Von Krisen und Läufen

26. August 2013

„Es lag eigentlich nicht in meiner Absicht, bis zu Labbadias Entlassung zu pausieren, …“

So stand es seit gut zwei Wochen in meinen Blogentwürfen, einfach so, weil ich den Satz irgendwie mochte, und wer mich kennt, weiß, dass ich nur ungern von lieb gewonnenen Formulierungen Abschied nehme. Vermutlich hätte dieser Text, der erste nach der kleinen urlaubsbedingten Blogpause*, also auf jeden Fall so begonnen, um dann mit Hilfe irgendeines mehr oder weniger geschickten Kniffs die Kurve zu dem Umstand zu bekommen, dass er eben doch noch da ist.

Möglicherweise hätte ich gar darauf hingewiesen, dass der Satz ja mehr als zwei Wochen alt sei, dass mich mein Geschwätz von gestern („ceterum censeo„) nicht interessiere und dass sowohl die Ergebnisse als auch die Spielweise ja für sich sprächen. Ok, Letzteres erschiene mir etwas weit hergeholt, aber ein Ergebnislauf (ist er als Gegenstück zur Ergebniskrise bereits etabliert?) wäre ja allemal drin gewesen, und dann hätten die Herren Bobic und – schätzungsweise nicht zuletzt – Wahler wohl noch etwas länger zuwarten müssen.

Aber dann kam Augsburg. Ok, und zuvor Rijeka. Gerne auch ein bisschen Plovdiv. Leverkusen. Mainz, klar. Den DDR-Rekordmeister lassen wir mal außen vor, der war vor dem Urlaub. Von all diesen Spielen habe ich Teile gesehen. Oder alles. Und keines hat mir gefallen. Zumindest nicht so gut, dass ich die Hinweise darauf, dass es ja nur am Abschluss gemangelt habe, auch nur ansatzweise hätte verstehen können. Positiv indes die Nachhilfe in Sachen Taktik. Selten habe ich von ein und derselben Mannschaft im Pflichtspielbetrieb so viele verschiedene Systemfragmente in so kurzer Zeit gesehen, gerne auch im personellen Bäumchen-wechsle-Dich-Verfahren. Anschauungsunterricht par excellence.

Doch ich will nicht ungerecht werden. Denn seien wir ehrlich: wenn Thomas Tuchel in fünf Spielen fünf verschiedene taktische Formationen aufbietet, wird er dafür als Matchplankönig gefeiert. Ok, vielleicht spielt da auch mit rein, wie erfolgreich die jeweilige Umsetzung erfolgt. Bzw. wie gut die jeweiligen Pläne waren. Ich ziehe zurück.

So ähnlich ging es mir kürzlich bei einer Hochzeit im Freundeskreis, die von zahlreichen VfB-Anhängern besucht wurde, die (also die Fans) sich auf wunderbare Weise immer wieder zusammenrotteten und über den Verein sprachen. Ich stieß ein Gedankenexperiment an: was, wenn wir alle unrecht haben? Wenn Labbadia der einzige ist, der eine klare Sicht auf die Dinge hat? Wenn der Kader noch immer zu schwach ist? Wenn die jungen Spieler nie „so weit“ sein werden und wir froh sein sollten, sie weggeschickt zu haben? Wenn es wichtig ist, die Erinnerung an schlechte Zeiten demütig wach zu halten, die an die sportliche Bilanz der zehn Jahre zuvor aber einschlafen zu lassen? Wenn die unkundigen Fans einfach mal die Schnauze halten sollten, anstatt sich auf allen Kanälen einzumischen und ihre Meinung kundzutun? Wenn Typen wie Timo Gebhart einfach nicht zum Profifußball passen?

Ergebnis: Kopfschütteln. Betretenes Schweigen, das weniger nach plötzlicher Einsicht als nach Rücksichtnahme gegenüber dem Gesprächspartner klang. Oder bestenfalls ein bestätigendes „Gedankenexperiment, ne?“

Und doch: Empathie rules. Bruno Labbadia, davon bin ich mittlerweile überzeugt, glaubt den Großteil dessen, was er uns allen über die Qualität seiner Spieler gesagt hat, wirklich. Auch wenn er es bewusst instrumentalisiert hat, um die Erwartungen einzufangen. Wozu auch immer das dienen soll, außer als Selbstschutz. Er glaubt bestimmt, dass ihm unrecht getan wird. Dass er doch der größte Förderer der Jugend sei, den man sich vorstellen kann. Dass ein offensiver, sehenswerter Fußball in seinen (Trainer-)Genen liege. Die Vermutung liegt nahe, dass er Zweifel an diesen vermeintlichen Grundwahrheiten auch nach einigen Jahren im Geschäft noch als persönliche Beleidigung empfindet. Das täte mir leid. Denn Beleidigungen hat er nicht verdient.

Mich ärgert vieles, was er in den vergangenen Jahren in Stuttgart getan hat, die Einzelheiten wurden mehr oder weniger umfassend hier dokumentiert, aber es läge mir fern, ihn zu verunglimpfen. Nicht wegen des von Fredi Bobic leidenschaftlich vorgetragenen Menschlichkeitsfaktors, dem die Leute im Internet wohl nur bedingt genügen, bzw. korrekter: nicht wegen Bobics Menschlichkeitsvortrag, das bekomme ich schon selber hin, sondern auch und gerade wegen der unstrittigen Erfolge, die Labbadia vorzuweisen hat.

Die erste Halbsaison war wahrlich aller Ehren wert, da wiederhole ich mich sehr gern, und auch das zweite Jahr war zumindest von einem Ergebnislauf gekrönt. Und natürlich habe ich das Pokalfinale nicht vergessen, und vermutlich ist meine verärgerte Reaktion auf Labbadias offensichtlichen inneren Zwang, darauf hinzuweisen, dass er nun zum zweiten Mal innerhalb von nur vier Jahren in Berlin dabei gewesen sei, nur meiner in den letzten Jahren entstandenen Sensibilisierung für dieses stete Bemühen geschuldet, sich ins rechte Licht zu rücken.

Doch ich relativiere schon wieder. Also nochmal: Danke, Bruno Labbadia, für die Rettung 2011, und danke für eine ergebnisstarke Pokalsaison 2012/13. Aber jetzt ist es dann auch genug.

Ach, und es lebe der neue König: Thomas Schneider.

 

* Ok, „Pause“ ist ein bisschen übertrieben. Ein paar Reime kamen zwischendurch rein bzw. raus. Sollen ja schließlich 52 werden …

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2 Antworten to “Von Krisen und Läufen”

  1. trurll Says:

    Ich mag das, wie du es schaffst, die Aktion an sich als richtig und vielleicht sogar notwendig darzustellen, ohne Bruno Labbadia in ein (zu) schlechtes Licht zu rücken. Kriegen viele andere Kommentatoren nicht hin.

    Was mich jetzt brennend interessieren würde ist, ob es denn, wie teilweise gemutmaßt, Probleme zwischen dem einen oder anderen Spieler, und dabei vor allem neu hinzugekauften Spielern, und dem Trainer gab und ob Fredi Bobic tatsächlich schon im Trainingslager Indizien dafür gefunden hat, dass BL die Mannschaft nicht mehr ideal „erreicht“ und wie diese Indizien aussehen.

    So richtig verstehe ich jedenfalls nicht, wieso Okazaki in Mainz und Holzhauser in Augsburg bisher ganz passabel kicken, während, Abdellaoue, Leitner, Rausch, Schwaab noch nicht so richtig eingeschlagen haben. Stimmungsproblem? Taktikproblem? Motivationsproblem?

  2. heinzkamke Says:

    Interessanterweise sprichst Du mit „Stimmungsproblem? Taktikproblem? Motivationsproblem?“ ja im Grunde drei der Felder an, die Labbadia ganz wesentlich zum Vorwurf gemacht wurden. Ob die jetzt allerdings auf einen Schlag gelöst sind? (Natürlich nicht.)

    Und vielen Dank für die Blumen.


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