Der Kapitän, der Trainer und die Schieberoption

5. Dezember 2011

Das spielte sich ja alles in der entfernten Platzhälfte ab, ich konnte es also gar nicht so ganz genau sehen. Vielleicht war es demnach gar nicht so, dass Cacau relativ früh in der ersten Halbzeit irgendwo im Niemandsland der Kölner Hälfte einen Tick zu spät kam und seinen Gegenspieler am süddeutschen Fuß erwischte. Möglicherweise bilde ich mir nur ein, eine kurze entschuldigende Geste von ihm gesehen zu haben, ehe er bemerkte, dass der Schiedsrichter gepfiffen hatte, und er dementsprechend in den Rumpelstilzchenmodus wechseln musste.

Wie gesagt: ich kann nicht ganz ausschließen, dass besagte einsichtige Geste nur der Entfernung oder meiner blühenden Phantasie geschuldet ist; der aufgeführte Veitstanz, wenn auch in zu diesem Zeitpunkt des Spiels noch gemäßigter Version, war indes sehr real, und letztlich verdeutlichte er mir, dass der Mann schlichtweg nicht anders kann. Dass das was mit Pawlow zu tun hat. Wenn er der Presse erzählt, wie vor einigen Wochen geschehen, dass er sich doch deutlich geändert habe, nicht mehr so, um es in meinen Worten zu sagen, eigensinnig, selbstbezogen oder auch aufbrausend sei, dann bin ich überzeugt, dass er genau das glaubt. Dass er, wenn er die Szenen von außen oder am Fernseher sähe, fragen würde, wer denn diese Person sei, die sich da so unmöglich benehme. Er kann nichts dafür. Vielleicht sollte man ihn davor schützen.

Vermutlich sollte ich hinzufügen, dass ich nicht zu denen gehöre, die ihm jeden Abschluss vorwerfen. Oft genug habe ich schon zum Meckern angesetzt, als er aus aussichtsloser Position einfach mal draufhielt  – und mich Sekundenbruchteile später zum Torjubel zwang. (Und nein, es bedarf nicht der Reminiszenz an Bielefeld in der Meistersaison, um das zu untermauern.) Ich finde es in Ordnung, wenn er auch mal aus spitzem Winkel den Abschluss sucht oder den besser postierten Nebenmann nicht beachtet. Nicht immer, aber manchmal. Wenn aber dazu kommt, wie ebenfalls am Samstag erlebt, dass er Mitspieler zur Schnecke macht, die sich erlauben, aufs Tor zu schießen, obwohl er gar nicht viel schlechter postiert war als sie, dann geht mir der Hut hoch. Unabhängig davon, dass auch Christian Gentner in der zweiten Hälfte nicht allzu gut daran tat, von seiner Wolke aus jeden Ball in Richtung Tor zu pusten. Und unabhängig davon, dass es allen Spielern erlaubt ist, einem Schuss nachzusetzen, anstatt sich über das ausgebliebene Abspiel zu beschweren. Selbst der stets engagierte Martin Harnik hätte da noch Luft nach oben gehabt und mit viel Glück sogar den Angriff unterbinden können, der zum 2:2 führte – aber ich will nicht ausschließen, dass mich da der erste Eindruck, einer gewissen Erregung geschuldet, ein wenig trog.

Im Übrigen bin ich hin- und hergerissen. Ich rechne es Bruno Labbadia hoch an, dass er Julian Schieber ein paar Comebackminuten schenkte. Habe mich auch über dessen Unterstützung aus der Kurve sehr gefreut (wie übrigens auch darüber, dass Teile eben dieser Kurve den Pfiffen bei Cacaus Auswechslung einen kurzen Aufmunterungsgesang für den Kapitän entgegneten). Gleichzeitig aber nagt in meinem Hinterkopf ein wenig die Frage, ob das Spiel anders verlaufen wäre, also besser, wenn der Trainer, anstatt sich die Schieberoption offen zu halten, früher und anders gewechselt hätte. Traoré gebracht und Okazaki nach vorne gestellt, zum Beispiel. Gelegentlich erwische ich mich gar bei dem Gedanken, dass man – im zunehmenden Bewusstsein, selbst bei allem Bemühen kein Tor mehr zu erzielen – einen zusätzlichen defensiven Spieler hätte einbauen können. In diesen schwachen Sekunden fällt mitunter gar der Name Niedermeier.

Und dann vergegenwärtige ich mir ganz schnell, dass ich mich erst vor wenigen Tagen wieder einmal zur Übergangssaison bekannt habe, und implizit dazu, dass der konzeptuelle Ansatz mitunter höher zu bewerten ist als ein oder zwei ermauerte Punkte. Und dann wünsche ich mir in meiner Naivität, dass Labbadia genau deshalb keinen defensiven Spieler gebracht haben möge: weil er nunmehr begonnen hat, alles auf die kommende Saison auszurichten. Weil Julian Schieber sein Mann ist. Weil der VfB dominant auftreten und immer ein 3:1 suchen soll, anstatt ein 2:2 mit deutschen Tugenden zu verteidigen. Weil er in Kauf nimmt, dass man im Überschwang auch mal etwas falsch macht und daraus ganz viel lernt. Egal, ob derjenige nun Schieber oder Okazaki, vielleicht gar Kvist oder demnächst eben Bauer, Hemlein oder Holzhauser heißt. Geht doch eh nur um die goldene Ananas dieses Jahr, schließlich wissen wir alle, wo der VfB herkommt und dass wir uns in Demut üben müssen. Das ist ein Stuttgarter Weg, mit dem ich mich anfreunden kann. Guter Entschluss, Herr Labbadia.

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3 Antworten to “Der Kapitän, der Trainer und die Schieberoption”

  1. Horscht Says:

    Wirklich sehr gut zusammengefasst, die Sache mit Cacau, musste auch gleich an Bielefeld denken. (Bin übrigens der Meinung, dass ohne dieses Tor der VfB nicht Meister geworden wäre, da sonst Veh nicht mehr lange Trainer gewesen wäre, aber dies nur am Rande) Ich habe auch genauso verzweifelt als Cacau die Hutschnur hochging, obwohl der doch eindeutig dem Kollegen da auf den Fuss getreten ist. Solange er sich soweit nicht im Griff hat, dass er bei sowas nicht völlig die Linie verliert, habe ich wenig Hoffnung, dass er wieder zu seiner Topform findet. Er will einfach zu viel und lässt sich dadurch sofort aus der Ruhe bringen, die er benötigt.
    Was Schieber angeht, hoffe ich auf eine Wiederholung seiner Leistung aus Nürnberg als er als einzige Spitze grandios aufgespielt hat. In meinen Augen war das nichtmal ein Wechsel schon mit Hinblick auf die neue Saison, denn ein Niedermeier bringt nur was, wenn der Gegner mit hohen Bällen agiert (was Köln nicht kann ohne Nova im Sturm) und ein Okazaki als einzige Spitze genauso fehl am Platz ist als ein Cacau. Papo oder Schieber waren die einzigen Optionen um das Spiel wieder in den Griff bekommen zu können, was ja bekannterweisse dank völliger Umnachtung des Mittelfeldes nicht von erfolg gekrönt war.

  2. heinzkamke Says:

    Klar, ich glaube auch nicht daran, dass Labbadia schon für die neue Saison einwechselt, und ich habe auch den Traoré-Okazaki-Cacau-Verschiebewechsel weder für realistisch noch an diesem Tag für zielführend erachtet. Im Grunde konnte ich mir angesichts der Besetzung der Bank und nach Pogrebnyaks Leistung der Vorwoche gar keinen wirklich zielführenden Wechsel vorstellen, wenn ich ehrlich bin.

    Aber ich muss doch davon ausgehen, dass der Trainer seine Bank so zusammenstellt, dass er auf möglichst viele Eventualitäten reagieren kann, und am Samstag war die eine oder andere Eventualiät gegeben, sodass ich, so sehr ich mich über die Einwechslung von Schieber, dem Labbadia offensichtlich noch nicht mehr als die 10 Minuten zugetraut hat (auch das finde ich in Ordnung), gefreut habe, eine frühere Reaktion im Grundsatz schon für richtig gehalten hätte. Dennoch: Dass er sich die Schieberoption offen halten und nach meinem Empfinden dringend ziehen wollte, ehrt ihn aus Fansicht.
    Schachtelsätze ftw!

  3. Horscht Says:

    Ja, mir fällt auch kein Wechsel ein, der Sinn gemacht hätte. Boulah war nötig wegen Slawo „es sitzt ein Sniper im Publikum“ Peszko und Kuz für Hajnal fand ich auch gut. Vielleicht hätte man Gentner besser auf der 6 gelassen und Kuz noch vorne, da er den besseren Schuss hat. Denn dumm draufgeballern schien ja die Taktik bei den Kontern zu sein…


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