Wie halten Sie’s mit dem Präses, Herr Professor?

2. April 2012

… und dann setzt der eingewechselte offensive Mittelfeldspieler anstelle eines Schlusspunkts ein Ausrufezeichen und haut das Ding mit links unter die Latte – und das Stadion tobt. War ja auch nicht ganz unwichtig, zudem in der Ausführung sehr bemerkenswert, dieser Seitfallzieher von Kevin Stöger nach schöner Vorarbeit von Holzhauser und Riemann.

War ja klar, dass ich nicht umhin kann, den Namen Holzhauser gleich im ersten Absatz zu platzieren, Fanboy, der ich bin (ohne mir den Anschein von Jugendlichkeit verpassen zu wollen). Dabei war auch gegen Jena wieder offenkundig, dass er den Ball mitunter zu lange hält und vielleicht noch etwas zu oft zu früh (und selbst) den entscheidenden Ball spielen will. Aber ich sehe ihm so unheimlich gerne dabei zu. Diese mitunter an Arroganz gemahnende Eleganz, wie sie groß gewachsenen Spielern des Öfteren eigen ist und wie wir sie hierzulande zuletzt viele Jahre lang bei Michael Ballack sahen, auch die scheinbare Behäbigkeit, mit der er aus der Tiefe des Raumes kommt, um dann den Ball mit einer lässig fließenden Bewegung in die Spitze zu spielen … genug, Kamke, mach halblang!

Der VfB II hat  einen wichtigen und hochverdeinten Sieg im Kampf gegen den Abstieg erspielt und errungen, der drüben bei kick-s.de ausführlich geschildert wird. Ein Spiel, das mir allein schon deshalb in Erinnerung bleiben wird, weil der Sohnemann erstmals auf dem Zaun stand. Nach der Partie, um die Spieler abzuklatschen, die sich ihrerseits, möglicherweise altersgerecht, wie Bolle freuten und mit Welle, Humba und besagtem Zaunspalier das ganze Programm mitnehmen durften. War schön anzusehen.

Aber natürlich war da auch noch ein anderes Fußballspiel am Wochenende, und auch wenn es aus Sicht des Präsidenten dem Vernehmen nach nicht im Sinne des Vereins ist, will ich es mir – ohne mich anmaßend in einen ehrenwerten Berufsstand einreihen zu wollen – genau wie die anderen, also die professionellen, Schmierfinken nicht nehmen lassen, irgendeinen Scheiß über das 4:4 in Dortmund zu schreiben.

Über Jürgen Klopp, zum Beispiel, dessen ich einfach nicht überdrüssig werde. Natürlich ärgert er mich manchmal, wenn er überzieht, und seine Sketche mit Herrn Zeigler konnte ich auch nur einmal (und da sehr) witzig finden; aber jener Effekt, dass ich jemandem, den ich irgendwann schätzte oder mochte, nicht mehr so gern zuhören möchte und ihm statt dessen mit Gleichgültigkeit, wie es einst bei Herrn Welke der Fall war und bei Hans Meyer drohte, ehe er sich weitgehend zurückzog, oder auch mit nachgerade Pawlow’schen Ausschaltreflexen (Rudi Völler, Manfred Breuckmann) begegne, stellt sich bei Herrn Klopp einfach nicht ein.

Ich weiß nicht genau, woran das liegt, vermute aber stark, dass es mit seiner Kompetenz zu tun hat. Und damit, dass er – um das in diesen Tagen nicht so gern gelesene Unwort von der Authentizität zu vermeiden – auf mich nach wie vor ziemlich ehrlich wirkt. So ehrlich man halt sein kann als Führungskraft im Profifußball, schon klar.

Auch sind es Situationen wie die nach dem Pokalspiel gegen Fürth, als er vom Baum der Selbsterkenntnis naschte und sich als Vollhorst outete, oder eben jene nach dem freitäglichen Ausgleich durch Gentner, als er gar nicht anders konnte, als auch von außen sichtbar in sich hinein zu lächeln, und wenige Minuten später nicht nur die Leistung des Gegners anerkannte (und bestimmt auch bewusst überhöhte), sondern ganz nebenbei die Aussagen seiner enttäuschten Spieler relativierte.

Wobei: In erster Linie ist es wohl doch die Kompetenz. (Und ein wenig das zugegebenermaßen billige Vergnügen, manchem Bayernfan zuzusehen, wie er über Klopp schimpft und dabei auf mich gelegentlich etwas gezwungen wirkt.)

Was mir zum Spiel selbst noch am Herzen liegt: Wer gewinnt in Dortmund punktet, hat recht. Auch wenn er Boka wieder 60 Minuten lang und Hajnal noch länger spielen lässt. Auch wenn er – nach einer vielversprechenden Phase  in der ersten Halbzeit, die sich dann doch als Strohfeuer zu entpuppen droht – lange Zeit zuzusehen scheint, wie man sich in ein unspektakuläres 3:0 oder 4:1 fügt.

Tatsächlich wusste der Trainer wohl, das da noch etwas kommen würde. Wusste, dass Julian Schieber, obwohl auf einer keineswegs idealen Position eingesetzt, nach seinem kapitalen Fehlschuss irgendwann auch noch die Chance bekommen würde, seine Stärken zum Tragen zu bringen: das entschlossene Dribbling und den rechten Fuß. Wusste, dass Mats Hummels dem aus seiner Sicht tempomäßig völlig überforderten VfB zwecks Chancengleichheit noch zwei Treffer auflegen würde.

Erfrischend und innovativ war zudem der Ansatz, Vorlagengott Georg Niedermeier auch noch eine stilisierte Zielscheibe auf die Stirn zu malen, auf dass Lewandowski (und später noch jemand, an dessen Identität ich mich gerade nicht erinnere) sie nicht verfehlen mögen. Es gibt einiges, was mir an Niedermeiers Spielweise nicht gefällt; im Moment aber ist er meines Erachtens nicht aus der Mannschaft wegzudenken.

Gentner. Bei seiner Einwechslung gedachten wir witzelnd jenes Stadiongängers, der sich dereinst in einer vergleichbaren Situation mit einem engagierten “Nein. Nein. Nein! Nein! NEIN! NEIN!” in die Nesseln gesetzt hatte; keine zwei Minuten später leitete er auch diesmal den Anschlusstreffer ein und war mitverantwortlich für ein insgesamt entschlosseneres Angriffsspiel des VfB. Naja, und die Sache mit dem Siegtreffer halt. Christian Gentner tut der Mannschaft derzeit gut, gerne auch weiterhin als Joker, und gerne auch, wie er selbst sagte, künftig wieder unter der Woche.

Wäre doch schön, wenn sich die ganzen jungen Wilden, die in der nächsten Saison das Rückgrat des VfB bilden, gleich in Europa beweisen dürften. Sie wissen schon, jene jungen Wilden, die Herr Mäuser so gerne predigt, um sie dann, vermeintlich aus Versehen, öffentlich zu diskreditieren.

Auftritt Fredi Bobic. In kaum zu übertreffender Deutlichkeit hob er hervor, was er vom öffentlichen Auftreten seines Präsidenten, konkret: von dessen an Deutlichkeit kaum zu übertreffender Kritik an Julian Schieber, hielt. Nichts.

„Julian ist Teil der erfolgreichen Entwicklung des VfB. Ich würde gern mit ihm verlängern, das sage ich als Verantwortlicher für den Sport in aller Deutlichkeit.“
(Quelle: Stuttgarter Nachrichten)

Und ganz nebenbei ließ er erahnen, wie es um seine Einschätzung der sportlichen Kompetenz des Präsidenten steht. Vermutlich könnte man an dieser Stelle die Loyalität des Sportdirektors hinterfragen, der seinen Vorgesetzten so unmissverständlich rüffelt; oder aber, und das sagt mir deutlich besser zu, die Klarheit seiner Ansprache loben.

Mich persönlich würde ja sehr interessieren, was Herr Professor Hundt gedacht hat, als er vom offensichtlich lediglich auf dem Papier präsidialen Auftritt an der MHMK erfuhr. Der Einfachheit halber stelle ich einmal drei Ansätze zur Auswahl, die je auf einem Zitat mehr oder minder Beteiligter beruhen.

Stimmte er erstens im Grunde Herrn Mäuser zu und verurteilt wie der Präsident nicht nur pauschal die Arbeit all jener Journalisten, die den VfB intensiv begleiten, sondern ist auch einverstanden, wenn im Zuge einer peinlichen Spielerkritik gleich auch noch der sogenannte Stuttgarter Weg als Schimäre entlarvt wird?

Oder hing er zweitens ebenfalls jener Überlegung nach, die auch mich Unwürdigen ein Weilchen beschäftigte?

Ganz abgesehen davon, dass mich der Gedanke an mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden geteilte Gedanken latent unzufrieden zurück ließe, gefällt mir, auch inhaltlich, jene dritte Variante besser, der zufolge er seine Gedanken statt dessen mit Mary Shelleys Protagonisten teilt:

„[A] cold dew covered my forehead, my teeth chattered, and every limb became convulsed; when, by the dim and yellow light of the moon, as it forced its way through the window shutters, I beheld the wretch–the miserable monster whom I had created.“

Vielleicht hätte ich eine Abstimmung einbauen sollen.

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6 Antworten to “Wie halten Sie’s mit dem Präses, Herr Professor?”

  1. Horscht Says:

    Schöner Text, danke dafür und vor allem auch für das Zitat von FB. Hatte ich nicht gelesen und finde es gut!
    Die Coolness bzw Arroganz von Holzhauser finde ich ebenfalls top. Ich erinnere mich gerne an irgendwelche unwichtigen vorsaisonalen Freundschaftsspiele, in denen er den, doch etwas erfahreneren, Mitspielern mit der Hand angezeigt hatte, dass er doch sehr gerne den Ball gerne in den Lauf gespielt haben wollen würde. Hat natürlich keiner gemacht, die Jungs sind ja auch nicht blöd. Aber beim nächsten Angriff hat er es dann schon wieder angezeigt! Überragend!
    Was Klopp angeht, hat dieser in meiner Negativ-Liste bald Rummenigge überholt. Kompetenz ja, aber noch mehr eine ziemlich eklige Arroganz, die jedem zeigen soll, dass er der Fussballgott ist und der Andere eben nicht. Schön zu sehen in seinen Reaktionen, wenn Schmierfinken blöde Fragen stellen. Und das in Fürth war ebenfalls nicht in Ordnung, vor allem das Leugnen danach. Und als er den 4. Mann fast aufgefressen hat. Und, und, und. Nein, Danke!
    Nur der VfB!


  2. Ich hätte einige Fragen zu dem wie auch ich finde herrlich zu lesenden Beitrag.

    1. Was ist MHMK?
    2. War das mit Manni Breuckmann schon immer so?
    3. Falls nein, wann hat es sich entwickelt?
    4. Welche Gelegeheiten gibt es wo, Breuckmann abzuschalten?

    Und als nicht ganz ernsthafte Frage, wie kann es sein, dass der Autor und ich in so vielen Typenfragen (Klopp, Großkreutz, Meyer, um die mir bekannten zu nennen) so nah beieinander liegen? Und: Muss mir das in Bezug auf einen Helden meiner Jugend, Breuckmann nämlich, Angst für die nähere Zukunft machen? Die Frage, wie der Autor zu Fredi Bobic steht, stelle ich hingegen nicht.

  3. martinkelsch Says:

    Dem Anlass entsprechend wird der Professor wohl

    „Ach, da kommt der Mäuser!
    Herr, die Not ist groß!
    Die ich rief, die Geister
    Werd ich nun nicht los.“

    gedacht haben.

  4. heinzkamke Says:

    Ich bitte um Nachsicht für die späte Reaktion, mir war ein wenig vorösterlich.

    @Horscht:
    Man könnte fast meinen, dass wir bei Klopp nicht so schnell zueinander finden. Aber Holzhauser ist ja auch wichtiger…

    @Trainer Baade
    1. Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation, u.a. in Stuttgart.
    2. Nein. Ich war zwar nie ein ausgesprochener Fan, hörte ihn aber immer gern und schätzte seine Konzentration auf das Wesentliche. Dass sein Fokus zudem auf Dortmund und Schalke lag, machte ihn mir zwar nicht sympathischer, lag aber wohl in der Natur der Sache.
    3. In meiner, zugegebenermaßen auf einigen wenigen öffentlichen Auftritten nach seinem Rückzug von den Bundesligamikrofonen beruhenden Wahrnehmung hat er sich relativ rasch von einem Fußballliebhaber zum mitunter krampfhaften Apologeten des unmodernen Fußballs entwickelt. Mir ist das einfach zu viel.
    4. Soweit ich weiß, gäbe es die Gelegenheit im sonntäglichen „Doppelpass“ gelegentlich, gebe aber gerne zu, sie selbst nur in einem Fall wahrgenommen und wahrgenommen zu haben. Das eine oder andere Mal höre ich ihn in einem Radiointerview, und ob ich Interviews oder Texte von und mit ihm lese, hängt stark von der Überschrift ab – wenn „moderner Fußball“ oder „Pott“ drin vorkommt, verzichte ich.
    Wenn man die Gelegenheiten suchte, fändet man sie wohl auch hin und wieder (vielleicht auch regelmäßig, ich weiß es nicht) bei 90elf.

    5. Ich weiß es nicht, finde aber, dass mir dieser Umstand ganz gut zu Gesicht steht …


  5. […] selbst der von mir sehr geschätzte Jürgen Klopp seine Überhärtethese anhand dieser Szene zu exemplifizieren sucht, überrascht […]


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