They had me at hello the foreword

10. Oktober 2012

Fußballerbücher zählen in der Regel nicht zu meiner bevorzugten Lektüre. Also Bücher, die von Fußballern geschrieben wurden. Respektive ihnen in den Mund gelegt. Wobei ich zugeben muss, dass es sich dabei um einen der gar nicht so seltenen Fälle handelt, in denen man etwas ablehnt, ohne sich ernsthaft damit beschäftigt zu haben. Wenn ich mich nicht verzählt habe, beläuft sich die Anzahl von mir gelesener Fußballerbücher auf eines. Von Sepp Maier, 30 Jahre dürfte es her sein, und das einzige, an das ich mich erinnere, ist der Spruch mit dem großen M und den kleinen Eiern. Von wahrhaft bleibendem Wert, sowas.

Ok, die 1 steht nicht ganz. Ein paar großformatige Welt- oder Europameisterschaftsbücher, für die der eine oder andere Spieler mit seinem guten Namen stand, habe ich schon durchgelesen, oder zumindest die Bilder angesehen. Anpfiff steht hingegen nicht in meinem Bücherregal, auch keines der zahlreichen Kaiser- und Titanenbücher, keinloddarmaddäus, kein Philipp Lahm, weder die eine Halbzeit von Uli Stein noch die beiden von Jörg Berger, Letzteres bedaure ich ein wenig, und die Vorteile des Standfußballs erkannte ich bereits vor Jahren ohne Oliver Bierhoff.

Kürzlich stöberte ich dann in einem angeheirateten Bücherregal und sah dies:

Genau. So nah ging ich auch ran. Zog es heraus, und siehe da:

Interessante Hervorhebung des Autors.

Den Titel des Werks kannte ich indes noch immer nicht.  Doch auch da konnte Abhilfe geschaffen werden.

Aus dem Münchner Copress-Verlag, von 1954, sodass der Gedanke nahe lag, es könne sich mit der WM 54 befassen. Ich kenne das eine oder andere Buch darüber, auch Vaters Paninivorläuferheftchen habe ich über die Jahre häufiger in der Hand gehabt, aber die Fritz-Walter-Version war mir noch nicht untergekommen. Sicher, auch nur ein Fußballerbuch, aber wohl keine Biographie, kein Ratgeber für angehende Fußballstars, sondern die Erzählung eines konkreten Ereignisses, ein Zeitdokument (leider nur die zweite Auflage, aber immerhin), und das Happy End war auch vorprogrammiert. Kann man mal reinschauen.

Also las ich die ganzen Geschichten über Spiez, wie sie zum Teil auch im „Wunder von Bern“ angeklungen sind, von Pedalofahrten und Spaziergängen, verstand erstmals so richtig das damalige Setzsystem, wunderte mich, dass in den Qualifikationsspielen zur WM offensichtlich ausgewechselt werden durfte, staunte über die mitunter unwirklich anmutende Verehrung für den Chef, litt mit Erich Retter, und las vor allem: Kameradschaft. Und Sportsgeist.

Kam mir entgegen. „Elf Freunde müßt ihr sein“ stammt aus dem Jahr 1955, und so manches Mal hatte ich den Eindruck, dass beide Bücher den selben (Zeit-?)Geist atmen. Angefangen bei den sprichwörtlichen elf Freunden. Und gelegentlich blickte ich in einem etwas kruden Vergleich auch noch ein paar Jahre weiter zurück, zu Augustine Fouillées „Le tour de la France par deux enfants“, einem tugendhaften, wenn auch arg patriotisch daherkommenden, ähem, Road Novel, mit dem ich mich hier aber ebenso wenig auseinandersetzen möchte wie mit der Frage nach dem Genus der Road Novel. Hat man halt nicht immer im Griff, seine Assoziationen.

Als faszinierend, wenn auch nur bedingt überraschend, empfand ich in Walters Buch die Schilderungen der Interaktion mit den Zuschauern, die Nähe, die geteilten Hotels, insgesamt auch die hemdsärmelige Planung, die Anreisen vor dem Spiel, die wesentlich knapper kalkuliert waren als in den achtziger Jahren irgendwo in der Kreisliga.

Schöne Vorstellung auch, dass Joachim Löw im April 2014 vorschlägt, vor dem vorletzten Bundesligaspieltag außer der Reihe fünf Tage frei zu nehmen: „…wenn wir alle einmal ohne Training und ohne Probleme irgendwo zusammenkämen?“ Mit Tischtennisspielen (sic!) und Miniaturgolf, aber ohne Basketball.

Ja, es war eine andere Zeit. Eine Zeit, in der der frischgebackene Ehrenspielführer der Nationalmannschaft seine Adresse in Buchform unter die Leute bringen konnte:

„Dann stellen wir in meiner Wohnung, Beethovenstraße 44, für drei Tage Klingel und Telefon ab, stopfen die Finger in die Ohren, wenn wir etwas von Einladungen hören, erzählen, spielen Karten und „Mensch ärgere dich nicht!“

Ich habe nicht recherchiert, ob die Adresse tatsächlich stimmte. Habe aber keinen Grund, daran zu zweifeln. Zu ehrlich, zu offen klang das eine oder andere, was Walter drucken ließ. Bemerkenswert, wie offen er – gewiss, aus einer Position der Stärke heraus – über Selbstzweifel und die ihm so häufig zur Last gelegte Sensibilität schrieb. Ich bin mir ziemlich sicher, dass derlei jahrzehntelang kaum möglich gewesen wäre, und bin auch heute noch nicht überzeugt, dass es gegebenenfalls so funktioniert, wie wir uns das vermutlich alle wünschen.

„Wäre nicht Herberger mit seinem durch nichts zu erschütternden Glauben an meine spielerischen Qualitäten, vielleicht hätte ich schon längst kapituliert. […] Oft wünsche ich mir ein dickeres Fell, so wie es der Toni hat oder der Max Morlock, von denen man in Düsseldorf oder Nürnberg auch immer Wunderdinge sehen will. Wie häufig bin ich auf den Platz gegangen mit einem Gefühl, als habe ich Blei in den Gliedern. Nur weil mir die übertriebenen Erwartungen des Publikums schon vor dem Spiel auf den Magen geschlagen sind.“

Mein Lieblingsabschnitt aber, und letztlich der Grund, weshalb ich nicht zögerte, das Buch nach dem ersten Aufschlagen in der Hand zu behalten und zu lesen, war das Vorwort, geschrieben von nicht einem, nicht zwei, nicht drei, nein: 11 Weltmeistern.

10 Mitspieler und natürlich der Bundestrainer hatten ihrem Kapitän zum Erscheinen seines Erstlings je eine kurze Widmung geschrieben, die sich in vielfältiger, häufig ungelenker und nicht immer pointensicherer Art und Weise um Originalität in Gestalt einer geistreichen Querverbindung zwischen dem Fußball auf der einen und Walters Buch auf der anderen Seite mühte.

So verlieh beispielsweise Toni Turek der Hoffnung Ausdruck, Walter stürme „beim nächsten Länderspiel so gut, daß der Torwart in aller Ruhe Dein Buch lesen kann„, während es Werner Kohlmeyer in die Öffentlichkeit drängte: „Du bist als Retter in der Not oft bei uns in der Hintermannschaft aufgetaucht. Hoffentlich tauchen wir Verteidiger gelegentlich auch in Deinem Buch auf.“ Namensvetter Liebrich bot indes seine Dienste an: „Wenn allzu viele Erinnerungen auf Dich einstürmen, dann hole mich! Ich stoppe alles!

Die Reihe ließe sich lückenlos fortsetzen, von Morlocks Wirbelvergleich bis hin zu Eckels beinahe unterwürfig klingendem Dank an seinen „Lehrmeister“.
Mein Favorit bleibt jedoch Bruder Ottmar:

„Bruderherz, hoffentlich geht Dein Buch so gut wie meine Tankstelle in den ersten Tagen nach der Weltmeisterschaft.“

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12 Antworten to “They had me at hello the foreword”


  1. Das <3 gilt beiden, dem Text und dem Buch. Man erhascht flüchtig eine Idee von Fußball. Die stirbt leider sofort, wenn man auf FIFA13 klickt :(


  2. Schön. Mal wieder.

    Nur schade, dass es „nur“ zehn Weltmeister sind, die ein Vorwort abgeben durften. Schließlich waren in der Schweiz ja nicht nur 11 Kicker unterwegs. Das haben die, die nicht spielen durften im Finale, später auch bemängelt. Das es urplötzlich nur noch 11 Freunde waren und nicht das ganze Team zählte.

    Deshalb die Frage: sind die zehn auch die zehn die damals im Wankdorf Stadion auf dem Platz mit dabei waren?


  3. „Mal wieder“ klingt negativ. Ich meinte „Einmal mehr“.

  4. heinzkamke Says:

    @rudelbildung:
    Ich kann Dir kaum folgen, da ich nicht die geringste Ahnung von FIFA13 und Ähnlichem habe …

    @ReesesSportkultur:
    Ja, es sind die 10. Und es waren auch nur die 11, die laut dem Buch hinterher zum Beispiel je einen Motorroller erhalten haben.

    Fiel mir auch bei der Lektüre auf (eigentlich wollte ich es auch anschneiden, ging dann aber unter, mea culpa), dass die große Kameradschaft, die Walter immer wieder hervorhob, dass keiner dem anderen den Einsatz missgönne, das Bedauern, das ihn beim Verringern des Kaders von ursprünglich 28 auf 22 umwehte, das Mitleid mit dem verletzten Erich Retter, dem er noch aus der Schweiz einen Brief oder eine Karte schrieb, dass also all das nach dem Titelgewinn zumindest im Buch kaum noch eine Rolle spielte. Gerade angesichts der Geschenke, die nach meiner Lesart meist nur die 11 Helden erhielten, hätte ich mir das eine oder andere klare Wort von Walter gewünscht.


  5. Wunderbar. „3:2“ war in der Tat das zweite Buch, das ich als Sechsjähriger nach dem Lesenlernen komplett durchgelesen habe. So ungefähr achtmal hintereinander, ich konnte das Ding seitenweise herbeten, vor allen Dingen die Passage, als der Boss in den Thuner See springt.
    Das erste Buch, was ich durchgelesen habe, kommt auch im Text vor. Das war das von Sammy Drechsel.

  6. heinzkamke Says:

    @Chris Kurbjuhn:

    Und wenn Du heute wählen müsstest, welches würdest Du lesen?


  7. „Genau. So nah ging ich auch ran.“ Ich lachte laut. Laut und ertappt.


  8. @heinzkamke
    Musstest du das fragen?
    Gut. Ich lese beide noch. Gelegentlich. Nur mal, um so nachzuschlagen…
    Und „11 Freunde müsst ihr sein“ verschenke ich gern an alle jungen Menschen 7 und 12 in meinem erweiterten Bekanntenkreis. Ich hab damit schon erstaunliche Erfolge in Fällen wie „Ich weiß nicht mehr aus noch ein, er will einfach nichts lesen:“ erzielt. Trotz des angemufften 50er-Jahre-Zeitgeistes: das lesen junge Menschen immer noch gern. Ist ja auch gelegentlich herzzerreißend, wie das Kapitel, wo man annehmen muss, dass der Protagonist (wie hieß der nochmal?) zum Tennis abwandert…
    Es lebe der EW!

  9. heinzkamke Says:

    (Krause, Matze Krause.) (Ähem.)

    Ich selbst zögere ja grade noch ein wenig, meinem Sohn die 11 Freunde in die Hand zu drücken. Vermutlich treibt mich die Sorge um, er könne es nicht so toll finden wie ich, und wie ich es mir für ihn wünschen würde.


  10. […] Heinz Kamke über das etwas andere Fußballerbuch. […]

  11. hirngabel Says:

    „Schöne Vorstellung auch, dass Joachim Löw im April 2014 vorschlägt, vor dem vorletzten Bundesligaspieltag außer der Reihe fünf Tage frei zu nehmen: “…wenn wir alle einmal ohne Training und ohne Probleme irgendwo zusammenkämen?” Mit Tischtennisspielen (sic!) und Miniaturgolf, aber ohne Basketball.

    Ja, es war eine andere Zeit…“

    Vielleicht entgeht mir hier subtile Ironie, aber: Ist es nicht genau dieses Rausreissen aus dem Rhythmus der Bundesliga dank „unglücklich“ platzierter Länderspielpausen und die Ablenkung durch zu viel Nicht-Fußballkram wie Spielereien, der der heutigen Nationalmannschaft stets angekreidet wird?

    • heinzkamke Says:

      Äh, ja. Genau.

      (Und an die vorletzte Saisonwoche, so glaube ich zumindest, würden sich noch nicht einmal die Herren Bierhoff et al. herantrauen. Ohne Training! Einself!)


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