Wir heuern und wir feuern

27. August 2013

Die Entlassung von Bruno Labbadia wird allenthalben kommentiert. In der Sache oft zustimmend, ob des Zeitpunkts bisweilen kopfschüttelnd, in den Kommentaren durchaus kontrovers. Die Lektüre offenbart zum Teil bemerkenswertes Hintergrundwissen, zum Teil auch nicht.

Labbadias für Stuttgarter Verhältnisse lange Amtszeit wird hervorgehoben, sein unterkühltes Verhältnis zum Publikum betont. Uwe Marx von der FAZ greift beide Aspekte, Stuttgarter Amtszeiten wie Stuttgarter Anhänger, wohl am pointiertesten auf, indem er zum einen den VfB als besonders entlassungswillig darstellt, dazu später noch ein paar Sätze, und zum anderen das hiesige Publikum, bzw. Teile davon, als treibende Kraft hinter der Entlassung betrachtet:

Bobic hat sich, wie so viele Rausschmeißer in der Bundesliga vor ihm, wohl auch von Volkes Stimme treiben lassen, sofern besonders laute Fans schon als ganzes Volk durchgehen.“

Über den Tonfall kann man sicherlich geteilter Meinung sein; ginge es nicht gerade um „meinen“ Verein, und ein bisschen auch um meine Stimme, gefiele mir die ihm innewohnende Polemik vermutlich recht gut, so ist das eben manchmal mit der Subjektivität. Der eine oder andere Fan mag sich ob der ihm oder ihr zugeschriebenen Macht geschmeichelt fühlen, und die Kritik am Selbstverständnis eben dieser Fans kann ich nachvollziehen; an die These der treibenden Kraft kann ich gleichwohl nicht glauben.

Das mag daran liegen, dass ich es nicht glauben will. Also dass die Führungskräfte des VfB ihre Entscheidungen auf Basis von Fanmeinungen treffen. Vielmehr traue ich Fredi Bobic tatsächlich ein recht gutes Gespür dafür zu, inwieweit die Maßnahmen und Arbeitsweisen des Trainergespanns greifen, und inwieweit sie noch Erfolg versprechen. Ferner gehe ich davon aus, dass er sich nicht allein auf sein Gespür verlassen, sondern Stimmungen und Entwicklungen beobachtet, erfragt und besprochen hat. Alles andere empfände ich als eine grobe Verletzung seiner Pflichten, die zu unterstellen ich keine Ansatzpunkte habe.

Zudem bin ich (gerne) gewillt, die derzeit in der hiesigen Presse verschiedentlich kolportierten Gespräche mit dem nun beförderten Thomas Schneider – der Angebote als Co-Trainer bei anderen Bundesligisten gehabt habe –, in denen er vom Verbleib überzeugt und ihm Perspektiven aufgezeigt worden seien, sowohl für bare Münze zu nehmen als auch zu Bobics Gunsten auszulegen. Dass man die negative Tendenz der letzten Wochen auch schon vor der Sommerpause hätte erahnen oder gar vorhersehen können, oder auch auf die Vertragsverlängerung im Januar verzichten, ist zweifellos unstrittig. Dass es in beiden Fällen dennoch auch nachvollziehbare Gründe gab – das Erreichen des Pokalfinals und die dort gezeigte Leistung im, chronologisch gesehen, zweiten, die komplett andere Führungssituation im Verein mit ebensolchen Rahmensetzungen im ersten Fall –, hoffentlich ebenso.

Dass Bobic nun nicht bis zur Länderspielpause wartete, kann man ihm natürlich vorwerfen, wenn es schiefgehen, wenn man gegen Rijeka ausscheiden sollte. Genau wie man ihm, wenn er anders gehandelt und es dann schiefgegangen wäre, sein Zaudern vorwürfe.

Ja, natürlich glaubt er an eine kurzfristige Wirkung, an eine im Übrigen dringend notwendige kurzfristige Wirkung. Das mag man polemisch als Wunderglauben abtun, riskant ist es gewiss. Oder man nennt es, wie ich es durch die optimistische Vereinsbrille tue, konsequent, wenn die Führungsriege nicht mehr daran glaubt, dass der jetzige Trainer bis Donnerstag eine Trendwende herbeiführen kann. Ansichtssache.

Als etwas ärgerlich empfinde ich indes Marx‘ historisch abgeleitete Deutung der Entlassung als ebenso typisches wie unzeitgemäßes Stuttgarter Verhalten:

„Vielleicht ist man bei einem Hire-and-fire-Verein wie diesem, der in den vergangenen zwanzig Jahren achtzehn Trainer beschäftigt hat, besonders anfällig für solche Anachronismen …“

Ganz davon abgesehen, dass Bruno Labbadia zuletzt einer der dienstältesten Trainer in der Bundesliga war, ganz abgesehen auch davon, dass die für den Großteil der 17 Entlassungen Verantwortlichen längst nicht mehr im Verein tätig sind, ganz abgesehen zudem von der Einschätzung, dass Entlassungen aus den 90er Jahren nach meinem Dafürhalten nicht so recht zur Untermauerung einer Anachronismusthese taugen, frug ich mich kurz, was es über die anderen Bundesligavereine aussagt, wenn man mit 18 Trainern in 20 Jahren als Hire-and-fire-Verein gilt.

Und stellte fest, dass genau drei der aktuellen Bundesligisten seit Beginn der Saison 1993/94 weniger als 15 Trainer hatten: erwartungsgemäß zählten dazu Freiburg mit lediglich vier und Bremen mit acht Übungsleitern, dann folgt Dortmund mit deren zehn. (Quelle: weltfussball.de, in Einzelfällen kicker.de)

Beim FC Bayern ist man seit dem Sommer bei Nr. 15 angelangt, in Hoffenheim gelangt man im Rückblick bis 1998 bereits zu 16, danach wird die Recherche etwas schwierig. Genau 16 Verantwortliche taten bei drei weiteren Vereinen Dienst, vier Mannschaften wurden von 17 Herren angeleitet, ebenfalls vier von deren 19, und allein Eintracht Braunschweig hatte in den letzten 20 Jahren 20 Trainer.

Man könnte demnach zu dem Schluss kommen, dass der VfB mit seinen 18 „bei die Leut“ ist. Und dass gut 80 Prozent der Bundesligisten Hire-and-fire-Vereine sind. Was dann wiederum den VfB gar nicht so anachronistisch und „besonders anfällig“ erscheinen ließe, im Quervergleich. Oder aber die Bundesliga per se, vielleicht gar den Profifußball, als Anachronismus entlarven würde. Was in der Tat kritikwürdig sein mag, mich persönlich aber gar nicht so sehr anficht.

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13 Antworten to “Wir heuern und wir feuern”

  1. julian Says:

    Bevor ich – insbesondere im Fall eines Vereins und die Jahre vor 2000 – versuche, nachzuzählen: Interimstrainer zählen mit?

    • heinzkamke Says:

      Ja, ich habe mich an die Übersichten bei Weltfussball bzw. Kicker gehalten, den Sortieraufwand konnte ich nicht leisten. Bei Hoffenheim hat der Kicker mehr zu bieten, beinhaltet aber – und insofern ist das gewiss nicht ganz sauber – mindestens drei Phasen von Alfred Schön.

  2. nedfuller Says:

    Wie kommst du denn in so einer Aufzählung um den HSV rum? Sehr gut :-)

    • heinzkamke Says:

      16! Zuerst, bei Weltfussball. Eben aber nochmal beim Kicker nachgezählt: sogar 18.
      Und wer ist Ralf Schehr? Ich würde schwören, den Namen noch nie gehört zu haben.

  3. julian Says:

    Im Mannschaftsfoto von 1997 ist ein Herr Schmitt als Trainer zu sehen, die Wikipedia kennt ihn auch und nennt ihn Roland, dem sollte zu trauen sein. Als Amtsbeginn ist »ca. 1995« genannt, davor kann ich derzeit auch nichts sagen, der Vergleich zwischen einem Landes- und einem Bundesligisten ist im vorliegenden Fall auch nicht allzu aufschlussreich. Mindestens 17 also bei gegebener Zählweise.

    Dass dem VfB mit quasi nur zwei Interimstrainern (Sundermann, Rolff -> 16 Nicht-Interime) diese auf den ersten Blick entgegenkommt (bspw: TSG: 5 Interimsphasen -> 12 Nicht-Interime), möchte ich aber nicht unerwähnt lassen.

  4. heinzkamke Says:

    @julian:
    Natürlich hatte ich darüber nachgedacht, in den Listen ein wenig auszumisten, habe mich letztlich aber nicht nur aus Bequemlichkeit dagegen entschieden.

    Vielmehr ist die Interimsfrage meines Erachtens schlichtweg sehr schwierig zu beantworten. So würde ich zum Beispiel, wenn man das Ganze rein zeitlich betrachtet (die genauen Hintergründe liegen nicht immer auf der Hand), nur eine der drei Trainerphasen von Alfred Schön als (kurzfristige) Interimsperiode betrachten, zweimal übernahm er laut kicker bereits im März und war damit länger verantwortlich als Jens Keller in Stuttgart und nicht sehr viel kürzer als Marco Kurz in Hoffenheim, die natürlich keine Interimstrainer waren.

    Gleichzeitig könnte man indes, von der Zeitraumfrage abweichend, anführen, dass Rainer Adrion in Stuttgart zwar im Januar 1999 übernahm, aber explizit als Interimslösung geplant war, was Wikipedia so ausdrückt: „Dabei sollte er die vom Abstieg bedrohte Mannschaft aufrichten und außerdem das Spielsystem seines designierten Nachfolgers Ralf Rangnick installieren.“ Ich persönlich würde ihn dennoch nicht als Interimstrainer im hier betrachteten Kontext sehen, finde das Ganze aber sehr uneindeutig.

    Was ist mit Heynckes‘ 5 Bayern-Spielen 2009 oder Beckenbauers 3(5) 1996? Gilt Jörg Berger, der für ein Spiel, aber mit extrem wichtiger Mission, von Bielefeld verpflichtet wurde, als Interimslösung? Manche der genannten Fälle sind sicherlich eindeutig zu klassifizieren, andere m.E. keineswegs. Da würde ich nach meinem Dafürhalten die eine unsaubere Vorgehensweise durch eine lediglich etwas weniger unsaubere, aber ungleich aufwändigere, ersetzen.

    Und danke für die Recherche.


  5. […] Heinzkamke (angedacht.wordpress.com) möchte nicht auf sich sitzen lassen, dass sein Verein, der VfB Stuttgart, als “Hire & […]

  6. Lennart Says:

    Danke! Danke! Danke!

    Ich kann das ganze Dummgeschwätz schon nicht mehr lesen, dass die Fans zu viel Macht im Verein hätten und sich die Vereinsführung alles vom Pöbel diktieren lässt.

    Es gab lange keine Trainerentlassung mehr, die sich so lange angebahnt hat, wie die von Labbadia. Die letzte Saison war schon ein einziges Grausen, mit Ausnahme des Pokalhalbfinales und der Stimmung im Pokalfinale. Aber als Sportjournalist braucht man ja klare Zäsuren und da beginnt halt das Fußball-Leben jedes Jahr am 1. Juli neu und wie kann denn da der VfB seinen Trainer nach lediglich drei verpatzten Spielen rausschmeißen und die tanzen doch noch auf drei Hochzeiten…

    Für mich hat die letzte Saison nie aufgehört sondern hat einfach zwischen dem 1. Juni und dem 1. August einfach kurz Pause gemacht..danach ging es genauso grauenhaft weiter wie letztes Jahr.

    Ich hoffe inständig, dass die Jungs unter Thomas Schneider morgen ein anderes Gesicht zeigen als bisher. Wenn wir dann in der Gruppenphase der Euro League stehen und gegen Hoppenheim endlich die ersten drei Punkte geholt haben, können uns die Sport-„Journalisten“ gern gepflegt den Buckel runter rutschen. :)

  7. hirngabel Says:

    Um ehrlich zu sein, will ich sogar hoffen, dass die Fans eine wichtige Rolle bei der Entscheidung zu Bruno gespielt haben.

    Weniger wegen der Schreihälse, sondern vor allem wegen der Fans, die nicht da waren.
    Es wurde eigentlich kaum thematisiert, aber dass beim ersten Heimspiel der Saison gegen einen Gegner, der erweiterter Titelkandidat ist, gerade einmal 40.800 Zuschauer ins Stadion kommen, müsste bei den Verantwortlichen vom VfB normalerweise höchste Alarmbereitschaft ausgelöst haben. Gerade Neupräsident Wahler hat sich ja schon auch eine „Aufwertung“ des Stadionerlebnis auf die Fahnen geschrieben und das kann natürlich nur dann funktionieren, wenn die Leute auch tatsächlich ins Stadion kommen.

    So hatten wir einen so schlechten Besuch im ersten Heimspiel wie seit dem ersten Spieltag der Saison 2006/07 nicht mehr, wo gegen Nürnberg 39000 kamen.
    (Die zweijährige Baustellenphase klammere ich mal aus, wobei da auch nur in einem Jahr die Zuschauerzahl geringer war, einfach weil die Kapazität 2009 nur 40500 betrug.)

    Zumindest in meiner Vorstellung will ich glauben, dass diese Besuchszahlen mindestens ein Faktor waren, der letztlich dazu geführt hat, dass Bobic, Wahler und Co sich dazu bemüßigt fühlten, eine Änderung vorzunehmen und Labbadia zu ersetzen.

  8. heinzkamke Says:

    @ Tee Ess, Lennart:
    Bitte, gerne. ;)

    Ja, Lennart, den Eindruck hatte ich auch ein wenig, dass die alte(n) Saison(s) da ein wenig unter den Tisch fallen. Was dann natürlich wiederum zu der Frage führt, wieso Labbadia überhaupt die neue beginnen durfte, aber dann drehen wir uns im Kreis.

    @hirngabel:
    Natürlich wird sowas beobachtet und soll auch be(ob)achtet werden, der Publikumszuspruch ist gewiss ein relevanter Indikator, der eine Entscheidung erleichtern kann.

    Gleichzeitig bin ich unverändert der Ansicht, dass die Analyse durch die sportliche Führung deutlich früher ansetzen muss (und es auch tut). Und Aspekte berücksichtigen, die das Publikum nicht so sehr in Betracht zieht, auch nicht in Betracht ziehen will, beispielsweise finanzielle Restriktionen oder, was weiß ich, Interna, die möglicherweise gewisse personelle Entscheidungen bedingen. Der Sportvorstand hat einen Informationsvorsprung, und den möge er bitte nutzen.

    Dass das Publikum dennoch schneller reagiert als der Verein, ist dann ja nicht so überraschend. Der daheim bleibende Zuschauer verschenkt irgendwas zwischen 15 und wenigen Hundert Euro, beim Verein ist die Tragweite eine andere.

    Was ich sagen will? Weiß ich auch nicht so recht.
    Vielleicht das: ja, Publikum ernst nehmen, in die Überlegungen einbeziehen. Aber sich (auch weiterhin) nicht von ihm treiben lassen.


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