Von Plattformen und Idioten

19. März 2012

Das ZDF-Sportstudio fordert ja seit einiger Zeit seine Twitter-Follower auf, sich während der Sendung zu Wort zu melden und zur Diskussion beizutragen. Inwieweit die Wortmeldungen in eben diese Diskussion einfließen, war mir bis Samstag nicht ganz klar, aber das mag an mir als eher sporadischem und dann auch auch selektivem Zuschauer liegen. Am Samstag wäre indes die Aufforderung nicht nötig gewesen – der gemeine Twitternutzer ist nämlich, genau wie sein weibliches Pendant, in aller Regel selbstbewusst genug, seine Anliegen auch ohne explizite Aufforderung kund zu tun.

Im vorliegenden Fall bestand das Anliegen darin, das Sportstudio auf ein homophobes Banner aufmerksam zu machen, das am Samstag im Dortmunder Westfalenstadion gezeigt wurde, eigentlich sogar zwei, die aber recht rasch wieder verschwanden.

Und tatsächlich kam das Anliegen an. @ZDFSportstudio kündigte an, dass sich Moderator Michael Steinbrecher äußern werde, was er dann auch tat. Ging allerdings ziemlich schnell. Sinngemäß meinte ich, gehört zu haben, dass man die Hinweise der Twitternutzer erhalten habe und ernst nehme, diesen Idioten aber keine Plattform bieten wolle. Vermutlich meinte er aber doch nur die Urheber des Banners. Und Idioten sagte er wohl auch nicht. Man hat das einfach so im Ohr, ungefähr wie „sogenannte Fans“ in anderem Kontext.

Ernsthaft: Es gäbe durchaus nachvollziehbare Gründe dafür, dass das ZDF das Thema nicht so kurzfristig und ohne alle Hintergründe zu kennen (dem Vernehmen nach hatte es mit einer älteren Fanauseinandersetzung zu tun, mitunter wurde auch insinuiert, der homophobe Teil der Sprüche sei nur ein Vehikel, wofür auch immer) in die Sendung nimmt, möglicherweise zählt auch der zunächst per Twitter kommunizierte Hinweis, man verfüge nicht über ein fernsehgeeignetes Bild, dazu. Das Plattformargument halte ich indes für kein gutes.

Ganz im Gegenteil: Meines Erachtens kann man diesen Leuten gar nicht genug Plattformen bieten. Um sie auf jeder einzelnen zu ächten, ihre Dummheit und Intoleranz bloßzustellen, und immer immer wieder den Finger in die Wunde zu legen. Und nebenbei hätte man auch noch darlegen können, dass andere Dortmunder Fans dafür Sorge trugen, dass die Banner innerhalb kürzester Zeit verschwanden. Auch wenn über die Motive eben dieser Leute unterschiedliche Meinungen kursieren, bin ich doch geneigt, ihr unmittelbares Eingreifen als etwas Positives, auch Kommunizierbares, zu verstehen. Aber vielleicht bin ich da auch zu naiv.

Wenn allerdings das ZDF davon spricht, Dingen, die mit Fußball nichts zu tun haben, die dem Fußball vielleicht auch schaden, keine Bühne bieten zu wollen, dann stellt sich mir ganz am Rande eine eher mittelbar zum Thema gehörende Frage:

Und dann werden meine Gedanken von einem Moment auf den anderen ganz und gar frei, mäandern ein wenig durch die hiesige Sportberichterstattung, halten hie und da kurz inne, um schließlich recht unvermittelt zu fragen, aus welchem Grund man all jenen, wie soll ich sagen, Experten eine – bezahlte –Plattform bietet, die ernsthaft moralisch wertvolle Überlegungen zur Daseinsberechtigung von Schere, Stein, Papier im deutschen Fußball anstellen wollen.

Oder ihren Kollegen, die eine Woche lang von der Frage in Bann gehalten werden, ob – und wenn ja, wie intensiv – Vedad Ibisevic einen möglichen Torerfolg bejubeln würde, um ihn hernach in extenso dazu zu befragen. Und dann werden meine Gedanken ein wenig unwirsch und fragen nach der Sau, die das interessieren würde, wenn man ihr nicht ständig einredete, dass es sie interessiere.

Schließlich stolpern sie noch einmal über die Ausgangsfrage von den Plattformen und den Idioten, ohne sich ganz sicher zu sein, ob man eher Fredi Bobic, der offensichtlich einen Spruch raushauen wollte, ohne sich voher um Fakten gekümmert zu haben, von der Plattform fernhalten sollte, oder ob es in gleichem Maße geboten wäre, jene Redakteure ein wenig einzubremsen, die Bobic‘ Aussage als inneres Überraschungsei begriffen und sich mit Verve daran machten, einen wunderbaren Konflikt mit Tom Starke zu befeuern – gerne, wie bei Sky geschehen, indem man Bobic erst einmal falsch zitiert und Starke als „Schauspieler“ bezeichnet.

Letztlich gelingt es doch noch, die Gedanken wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Was natürlich dem Mann zu verdanken ist, der das Spiel des VfB Stuttgart in geordnete Bahnen … nein, so weit wollen wir dann doch nicht gehen, es geht um den Vizeweltmeisterrechtsverteidiger, der einmal mehr unter Beweis stellte, dass man in den Niederlanden sehr wohl gute Gründe dafür hat, Khalid Boulahrouz auf der rechten Außenbahn zu platzieren. Bereits nach wenigen Minuten ließ er am Samstag mit einem ersten Übersteiger an der Außenlinie und dem damit provozierten Foul keinen Zweifel daran, dass er nur schwer zu halten sein und dem Spiel seinen Stempel aufdrücken würde. Was er mit zwei Hereingaben, die Vedad Ibisevic in arge Gewissensnöte stießen – vielleicht könnte mal jemand erörtern, ob und wie intensiv man nach einem Tor gegen einen Exverein jubeln darf – belegte.

Auch der besagte Vizeweltmeisterrechtsverteidiger nutzte übrigens die ihm gebotene Plattform, als ihn ein Interviewpartner schelmisch frug, ob die beiden Vorlagen Zufall gewesen seien, zu einem rantartigen Hinweis auf vergangene Torvorlagen und darauf, dass man an den Bildern eindeutig sehe, dass die Vorlagen Absicht gewesen seien, und überhaupt … bis der Reporter bescheiden anmerkte, dass er sich einen Scherz erlaubt habe, worauf sich Boulahrouz‘ Gesicht aufhellte und er professionell weiter antwortete. Schön anzusehen.

Ach so, wenn wir schon beim VfB sind: Pflichtsieg. Kann man im Nachhinein leicht sagen, und darauf hinweisen, dass man ja früher alles hätte klar machen müssen, und deutlicher gewinnen gegen in der ersten Halbzeit defensiv eher desorientierte Hoffenheimer. Wenn ich Marvin Compper richtig verstanden habe (und da bin ich mir keineswegs sicher), erkannte er bei seiner Mannschaft ein Missverständnis hinsichtlich der Bedeutung von „kompakt stehen“, das keineswegs ein anderer Ausdruck dafür sei, untätig daneben zu stehen. Ich konnte seine Herleitung nicht so ganz nachvollziehen, aber in der Sache würde ich ihm nicht widersprechen.

Wie gesagt: Hernach ist es leicht, von einem Pflichtsieg zu sprechen, und vielleicht noch anzuprangern, dass es hinten raus auch anders hätte laufen können. Da kann man dann auch mal darüber hinweg sehen, dass die beiden Tore zum jeweiligen Zeitpunkt nicht unbedingt in der sprichwörtlichen Luft lagen, sondern halt irgendwie über den VfB gekommen sind. Natürlich gewollt, und bestimmt bei der jeweiligen Flanke auch genau so geplant, aber von „zwingend“ würde ich jetzt auch nicht unbedingt reden. Letztlich kein Spiel mit Blumengebinde, eher eines zum entspannten Abhaken, und ob es ein Derby war oder nicht, ist mir völlig egal.

Wobei Markus Babbel in einem insgesamt lesenswerten Interview, bei dem er für meinen Geschmack allerdings etwas zu sehr in den Vordergrund stellt, wie lange und intensiv er den Traditionsverein aus dem Kraichgau bereits verfolgt habe, an einer Stelle gewiss nicht ganz unrecht hat:

Es gab aber auch erst sieben Bundesligaduelle zwischen beiden Clubs. Ist ein Spiel zwischen der TSG und dem VfB überhaupt ein echtes Derby, das beide Lager elektrisiert?

Aufgrund der Historie hat ein Spiel gegen den KSC für den Stuttgarter Anhang wahrscheinlich eine höhere Bedeutung. Ich bin aber ganz sicher, dass es einem VfB-Fan sehr wehtun würde, gegen uns zu verlieren.

Solange wir uns diebezüglich mit Wenns und Konjunktiven befassen dürfen, kann ich indes sehr gut damit umgehen.

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25 Antworten to “Von Plattformen und Idioten”

  1. Lizas Welt Says:

    Ein sehr, sehr schöner und treffender Kommentar! Der Vollständigkeit halber ist hier das gesamte Steinbrecher-Zitat, wie es das »Sportstudio« vorhin über Twitter verschickt hat:

    »Vor den Ergebnissen und der Tabelle etwas zu einer sehr intensiv und heftig geführten Diskussion im Netz und bei Twitter. Es geht um das Dortmundspiel. Auf der Tribüne in Dortmund gab es ein großes homophobes Transparent. Unsere Follower haben uns das über Twitter geschickt und intensiv diskutiert. Danke an alle dafür. Aber wir haben entschieden, das Transparent nicht zu zeigen – so einem Schwachsinn wollen wir kein Forum bieten.«

  2. heinzkamke Says:

    Ah, danke. Den Wortlaut hatte ich vergeblich gesucht – zum Glück, sonst hätte ich mir ja noch eine andere Überschrift suchen müssen … ;)


  3. Ich habe besagte Sendung nicht gesehen, möchte aber positiv anmerken, daß die Redaktion des Sportstdsudios zumindest schnell reagiert hat. Ich möchte die Kommunikation im Netz nicht als vorbildlich hinstellen, aber man nimmt die twitternden Zuschauer zumindest wahr. Sogar auf Kritik wird eingegangen.


  4. da ich an der diskussion am samstagabend auch beteiligt war, abschliessend die ein oder andere bemerkung dazu.

    das ass hatte nie vor das banner zu thematisieren. ob das nun bewusst geschehen ist oder lt. eigener aussage der reporter das vor ort nur nicht bemerkt hatte, sei mal dahingestellt. aber die frage warum und was der während des spiels so macht darf erlaubt sein. ich kann mich des eindrucks nicht erwehren das eine pyroaktion oder irgend ein anderer vorfall auf der tribüne sehr wohl eingang in den spielbericht gefunden hätte.

    als der druck auf die redaktion via twitter größer wurde sah man sich in der sendung genötigt mit einigen dürren sätzen darauf einzugehen und mit der „plattform“ argumentation zu rechtfertigen. bliebe das ass seiner eigenen argumentation treu, werden wir in zukunft mit pyrobildern aus stadien verschont. darauf bin ich sehr gespannt.

    die anschliessende diskussion auf twitter darüber war auch mehr als schwach. dem ass war kein argument zu blöd und versuchte am ende die diskussion mit der moralapostel keule abzuwürgen.

    ich erwarte von einer sportsendung die stunden nach abpfiff auf sendung geht mehr als nur die 1:0 berichterstattung. wie wäre es mit einem fundierten kommentar während der sendung? wenn ich mich recht erinnere war das früher ein bestandteil der sendung. das ass und kritischer sportjournalismus ist abernoch ein ganz anderes thema.

    fazit: das ass hat hier keine so gute figur abgegeben wie man beim zdf glauben möchte


  5. […] ist mag der interessierte Leser sich selbst zusammenreimen. Zum Beispiel hier, oder hier, auch hier oder auch […]

  6. jon dahl Says:

    Ich bin mir bei der ASS-Bewertung nicht ganz sicher, vermute aber, ich bin bei dir.
    Schnickschnackschnuck-Special, Trainerbank-TV, Ibisevic-Jubel-Special, Pyro-„Stimmungs“-Bilder, Nuckeltanztorjubelkamera: nerven, will ich nicht sehen.
    Michael Steinbrecher – und das zu tippen fällt mir nicht leicht – hat mir ganz gut gefallen am Samstag, weil er dem Begriff „Lutschertum“ nicht zu noch mehr Popularität verholfen hat [„als er ohnehin genießt“ hätte ich fast geschrieben].

  7. jekylla Says:

    War wie Herr sparschaeler ebenfalls an der Diskussion mit dem Twitter Account des Sportstudios beteiligt. Erst hiess es, man habe kein sendefähiges Bild, dann diese Erklärung von Herrn Steinbrecher, man wolle diesem Schwachsinn kein Forum bieten. Wenn man anderem Schwachsinn wie Platzstürmen, Randalen vor den Stadien und den lustigen Pyroshows dann ebenfalls kein Forum bieten würde, wäre zumindest ein roter Entscheidungsfaden zu erkennen. So ist es aber nicht.

    Ich habe heute mit einigen Leuten gesprochen, die das Banner nicht im Netz gesehen haben, aber das Sportstudio verfolgt haben. Keiner konnte sich vorstellen, wie das „in echt“ ausgesehen hat, wie gross es war und wie viele daran beteiligt waren, das Ding zu entfalten. Ich bin nach wie vor der Ansicht, man hätte diesen Schwachsinn sehr wohl zeigen müssen und mit dem Prädikat versehen, den er verdient: widerwärtig, inakzeptabel und ahndenswert.

    Das war in meinen Augen eine schwache Leistung, so als Gesamtpkaet betrachtet.

  8. heinzkamke Says:

    Ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, wie ich die Kommentare von @sparschaeler und jekylla deuten soll. Irgendwie klingen sie vom Tonfall her nach grundlegendem Widerspruch zu meinen Äußerungen, auf den ich gerne einginge; inhaltlich erkenne ich ihn indes nicht. Hm.

    @jon dahl:
    Hat der Dank an Herrn Steinbrecher nur inhaltliche oder auch, oder auch nur, sprachliche Hintergründe? ;)

    • jekylla Says:

      Jetzt habe ich Ihren Text nochmal gelesen sicherheitshalber und wie erinnert, sind wir inhaltlich nahezu deckungsgleich.

      Finde meinen eigenen offenbar widersprüchlichen Tonfall irgendwie nicht. Hm. Aber im Grunde ist das Problem ja jetzt gelöst. Richtig?

    • heinzkamke Says:

      Ja, völlig richtig. Und ich interpretierte wohl fehl.


  9. […] des ZDF inklusive seines Sprechers Michael Steinbrecher. Warum, lesen Sie am besten bei @heinzkamke https://angedacht.wordpress.com/2012/03/19/von-plattformen-und-idioten/ und stellungnehmend dazu natürlich auch beim Blog Aktion Libero. An besagter Twitterdiskussion […]

  10. Matthias Says:

    Die Sache mit dem „Nicht-Fernsehtauglichen Bild“ ist natürlich absoluter Quatsch. Das ZDF-Sportstudio sendet im Rahmen der Torwand-Kandidaten-Kür in jeder Sendung Youtube-Videos, die mit einer Auflösung von 360 x 240 Pixeln hochgeladen werden und auf diesen kann man immer noch erkennen, wie der Ball in die Mülltonne, in die Mülltonne oder in die Mülltonne gekickt wird. (Manchmal auch in eine Mülltonne!) Das Banner-Foto auf Twitter hatte eine mindestens doppelt so hohe Auflösung. Kurzum: Das war eine schlechte Ausrede und jeder weiß das.

    Doch auch wenn es niemand hören will: Ich kann nachvollziehen, warum das ZDF das Foto nicht am selben Abend gezeigt hat. Da wäre zum einen das Urheberrecht und die Frage: Wer hat das Bild gemacht? OK, da kümmern sich die Sender heutzutage nicht mehr großartig drum. Da schreiben die einfach „Quelle: Internet“ drunter und gut ist. Aber streng genommen müssten sie erst einmal den Urheber fragen. Es war zwar schnell ein Urheber ausgemacht, aber hat den jemand verifiziert? Ich meine so richtig verifiziert? Oder reicht euch allen ein „Ja, ich hab’s gemacht!“ über einen Twitter-Account, der bislang nichts Relevantes produziert hat, aus?

    Die nächste Frage: Wer von denjenigen, die am Samstag heftig bei Twitter diskutiert haben, hat das Banner mit eigenen Augen gesehen? So richtig! In Farbe und Bunt und vor allem – in Echt! Ich behaupte nicht, dass es in diesem Fall so war, aber wisst ihr eigentlich, wie einfach es ist, ein Bild zu faken? Und je schlechter die Qualität des Ausgangsbildes, desto einfacher ist der Fake sogar. Innerhalb von drei Minuten bastele ich euch aus dem ursprünglichen Banner-Foto ein Banner, auf dem „Klopp raus! Watzke raus! Wir wollen Uli Hoeneß!“ steht. Und ich bin wirklich nicht der Pixel-Magier. Die Aufgabe eines Journalisten ist es deshalb, nicht nur den Urheber, sondern auch den Inhalt eines Bildes zu verifizieren. Und was ist, wenn’s vom ZDF-Team wirklich keiner gesehen hat? Wenn wirklich nur dieser eine Schnappschuss existiert und auf die Schnelle keine verlässlichen Augenzeugen herbeigeschafft werden können, die den Inhalt des Transparents bestätigen? Sollte eine anerkannte Sportredaktion wirklich ungeprüft Bilder veröffentlichen, nur weil sich bei Twitter ein paar hundert Leute (die das Banner ja ebenfalls nie mit eigenen Augen gesehen haben) aufregen?

    Um es klar und deutlich zu sagen: Ich glaube daran, dass das Bild kein Fake war. Und ich glaube auch daran, dass der Knabe, der sagt, dass er es geknipst hat, es auch wirklich geknipst hat. Es gibt zudem weitere Möglichkeiten, die Urheberschaft des Bildes auszulesen. Timecode, Kameracode, GPS-Daten – eben alles, was wir heutzutage unwissentlich so in die Welt pusten, wenn wir einen Schnappschuss im Web teilen. Aber das alles kann man auch fälschen und verschleiern. Die Aufgabe einer Redaktion ist es deshalb nun einmal, Inhalte zu prüfen. Gerade die User von Twitter, wo #Fail-Shitstorms beinahe täglich ausbrechen, sollten dafür Verständnis haben.

    Ich habe Verständnis dafür, dass das Bild nicht im ASS gezeigt wurde. Ich hätte allerdings kein Verständnis dafür, wenn damit die Sache mit Steinbrechers Satement erledigt wäre. Denn der Vorfall bietet genügend Anlass für eine gute Sport(Hintergrund)Redaktion, um weiter zu recherchieren. Allerdings sollte man sich dann auch gefasst darauf machen, dass das Ergebnis der Recherche eben nicht so einfach zu beurteilen ist, wie das gezeigte Banner. Denn eventuell kommt heraus, dass das Banner aus einem Milleu stammt, in dem es Gang und Gäbe ist, bewaffnete Überfälle in Bürgerkriegs-Manier auf andere Gruppe auszuführen. Dann würde es schwerfallen, die Urheber ausschließlich als homophobe Idioten zu geißeln, so nach dem Motto „Fanbusse überfallen, Tankstellen auseinandernehmen – alles OK, das macht man eben so. Aber dabei Homofick sagen geht ja echt gar nicht!“

    Vielleicht muss man sogar froh sein, dass das Bild des Banners vom ZDF noch nicht „versendet“ wurde. Denn was passiert, wenn eine nicht so gute Sport(Hintergrund)Redaktion sich der Sache annimmt, konnte man gestern bei Sport1 in der Sendung „Bundesliga Aktuell“ sehen. Dort wurde das Twitter-Bild gezeigt (von wegen: Nicht-TV-fähig) und aus dem Off kam die Meldung: „Borussia Dortmund zeigt Zivilcourage und distanziert sich von dem Banner!“ Ich habe selten eine schlechtere Verwendung des schönen Wortes Zivilcourage gehört. Aber erklär‘ das mal einem Redakteur bei Sport1…

    Abschließend noch zur Formulierung „Kein Forum bieten“, die hier und bei Twitter auf so großes Unverständnis stößt: Das ist richtig so! Das ist gute journalistische Praxis, ebenso wie ihr in eurer Lokalzeitung keine mit Hakenkreuzen beschmierten Hauswände seht, weil so etwas in der Regel nicht veröffentlicht wird, um den Spinnern nicht auch noch eine breite Öffentlichkeit zu bieten. Aus demselben Grund werden heutzutage auch keine mit Graffitti zugeschmierten Züge mehr gezeigt und wenn doch, dann wird von der Bahn peinlich genau darauf geachtet, dass auf dem Bild das „Tag“ des Urhebers nicht gesehen wird. Die Leute, die in einem Stadion ein solches Banner hochhalten, denken nicht rational. Die denken nicht: „Ui, das Sportstudio hat unser Banner gezeigt, jetzt finden uns 5 Millionen Menschen doof! Wir sollten unsere Einstellung überdenken!“ Sie denken: „Wie geil ist das denn?!? Wir sind im Sportstudio!!! Das war ja saueinfach. Beim nächsten Mal machen wir unser Banner noch größer!“

    Ich weiß nicht, ob man sich für lange Kommentare entschudligen soll. Ich mach’s trotzdem. ‚tschuldigung! Aber mir war es wichtig, in der aktuellen schwarz/weiß-Malerei (böses, böses Sportstudio), in der ja sogar bei Twitter kurzfristig der jugendliche Banner-Knipser als homophob angeprangert wurde und die zum Teil auch schon „Bist du nicht für uns, dann bist du gegen uns“-Züge annahm, eine etwas andere Sichtweise einzubringen. Denn diese andere Sichtweise gibt es auch und das sogar von Leuten, die das Banner scheiße und verurteilenswert finden.

    • jekylla Says:

      Alles richtig, was das Urheberrecht angeht. Ändert nichts an der Tatsache, dass man sich erst mit einem nicht sendefähigen Bild herausreden wollte und dann dem Schwachsinn kein Forum bieten wollte.
      Man hat sich zu keiner Zeit auf journalistische Sorgfalt berufen, auf fragwürdige Quellen oder ähnliches.

      Und das beantwortet nicht die Frage, warum man -auch beim ZDF- gerne anderen Schwachsinn in epischer Breite vorführt, auch mit Youtube-Videos aus fragwürdigen Quellen, wenn sie dem klassischen Randale-Fan entsprechen. Klassische Randale ist also sendefähig, homophobe Ausfälle nicht. DAS ist die Botschaft, die das ZDF bei mir hinterlassen hat.

      • Matthias Says:

        jekylla, dann noch einmal ganz konkret gefragt. Wenn das Sportstudio am Samstag das Foto eine Minute lang gezeigt und Steinbrecher dazu ein paar verurteilende Worte gesagt hätte: Wäre die Sache für dich dann erledigt gewesen? Ernsthaft? Was meinst du, wie viele Menschen in Deutschland es gibt, die sich still ins Fäustchen gelacht und gedacht hätten: „Jawoll! Endlich sagt es mal einer!“ Genau das ist doch die Gefahr bei „eine Plattform bieten“. Da hilft Anprangerungs-Journalismus leider nicht weiter. Da muss man Aufklären, die Hintergründe darstellen und die Akteure bloßstellen. Doch das gelingt nicht mit einer Vorlaufzeit von 17.15 Uhr bis 23.00 Uhr. Das dauert mitunter Monate, bis so eine Story sauber recherchiert ist.

        Ich denke, es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass uns dieses Banner beschäftigt hat. Ich setze große Hoffnungen in echte (Sport-) Hintergrundmagazine wie „Sport Inside“ im WDR oder auch politische Sendungen wie „Panorama“ oder „Monitor“. Auch die scannen das Web nach relevanten Themen und werden dabei sicherlich auf die Twitter-Diskussion gestoßen sein. Eine Reportage dort bewegt mehr als ein Steinbrecher mit Dackelblick, der ein paar anklagende Betroffenheits-Phrasen absondert.

      • jekylla Says:

        In einer schönen Welt -also meiner- hätte Herr Steinbrecher das Foto gezeigt, einen passenden Kommentar abgegeben und wenn das ZDF nicht so furchtbar öffentlich-rechtlich wäre, bereits einen Hinweis darauf geben können, dass man sich in Kürze mit diesem Theme ausgiebig zu befassen gedenke.
        Spätestens in der Online-Fassung hätte man darauf noch einmal eingehen können. Hätte. Der Steinbrecher mit Dackelblick mag Sie persönlich nicht sonderlich beeindrucken, aber die Reichweite dieses Magazins ist, so vermute ich mal, deutlich größer als das des WDR. Und Panorama und Monitor sind nicht so ganz die Magazine, mit denen sich die Fussballverrückten mehrheitlich beschäftigen. Nur so eine Vermutung natürlich, kann mich täuschen.


  11. Spannende Diskussion über das Thema „Eine Plattform bieten“. So wie es das ASS gemacht, war es sicherlich unglücklich, wie der werte Herr Kamke hier wunderbar dargestellt hat. Einerseits dies, anderseits das.

    Diese Diskussion gab es neulich auch bei uns im Stadtviertel, als es einen Naziaufmarsch gab. Einerseits gab es die Idee diesen Idioten keine Plattform zu bieten, indem man sie ignoriert und sie durch leere Straßen marschieren lässt, andererseits wollte man demonstrieren, sie niederschreien, etc.

    Letzteres hat sich durchgesetzt. Was ich gut finde. Ich hätte es auch in diesem Beispiel gut gefunden.

    PS. Hatte gerade Probleme mit normalen Angaben hier zu antworten. Hab nun meinen Twitter-Account genutzt. Irgendwas, von wegen Daten werden für Gravatar genutzt!?


  12. Jetzt gings doch. Und jetzt wieder Twitter. Verrückt.


  13. hk, 20.03., 23:10 Uhr – nachgereichter Kommentar von Trainer Baade am frühen Abend:

    „Nehme an, dass man hier keine Tweets wie im Beitrag nur mit der Adresse posten kann, nehme außerdem an, dass die darin enthaltene Information schon zu den meisten durchgedrungen ist, aber wohl nicht zu allen, weshalb ich es trotzdem versuche.

    Im Übrigen finde ich es immer und jederzeit vollkommen überflüssig, sich für die Länge eines Kommentars zu entschuldigen.“


  14. Ich kann vieles von dem, was Matthias schreibt, unterschreiben, ähnliche Gedanken hatte ich auch.
    Für eine seriös arbeitende (Sport-)Redaktion mit journalistischem Anspruch, war es aus meiner Sicht kaum möglich, das Thema in der Zeitspanne adäquat abzubilden. Alles andere wäre Gefahr gelaufen, ins BILD-Empörungs-Stammtisch-Niveau abzugleiten und wurde ja offensichtlich (wie von Matthias beschrieben) dann erfolgreich von Sport1 in die Tonne gekloppt. Neben den von Matthias genannten Punkten bleibt doch auch die Frage nach den Hintergründen des Banners. (Nein, nicht um evtl. doch noch eine krude Berechtigung herbeizuformulieren, sondern um der „Breiten Masse“ verständlich zu machen, wieso Fußballfans sich überhaupt so äußern.)

    Klar, ein „Das ist Homophob und unterste Schublade! Hier, guckt es Euch alle an! Pfui!“ hätte man transportieren können.
    Aber (@Jeky) ob die Zuschauer sich nun vorstellen können wie groß das war oder wieviele Leute das gehalten haben oder ob das in der hintersten Ecke hing oder im Mittelkreis lag… macht das wirklich einen relevanten Unterschied? Müssen die Zuschauer das wissen (und gesehen haben), um sich darüber ein Urteil bilden zu können? Hoffentlich doch nicht.

    In erster Linie aber zeigt sich doch hier ein generelles Defizit bei den klassischen Medien, nämlich das fehlende Verständnis/Hintergrundwissen und die fehlende Vernetzung in der Fanszene.

    Das Thema muss sauber aufbereitet werden, dazu gehört die Frage nach dem Urheber des Banners ebenso wie die nach dem Adressaten. Und dann muss es der „Breiten Masse“ eben auch noch erklärt werden.
    Wie kommen die auf sowas?
    Warum meinen die, ein solcher Ton wäre passend?
    Was für Aktionen gegen Homophobie gibt es in den aktiven Fanszenen?
    Was behauptet der DFB gegen Homophobie zu tun und was tut er wirklich?
    Wie sind die Regelungen dafür, dass diese merkwürdigen Individuen alias Fußballfans immer so komische Bettlaken mit Sprüchen drauf ins Stadion bringen?
    Müssen die abgenickt werden?
    Wenn ja, von wem?
    Im Vorfeld? Oder am Stadioneingang?

    Sicher alles Dinge, die ich dem ASS grundsätzlich zutrauen würde, aber eben nicht in der am Samstag gegebenen Zeit.
    Ob sie das Thema nochmal aufgreifen? Keine Ahnung. Ich würde da (ähnlich wie Matthias) meine Hoffnung eher auf WDR SportInside setzen, die packen brisante Themen meist sehr gut an. Aber auch auf ZDFneo liefen schon gute Reportagen zum Thema.
    Aber: Die hatten immer auch mehrere Wochen (oder gar Monate) Vorlaufzeit.

    Wir neigen heutzutage dazu, uns immer schnell zu empören und Leute an den Pranger zu stellen, gerade in dieser schnelllebigen Zeit.
    Am Samstag hatte ich aber zeitweise das Gefühl, das ASS werde von einigen zum Hauptschuldigen in der ganzen Geschichte gemacht, während die meisten nicht einmal wussten (und wahrscheinlich immer noch nicht wissen) welche Gruppe überhaupt das Banner gemacht hat und was diese Gruppe sonst schon alles gemacht hat, weshalb im Übrigen sich viele aktive Gruppen aus der Fanszene des FC St.Pauli sich auch nicht namentlich an der „KeinZwanni“-Kampagne beteiligen, wo neben vielen sehr vernünftigen Gruppen eben auch die jetzt verantwortliche von den anderen geduldet wird.

    Über das Banner dürfte es kaum zwei Meinungen geben, über den Umgang mit ihm im ASS sollte man aber zumindest nochmal in Ruhe nachdenken.
    Mit Ruhm bekleckert haben die sich da sicherlich nicht, die Frage ist nur, ob es überhaupt möglich war, oder man nicht in jedem Fall etwas auszusetzen gehabt hätte.
    Und natürlich ist jetzt die Frage, ob denn jetzt noch im Nachhinein, mit der jetzt vorhandenen Zeit zur Recherche etwas nachkommt… wenn nicht, ist ohne Frage alle Schimpf und Schande völlig berechtigt.

    • jekylla Says:

      „Aber (@Jeky) ob die Zuschauer sich nun vorstellen können wie groß das war oder wieviele Leute das gehalten haben oder ob das in der hintersten Ecke hing oder im Mittelkreis lag… macht das wirklich einen relevanten Unterschied? Müssen die Zuschauer das wissen (und gesehen haben), um sich darüber ein Urteil bilden zu können? Hoffentlich doch nicht.“

      Sie dürfen nicht vergessen, dass nicht alle Fernsehzuschauer so „im Thema drin sind“ wie die, die hier diskutieren. Und ich finde schon, dass es einen Unterschied macht, ob eine Einzelperson einen verunglimpfenden Doppelbanner hält oder ein Banner in der Größe dementsprechend auch von vielen im wahrsten Sinne des Wortes gestützt wird.
      Wobei ein einzelner Verunglimpfer keineswegs weniger schlimm ist, um das klarzustellen.

      Dem gemeinen Sportstudiogucker, der die Problematik Homophobie in Stadien vielleicht nicht so verinnerlicht hat, weil er selten selbst im Stadion ist, weniger auf homophobe Fussballfans trifft o.ä., erschliesst sich das Thema sicher nicht mit zwei Sätzen vom Sportstudio.

      Und ja, die Hoffnung ist berechtigt, dass man das Thema dort nochmal aufgreift, anstatt es wie gerne mal im Sande verlaufen zu lassen. Und ich wage zu behaupten, dass auch die fortgesetzte Empörung dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

      Abschliessend bleibe ich dabei, dass die Reaktion, so wie sie war, nicht besonders gelungen war, journalistischem Anspruch hätte man auch auf andere Weise genügen können. Ohne Bild-Zeitungs-Empörung. An dieser Stelle wäre etwas mehr Bild-Zeitungs-Empörung über Homophobie in deutschen Stadien sogar begrüßenswert, denn so sehr es den einen oder anderen stört, die BILD erreicht die Massen und ohne die bleiben viele Themen „Insiderthemen“. Und die BILD-Hasser finden ja doch auch immer mal wieder was, was sie zur Dokumentation von diesem oder jenem gebrauchen können. Bilder, Videos…. das nur nebenbei.

      Dann warten wir mal darauf


      • Klar, man hätte es besser machen können, da will ich gar nicht widersprechen… nur kann man das eigentlich immer, irgendwie.
        Aber jetzt ein vernünftiger Bericht von Ronny Blaschke wäre mir wirklich sehr viel lieber, als jeder Schnellschuß an jenem Abend.
        Wichtig wäre dann eben auch nur, dass dem Bericht der entsprechende Rahmen gegeben wird und es nicht um 0.55h im ASS läuft oder auf ZDFneo abgeschoben wird.

  15. jekylla Says:

    D´accord. Ich glaube allerdings erst, dass dem Bericht ein entsprechender Rahmen gegeben wird, wenn ihm ein entsprechender Rahmen gegeben worden ist. Da bin ich Pessimist.

    Und wenn die ganze bildzeitungsstylishe Empörung dazu geführt haben sollte, dass nun Ronny Blaschke am Start ist, wäre es ja auch für was gut gewesen ;)

  16. heinzkamke Says:

    Ich danke für die intensive und fruchtbare Diskussion in meiner Abwesenheit und versuche gar nicht, im Nachhinein bei einzelnen Punkten mit einzusteigen, unterstreiche aber die Aussage von Trainer Baade:

    „Im Übrigen finde ich es immer und jederzeit vollkommen überflüssig, sich für die Länge eines Kommentars zu entschuldigen.“

    (Will sagen:Ihr dürft Euch natürlich entschuldigen, aber es ist alles andere als nötig.)


  17. Ich bin wie der Übersteiger bei Matthias, wenn dieser auf die Notwendigkeit seriöser journalistischer Arbeit im allgemeinen und im Speziellen hier hinweist, die eben nicht mal schnell zwischen Tür und Angel geschehen ist.

    Und einen Satz des Übersteigers möchte ich noch unterstreichen: „Wir neigen heutzutage dazu, uns immer schnell zu empören und Leute an den Pranger zu stellen, gerade in dieser schnelllebigen Zeit.“ – was mir, neben den Plakaten, am Samstag nämlich recht unangenehm aufstiess, war, wie sich die Empörung über die Banner selbst plötzlich in Hexenjagd-ähnliche Szenen gegen den Überbringer der Nachricht, den Twitterer der das Bild postete, richtete, weil er ein falsches Wort in seinem Profil hatte. Das war, gelinde gesagt, unschön.

    Übrigens hat das ZDF soeben auf der HP einen Artikel von Ronny Blaschke zum Thema veröffentlicht:
    http://www.zdf.de/ZDFsport/inhalt/30/0,5676,8497214,00.html?dr=1


  18. so, jetzt kenne ich die hintergründe und sehe mich als moralapostel ausser stande meine meinung zu revidieren


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