Ein mörderisches Wochenende

24. Juni 2013

Wir waren ein bisschen ratlos gewesen, damals. Irgendwann um die Jahrtausendwende, um dann doch nicht so genau zu sein. Zumindest sagte das seine damalige Freundin. (Und heutige Frau, um all jene zu warnen, die Gefahr laufen könnten, Charles nachzueifern, Sie wissen schon, bei der ersten von vier Hochzeiten.)

Doch sie lag falsch. Tatsächlich wussten wir sehr genau, was wir taten. Ihr Typ feierte gerade seinen 30. Geburtstag, und gemeinsam mit meinem ziemlich besten Freund hatte ich mir lange Zeit Gedanken gemacht, was man wohl einem anderen ziemlich besten Freund schenke, der dieses aus meiner damaligen Sicht biblische Alter erreichte. Als wir endlich zu einem Entschluss gekommen waren, hatte sich herausgestellt, dass die Drogeriemärkte unseres Vertrauens ihre Bestände an Faltencremes und anderen altersgerechten Produkten allesamt aufgebraucht hatten. Ein neues, möglichst noch kreativeres Präsent, so ein solches überhaupt denkbar wäre, musste gefunden werden.

Und so entschieden wir uns in einem Augenblick früher Weisheit dafür, ihm Zeit zu schenken. Gemeinsame Zeit. Qualitätszeit, wie mein Mitschenker damals oft und gerne sagte, auch wenn er sich dabei in aller Regel auf Momente trauter Zweisamkeit bezog. Wir hatten beschlossen, mit dem dritten Mann zu verreisen. Und ihm nicht zu sagen, wohin es gehen sollte. Was dann eben dazu führte, dass seine Freundin unsere bloße Aufforderung, er möge sich ein bestimmtes Wochenende frei halten (was zu jener Zeit ohne wochenlange Kalenderkonsultation möglich war), als Eingeständnis eines noch gar nicht näher bestimmten Geschenks interpretierte. Papperlapapp! Natürlich hatte die Planung komplett gestanden. Also so ungefähr, zumindest.

Wie auch immer: wir verbrachten ein großartiges Wochenende in Madrid (ich kannte mich dort ein bisschen aus), und es war gar gelungen, ihn am Flughafen nicht nur durch das Check-in-Prozedere, sondern bis in den Zubringerbus zu schleusen, ohne dass er das Ziel ausfindig gemacht hätte. Nicht wichtig? Mag sein, auf den ersten Blick; letztlich war es aber gerade diese Heimlichtuerei, war es das Bemühen um falsche Fährten, um geschickt ausgelegte Köder, um die ultimative Täuschung, das sich sehr rasch zu einem integralen Bestandteil unserer Geburtstagswochenenden entwickeln sollte – und bis heute ist.

Alle 5 Jahre erwischt es jeden von uns dreien einmal, im Schnitt also alle 1,67 Jahre, wie die mathematisch Begabteren unter uns festzustellen pflegen, oder, wie man in unserem engeren Umfeld gerne mal sagt: einmal im Jahr halt.

Die Wochenenden entwickelten sich im Lauf der Jahre vielfältig. Mal waren sie etwas mondäner, häufig bodenständig; in der Regel wurden sie mit sportlichen oder der zwischenzeitlichen Demütigung des Beschenkten gewidmeten, mitunter auch in der Schnittmenge besagter Ausprägungen angesiedelten Aktivitäten angereichert, die hier auszuführen aktuell den Rahmen sprengen würde, deren sukzessive Darstellung im Blog allerdings seit Jahren latent im Raum steht und nunmehr erstmals als Drohung ausgesprochen wurde.

Vor wenigen Tagen war es wieder so weit. Einer der beiden, nennen wir ihn der Einfachheit halber Travolta, hatte vor einigen Wochen Geburtstag gefeiert, und nun stand sein Wochenende an.

Vermutlich ist es nicht gänzlich unfair, zu behaupten, dass sich Travolta ein wenig weiter von seiner körperlichen Topform entfernt hat als mein anderer Freund, den wir fortan Luigi nennen wollen, und – gerade noch – ich selbst. Was ihn zu regelmäßig wiederkehrenden Appellen – er würde es wohl vorziehen, von subtilen Andeutungen zu reden, wohingegen ich meine, stets einen Hauch von Verzweiflung in seiner bettelnden Stimme zu hören – veranlasst, fürderhin die sportliche Komponente etwas in den Hintergrund zu rücken, zugunsten einer stärker Wellness-orientierten Ausgestaltung.

Es dürfte nicht allzu sehr überraschen, dass wir folglich nicht umhin konnten, ihn zu einem „Mörder-Sportwochenende“ einzuladen, was per se insofern ein Novum war, als im Regelfall offiziell nur Daten angekündigt werden, die erst in den Tagen vor dem Termin (wenn man also allmählich darüber nachdenkt, wo es hingehen soll) um ein paar Hinweise zur benötigten Ausstattung ergänzt werden. Die naturgemäß in die Irre führen sollen und es gelegentlich auch tun.

Falls jemand das Vergnügen hatte, seinen Deutschunterricht in den Achtzigern mit „Verstehen und Gestalten“ zu bestreiten, so erinnert sie sich möglicherweise an die Bildergeschichte mit dem Torwart und dem Elfmeterschützen. Sie wissen schon (sinngemäß): Er denkt, ich denke, er denke, wie immer: rechte Ecke, also schießt er links.

Ein vergleichbares Dilemma ergab sich angesichts des angekündigten Sportwochenendes: sollte Travolta der fotografisch untermalten Einladung, die einige Impressionen von Trendsportarten wie Skispringen, Boxen oder Swamp Soccer enthielt, Bedeutung beimessen? Und wenn ja: wie viel? Oder vielleicht doch gar keine?

Genug des Drumrums. Der eine oder die andere wird per Twitter mitbekommen haben, dass wir tatsächlich ein intensives Sportwochenende hinter uns brachten, wenn auch nur als Konsumenten vor Ort – was wiederum Travolta erst nach dem allerletzten Programmpunkt mit Gewissheit sagen konnte, so viel Ungewissheit musste dann, bei aller Gnade, doch sein.

Das soll’s nun aber gewesen sein mit den Schilderungen und Hinweisen, wie lustig die Nebengeschichte mit Unsicherheit, latenten Sportdrohungen und Heimlichkeitsgedöns doch gewesen sei. Weitestgehend, zumindest. Kann ja kein Außenstehender nachvollziehen, diese Rumeierei. Zurück zum Spocht.

Freitags um 19 Uhr war Anpfiff in der Baseball-Bundesliga. Gibt es beim Baseball einen Anpfiff? Eher nicht, ne? Wir kamen ein bisschen zu spät, insofern ist meine Unwissenheit durch Abwesenheit gedeckt, aber während des Spiels sollte es ja Hinweise dazu gegeben haben, ob irgendjemand auf diesem Spielfeld oder an dessen Rand eine Pfeife bei sich trug. Allein: ich weiß es nicht. War vermutlich zu sehr damit beschäftigt, die Anzeigetafel zu entschlüsseln, und als das rudimentär geglückt war, konzentrierte ich mich auf das Ratespiel, ob ein Wurf nun Strike oder Ball gewesen sei – sofern ich die Fachterminologie richtig gedeutet habe. Meine durchschnittliche Quote lag im Bereich von „Willkür“.

So richtig zog uns das Ganze nicht in seinen Bann, was sicherlich zum Teil an der mangelnden Vorbereitung lag. Zum Teil aber, so mein Eindruck, könnte es auch daran gelegen haben, dass der Anteil der nicht geschlagenen oder nicht getroffenen Bälle für den Geschmack von Leuten, die eine gewisse Affinität zu Rückschlagsportarten haben, deutlich zu hoch war. Was die Frage aufwarf, ob diese geringe Schlag- bzw. Trefferquote sportartimmanent ist oder doch eher am hiesigen Spielniveau liegt. Die angebotenen Burger trösteten nur bedingt über Enttäuschung und Ungewissheit hinweg.

Gleichwohl schafften es die Mannschaften aus Mainz und Mannheim (wie verbreitet ist in der Baseballszene eigentlich der Begriff Derby?), uns zum Ende hin sehr wohl zu stärkerer Anteilnahme zu bewegen. Nachdem die Gastgeber lange Zeit deutlich geführt hatten, gelang den Monnemern im letzten Inning dessen, was ich als Fußballsozialisierter wohl als die reguläre Spielzeit bezeichnen würde, etwas überraschend doch noch der Ausgleich. Das letzte halbe Inning hatte es dann in sich: die Trefferquote war mittlerweile ansehnlich, und doch wollte den Mainzern der siegbringende Run zunächst nicht gelingen.

Dass es schließlich der letzte Batter war, der doch noch den Sieg brachte, ist zunächst, so ich die Regeln in Grundzügen korrekt verstanden habe, etwa so überraschend, wie wenn beim Fußball der Schütze des Golden Goals letztlich auch das Spiel entscheidet, wenn Sie verstehen, was ich meine. Ich hatte aber den Eindruck, ohne genau mitgezählt zu haben, dass – um im Bild zu bleiben – dieses Golden Goal ungefähr in der 119. Minute gefallen war, und zwar, weil der Torhüter einen Ball durch die Hand kugeln ließ. Aber ich habe keine Ahnung vom Torwartspiel.

Den weiteren Abend verbrachten wir in Wiesbaden, und wenn ich es versäumt hatte, vor Ort ansässige Twittergrößinnen und –größen vorab zu kontaktieren, so lag es nicht zuletzt daran, dass ich mir dessen gar nicht so recht bewusst gewesen war. Selbst die Fahrt zum (immerhin: nicht von mir gebuchten) Hotel zog sich ein wenig in die Länge, weil das Navigationssystem schlichtweg nicht in der Lage war, meine Angabe dahingehend zu interpretieren, dass ich nicht, wie eingegeben, die XY-Straße in Mainz gemeint hatte, sondern jene gleichen Namens in Wiesbaden.

Der Samstag begann recht früh. Ist unter uns Dressurreitern gang und gäbe. Um 7 ging’s los, in Bierstadt, und wiederum verpassten wir den Anpfiff. Zudem gab es keine Anzeigetafel, anhand derer wir Rückschlüsse auf das Regelwerk hätten ziehen können. Stattdessen beschränkten wir uns auf den einen oder anderen ebenso fachkundigen wie, zugegeben, völlig kontextunabhängigen und zart gehauchten Kommentar („Was für eine Piaffe!“, „Sehr sauber, diese Traversale“, oder was uns die Herren Isenbart et al sonst halt so nahe gebracht hatten) und bemühten uns, über die fehlenden Reiterstiefel hinaus nicht weiter negativ aufzufallen.

Letztlich scheiterten aber sämtliche Bemühungen, uns in das Milieu einzufühlen, an dem Umstand, dass kein Ball im Spiel war – der Aufbruch war demnach ein baldiger, wenn auch, logisch, in erster Linie dem engen Zeitplan geschuldeter. Travolta war ein bisschen glücklich, dass er den auf unser Geheiß hin zuvor nicht im Auto zurückgelassenen, sondern mit zur Anlage gebrachten Skihelm nicht zum Einsatz zu bringen gezwungen worden war.

Nachdem wir den Ausflug in die Reitszene überstanden hatten, ohne uns allzu sehr zum Affen oder gar zum Feindbild gemacht zu haben – unsere gedämpft geführte Unterhaltung war ohne abschätzige Blicke oder gar Murren geduldet worden, und auch die zwar dezente, aber doch augenscheinlich irgendeinem Exotikfaktor geschuldete Fotografiererei blieb unkommentiert –, wartete nun ein weiteres, vielleicht noch (?) konservativeres Umfeld auf uns, das die diesbezüglichen Erwartungen dann auch erfüllen sollte.

Der Anpfiff war für 10 Uhr vorgesehen, natürlich kamen wir zu spät, und unsere Ankunft wurde registriert. Aus heutiger Perspektive kann ich leider nicht mit Gewissheit sagen, ob auch die Sportlerinnen und Sportler ihr Treiben unterbrachen, um unseren zögerlich beschrittenen Weg vom Eingang bis in die Nähe des Spielfeldes mit wachem Blick zu begleiten; die offensichtlich Verantwortlichen ließen ihre Augen indes nicht von uns. Falls sich jemand an Greiders Ankunft im finsteren Tal erinnert: genau so.

Unser Zögern wurde dann in der Tat bemerkt, wenn auch nicht auf die eigene Waswollendiedennhierhaltung bezogen, sondern vermutlich auf eine grundsätzliche (erhoffte?) Unsicherheit der Neuankömmlinge zurückgeführt. Ein leicht bärtiger Herr, den ich rasch als den Wortführer der Brenner-Buben ausgemacht hatte, trat uns entgegen und frug in geübter Freundlichkeit, ob man uns denn wohl helfen könne.

Die Antwort, dass wir gerne ein bisschen zuschauen würden, hatte nicht die erwartete Frage nach Ausweispapieren zur Folge, und da die Tribüne sowohl gähnend leer als auch von unserer Position aus einzusehen war, kam auch kein Hinweis auf ein ausverkauftes Haus in Frage. Also durften wir mit den rasch erworbenen Getränken (schließlich wollten wir guten Willen demonstrieren) Platz nehmen und konzentrierten uns auf den Sport.

Gleichzeitig galt es, den eigenen Dokumentationsansprüchen gerecht zu werden, sodass wir uns – und gewiss auch, zum Teil, die Akteure – auf zwei oder drei Schnappschüssen festhielten. Wenige Sekunden später stand Brenner vor uns: „Darf ich fragen, was Sie da tun? Wieso machen Sie Fotos? Wenn ich spielen würde, wäre mir das nicht recht.“ Oder so ähnlich. Auch ein Anpfiff.

Ich kann nicht beurteilen, ob er Sorge um die Privatsphäre der Sportlerinnen und Sportler hatte. Ob wir aus seiner Sicht Presseakkreditierungen gebraucht hätten. Ob die Sponsoren ein striktes Regiment führen. Ob man einfach einen Vorwand suchte, um uns wieder loszuwerden. Wie auch immer: es gelang. Wir zogen rasch wieder ab, hatten nicht einmal unsere Fantas leergetrunken. Hätte man natürlich auch vorher ahnen können, dass es nicht so einfach sein würde, mal eben so mir nichts, dir nichts in die Beachvolleyballszene einzutauchen.

Vielleicht lag es ja auch nur an den schlechten Erfahrungen, die man mit mittelalten Spannern gemacht hat, die Spaß daran haben, über Bekleidungsquadratzentimeterbeschränkungen zu witzeln und die nebenher ein paar schicke Fotos schießen und teilen. Oder so. Was allerdings – ganz davon abgesehen, dass die Bekleidung der SpielerInnen tendenziell nach Freizeitsport aussah – bei einem offiziellen Ranglistenturnier irgendwie seltsam anmuten würde.

Egal. Gingen wir halt nach nebenan, zu den Leichtathletik-Vereinsmeisterschaften, wo sich gerade ein paar ungefähr Sechsjährige beim Schlagballweitwurf maßen. Und wir bleiben durften. Wenn auch nicht so lange wollten.

Dabei hatte ich mich auf Oestrich-Winkel gefreut. Ich weiß nicht einmal recht, wieso mir der Ortsname ein Begriff ist, aber vielleicht kennt die gemeine Leserin ja auch dieses Gefühl wohliger Wärme, das sich in einem ausbreitet, wenn man einen Ort besucht, den man zwar noch nie bereist hatte, der einem aber, aus welchen Gründen auch immer, eine große Vertrautheit vermittelt.

Häufig entstammt diese Nähe übrigens den Staumeldungen im Radiodienst, wie ich jüngst wieder einmal feststellen durfte, als ich von Odelzhausen in Richtung Adelzhausen fuhr. Alternativ: Karlsruhe-Rüppurr-Ettlingen (Bitte fragen Sie nicht nach der Interpunktion, ich bin ahnungslos). Öhm, Verzeihung. Zurück zum Sport.

Next stop: Moret-Triathlon. Der von vornherein die Alternative zum Beachvolleyball gewesen war, letztlich aber in der Planung der vermeintlich größeren und, nun ja, spaßigeren Aktivität der Strandsportart hatte weichen müssen. Tja. Die kurzfristige Planänderung ließ sich zwar realisieren; die Athleten waren jedoch mit dem Rad unterwegs, und am Fahrerlager tat sich so wenig, dass noch nicht einmal die Bratwürste fertig waren. Womit wir zugeben müssen, diesen Ground, genau wie beim Schlagballweitwurf, nur als halbgehoppt abhaken zu können.

Das sollte beim nächsten Ereignis anders werden: Handball. Länderspiel. Sogar ein Qualifikationsspiel. Dumm nur, dass die deutsche Mannschaft unter der Woche in Montenegro verloren und es nun nicht mehr selbst in der Hand hatte, sich für die EM zu qualifizieren. Die Partie fand in Aschaffenburg statt, in der Heimstatt des TV Großwallstadt, dessen sportliche Situation an dieser Stelle nicht weiter thematisiert zu werden braucht. Weil allerdings für das DHB-Team nach wie vor die Chance zur Qualifikation bestand, hatte sich der Bayerische Rundfunk zu einer Live-Übertragung entschlossen, sodass die Partie vorverlegt wurde und wir uns fünf Minuten vor dem Anpfiff noch im hinteren Bereich einer etwa 30 Meter langen Schlage tummelten.

Was für Travolta in diesem Moment bestenfalls sekundär war. Zwar war es ihm anhand der Farben und Trikots zahlreicher Menschen um uns herum bereits gelungen, als nächstes Ereignis ein Länderspiel auszumachen; doch erst durch intensive Bemühungen und unauffälliges Auf-die-Tickets-anderer-Menschen-Gucken konnte er kurz vor Betreten der Halle auch die Sportart identifizieren.

Die Spannung des Spiels speiste sich dann weitgehend aus der Frage, ob Patrick Groetzki seinen früh erworbenen Vorsprung in der Torschützenliste würde bewahren können. Kevin Schmidt und speziell der für Groetzki zur Pause gekommene Johannes Sellin rückten zunehmend näher, und ich persönlich vermute noch immer, dass Groetzki und Sellin eine Wette laufen hatten. Zahlreiche jugendliche Fans (ich möchte die Freikartenfrage nicht stellen) sorgten für Stimmung, wir drei Eventfans stimmten selbstverständlich mit ein, der deutliche Sieg gelang, die Qualifikation nicht.

Bemerkenswert übrigens, wie viele Zuschauer offensichtlich gespannt auf die Durchsage des Stadionsprechers, eines korrekten Herrn mit gelegentlichen emotionalen Einsprengseln, warteten – hatten diese vermutlich handballbegeisterten Menschen ernsthaft davon abgesehen, zwischenzeitlich ihre Telefone zum Ausgang in Tschechien zu befragen?

Nach dieser tiefen Enttäuschung im großen internationalen Sport bedurfte es der Besinnung auf etwas Ursprünglicheres, Echtes, Kleines, Regionales, auf ehrlichen Sport, bei dem nicht alle wissen, dass die eine, bereits qualifizierte Mannschaft ihr letztes und für andere sehr wohl noch relevantes Spiel ohnehin verlieren würde, und entschieden uns überraschend für: Handball. Feldhandball, um genau zu sein, in Birkenau, nicht allzu weit von Heidelberg entfernt.

Ein Turnier, oben auf dem Berg, Jugend und Erwachsene, und alle Erwartungen wurden erfüllt: guter Sport, Jeder-kennt-jeden-Atmosphäre fernab irgendwelcher Beachvolleyballeliten (Verzeihung, möglicherweise tue ich den Brenner-Buben ein bisschen unrecht), selbstgebackener Kuchen, ursprüngliche Urinale, Bratwürste, etwas Exotik durch Gyros, faire Preise, alle paar Minuten gleich vier Anpfiffe, und die freie Auswahl, ob man sich kurz zur Verköstigung auf einer Bierbank niederlässt oder doch lieber wieder dem sportlichen Treiben widmet. Meist taten wir beides. Fühlte sich ein bisschen an wie daheim. Und früher.

Der Samstag war mittlerweile fast vorbei, die Unterkunft in Heidelberg wartete, Travolta war zunehmend von der Sorge gezeichnet, sein 7er Eisen auch an diesem Wochenende nicht zum Einsatz bringen zu dürfen. Und dann: Touristenprogramm. Fotos auf der Brücke (Vorhängeschloss hatten wir keines dabei), Essen in der Steingasse, Urlauberoutfit. Und eine etwas angestaubte, charmante Unterkunft, die vermutlich im Lonely Planet als Geheimtipp gilt. Zu Recht, allein des Frühstücks im Innenhof wegen.

Sonntag. Und Travolta wollte endlich Sport treiben. Wir zogen kurz in Erwägung, ihn doch noch zum Philippsburger Festungslauf anzumelden, entschieden uns dann aber zur Weiterfahrt nach, Sie ahnten es, Karlsruhe-Rüppurr-Ettlingen. Oder eben nicht. Rüppurr und Ettlingen sind nämlich Wettbewerber in der zweiten Bundesliga.

Die Sportart ließen wir zunächst noch offen, und als Travolta bei 30 Grad Celsius nicht nur das Vereinsheim des Skiclubs Ettlingen erblickte, sondern auch noch aufgefordert wurde, sich etwas Bequemes anzuziehen, wurde er dann doch etwas unruhiger, als er zugeben mochte. Die auf der Einladung abgebildeten Skisprunganfänger hatten möglicherweise Wirkung gezeigt.

Also gingen wir zum Ort des Geschehens und, nun ja, sahen den Tennisdamen zu. Travoltas Outfit wirkte ein wenig deplatziert: wer will schon Menschen in Sportkleidung sehen, wenn man als Zuschauer stattdessen auch in schicken Glitzerfummeln oder Segelschuhen brillieren kann?

Das Ganze war sportlich sehr ansprechend, nebenbei konnte man Ranglistenpositionen googeln und verpasste Karrieren nachlesen, sich kurz an die Fitnessdebatten zu Zeiten der Damen Graf und Sánchez-Vicario oder auch Martínez erinnert fühlen. Travolta ließ sich dazu hinreißen, die im Vergleich zu anderen besuchten Ereignissen hohe sportliche Qualität hervorzuheben, die dann ja auch das Zuschauen zum größeren Vergnügen mache, oder so ähnlich.

Also fuhren wir die gut 50 Kilometer nach Kleinglattbach. Zur Relegation. Zwischen dem SC Hohenhaslach und dem TASV Hessigheim, dessen „Traum von der Kreisliga A“ weiterleben sollte. Fußball also. Auf höchstem Niveau. Das Beste zum Schluss. Rechtzeitig zum Anpfiff. Und so entspannt. Weder zum einen noch zum anderen Verein bestand irgendeine Bindung, noch nicht einmal die Ortsnamen hatte ich je zuvor gehört.

Doch plötzlich konnten wir mitreden. Fachsimpeln. Mit den Einheimischen ins Gespräch kommen. Über den technisch starken, aber nicht ganz durchtrainierten Zehner der einen und den durchtrainierten, aber technisch nicht ganz so starken Kapitän der anderen debattieren, uns über die Roten aufregen, die es versäumt hatten, das Spiel zu entscheiden, und uns freuen, dass der kreativste Spieler der Weißen (Grauen?) den möglicherweise diskussionswürdigen Elfmeter zum Ausgleich herausholte.

Und uns furchtbar darüber ärgern, dass wir nach Ablauf der regulären Spielzeit von dannen ziehen mussten, ohne die Entscheidung, die dann tatsächlich nicht in der Verlängerung, sondern erst im Elfmeterschießen fallen sollte, miterleben zu können. Blöde Zugverbindungen. Blöder Zeitplan. Blöder altersbedingter Mangel an Flexibilität. Das war schließlich Fußball!

Egal. Schön war’s. Beim nächsten Mal ist Luigi dran. Wird ein Mörderwochenende.

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9 Antworten to “Ein mörderisches Wochenende”

  1. Gunnar Says:

    Danke für die Aufklärung, war schon etwas besorgt, dass Ihr samstagmorgens nicht mal Zeit für einen Kaffee hattet. Und ja, nächstes mal bitte eher Bescheid geben.

  2. hirngabel Says:

    Ich habe den Text nicht gelesen, da er mir zu lang war, finde aber, Du hast unrecht.

  3. julian Says:

    Dass niemand diesen wortgewandten und witzigen Text lobt, muss daran liegen, dass die Leser diese Qualitaeten schon fuer selbstverstaendlich halten.

    Oder an seiner Laenge.

  4. heinzkamke Says:

    @julian:
    Danke schön. Der erste potenzielle Grund ist schmeichelhaft, der zweite kommt nicht unerwartet. Einen dritten möchte ich nennen (nicht für ausbleibendes Lob, natürlich, nur für ausbleibende Kommentare): das Thema.

    Diese Schilderung ist, das sehe ich ganz nüchtern, nicht nur für viele ziemlich irrelevant (und, kein Zweifel, langatmig), sondern bietet meines Erachtens im Grunde auch kaum einen Diskussionsansatz. (Dass auch bei anderen Texten, wo ich Kontroversen, Polemiken, etc… zu erkennen glaube, nicht diskutiert wird, sei hier mal außen vor gelassen.)

    Will sagen: ich habe nichts anderes erwartet, habe den langen Text in erster Linie für Travolta, Luigi und mich selbst geschrieben – und freue mich umso mehr über Deinen Kommentar.


  5. Wenn man aus Gründen gerade viel Zeit hat, man mal wieder nur so auf gut Glück hier vorbeisurft, da man sich mit Feeds im privaten Bereich immer noch nicht angefreundet hat, und dann von solch einem schönen Text mit viel Fleisch dran empfangen wird, ist die Freude doppelt groß. Bzw. zwei Mal vorhanden: beim Entdecken, beim Konsumieren und danach auch noch mal. Also drippelt groß. Oder trippelt.

    Zudem wahrlich eines Sportblogs, welches dieses zwar gar nicht ist, aber manchmal zu sein scheint, würdig. Mehr Sport geht wohl kaum.

    Wie wird der dritte im Bunde neben Travolta und Luigi für diese Zwecke genannt – oder hab ich es überlesen?

    Und ja, mir geht es auch so, dass ich Mühe habe, alles ohne Ball als spannend oder auch nur unterhaltsam zu empfinden.

  6. heinzkamke Says:

    @Trainer:
    Nicht zu vergessen: die Freude des Hausherrn, die ihrerseits eine mindestens dreifache ist: zunächst jene über den Umstand, dass ein Kommentar abgegeben wurde, dann die über den Urheber und schließlich noch jene über den Inhalt. Danke schön.

    Der dritte Herr ist tatsächlich, und vielleicht auch etwas überraschend, ein namenloser. Noch nicht mal für Heini oder so hat’s gereicht. Ist aber historisch begründet.

    Hinsichtlich der ballfreien Sportarten gebe ich indes gern zu Protokoll, dass mich unter den sommerlichen Bewerben insbesondere die Leichtathletik sehr wohl in ihren Bann zu ziehen imstande ist.


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