Variabilität

12. November 2012

„Das hätte ich im Leben nicht gedacht, dass hier zur Pause so eine entspannte Stimmung herrschen würde“, sagte ich zu meinem Nebenmann. Zum Nebenmann meines Sohnes, um genau zu sein, der nun auch endlich seine erste Stadionniederlage erlebt hat. „Endlich“ deshalb, weil man ja nicht früh genug erfahren kann, was ein Dasein als Fußballfan so mit sich bringt. Für einen umfassenden Eindruck hatte ich mir ja eigentlich noch Nacktkontrollen gewünscht; diesbezüglich scheint jedoch die symbolträchtige Pilotphase beim Marktführer noch nicht abgeschlossen zu sein. Es ist also davon auszugehen, dass noch ein paar Wochen ins Land ziehen, ehe man sich hierzustadte anschließt.

Die entspannte Pausenstimmung hatte ich mir übrigens deshalb nicht vorstellen können, weil ich Hannover als laufstarke, unangenehme, im besten Sinne solide und nicht zuletzt torgefährliche Mannschaft eingeschätzt hatte, letztlich also als all das, was in der ersten Halbzeit statt ihrer der VfB verkörperte – weshalb er auch, dem Spielverlauf angemessen, mit 2:0 führte.

So ließ ich mich neben der Entspanntheitsaussage auch noch zu der im stillen Kämmerlein meiner Fußballseele geäußerten These hinreißen, dass der VfB mit Kuzmanovic und ohne Kvist in der Offensive variabler agieren und im besten Fall den – seinerseits für seine offensiven Qualitäten bekannten – Gegner vom eigenen Tor fernhalten könne. Sehr fern, im Idealfall.

Nach dem Spiel vertrat ich dann mir selbst gegenüber etwas kleinlaut die Position, dass man ohne Kvist auch in der Abwehr variabler sei. Anders als zu Saisonbeginn bei den Bayern, wo man den Eindruck gewinnen konnte, immer wieder das selbe Tor zu sehen, war das Ganze gegen Hannover etwas vielseitiger. Zwar war die linke Abwehrseite meist involviert (und durfte Rechtsaußen Stindl dreimal als Vorbereiter in Aktion treten), aber insgesamt war dann doch die gesamte Defensivarbeit unorganisiert, war auch niemand da, der sich dafür verantwortlich fühlte, den zur Pause eingewechselten Jan Schlaudraff gelegentlich durch etwas körperliche Nähe daran zu hindern, das Spiel komplett in die Hand zu nehmen – mit dem Ergebnis, dass dieser an allen vier Gästetoren beteiligt war. Ich wage zu bezweifeln, dass ihm das gegen den unvariabel nach hinten spielenden Kvist gelungen wäre.

Natürlich wäre es deutlich zu kurz gesprungen, allein Kuzmanovic die Schuld zu geben und Kvist zu lobpreisen. Zu viel lief in der zweiten Halbzeit aus dem Ruder. Vor allem aber, und da stimme ich Bruno Labbadia ausdrücklich zu, zeigte sich die Mannschaft nicht mehr so lauf-, einsatz- und spielfreudig wie zuvor. Ob sie nicht mehr konnte oder nicht mehr wollte, kann ich nicht seriös beurteilen; mich beschlich allerdings der Verdacht, dass sie die Halbzeit ähnlich entspannt verbracht hatte wie ich.

Oder sogar entspannter. Vermutlich hatten die Spieler nämlich gar keinen Sechsjährigen dabei, der plötzlich und unerwartet, wie das bei jungen Leuten halt mitunter so ist, furchtbar dringend seine Notdurft verrichten musste und dessen Panik ob der üblichen Halbzeitschlange in kürzester Zeit auch vom Vater Besitz ergriff. Aber lassen wir das. (Ging gut.)

Kann René Adler eigentlich mit flachen, scharfen Hereingaben von der Seite umgehen? Falls dem so sein sollte, wäre das ein Erklärungsansatz. Von oder für Herrn Löw, meine ich. Oder er, also Adler, hat eine Abwehr, die eben diese Hereingaben unterbindet. Hülfe auch.

Kamke junior will übrigens weiterhin mit ins Stadion, ungeachtet seiner negativen Tendenz. Siege seien ihm zwar lieber, sagt er, aber eine gewisse Variabilität legt er durchaus an den Tag. Bleibt zu hoffen, dass sie in Sachen Verein nicht gilt. Zumindest nicht, solange er seine Füße unter meinen Tisch … ach, lassen wir das.

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6 Antworten to “Variabilität”

  1. 1ng0 Says:

    ich nehm meinen kleinen ja nächsten samstag mit nach gladbach. dem sind siege auch lieber. und mit kvist wieder an bord bin ich trotz allem guter dinge, dass das zumindest nicht verloren wird.

    • heinzkamke Says:

      Ich hatte ja auch gehofft, da hingehen zu können, und abends noch weiter zur Aktion-Libero-Veranstaltung in Köln. Aber besagter junior hat was dagegen: Schulveranstaltung. Euch viel Spaß und viele Punkte!


  2. Vierjährige brechen auch gerne mal in Tränen aus, wenn der Gast beim Torjubel die liebgewonnene Eckfahne umtritt: „Papaaaaaa, die machen uns hier ALLES kaputt!“
    Dafür ist das Strahlen dann umso breiter, wenn der 0:2 Rückstand noch in einen 3:2 Heimsieg gedreht wird.
    Will sagen: Beim Fußball lernt man fürs Leben, ganz sicher.


  3. […] Heinz Kamke freut sich, dass der Sohnemann jetzt weiß, wie sich Niederlagen im Stadion anfühlen – auch wenn das noch nicht das volle Programm ist. […]

  4. xxlhonk Says:

    „…Oder er, also Adler, hat eine Abwehr, die eben diese Hereingaben unterbindet. Hülfe auch…“
    Hat er nicht.
    Abwehr.
    Gar keine, denn sonst hätte er sich nicht so schnell so eindrucksvoll auszeichnen können. U.a. gegen H96, die bei ihrem Auftritt in Hamburg nach Rückstand richtig anfingen Fuer unterm Dach zu machen. Können sie nämlich. Dafür haben sie in der Offensive eine unheimliche Leistungsdichte und -Vielfalt.
    Die sind, was auch immer Slomka mit denen gemacht hat, seit dem letzten Trainerwechsel mit das Beste, was Fußball Deutschland im Angriff zu bieten hat. Da sollte man sich niemals zu früh der Vorfreude hingeben.
    Aber das weiß sicherlich nicht nur so ein Ahnungsloser wie ich, dass wusste sicherlich auch der eine oder andere Ahnungslose beim VfB. Allein die Antwort auf die frage, warum es dennoch so kam, kann niemand außerhalb der Kabinengänger sagen.
    Aber was ich noch sagen wollte:
    Comebacks sind im November aber auch nichts ungewöhnliches, dachte ich.


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