Der diskrete Charme der Meinungseinfalt

2. Juli 2013

„Wir werden ab dem ersten Spieltag der neuen Saison eine einheitliche Sportschau in den 3. Programmen der ARD anbieten. Die wird eine Länge von 20 Minuten haben. Wir haben in der letzten Rechteperiode unseren föderalen Charme in der ganzen Breite sonntags ausgespielt. Das führte aber auch dazu, dass man in dem einen Sender die Information vom Reporter bekam: Das ist auf jeden Fall ein Elfmeter‘. Die gleiche Szene ist in einem anderen Sender vielleicht anders beurteilt worden.“

So wird WDR-Sportchef Steffen Simon in einem Interview mit dem Sport-Informations-Dienst zitiert, das bei merkur-online.de veröffentlicht wurde und auf das mich die geschätzten Herren von Fokus Fussball aufmerksam gemacht haben. Der Umstand, dass ich gerade heute zu Fokus Fussball verlinke, wird dessen Mitbegründer @sportkultur, der ja nebenbei ein formidables eigenes Blog befüllt, das vor wenigen Tagen Geburtstag feierte, möglicherweise ein wissendes, vielleicht auch mit einem leisen „der Schlingel“ einhergehendes Lächeln entlocken, auf dessen Gründe ich an dieser Stelle, man möge es mir verzeihen, nicht weiter einzugehen gedenke.

In seiner Einleitung zur jüngsten Fokus-Fussball-#Link11 geht Klaas, wie Herr sportkultur sonst so heißt, auf eine aktuelle Interviewattrappe zwischen Mario Götze und seinem Arbeitgeber ein, die ich an dieser Stelle, man möge es mir verzeihen, nicht zu verlinken gedenke. Klaas belässt es nicht bei besagtem Hinweis, sondern hat auch eine Meinung:

„Auch der Umgang der Medien mit den Veröffentlichungen des FC Bayern ist kritisch zu beobachten, denn hier wird ein Interview vielfach in die Berichterstattung aufgenommen, das nicht mehr als PR ist. Wenn die Presselandschaft sich mit den Bröckchen zufrieden gibt, die die Presseabteilung hinwirft, dann wird es einfach für die Bayern sich die Berichterstattung so zu lenken wie es sich die Granden des Vereins wünschen.

Hoffen wir auf kritischen Sportjournalismus, der sich gegen Einschränkungen der Berichterstattung durch die Fußballclubs wehrt.“

Unter den vielfältigen Verdiensten, die sich der ehemalige DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger im Lauf seiner Amtszeit erworben hat, ragt jener, den Begriff der „Kommunikationsherrschaft“ in die Sportberichterstattung eingebracht zu haben (man möge mich bitte korrigieren, sofern anderweitige Urheberrechtsansprüche bestehen), heraus. Kommunikationsherrschaft verhält sich, wenn man so will, und ich will, seit einigen Jahren zu Theo Zwanziger wie der sprichwörtliche tödliche Pass zu Uwe Bein.

Genau wie Bein – man möge mir an dieser Stelle verzeihen, dass ich mich von meinem eigenen schiefen Bild davontragen lasse und gleich auch noch eine schiefe Überleitung anhänge – sieht auch Theo Zwanziger nunmehr vielen Akteuren zu, die ihm nacheifern: die einen gut, die anderen weniger, die einen talentiert, die anderen dilettantisch, die einen auf höchster Ebene, die anderen in der Kreisliga. Der FC Bayern, um das obige Beispiel aufzugreifen, beschäftigt keine Dilettanten (Mario-Gomez-Kritiker mögen sich an dieser Stelle zurückhalten), die PR-Strategie verfängt vielerorts, wie Klaas bereits in seinem oben verwendeten Zitat kritisiert.

Natürlich ist das, wie wir alle wissen, gang und gäbe, ohne jeden Zweifel wird es bei anderen Vereinen ähnlich gehandhabt, in vielen anderen Bereichen ebenso. Man könnte nun auf den Niedergang des Journalismus eingehen, wenn man könnte, auf dortige Rahmenbedingungen, auf betriebswirtschaftlich bedingte Arbeitserschwernisse für ernsthaften, engagierten und kompetenten Journalismus, auf all das, was man immer wieder liest, was ich aber nicht seriös beurteilen kann. Was ich indes beurteilen kann: dass mich die von Klaas angesprochenen Auswüchse des PR-Journalismus unzufrieden zurücklassen.

Eigentlich wollte ich ja etwas über Steffen Simon sagen, den ich zu Beginn des Textes zitierte. Dass ich kein allzu großer Anhänger seiner Leistungen als Fußballkommentator bin, ist für die regelmäßige Leserin vermutlich kein Geheimnis, soll aber hier nichts zur Sache tun. Was mich irritiert, ist vielmehr das von ihm zum Ausdruck gebrachte Bemühen um eine ARD-weite Einheitsdeutung (Kommunikationsherrschaft ist möglicherweise dann doch ein etwas zu großes Wort) strittiger Szenen aus der Bundesliga.

Gerade jener föderale Charme, den die dritten Programme in der letzten Rechteperiode sonntags ausgespielt hätten, verlieh der Bundesligaberichterstattung eben dies: Charme. Er gab mir – leicht zeitversetzten Sportsendungen sei Dank – die Möglichkeit, einen fragwürdigen Elfmeterpfiff bei, sagen wir, Gladbach gegen Wolfsburg aus nordrhein-westfälischer wie auch aus niedersächsischer oder zumindest NDR-Perspektive bewertet zu sehen, oder auch nur von zwei mehr oder weniger neutralen Berichterstattern aus Bayern und Baden-Württemberg, die die Szene dennoch unterschiedlich beurteilten.  Und er gab mir, ja, auch das, die Gelegenheit, mich ob der völligen Fehlinterpretation beim MDR zu ereifern.

Möglicherweise verstünde ich die ARD, wenn es objektiv „richtige“ und „falsche“ Bewertungen gäbe. Wenn man Sorge hätte, kakophonisch den Eindruck zu vermitteln, die Regeln nicht zu kennen bzw. sie unterschiedlich gut zu kennen, sie falsch auszulegen. Zumal die Perspektive objektiver Richtigkeit von Schiedsrichterentscheidungen mit einem Schlag den sonntäglichen Fernsehdoppelpass obsolet machen würde. Manche würden vielleicht auch sagen: … bloßstellen würde, wie obsolet der sonntägliche Fernsehdoppelpass ist.

Aber so ist es nicht. Schiedsrichterentscheidungen sind nicht immer objektiv richtig oder falsch, Angriffsaktionen nicht immer objektiv vielversprechend oder zum Scheitern verurteilt, taktische Maßnahmen nicht objektiv innovativ oder vorhersehbar. Unterschiedliche Bewertungen gehören dazu. Sie wohnen dem Spiel und dessen Kommentierung inne, regen an und auf, tragen zum besonderen Reiz ‚unserer‘ Sportart bei. Was kein Plädoyer gegen die möglicherweise objektive Richtigkeit der Torlinientechnik sein soll. Eher eines für föderalen Charme.

Es mag Leute geben, die Regionalpatriotismus in der Sportberichterstattung für den Inbegriff des Bösen halten, oder auch nur für falsch. Was völlig in Ordnung ist. Ich zähle nicht zu ihnen. Mir gefällt es, bis zu einem gewissen Grad, wenn die Moderatoren und auch die Reporter getönte Brillen tragen. In den per definitionem regional gefärbten dritten Programmen, klar. Ob ich dann zustimme oder nicht, habe ich selbst in der Hand. SWR-Brille hin, Deutungshoheit her.

Vielleicht hat das Ganze aber auch gar nichts mit Charme und Deutungshoheit zu tun, sondern mit Geld. Produktionskosten. Synergien. Und so weiter. Eigentlich ein ganz charmantes Argument aus Sicht der Gebühren Zahlenden.

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7 Antworten to “Der diskrete Charme der Meinungseinfalt”

  1. der_tim Says:

    Gut erkannt und analysiert, ich sehe es genauso. Will aber dennoch einen weiteren Punkt, den des „Kollegen in die Pfanne hauen“ ins Spiel bringen.

    Auch wenn es natürlich charmant und auch berechtigt ist, den Lokalpatriotismus bei der Bewertung von strittigen Szenen durchscheinen zu lassen, so kann man durch eine gleichgeschaltete Berichterstattung einer Kollegenschelte vorbeugen, wenn der Reporter einer anderen Sendeanstalt es komplett anders gesehen hat.

    Wobei mich interessieren würde, ob dann trotz der vom WDR zentral produzierten Sendung die Reporter der lokalen Sendeanstalten zum Einsatz kommen; also MDR in Rostock, SWR in Stuttgart, etc. Man könnte hier ja dann „regionsfremde“ Berichterstatter hinschicken, um den Lokalpatriotismus vorzubeugen und „neutraler“ zu sein.

    Aber wie bereits erwähnt: ich finde diese Gleichschaltung auch doof.


  2. Kamke, der Schlingel, hat viel genauer gelesen als ich. Ich habe die Gleichmachung der Berichterstattung in den Dritten nur aus finanziellem Blickwinkel betrachtet. Nach dem Motto: ein Bericht, ein Reporter. Viel Ersparnis.

    Das ist aber wahrscheinlich zu kurz gedacht, denn Sendungen wie der NDR-Sportclub werden ja wohl eh einen eigenen Reporter losschicken für einen Spielbericht während der Sendung.

    Dazu greift bei mir auch nicht das Argument, dass die Bewertung von Situationen gleich sein muss. Wenn sie zumindest ähnlich sein soll, dann hätte ich da eine Empfehlung für die Regelkunde. Habe einen Kollegen an der Hand, der gut erklären kann…

  3. julian Says:

    Ich sehe das – beim Hauptthema, der Sonntags-Sportschau – anders:

    Die Kritik kommt ja nur deshalb erst zustande, weil die Sonntagsspiele bisher mehrfach aufbereitet worden waren. Ich habe mir also die Frage gestellt, ob ich mir solch eine mehrfache Berichterstattung auch bei den Samstagsspielen wünschen würde. Die Antwort, die ich für mich geben kann, ist Nein, im Gegenteil würde ich sie für überflüssig und das Niveau der Berichterstattung eher senkend halten, wenn nur für das eigene Dritte statt für die große, wichtige ARD-Sportschau produziert würde.

    Es mag aber auch daran liegen, dass ich den „föderalen Charme“ als etwas sehr negatives wahrnehme, erlebe ich doch seit Jahren, dass den Ereignissen rund um den VfB Stuttgart im SWR etwa so viel Sendezeit eingeräumt wird wie Freiburg, Hoffenheim und dem KSC zusammen. Ein- und Wertschätzungen im Einzelfall sind von dieser Prioritätensetzung im Allgemeinen nicht unabhängig. Es mag auch an der Bequemlichkeit des Stuttgarter Studios liegen, dass unabhängig vom Tagesgeschehen im Zweifel irgendein VfB-Mensch zu Gast bei „Sport im Dritten“ ist. Ich nehme den „Regionalpatriotismus“ daher als etwas wahr, das Sportredakteuren den Blick über den Tellerrand des nächstgelegenen Vereins vernebelt und eine dem öffentlichen Rundfunk angemessene ausgewogene Berichterstattung verhindert.

    Einen Schritt weg von diesem „regionalen Charme“ begrüße ich entsprechend ausdrücklich.


  4. […] Der diskrete Charme der Meinungseinfalt | angedacht on #Link11: Bayerische Pressearbeit & politisch korrekter Torjubel […]

  5. heinzkamke Says:

    @der_tim:
    Die Frage stelle ich mir tatsächlich auch: wird je ein Reporter vom Gastgebersender hingeschickt oder ein neutraler? Wobei klar ist: diese Frage stellt sich samstags auch.

    @Klaas Reese:

    Sendungen wie der NDR-Sportclub werden ja wohl eh einen eigenen Reporter losschicken für einen Spielbericht während der Sendung.

    Das ist mE eine ziemlich entscheidende Frage, die auch die Argumentation von julian berührt. Ich gehe im Moment davon aus, weiß es aber nicht, dass die zentrale Sportschau nicht weit über die Spielberichterstattung hinausgeht, sodass das „Drumrum“ unberührt bleibt.

    Oder anders: die ersten 15-20 Minuten der bisherigen regionalen Sportsendungen werden ersetz, der Rest bleibt. Aber das ist nur eine Vermutung.

    Von dem Schiedsrichter-Erklärer hörte ich. Höre ich. Regelmäßig.

    @julian:
    Die Frage, ob man die Regionalität auch am Samstag wollen würde, habe ich mir natürlich auch gestellt, und sie wie Du beantwortet. Dass ich daraus nicht den Schluss gezogen habe, es für den Sonntag genauso zu sehen, ist möglicherweise nicht konsequent, sondern bewegt sich eher im Rahmen meiner mir selbst zugestandenen Willkür.

    Deine nachfolgende Argumentation gegen den regionalen Charme bezieht sich in erster Linie auf den Teil der Sendungen, der, so zumindest meine ein paar Zeilen weiter oben ausgeführte Vermutung, von der neuen Sportschau weitgehend unberührt bliebe. Zumindest führst Du nicht aus, dass auch bei den eigentlichen Spielberichten, um die es mir im Text ging, der VfB bevorzugt werde. Meine persönliche Wahrnehmung ist die, dass bei den Sonntagsspielen die Landesbrille unabhängig von der Frage getragen wird, ob da nun der VfB, Hoffenheim oder Freiburg spielt.

    Zu Deiner Wahrnehmung hinsichtlich der Verteilung der Aufmerksamkeit und insbesondere der Studiogäste stelle ich fest, dass ich ähnliche Klagen auch schon von Stuttgarter oder Freiburger Anhängern vernommen habe, oder von allen gemeinsam darüber, dass man dem FC Bayern selbst im SWR zu viel Platz einräume.

    Ich selbst neige zu der Ansicht, dass der VfB tatsächlich etwas häufiger zu Gast ist, und das logistische Argument halte ich an dieser Stelle in der Tat nicht für abwegig. Auch nicht für verwerflich.

    Weil mir mein Eindruck etwas zu vage war, habe ich mal nachgezählt: sofern die Angaben der ARD stimmen und ich mich nicht verzählt habe, waren bis zum Ende der Bundesligasaison 15 Stuttgarter, 13 Hoffenheimer und 10 Freiburger zu Gast. (Die möglicherweise dem VfB zuzurechnenden Herren Buchwald und Berthold, die danach noch zur Besonderheit Pokalfinale befragt wurden, ließ ich dabei außen vor, meines Erachtens aus gutem Grund.)

    Diese Verhältnis empfinde ich nicht als perfekt, angesichts der räumlichen Komponente aber – wohl wissend, dass ich „Partei“ bin – für durchaus akzeptabel.


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