Äpfel und Birnen. Und ein bisschen Rosinenpickerei.

19. September 2013

Kennt man ja, nicht wahr, diese unerwartet und rasch reifende Einsicht, dass man einer anderen Zeit oder Welt oder auch einem anderen Planetensystem angehört. Ok, möglicherweise hat man auch nur etwas anders gelagerte Prioritäten; dennoch verfestigt sich ein bis dahin kaum mehr als latent vorhandenes Gefühl der Andersartigkeit.

So erging es mir zuletzt am vergangenen Freitag, in der Fußballkneipe meines Vertrauens. Ich war umgeben von netten jungen Leuten, vor Spielbeginn sagte mir einer, der Rest seiner Comunio-Spielrunde (heißt das so?) komme gleich, was er dann auch tat. Um den jungen Leuten zu zeigen, dass ich gar nicht so alt und unbeleckt bin, wie ich möglicherweise aussehe, frug ich scheinbar nonchalant nach, ob Comunio denn nicht böse und verdammenswert sei angesichts der jüngst eingegangenen Partnerschaft mit der ZEITUNG, wie der literarisch bewanderte Herr @bimbeshausen aus gutem Grund zu sagen pflegt, und landete einen Wirkungstreffer.

Vielleicht nicht bei meinem direkten Gesprächspartner, der – wiewohl ein bisschen beeindruckt, wie mir schien, und vielleicht auch ein wenig unsicher, weil er allem Anschein nach auch nur die Überschrift gelesen hatte (oder, wie ich, die Tweets von @surfin_bird) – Bescheid wusste, wohl aber bei seinen Kollegen, die sich erst einmal informieren mussten. Nicht darüber, wer oder was die ZEITUNG sei, jenen Schlenker hatte ich weggelassen, aber über deren unheilige Allianz mit Comunio.

Wie auch immer: ich hatte es also mit einer Gruppe Comunio-SpielerInnen zu tun, was a priori (und rückblickend nicht zu unrecht, wie ich gerne betone) auf Fußballsachverstand hoffen ließ und zudem, im Sinne eines bunten Fußballabends, eine möglicherweise gelungene Ergänzung zum nicht uneingeschränkt nüchternen und die eine oder andere krude Theorie vertretenden Nachbartisch sein könnte. Wobei: vielleicht sind ja auch meine Theorien krude. Oder gar abwegig.

Wie komme ich darauf, dass Ibrahima Traoré in den ersten Saisonspielen eine der wenigen halbwegs positiven Erscheinungen gewesen sein könnte und nicht, wie ein Herr sinngemäß meinte, ein in blindem Aktionismus und ohne jede Struktur durch die Gegend rennender junger Mann, „genau wie der Kaba“, der dann halt mal Glück habe, wenn einer seiner stets blind in die Mitte gespielten Bälle von einem Gegner dumm ins eigene Tor abgefälscht werde? Ich schwieg und dachte mir meinen Teil, andere widersprachen kurz und fassten rasch den Entschluss, sich ihren Teil fürderhin ebenfalls nurmehr zu denken.

Die Comunisten (Darf man das sagen? Ist das pc?) hielten sich heraus, diskutierten ihrerseits über studienrelevante Themen und gähnten – zurecht – ob des überschaubar attraktiven Spiels des VfB in Berlin – die Formulierung ist keine ganz zufällige, tatsächlich war in erster Linie das Spiel des VfB eher unattraktiv, während sich die Hertha durchaus ansehnlich präsentierte. Der VfB ließ recht viel von dem vermissen, was ihn zwei Wochen zuvor in Hoffenheim insbesondere in der Balleroberung und der Vorwärtsbewegung ausgezeichnet hatte. Die erste (und einzige) Chance der ersten Halbzeit hatte man kurz vor deren Ende, als Kraft in brillanter Manier einen Kopfball von Gentner über die Latte lenkte, was bei allen Anwesenden ein lautstarkes Aufstöhnen zur Folge hatte. Also, nun ja, bei fast allen:

„Jaa! „Kraft hielt die Hertha mit einer großartigen Parade im Spiel“, das gibt Punkte!“

Das Zitat ist ein sinngemäßes, möglicherweise aufgrund meiner Ahnungslosigkeit in Sachen Comunio inhaltlich nicht ganz treffendes, aber ich setze darauf, dass mich die gemeine Leserin versteht. Andernfalls erleichtert möglicherweise mein folgendes Selbstzitat das Verständnis:

Man mag entgegnen, vermutlich treffend, dass diese Reaktion doch eine normale gewesen sei, junge Leute, Distinktion, Provokation, das Positive sehen, Sie wissen schon. Vielleicht tat ich meinen Tischnachbarn ja wirklich unrecht mit meinem stummen und, streng genommen, unbewegten Kopfschütteln. Und doch: sie ist mir fremd, diese Reaktion. Der junge Mann hatte sich bis dahin sehr eindeutig als VfB-Fan zu erkennen gegeben.

Irgendwann hörte ich die Legende, Günter Netzer tippe immer gegen die ihm näherstehende Mannschaft, um wenigstens einen Erfolg feiern zu können. Ich weiß nicht, ob Netzer das wirklich jemals sagte oder diesen Ausspruch gar prägte, und ich weiß natürlich, dass ihn Gott und die Welt in der einen oder anderen Situation verwendet haben. Für mich bleibt er dennoch immer mit Netzer verbunden, was hier nun wirklich nichts zur Sache tut, mir aber die Gelegenheit gibt, mir die Replik von Gerhard Delling vorzustellen und irgendjemandem für Mehmet Scholl und Matthias Opdenhövel zu danken. Man möge mir diesen unsachlichen Einschub nachsehen, auch und gerade in Florenz.

Ich kann mit der Netzer zugeschriebenen Haltung nicht recht umgehen. Bei meinem Kicktipp würde der VfB, so ich noch mittippte, immer mit mindestens 90 Punkten Meister, gerne auch mal mit 102. Es gelingt mir nicht, und es gelänge mir wohl auch dann nicht, wenn ich es wollte, mich gegen „meinen“ Verein zu positionieren, mich über Gegentore oder herausragende Paraden des gegnerischen Torwarts zu freuen. Ich kann sie würdigen, klar, tue das auch, aber freuen? Jubilieren gar? Nein. Sage ich jetzt. Vor ein paar Wochen, als es um die Zukunft von Bruno Labbadia im Verein ging, konnte ich mich noch sehr gut mit dem Gedanken anfreunden, an einer schlechten Leistung des VfB, an einer Niederlage und den möglichen Konsequenzen Gefallen zu finden. Äpfel mag ich übrigens lieber als Birnen.

Vielleicht hätte ich es beim eben zitierten Tweet belassen sollen. Ich war tatsächlich sehr irritiert, bin es noch, aber das war’s dann auch. Bestimmt kann man auch gleichzeitig Comuniospieler und ein guter Mensch sein. Vielleicht sind Comuniospieler auch ganz generell die weitaus besseren Menschen. Wenn sie bloß nicht gegen die eigene Mannschaft …  ach komm, jetzt hör‘ halt auf! Irgendwie lassen mich Managerspiele an Rosinenpickerei denken. Krude Idee, ne? Gedankenfreiheit des Ignoranten.

Später war der bejubelte Kraft nicht mehr zu jedem Zeitpunkt ganz so bejubelnswert, fand ich. Was mir, zugegeben, ein innneres Irgendwas war. Nicht dass daraus ein Tor entstanden wäre, das entsprang einer ganz normalen Standardsituation, Maxim und Gentner, kennt man ja, ähem, und doch stand der überragende Torwart dann eher auf der anderen Seite. Bisschen schade, dass ihn, Sven Ulreich, keiner für sein Team verpflichtet hatte.

Womit wir wieder beim einführend gestreiften Fußballsachverstand wären: ich Ahnungsloser hätte ihn auch nicht genommen. Tja. Und würd’s wohl auch weiterhin nicht tun. Also nicht bei Comunio, es ist zu unrealistisch, dass ich da mitmache, aber eben auch nicht als Bundestrainer. Auch wenn sich jetzt schon Uli Stein für ihn „als Teil der WM-Besetzung“ stark macht. Vermutlich denkt er dabei gar nicht ausschließlich an die Leistung, sondern auch an die innere Balance des Teams und so.

Vielleicht doch noch ein weiterer Satz, auch wenn das Spiel bereits so lange zurückliegt, dass sich niemand mehr daran erinnert: Antonio Rüdigers Spiel war eine Augenweide. Hätte ich so noch nicht erwartet. Und nicht einmal der Kaba-Sager hatte etwas auszusetzen. Ob mich das eher zweifeln lassen als bestätigen sollte?

Der Trainer? War da. Sachlich. Unaufgeregt. Auch in der Nachbetrachtung. Mit dem nötigen Glück. Gefällt weiterhin.

Am Sonntag gegen Frankfurt. Von denen hab ich keinen in meiner Mannschaft. Schön. Auch wenn ich Rode sofort nähme.

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6 Antworten to “Äpfel und Birnen. Und ein bisschen Rosinenpickerei.”

  1. julian Says:

    »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« von »Henry Wau-Wau« war eine für mich beeindruckende Lektüre in der 10. Klasse, zeugt aber nicht von in irgendeiner Form umfassender oder tiefgehender Belesenheit.

    Das genannte Phänomen kenne ich aber auch, selbst im Stadion. Die Einblendung der Torschützen auf fremden Plätzen scheinen manche Umstehende mehr zu beeindrucken als das auf dem Feld gebotene Spiel (, das – der Einschub mag erlaubt sein – in meinem Fall in letzter Zeit stets mehr als ansehnlich war). Es lässt sich Comunio aber auch mit dem Versuch spielen, die eigene Mannschaft der auf den Platz stehenden so weit wie möglich anzunähern. Insbesondere bei einer bei anderen Spielern eher unbeliebten wie -terschätzten Mannschaft wie der TSG kommt man mit diesem Vorhaben recht weit und der Erfolg auf dem Platz und in der #tweetcom verhalten sich proportional.

  2. heinzkamke Says:

    @julian:
    Schon klar, dass Du jetzt bescheiden sein musst. Und ebenso klar, zumindest fast, dass man mit der Geschichte der Frau Blum tendenziell erst einmal durch schulischen Zwang in Berührung kommt. Ich freu mich dennoch immer über Deine konsequente Verwendung von ZEITUNG, und wenn ich bei der literarischen Bildung übertrieben haben sollte, so ist das bestimmt nur eine Momentaufnahme.

    Oh ja, die Ergebnisse und Torschützen von anderswo. Und der Jubel über ein Gegentor der Bayern, selbst dann, wenn sie grade gegen einen unmittelbaren Konkurrenten der eigenen Mannschaft spielen … Aber das ist nochmal ein ganz anderes Thema.

    Ach, kann man bei Comunio unbegrenzt (oder zumindest mit recht großzügigen Quoten) Spieler eines Vereins anhäufen? Ich dachte immer, da gäb’s wie bei anderen Managerspielen, die ich in grauer Vorzeit mal ausprobierte, eine Begrenzung auf drei aus einem Klub, oder so.

    Unbeliebt? Vermutlich. Unterschätzt bezweifle ich. Im Sommer wollte doch bei Twitter jeder (mich eingeschlossen) der erste sein, der Deinem Verein für die neue Saison einen Europapokalplatz prognostizierte … Ok, von Representativität kann da noch keine Rede sein.

    • julian Says:

      @heinzkamke
      Von Repräsentativität kann wirklich keine Rede sein. Bei einer kicker-Umfrage zum diesmaligen Abschneiden der Truppe erfreute sich die Option »ABSTIEG!« außerordentlicher Beliebtheit, wenngleich sich darin wohl mehr als der Beitrag zu einer realistischen Prognose manifestierte und die Brücke zurück zu -beliebt geschlagen wird.

      Tatsächlich gibt es bei Comunio keine Begrenzung, was die Anzahl an Spielern eines Bundesligaklubs betrifft. Die Unterschätzung war dabei doch zumindest groß genug, es mir zu ermöglichen, je fünf Stamm- und Ersatzspieler in meinen Kader zu holen. (Solltest du übrigens doch einmal Comunio spielen: Kaufe nicht Rudy. (Gehe nicht über Los. Ziehe nicht 4.000,- DM ein.) Die Diskrepanz zwischen seiner Leistung auf dem Rasen und den (häufig Minus-) Punkten, die er dir bringt, wird dich verzweifeln lassen.) Der Königstransfer, ein brasilianischer Fuddler, blieb mir aber verwehrt, weil sein Besitzer, ein gewisser Herr Sue, seinen wahren Marktwert – mit Recht, wie sich inzwischen sagen lässt – auf das drei- bis sechsfache des angezeigten Betrages taxierte.

      Die schmeichelnde Momentaufnahme mag ich mal so stehen lassen, wobei mich das »bescheiden sein müssen« ratlos zurücklässt.

  3. heinzkamke Says:

    Ohne ausführlich antworten zu können, lege ich Wert auf die Feststellung, dass der von mir ins Feld geführte Bescheidenheitszwang schlichtweg Deiner Erziehung geschuldet ist.

    Tja, und der Sue, der hat’s halt drauf. (Der Rudy sowieso.)


  4. […] Vom hypothetischen zum echten Heinz Kamke: Auf seinem Blog erschien gestern ein Text, der sich mit Comunio-Spielern und Wetten gegen den […]

  5. Lennart Says:

    Achja, wie ich das liebe…des VfBs Spiel steht auf des Messers Schneide, keiner kriegt den Mund auf, aber wenn irgendein Spieler irgendeiner Gurkentruppe gegen München ein Führungstor schießt, ist plötzlich Leben in der Bude…


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