Das Dromedar passte einfach nicht in die Teekanne

18. April 2013

Irgendwann in grauer Vorzeit verbrachte ich einige Zeit an einer Hochschule in Frankreich. Der geneigten Leserin ist natürlich bewusst, dass Marseille eigentlich gar nicht zu Frankreich gehört, der nicht geneigten ist es egal, sodass ich es bei dieser Vereinfachung belassen möchte. Zumal der Ort des Geschehens für die nächsten Zeilen nicht von Relevanz ist, da in allererster Linie die französische Sprache Gegenstand der Betrachtung sein wird, die – mancher mag es bedauern – auch ganz im Süden Amtssprache ist.

Jene Hochschule bildete sich einiges auf ihre Internationalität ein und lockte Studierende aus mancher Herren (w/m) Länder an, die wiederum mit recht heterogenen Vorkenntnissen der französischen Sprache ausgestattet waren. Der Besuch eines Sprachkurses war obligatorisch, den Unterricht hielt eine attraktive jüngere Dame, was indes nicht ausschlaggebend dafür gewesen sein dürfte, dass meine englischen Kommilitonen ihr bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit musikalische Jane-Birkin-Zitate zuhauchten.

Der Unterricht war eher unspektakulär, um nicht zu sagen: langweilig, und vermutlich hätte ich ihn längst vergessen, wenn es nicht diese eine, etwas länger nachhallende Wahrnehmungsdiskrepanz zwischen uns beiden gegeben hätte. Aus heutiger Sicht will ich gar nicht bestreiten, dass sie vermutlich recht hatte; damals aber erschien es mir ziemlich, wie sage ich das jetzt am besten, doof, einen Lückentext über ein beliebiges Thema zu erstellen.

Wobei „Lückentext“ die Sache nicht trifft; vielmehr war, betrachtet man die prozentuale Verteilung von Lücken und Text, das Gegenteil der Fall. Man sollte also einen Text um einige vorgegebene Worte herum schreiben. Bei diesen Worten bzw. Wortkombinationen handelte es sich indes nicht um einzelne Begriffe, die dem Text einen inhaltlichen Rahmen geben würden, sondern vielmehr um Konjunktionen, Fügungen, idiomatische Wendungen.

Nichts Besonderes also, und zweifellos eine gute Übung für Leute, die sich in einer Sprache vernünftig ausdrücken wollen, vermutlich auch in der eigenen. Weshalb mich diese (Haus-) Aufgabe so störte, kann ich gar nicht mehr so genau sagen; ich weiß noch, dass wir eine andere, sozusagen: ernsthafte Klausur vor Augen hatten, dass mein Zeitplan ohnehin recht voll war, und dass, so ehrlich will ich dann ja auch sein, ich (selbstgefällig rückblickend: möglicherweise zurecht) der Meinung war, der Großteil der zu betrachtenden Wendungen sei ohnehin Teil meines aktiven Wortschatzes. Meine Missfallensäußerungen fruchteten nicht, sie wurde ungewohnt schmallippig und klar in ihrer Ansage.

Also fertigte ich, möglicherweise nicht in einem Zustand völliger Gelassenheit, einen entsprechenden Text an. Er trug – sinngemäß, genau bekomme ich es nicht mehr zusammen – den Titel „Die Bedeutung von Kreuzworträtseln im Sprachunterricht“ und dürfte bei meinen Eltern auf dem Dachboden liegen. Die Argumentation war möglicherweise ein bisschen lückenhaft, die Sprache direkt, der Tonfall in Ansätzen rotzig. Wir sprachen danach eine Weile gar nicht mehr so herzlich miteinander.

Vermutlich hatte ich seither ein latent schlechtes Gewissen. Excusez-moi, Stéphanie! So nahm ich also 20 Jahre später den unverhofften Auftrag des geschätzten Herrn @DerUebersteiger gerne an, auch wenn ich die offene Rechnung mit mir selbst auf diesem Wege nur in Ansätzen begleichen würde:

Ein Text zu einer vorgegebenen Überschrift also. Einer Überschrift, die anders als die damaligen Satzverknüpfungen und Übergänge durchaus ein gewisses inhaltliches Schlaglicht setzt. Wer an dieser Stelle einwenden möchte, dass ein Metatext, wie er sich seit ein paar (also allen) Zeilen andeutet, nicht Sinn der Sache sei, mag recht haben. War auch gar nicht geplant.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: ich tat mich ein bisschen schwer mit dem Sujet. Natürlich lag der Gedanke nahe, etwas über Kamele und Nadelöhre zu schreiben, um dann einen formvollendeten Bogen hinüber zu Dromedaren (leicht!) und Teekannen (so mittel) zu schlagen. Allein, es misslang.

Misslungen ist auch der Versuch, einfach die Assoziationen wirken zu lassen. Die erste war eine schöne, aber auch sie brachte mich nicht weiter: „Tee im Harem des Archimedes“. Sie erinnern sich, damals in den 80ern? Ein paar Jahre vor den Beduinen von Paris, lange vor La haine. Natürlich auch ganz anders. Aber eben irgendwie so, wie man sich, kulturell beflissen, den französischen Film an sich vorstellte. Kein Grand Bleu, keine Visiteurs, auch kein Belmondo mehr. Sozialkritisch, und gut.

Das mag jetzt ein bisschen flapsig geklungen haben, war aber gar nicht so gemeint. „Tee im Harem des Archimedes“ liegt auch nach wie vor zuhause herum, nicht auf dem elterlichen Dachboden, sondern bei uns daheim. Allerdings müsste ich wohl erst ein VHS-Abspielgerät organisieren. Dann könnte ich wenigstens auch die ganzen Kaurismäki-Filme mal ansehen. Oder Stop Making Sense oder Monterey Pop. Polanskis Macbeth vielleicht, oder was ich sonst noch nie zu Ende sah.

Mist, die Kurve wieder nicht  bekommen. Also, fürs Protokoll: Tee im Harem des Archimedes fand ich ganz großartig. Ich bezweifle nur, dass mir das, einer gewissen, hoffentlich auch für Außenstehende ersichtlichen (wenn nicht: egal, sind ja meine Assoziationen) Sinnfreiheit Ähnlichkeit bei der Namensgebung zum Trotz, nicht so recht weiterhelfen wird. Wer soll denn bei „Dromedar“ was falsch verstanden haben, bzw. was? Rommedahl? Teekanne statt Cezanne? Oder gar Zidane à la Völler? Der Rommedahl passte einfach nicht zu dem Zidane?

Bisschen weit hergeholt, ne? Weiß schließlich jeder, dass der Spieler, der nicht zu Zidane passt, den Zidane nicht besser macht, nicht geboren wurde. Selbst Materazzi machte er zum finalen Matchwinner.

Meine Güte, was erzähle ich hier? Ich sollte es an dieser Stelle bewenden lassen. Korrekter: hätte es etwa dreizehn Absätze früher tun sollen. Noch besser: drei Sekunden, nachdem ich den Übersteiger’schen Auftrag erhalten hatte. Zu spät. Und auch wenn ich hoch und heilig verspreche, beim nächsten Mal keine selbstbezogene Metadiskussion anzuzetteln, so befürchte ich doch, dass eines klar ist:

Eher passt ein Dromedar in eine Teekanne,
als dass der Übersteiger den Kamke noch einmal beauftragt.

5 Antworten to “Das Dromedar passte einfach nicht in die Teekanne”


  1. Da musste ich ziemlich schnell an dieses Buch denken:

    „Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel“ von Franz Fühmann

    Der Anfang des Titels geht auf eine ähnliche Idee zurück. Und es ist tasächlich ein tolles Buch.

  2. heinzkamke Says:

    @Joshtree:
    Hihi – ja, der Titel klingt so. Und der Beschreibung nach passt es ja sogar thematisch. (Ob’s beim Übersteiger im Bücherregal steht?)


  3. Herr Kamke, ich verneige mich.
    Und grüß‘ bitte Stéphanie von mir, wenn Du sie doch noch irgendwann wiedertreffen solltest.

  4. heinzkamke Says:

    Ich befürchte, das wird in diesem Leben nichts mehr. Falls doch: klar. Und dann überreiche ich ihr eine Teekanne.


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