Coup de boule

6. März 2012

„… il va reculer progressivement au poste de libéro. Je sais que c’est une tradition allemande …“

Die These lautet also, es sei eine deutsche Tradition, dass offensive Spieler nach und nach nach hinten rücken, bis sie irgendwann als Libero enden. Offensichtlich bezieht sie sich nicht auf den heutigen Fußball, der seit einigen Jahren bekanntlich selbst in Deutschland ohne nominellen Libero auskommt. Auch wenn man angesichts der erfolgten Rückwärtsbewegung von Bastian Schweinsteiger oder auch der angedeuteten von Toni Kroos ins Grübeln kommen könnte.

Aber wie gesagt: Das ist nicht gemeint. Also die Rückversetzung auf die Sechs. Glaube ich zumindest. Genauer könnte es uns sicherlich der Macher des wunderbaren Blogs Old School Panini, Alex Bourouf, sagen. Aber so genau brauchen wir es vermutlich gar nicht zu wissen.

Es reicht ja, wenn wir ein wenig in die Vergangenheit schauen und ein paar der bekannten Liberos des DFB zu Rate ziehen. Herrn Beckenbauer, zum Beispiel, der in seiner ersten Regionalligasaison meist als Linksaußen oder im Mittelfeld auflief und dabei 16 Tore erzielte. Oder Matthias Sammer, der mich damals gegen und in Uerdingen nicht sonderlich überzeugen konnte – eine Einschätzung, derer ich mich noch heute mitunter schäme und die ich dann zumeist nur aus dem Kopf bekomme, indem ich des Freundes gedenke, der Dennis Bergkamp zeit seines (also dessen) Fußballerlebens für eine Pfeife hielt, aber das nur am Rande – und der jeweils gegen Sturmkollege Torsten Gütschow ausgetauscht wurde. Oder nehmen wir Olaf Thon, den 17-jährigen Schalker, der 1998 möglicherweise eine überragende WM als Libero gespielt hätte – wenn nicht Lothar Matthäus im letzten Moment reaktiviert worden wäre, der seinerseits der Auslöser für Alex Bouroufs, nun ja, Wehklagen, über den Drang der Deutschen zum Libero war, „car pour moi MATTHAÜS en milieu de terrain c’est ça, tout simplement alors le meilleur joueur du monde et il avait été (avec les Yougoslaves) quasiment la seule satisfaction de ce mondial italien.“

Matthäus sei also der beste Spieler der Welt gewesen, damals, im Mittelfeld, und im Grunde neben den Jugoslawen der einzige, der bei jener WM Wohlgefallen ausgelöst habe. Um so unverständlicher sei es, dass sich eben jener großartige Spieler von seiner Schokoladenposition, die man heute wohl als „Achter“ bezeichnen würde, freiwillig in die Abwehr zurückfallen lassen habe. Der einzige Grund für dergleichen bestehe darin, „de continuer à joueur le plus longtemps et battre les records“, also so lang wie möglich weiterzuspielen und Rekorde aufzustellen. Was nachweislich geklappt hat.

Vermutlich ist diese Argumentation ein wenig kurz gesprungen, und doch ist sie nicht ganz von der Hand zu weisen. Nicht unbedingt wegen der Rekorde; aber der Ansatz, die Karriere ein wenig (oder auch deutlich, wenn man an die EM 2000 denkt) zu verlängern, ist ja ein überaus menschlicher. Ciriaco Sforza wurde dereinst mit dem schönen Satz „Nach meiner Verletzung ist es wunderbar, wenn ich als Libero einen langsamen Aufbau machen kann“ zitiert, und auch in Diskussionen, wie man sie zum Beispiel in Österreich zu Ivica Vastic (der sich erfolgreich widersetzte) oder hierzulande zu Bernd Schuster (der von Erich Ribbeck demontiert wurde) führte, stößt man immer wieder auf Satzfragmente wie „außerdem könnte er auf diesem posten bestimmt noch vier, fünf jahre lang spielen“ – in diesem Fall bezogen auf Vastic, der, nun ja, fünf Jahre später und weiterhin als Offensivspieler das einzige österreichische EM-Tor erzielte.

Vielleicht darf ich die geneigte Leserin ja auch in die Niederungen des Kreisligafußballs entführen, zu meinem Vater, der irgendwann den Weg nach hinten antreten musste und durfte, oder zu zwei weiteren Sturm“helden“ meines Heimatvereins, die irgendwann nach hinten weggelobt wurden, weil sie eben alles hatten, „was ein guter Libero braucht“. Und wenn man sich heute auf den Plätzen der Kreisliga umsieht, entdeckt man nicht so selten ältere, nicht mehr ganz durchtrainierte Herren, die mit ihrem Auge, ihrem Stellungsspiel und ihrer Erfahrung jeder Viererkettendiskussion trotzen und den Laden zusammen halten. Jede Wette, dass nur ein geringer Teil von ihnen vor seinem 30. Geburtstag den Libero gab.

Doch zurück auf die große Bühne. Und nun auch zu der Frage, ob diese Rückwärtsbewegung eine typisch deutsche Sache sei. Eine Frage, die ich mangels Wissen und mangels Recherchezeit nicht seriös beantworten kann. Die eine oder andere Ahnung habe ich. Dass zum Beispiel das benachbarte Ausland nicht ganz außen vor ist. Bei Vastic klappte es nicht, Manfred Zsak war meines Wissens auch im Mittelfeld nie so richtig offensiv, und doch habe ich den Eindruck, dass man auch in Österreich mitreden kann in Sachen Rückwärtsbewegung. Ob Gerald Vanenburg, der bei 1860 den Libero gab, in Holland eine Ausnahme ist, weiß ich ebenso wenig wie bei Sforza in der Schweiz (ganz davon abgesehen, dass beide von der Bundesliga geprägt gewesen sein mögen), und dass Zbigniew Boniek bei der Roma und für Polen den Libero gegeben haben soll, will ich seit vielen Jahren für ein Gerücht halten. Ich wüsste indes nicht, dass Scirea, Baresi oder auch Laurent Blanc nennenswerte Erfahrungen auf einer offensiveren Position gehabt hätten. Vielleicht kann ja der eine oder die andere Wissende für Erhellung sorgen und ein paar prominente Beispiele benennen, die die Deutschenthese in sich zusammenfallen lassen.

Mir ist das ja im Grunde gar nicht so wichtig, auch wenn ich die Ausgangsthese sehr spannend finde. Viel wichtiger ist mir, endlich zu der Stelle im oben genannten Matthäus-Blogeintrag zu kommen, deretwegen ich all das aufgeschrieben habe. Alex Bourouf spinnt nämlich den Gedanken der Karriereverlängerung durch Rückwärtsbewegung weiter und projiziert sie auf die jüngere Geschichte der französischen Nationalelf – eine Vorstellung, an der ich mich zugegebenermaßen gar nicht satt denken kann:

„… sinon Zizou aurait été en Afrique du Sud en 2010 pour jouer en défense avec Gallas et à Knysna le bus serait repartit car notre Zizou n’aurait pas attendu 30 minutes avant de péter un coup de boule à ce maudit chauffeur qui refusait de repartir.“

„… sonst wäre Zizou 2010 in Südafrika gewesen und hätte mit Gallas in der Abwehr gespielt, und in Knysna wäre der Bus losgefahren, weil unser Zizou keine 30 Minuten gewartet hätte, ehe er diesem verdammten Fahrer, der sich geweigert hat, weiterzufahren, einen Kopfstoß verpasst hätte.“

Und natürlich hätte Zidane alles, was ein guter Libero …

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PS:Auf einen möglicherweise interessanten Nebenaspekt der sogenannten deutschen Rückwärtsbewegung, der an anderer Stelle vertieft werden könnte, deutet der Umstand hin, dass die dritte Stürmerposition im deutschen EM-Kader allem Anschein nach an einen der Herren Cacau, Schlaudraff oder Hanke vergeben werden dürfte.

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4 Antworten to “Coup de boule”


  1. So völlig aus der Lameng heraus tippe ich tatsächlich auf ein deutsches Phänomen, und zwar begründet in der Person Beckenbauer. Dessen Lichtgestalterei könnte die Liberoposition im Bewußtsein deutscher Fußballergrößen, die vormals auf anderen Positionen ihr Unwesen trieben, dermaßen veredelt haben, dass sie die Rückwärtsbewegung als akzeptable Karriereverlängerung empfanden. EinfranzösischerLotharMatthäus hingegen hätte wohlmöglich soetwas in der Richtung wie „EinLotharMatthäus spielt nicht Libero“ gesagt.
    Reine Behaupterei meinerseits, wohlgemerkt.

  2. heinzkamke Says:

    Keine abwegige Behaupterei, wie ich finde. Überhaupt eine sehr erquickliche Kommentiererei, mit Lameng und Lichtgestalterei und EinfranzösischerLotharMatthäus, der dort ja eher EinfranzösischerLotharMatthaüs wäre.

    Habe mir gester überlegt, ob Siniša Mihajlović tatsächlich als Libero auf die Welt kam oder dereinst wesentlich offensiver spielte. Erste Quellen deuten allerdings darauf hin, dass er gerne mal als Linksvertiediger oder im defensiven Mittelfeld aufgestellt wurde.

  3. Johannes Says:

    LoL, nachdem ich den Text hier gestern gelesen hatte, musste ich über diesen kicker-Text schmunzeln:

    Seit 14 Jahren hält Kobiashvili (34) schon die Knochen in den beiden deutschen Profiligen hin, nur Sergej Barbarez (330) und Spitzenreiter Zé Roberto (336) haben mehr Einsätze in Liga eins vorzuweisen. Hinter Kobiashvili folgt mit Claudio Pizarro (325, Werder Bremen) übrigens ein weiterer immer noch in der Liga aktiver Spieler.

    Geballte Erfahrung also – doch auf der linken Verteidigerposition sei der Routinier „verschenkt“, befand Rehhagel von Anfang an. Der Trainer verscheuchte den Georgier schon in Augsburg (0:3) von der Seitenlinie und ließ ihn stattdessen im defensiven Mittelfeld auflaufen. „Das ist kein großes Problem“, sagt Kobiashvili zur Versetzung. „Ich muss jetzt mehr laufen, habe mehr Zweikämpfe und komme ab und zu vors Tor. Das alles macht mehr Spaß.“
    http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/vereine/565742/artikel_rehhagel-setzt-auf-rekordjaeger-kobiashvili.html

    OT: Was macht man bloß mit dem Spiel gegen K’Lautern? Ich kann mich nicht so richtig drüber ärgern, aber zufrieden bin ich auch nicht.
    Wie geht das Spiel gegen die TraditionsSG aus?

  4. heinzkamke Says:

    @Johannes:
    Hehe, der Sechser, Libero der Herzen.

    Meine Sicht zum Lauterer Spiel habe ich ja mittlerweile separat kundgetan, und ja, sie ist ebenfalls zwiegespalten. Spaß hat es jedenfalls nicht gemacht.

    Hoffenheim? Keine Ahnung. Im Wortsinn.


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