Horse & Hound

8. Oktober 2012

Zufällig hatte ich bei Raphael Holzhausers Auswechslung genau hingesehen. Nein, nicht zufällig. Wenn ich ehrlich bin, sah ich im Grunde 77 Minuten lang nur Holzhauser zu. Oder sagen wir gute 100, einen Teil des Aufwärmprogramms nahm ich schließlich auch noch mit.

So hatte ich also, wie bereits gesagt, genau hingesehen und registriert, dass Holzhauser sehr rasch den Weg zur Bank antrat, als hätte er bereits gewusst, was kommen würde, als hätte er gar nicht auf das Täfelchen des vierten Offiziellen zu warten brauchen. Was Bruno Labbadias Version, sein Spielmacher (ok, das sagte er nicht) habe um die Auswechslung gebeten, aus meiner Sicht stützt.

Selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, wenn Labbadia einfach für sich zur Überzeugung gelangt wäre, Holzhausers Auswechslung sei angezeigt, wäre das in Ordnung gewesen. Einen 19-Jährigen in seinem fünften Bundesligaspiel  nach 77 Minuten vom Platz zu nehmen, ist nicht allzu ungewöhnlich. Nicht zuletzt dann, wenn ihm beim vorigen Spiel eine gute Leistung, zum Ende hin aber auch ein gewisser Abfall attestiert worden war. Sowohl von der Presse, deren aufwieglerische Agenda allerdings bekannt ist, als auch von Mitspieler Harnik, der in „Stadion aktuell“ sein Lob für Holzhauser mit einem nicht allzu verklausulierten Hinweis auf ein gewisses Verbesserungspotenzial in Sachen Fitness anreicherte:

„Rapha hat in Nürnberg gute Akzente gesetzt und das in einem Spiel, in dem spielerisch nicht viel ging. Gegen Ende der Partie hat man aber auch gesehen, dass er noch Spielpraxis benötigt, wobei das normal ist bei einem Spieler, der in der Vergangenheit kaum einmal über 90 Minuten zum Einsatz kam. Insgesamt war er aber sicherlich eine positive Erscheinung des Spiels.“

Geschickter Schachzug übrigens, in einer tendenziell prekären Situation just einen der glaubwürdigsten und (wohl auch deshalb) beliebtesten Spieler ausführlich in der Stadionzeitung zu interviewen, aber das nur am Rande.

Wie gesagt, es gibt meines Erachtens sehr gut nachvollziehbare Gründe für die Auswechslung. Dumm nur, dass ein nicht gänzlich zu vernachlässigender Teil des Publikums eben jenem Raphael Holzhauser nicht nur unvernünftig hohe Erwartungen auf die Schulter packt (so wie ich), deren Erfüllung er gegen Leverkusen in bemerkenswerter Art und Weise versprach, sondern dass ein ebenso wenig außer acht zu lassender Teil der Zuschauerschaft ihn zudem als Indikator, ja als Symbolfigur für die Frage heranzieht, wie es der Trainer denn so mit der Nachwuchsförderung halte (auch hier muss ich wohl die Hand heben).  Und dass ein nicht ganz geringer Teil der VfB-Anhänger zudem Zdravko Kuzmanovic als Inbegriff eines lustlosen und völlig überteurten Spielers ansieht, der lieber heute als morgen weiterziehen würde.

Da kam der Wechsel dann eher nicht so gut an – hatte ja nicht jeder die Exklusivoption „Holzhauser-Cam“ aktiviert –, und an der einen oder anderen Stelle fand man nun doch seinen Rhythmus. Zwar wurde es nicht der damals vorgeschlagene; dennoch kann ich nicht leugnen, dass er auch auf mich eine gewisse Anziehungskraft ausübte und ich einen halben Takt lang mit musste.

Dass Bruno Labbadia nicht angetan war, verstand sich von selbst, dafür hätte es keiner „Wutrede“ in der Pressekonferenz bedurft. Möglicherweise brauchte er sie für sein Seelenheil, weil ihm das Thema schon sehr lange auf den Nägeln brannte und nun kulminiert war, möglicherweise hatte er auch nur auf eine passende Gelegenheit gewartet, die aus seiner Sicht unfaire Behandlung anzuprangern (und en passant seine Verdienste ins rechte Licht zu rücken).

Bis dahin bin ich bei Fredi Bobic: kann er machen, wenn er es so sieht.  Dass er sich dann vergaloppiert und bei einem Rundumschlag landet, dass er meint, die Trainerwechsel der letzten Jahre über einen Kamm scheren und zu seinem Argument machen zu können, empfinde ich indes als reichlich unsouverän. Und falls es kalkuliert war, als billig.

Kopfschüttelnd lässt mich schließlich seine implizite Rücktrittsdrohung zurück. Ist er tatsächlich schon so verzweifelt? Allem Anschein nach hat er doch gar keinen Grund dazu. Der Sportdirektor steht ihm zur Seite, der Präsident dem Vernehmen nach auch.

Und plötzlich weiß ich, frei nach Anna Scott,
woher ich die Situation kenne:

„I’m also just a manager, standing in front of the supporters, asking them to love him.“

Sind halt gar nicht so viele Buchhändler drunter.

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11 Antworten to “Horse & Hound”

  1. westernworld Says:

    google sei dank weiß ich jetzt auch wer anna scott ist. ; )

  2. selanger Says:

    Ich finde es einigermaßen anständig von Herrn Labbadia, eine liebgewonnenen fußballkulturelle Tradition, das sogenannte Trapattonieren, mit einigem verschenktem Potenzial in der B-Note, aber immerhin doch: fortzusetzen. Der Anlass? Geschenkt.

  3. 1ng0 Says:

    meine interpretation war ja ein bisschen anders. kann es nicht sein, dass es vielen leuten so ging wie dir (nach 77 minuten kann man einen youngster auch mal runternehmen) und dass die pfiffe nicht dem abgang holzhausers, sondern dem aufritt kuzmanovics galten? und zwar nicht direkt auf die person bezogen, sondern auf die position. sprich: beim stand von 2:2 gegen ein (kommt ja nicht sooo oft vor in letzter zeit) schlagbares leverkusen defensiver zu werden? wenn ja, war die pk ja ein meisterstück der ablenkung des cleverles bruno, der damit von der für mich viel drängenderen frage, wieso er in einer solchen situation nicht auf sieg spielt und z.b. cacau bringt, ablenken will. und das auch erfolgreich schafft.


  4. […] Heinz Kamke ist bei Fredi Bobic und meint, dass man mal auf den Putz hauen kann. Mit Einschränkungen. […]

  5. heinzkamke Says:

    @westernworld:
    Schön. Es ist mir ein stetes Anliegen, anderen Menschen dabei zu helfen, Wissenslücken zu füllen unnützes Wissen anzuhäufen.

    @selanger:
    Ich fühle mich bei sowas ja auch gut unterhalten. Aber ich seh’s bei anderen Vereinen lieber …

    @1ng0:
    Klar kann das sein. Um mich herum schien das nicht so sehr im Vordergrund zu stehen, aber natürlich war es die defensivere Variante. Wenn ich selbst jedoch ehrlich bin, war zu jenem Zeitpunkt meine Sorge, das Spiel noch zu verlieren, deutlich größer als die Hoffnung auf einen Sieg. Ich hatte mir zuvor Cacau anstelle von Torun für Traoré erhofft. Nachdem mir vor der zweiten Auswechslung jedoch bereits Torun in Sachen Defensivarbeit Sorgen machte, fand ich es ganz ok, Cacau nicht zu bringen.

  6. Gunnar Says:

    Mei, wie lieb. Nach der Überschrift habe ich die ganze Zeit drauf gewartet, dass irgendwann noch der erwartete Bezug hergestellt wird.

  7. heinzkamke Says:

    Zurecht, Gunnar, zurecht! Ganz ohne den Hauch eines Bezuges will ich’s dann doch nicht machen.

  8. martinkelsch Says:

    Google sei dank kontere ich mit:

    And, one day not long from now (…) they will discover I can’t manage and I will become some sad middle-aged man who looks a bit like someone who was famous for a while.

  9. heinzkamke Says:

    … one day not long from now …

    That’s wonderful news.
    The readers of Horse & Hound will be relieved.

  10. Lennart Says:

    Also ich hatte schon den Eindruck, dass die „Bruno raus“-Rufe (zu Pfiffen kam es gar nicht, zumindest hab ich sie nicht gehört) eine Reaktion auf die Auswechslung Holzhausers waren und nicht auf die Einwechslung Kuzmanovics.
    Ich sehe das ganze aber ein wenig anders. Kuzmanovic hätte ich persönlich auch reingebracht, weil er meiner Meinung nach immer noch mehr Biss hat als ein gewisser Christian Gentner, der auf der Position des Bälleverschluderers und Tempoverschleppers leider einen Stammplatz hat. Ich hätte Rapha auch in den letzten 13 Spielminuten noch wesentlich mehr offensives Potential zugetraut, als ebenjenem Gentner. Und wir brauchen jetzt mal langsam ein paar Dreier!

    Deshalb hätte ich ja lieber den Wechsel Gentner-Kuzmanovic vollzogen gesehen. Aber nun gut. Völlig unangebracht waren die Rufe trotzdem, weil sie während des Spiels, dass ja noch nicht verloren und auch noch nicht auf Remis hinausgelaufen war, stattfanden.

    Brunos Ausbruch ist für mich der erste Sargnagel seines Engagements. Im Abstiegskampf muss man souveräner reagieren. Er ist zwar nicht alleine an der Geschichte schuld, aber seine Aufstellungen machen es eben auch nicht besser. Da muss man mit Kritik anders umgehen und sei sie auch noch so absurd. Die überzogenen Erwartungen des Umfelds als Ursprung der Hinrunden-Misere auszumachen ist ganz billig. Wenn er meint, die Erwartungen dass der VfB nicht jeden Herbst in Abstiegsnot gerät, sei übertrieben, dann ist er offensichtlich der Falsche auf dem Posten.

    Erinnert mich an Babbels Wutausbruch 2009, der meinte, die Leute, die vor dem Stadion nach dem Spiel lautstark und teils in der Wortwahl völlig unangemessen protestierten, seien lediglich durch ein 1:1 gegen Bochum so aufgewiegelt und nicht durch eine völlig verkorkste Hinrunde.

    Jetzt hat er mit seinem dummen Geschwätz den VfB der Lächerlichkeit preisgegeben und das einzige Thema in der Länderspielpause ist „am Arsch geleckt“. So kann man natürlich auch von der eigenen Erfolglosigkeit ablenken.

  11. heinzkamke Says:

    @Lennart:

    Ganz kurz, mehr Zeit hab ich grad nicht:

    Ich seh’s schon auch so, dass die Reaktion in erster Linie der Auswechslung galt; aber ich kann’s halt nicht mit Gewissheit sagen.

    Gentner sehe ich dieses Jahr nicht ganz so kritisch wie im Vorjahr. Er wirkt auf mich zumindest sehr motiviert; dass gleichwohl nicht viel dabei rumkommt, ist unstrittig. Vielleicht verblassen in meiner Wahrnehmung auch einfach seine überschaubaren Leistungen im Vergleich zu anderen, mE noch deutlich schwächeren.

    Dass Labbadia noch lange hier ist, kann ich mir im Moment auch nicht vorstellen, ich denke schon, dass er da einigen Leuten, nicht zuletzt dem Aufsichtsratsvorsitzenden, auf die Füße getreten ist. Für die offizielle Begründung hat Labbadia dann ja auch gleich eine wunderbare Vorlage geliefert: Mangel an Souveränität, vielleicht auch an Belastbarkeit.

    Bei Babbel halte ich mich etwas zurück. Er hat damals über das Ziel hinausgeschossen, war meines Erachtens aber bei weitem nicht der einzige.


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