommt, wo sie hin will oder für welchen Fußballverein sein Herz schlägt. So es überhaupt für einen schlägt.

Falls es also hier Mitlesende geben sollte, die ein eher schwieriges Verhältnis zum südbadischen Wettbewerber pflegen, so muss ich an dieser Stelle sagen, dass mir das herzlich egal ist. Vielmehr freue ich mich, Herrn @zugzwang74 hier begrüßen zu dürfen, der drüben bei Twitter in den letzten Wochen immer mal wieder von mehreren Seiten dazu animiert wurde, seine knapp, d.h. in 140 Zeichen gehaltenen Meinungsäußerungen zum SC Freiburg doch mal ausführlicher zu Papier zu bringen.

Herr @zugzwang74 ist übrigens jener Herr, der mir kürzlich ein paar Karten für das DFB-Pokalaus in Freiburg besorgt hatte, und weder trotz noch wegen dieses Umstands bot ich ihm im Lauf der genannten Diskussion vorübergehend (die Gründung seines eigenen Blogs dürfte, um ein bisschen Druck auszuüben, ins Haus stehen) Obdach und Unterkunft an.

Und fragen Sie, ich bitte,
warum ich das denn tu‘?
’s ist mal bei mir so Sitte,
Chacun à son goût!

Nun wollte es das Schicksal, dass seine Einlassungen zu seinem Verein just in den Tagen vor dem nächsten Duell zwischen dem VfB und den Freiburgern zu Ende formuliert waren, sodass ich über die reinen Einsichten in das Innenleben eines „fremden“ Fans hinaus auch gleich noch einen kleinen Beitrag zur Spielvorbereitung liefern darf.

Der Titel des Textes, also der ganz oben, stammt von meinem Gast, und vermutlich ist er nicht nur der Ansatz einer Freiburger Zustandsbeschreibung, sondern auch eine musikalische Referenz und Reverenz. Daran knüpfe ich gerne an und bedanke mich herzlich für den folgenden Gastbeitrag, denn von allen Gedanken schätze ich doch am meisten die interessanten:

___________________

 

Der SC Freiburg in der bisherigen Saison 2013/2014

Vorab ein Dank an den Hausherren, dass er mir in diesen prachtvollen Hallen einen Platz einräumt. Und wer dieses Blog sonst vor allem verfolgt, weil er dem Verein des Hausherren zugeneigt ist, sei gewarnt, dass sich die folgenden Zeilen nur um einen Club aus dem Südbadischen drehen.

Immer noch da? Dann herzlich willkommen bei einer Reise in das Innere des SC Freiburg, verbunden mit der Frage: „Was hat Euch bloß so ruiniert?“

Elf Spieltage vorbei, Platz 16, in der Liga bisher nur ein Spiel gewonnen. Hatten also alle Apologeten des Untergangs Recht die mir vor der Saison prophezeiten, dass es den SC Freiburg in der Saison 2014/2015 wieder montags bei Sport1 zu sehen gäbe? Vor allem: Woran liegt es denn, dass der Verein nun aktuell auf dem Relegationsplatz steht?

Um die Frage zu beantworten könnte man Doppelpass-artig mit dem Dreiklang „Abgänge, Verletzungen, Doppelbelastung“ antworten und alle wären zufrieden. Tatsächlich sind diese drei Gründe durchaus auch Teil des Problems, jedoch greifen sie viel zu kurz.

Und deshalb möchte ich im Folgenden gerne mehr in die Tiefe gehen, als es sonst in der öffentlichen Darstellung geschieht.

Abgänge
Max Kruse, Daniel Caligiuri, Jan Rosenthal, Cedric Makiadi. Vier Leistungsträger plus Johannes Flum galt es zu ersetzen. In einigen Bereichen ist dies ordentlich gelungen, in anderen nicht.

Verletzungen
Mit Mensur Mujdza, Vegar Eggen Hedenstad und Felix Klaus fielen drei potenzielle Stammspieler zum Start der Saison mit teilweise langwierigen Verletzungen aus. Hinzu kam noch Václav Pilar, bei dem klar war, dass er erst Mitte der Vorrunde zur Mannschaft stoßen würde. Alle vier Verletzten konnten nicht adäquat ersetzt werden, was nicht nur auf den Positionen einen Qualitätsverlust beutete, sondern die Mannschaft insgesamt schlechter machte.

Doppelbelastung
Die von vielen Seiten als so unangenehm bezeichnete Europa League hat sich bisher nicht als Belastung dargestellt.
Die den Verein wirklich treffende Doppelbelastung sind die Nationalmannschaften. Nicht nur, dass sich Mujdza, Hedenstadt und zuletzt auch Vladimir Darida jeweils bei den Nationalteams verletzt haben; vielmehr bedeuten Abstellungen aktuell in erster Linie schmerzlichen Verlust von gemeinsamer Trainingszeit.

Eine Erfahrung, die schon im Sommer gemacht wurde, als etliche Spieler später ins Training einstiegen, und Einheiten mit dem kompletten Kader auf die letzten anderthalb Wochen vor dem ersten Pflichtspiel beschränkt waren. Für andere Vereine mag dies gelernt sein, für den SC Freiburg stellte es eine neue Erfahrung dar. Zumal das anspruchsvolle taktische System von den Spielern viel Feinarbeit verlangt und neue Spieler Zeit brauchen, bis sie die Abläufe und Anforderungen verinnerlichen und umsetzen können.

Aber wie wirkt sich diese Trias denn nun konkret auf das Freiburger Spiel aus?

Der entscheidende Einfluss des Dreiklangs ist der Mangel an Stabilität und Kraft im Team. So sind die Abstände oft zu groß, die Mannschaft läuft aktuell den Gegner später an als letzte Saison und vor allem gab es Spiele – wie in Hoffenheim und Augsburg – bei denen körperlich nach 70 Minuten nichts mehr ging.

Lasst mich nun die einzelnen Mannschaftsteile genauer beleuchten:

Im Tor zeigt Oliver Baumann auch dieses Jahr wieder, dass er zu den besten Torhütern der Liga gehört. (Das Spiel gegen den HSV ändert nichts an dieser Einschätzung.) Ohne seine außergewöhnliche Leistungen wären weder der Punktgewinn gegen Bayern noch die in Nürnberg und im Pokal gegen Stuttgart möglich gewesen. Beim Jubel nach diesen beiden Spielen wurde ignoriert, welch große Chancen die Gegner in beiden Spielen vergaben.

In der Innenverteidigung scheint Fallou Diagne in seiner Entwicklung einen Schritt nach hinten gemacht zu haben und war zu Saisonbeginn auch nicht in der Starformation. Immanuel Höhn, der sich mit einer vorzüglichen Vorbereitung eigentlich einen Stammplatz erarbeitet hatte ist seit dem Platzverweis beim Pokalspiel in Neustrelitz anscheinend komplett von der Rolle und seitdem keine Dauerlösung mehr für die erste Elf.

Dass der Körper von Pavel Krmas ihm aufgrund seiner Anfälligkeit für Verletzungen kein Durchspielen in Englischen Wochen erlaubt hat wohl niemanden überrascht, dass der Stabilitätsanker aber zu Beginn der Saison für viele Wochen nicht zur Verfügung stand, tat richtig weh.

„Und was ist mit Matthias Ginter?“, höre ich den geneigten Leser in Gedanken fragen. Das bisher größte Talent, das die Fußballschule des Vereins hervorgebracht hat, spielt eine ordentliche Saison, aber ist oft auch allein gelassen. Zumal ob seiner permanenten Klasseleistungen der letzten Saison viel zu oft übersehen wird, dass er erst neunzehn Jahre alt ist, eine verkürzte Sommerpause hatte und seitdem fast ununterbrochen auf dem Platz steht. Insofern ist nur der Hut vor dem zu ziehen, was er trotzdem Woche für Woche an Leistung bringt.

Durch die Verletzungen von Mujdza und Hedenstad spielen Oliver Sorg und Christian Günther als Außenverteidiger mehr oder minder durch. Oliver Sorg hatte durch die U 21- Europameisterschaft in Israel nur eine kurze Sommerpause. Christian Günther hingegen sollte nach und nach aufgebaut werden, immer wieder Einsätze bekommen und sich so an das Bundesliganiveau gewöhnen. Soll heißen: Einer, bei dem jeder versteht, dass der Akku nicht bei 100% ist und einer der eben noch nicht dauerhaftes Bundesliganiveau verkörpert sind als Außenverteidiger „alternativlos“.

Die Folgen sind zu besichtigen in Abspielfehlern, häufigem Durchkommen gegnerischer Außenspieler bis zur Grundlinie und daraus resultierender Großchancen und Gegentore.
Durch die stärkere Konzentration der Außenverteidiger darauf, dass zumindest nach hinten nichts passiert, ist die Mannschaft einer ihrer großen Stärken der letzten Saison, des Spiels über die Flügel beraubt. Eben dort sorgten Schmid und Caligiuri mit Unterstützung der Außenverteidiger immer wieder für Torgefahr.

Was auch daran lag, dass diese beiden und eben auch Max Kruse es immer wieder schafften eins gegen eins-Situationen im Offensivdribbling mit Geschwindigkeit und Technik für sich zu entscheiden. Eine Fähigkeit, die diese Saison bisher kaum vorhanden ist. Zwar ist Gelson Fernandes ein Laufwunder (seine fast 14 Kilometer im Spiel gegen Bayern dürften ligaweit wohl einzigartig sein), ein großartiger Balleroberer, einfach eine Bereicherung des Defensivspiels.

Leider ist er dies jedoch bisher nicht für das Offensivspiel. Der erste Pass nach dem Ballgewinn braucht oft zu lange oder ist ein Sicherheitsball der dem Gegner die wichtigen Sekunden gibt sich wieder zu sortieren. So ist das Umschaltspiel, DIE Stärke schlechthin der letzten Saison dieses Jahr im wahrsten Sinne des Wortes häufig lahmgelegt.

Schmid fehlt die Unterstützung der anderen Spieler. Und bis zur vorletzten Woche musste mit Francis Coquelin auf der linken Außenbahn ein gelernter Sechser ohne ausreichende Spielpraxis spielen, der ein toller Kicker ist, aber nicht durch besondere Offensivaktionen auffiel. Hinzu kommt, dass mit einem der Lichtblicke unter den Neuzugängen, Admir Mehmedi, bisher nur ein spielstarker Stürmer in der Liga zur Verfügung stand. Richtig gelesen, nur ein spielstarker Stürmer. Denn Magic Mike war bisher leider nur im Pokalspiel gegen den VfB Stuttgart als Gesicht des neuen SC Freiburg wahrzunehmen. Somit ist das Offensivspiel zu oft statisch, vorhersehbar und ohne wirkliche Torgefahr.

Ja, natürlich war die Mannschaft trotzdem in einigen Heimspielen überlegen und hat sich nicht belohnt. Aber die Überlegenheit bedeutete in keinem Spiel auch ein deutliches Plus an klaren (!) Torchancen. Einfach deshalb weil zu selten spielerische Lösungen in der Zone ab 20 Meter vor dem gegnerischen Tor gefunden wurden. Hier mangelt es bisher an Kreativität, Handlungsschnelligkeit, technischen Fähigkeiten und Tempo.

Heißt das zusammengefasst:
Keine Hoffnung? Nirgends?

Doch, und zwar jede Menge!

Die Verletzten werden zurückkehren und somit wird die Qualität im Kader sich weiter erhöhen. Zumal es wohl noch nie einen Kader in Freiburg gab, der in der Breite solch eine Qualität besaß. Die Neuzugänge fügen sich besser und besser ein, und sowohl Pilar als auch Darida scheinen das Extra zu haben, das es für den Klassenerhalt brauchen wird. Mir macht es auch Hoffnung, dass man sich in der Rückrunde wohl auf die Bundesliga konzentrieren kann. Und nicht zuletzt hat Christian Streich in all seinen Jahren im Verein gezeigt, dass er einer der besten Fußballlehrer des Landes ist.

Also:
Ruiniert? Keineswegs!
Wandeln am Tabellenabgrund bis zum 34. Spieltag?
Wahrscheinlich ja!
Und mit gutem Ende?
Keine Ahnung, bin ich etwa Experte beim Doppelpass?

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5 Antworten to “Was hat Euch bloß so ruiniert?”


  1. Beste Analyse zum Thema, die ich bisher gelesen habe.

    Nicht die paar Spiele Europaleague sind das Problem, sondern die Abstellungen an die Nationalmannschaften und der verspätete (verletzte) Einstieg ins Sommertraining.

    Außerdem haben beim SC letztes Jahr dann vielleicht doch einige am oberen Limit ihres Leistungsvermögen gekratzt bzw. können das Limit nicht halten.


  2. […] Premier-League-Neuerwerbungen des Sommers + + + Zustände: Ein Gastbeitrag im Blog von Heinz Kamke über die Saison des SC Freiburg + + + Zufälle: Die erste Runde der Vergabe der Tickets zur WM […]

  3. martinkelsch Says:

    Schwäbische Alemannen, alemannische Schwaben. Dem Römer ists einerlei.
    Vielen Dank an Zugzwang für den guten Bericht. Ich habe Freiburg nur gegen Bayern genauer angeschaut, fand da aber, dass die relativ neu formierte Mannschaft schon ganz gut erkennen lies, dass der Trainer einen Plan hat und diesen auch der Mannschaft vermitteln kann. Anders als z.B. der VfB unter Bruno.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass der SC gegen den VfB drei Punkte holt. Wenn man dann noch in Braunschweig gewinnt, sieht es doch wieder ganz gut aus für die sympathischen Vorderösterreicher.


  4. […] Metzger ist Freiburg Fan. Leider noch ohne eigenen Blog (aber mit vielversprechendem Gastauftritt). Dafür mit ganz viel Herz. Er nimmt den Europapokal trotz all der negativen Begleiterscheinungen […]


  5. […] des SC zu schreiben, bot mir einer meinen absoluten Lieblingsblogger, Heinz Kamke, an, dass ich das bei ihm veröffentlichen könne. Bis zu diesem Zeitpunkt hielt ich mich einerseits für einen nicht besonders begabten […]


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