Eine Frage der Zieldefinition

28. November 2011

„Wir sind trotz allem auf einem guten Weg.“

So lässt sich Fredi Bobic nach der Niederlage in Bremen in den Stuttgarter Nachrichten zitieren, und man fragt sich, wohin dieser Weg führen soll.

Ich hatte ja das, wie mir viele Leute ungefragt bestätigten, große Glück, das Spiel gegen Augsburg nicht sehen zu können. Unglücklicherweise versäumten diese Leute, mir zu sagen, dass ich auch die Partie in Bremen lieber mit der Familie als in irgendeiner Fußballkneipe verbringen solle. Womit ich nicht diesen Menschen die Schuld geben will. Ich hätte es ja selbst merken können, spätestens in dem Moment, als mir die Fußballkneipe meines Vertrauens recht lapidar eröffnete (mit einem banalen Schildchen, quasi lapidar as lapidar can), dass ihre Pforten bis 17 Uhr geschlossen bleiben würden. Doch anstatt nach Hause zu gehen, brach ich in betriebsame Hektik aus und machte mich mit dem Mitschauer, ebenfalls meines Vertrauens, auf die Suche nach kurzfristig verfügbaren Alternativen. Sind ja schließlich immer spektakuläre Spiele in und gegen Bremen.

Und spektakulär war es. Zumindest in der Phase, als Ulreich allein gegen den Bremer Sturm antrat – also in den ersten 40 Minuten. Halbwegs spektuläre Angriffsaktionen (befördert durch Abwehrfehler, die man fast schon als, tja, spektakulär bezeichnet werden könnte) wurden durch spektakuläre Paraden zunichte gemacht.

Vielleicht hätte Fredi Bobic bei Martin Harnik nachfragen sollen, wie der denn das Spiel gesehen habe („Wenn wir so spielen, müssen wir uns Sorgen machen“), oder gerne auch bei Serdar Tasci („Man sieht, dass wir da oben nichts zu suchen haben“), ehe er von einem „guten Weg“ sprach. Aber vielleicht ist „da oben“ ja auch gar nicht da, wo sein Weg hinführen soll. Vielleicht sollte man einfach nicht vergessen, wo man herkommt. Sich daran erinnern, wo man vor einem Jahr stand, demütig sein.

Sarkasmus hin, Zynismus her: ich bin demütig. Mir ist sehr wohl bewusst, dass man sich in Cannstatt glücklich schätzen darf und muss, diese Saison noch in der Bundesliga zu spielen. Im Grundsatz wäre ich noch immer, wie mehrfach gesagt und geschrieben, zufrieden, wenn der VfB in der ganzen Saison zu keinem Zeitpunkt mit Sorge auf die Abstiegsplätze sehen müsste, könnte mit dem Schlagwort „Übergangssaison“ leben. Allein: eine Übergangssaison zeichnet sich dadurch aus, dass man Weichen stellt. Dass man definiert, wo die Reise hingehen soll, und vor allem wie, und dass sich das auch in der Spielweise andeutet. Finde ich. „Hoffen auf Harnik und Hajnal“ ist nicht das, was ich mir unter einer solchen Spielweise vorstelle.

Ein seriöses Urteil über die Entwicklung der Nachwuchsspieler kann ich mir nach wie vor nicht erlauben, und natürlich weiß ich nicht, welche Eindrücke die Spieler im Training hinterlassen. Aber es erscheint mir nicht richtig, wenn Christoph Hemlein (den ich keineswegs für einen Heilsbringer halte) am Fernseher zusehen muss, wie Pavel Pogrebnyak die (zugegebenermaßen sehr wenigen) Bälle, die er bekommt, nahezu ausnahmslos binnen Sekunden dem Gegner übergibt. Es irritiert mich, dass auch ein angeschlagener Okazaki den Vorzug vor Timo Gebhart erhält, über den man wohlwollend wenigstens sagen könnte, dass der, der viel macht, auch viele Fehler macht.

Es will mir nicht in den Kopf, dass man „auf einem guten Weg“ sein soll, wenn Dinge, die in dieser Saison schon hervorragend funktioniert haben, nunmehr wieder so weit entfernt scheinen. Die Stabilität und Solidität in der Abwehr, nicht zuletzt dank des Zusammenspiels zwischen Tasci und Maza: dahin. Die Effektivität, Souveränität und gelegentlich auch Brillanz im Zentrum, verkörpert von Kvist, Kuzmanovic und Hajnal: perdu. Mutiges Offensivspiel, wie wir es insbesondere gegen Dortmund gesehen haben: Fehlanzeige.

Dabei hat sich Werder gar nicht komplett eingeigelt – dass der VfB dann noch immer, und man möchte fast sagen: traditionell, Schwierigkeiten hat, ist unstrittig, und ist auch eine Herausforderung, die sich möglicherweise nur Zug um Zug angehen und bewältigen lässt. Genauso wenig sind die Bremer eine Übermannschaft, gegen die man nicht aus der eigenen Hälfte herauskommt. Außer natürlich, man ist nicht in der Lage, den Ball über drei, zwei oder auch nur eine Station aus der eigenen Abwehr heraus in die gegnerische Hälfte zu tragen. Dann wird es schwierig, wie wir gestern gesehen haben – in besonderem Maße, aber beileibe nicht nur, bei Kuzmanovic.

Mir wäre nach schwadronieren. Über Boulahrouz‘ (und nicht nur seines) Abwehrverhalten vor dem 1:0. Über Hajnals Kopfball vor dem 2:0, der mich verblüffend an Matthäus‘ Rückpass auf Wörns erinnerte, damals, Sie wissen schon. Nur dass Kvist nicht den Wörns gab, sondern – richtigerweise – zurückzog. Und das Foul Boulahrouz überließ, wofür Naldo dankte. (Eine Frage an möglicherweise anwesende Experten: Aus meiner Sicht war Wolfs Sperren gegen Kvist, der sich aus der Mauer heraus in den Weg werfen wollte, grenzwertig. Vielleicht mehr als das. Abgesehen davon, dass Wolf Kvist einen Gefallen getan haben mag, und dass ich weit davon entfernt bin, am Ergebnis und an Herrn Kinhöfers Leistung herumdeuteln zu wollen: Kann man das abpfeifen? Sollte man das abpfeifen?)

Aber wer weiß? Vielleicht waren die VfB-Spieler ja auch nur abgelenkt ob der historischen Bedeutung dieses 27. November. Vielleicht beschäftigte sich Boulahrouz im Spiel intensiv mit Tunnelbauweisen? Möglicherweise entschied sich Harnik tatsächlich in letzter Sekunde gegen die Kopfvariante? Hatte Bobic bei seinem Interview die ersten Abstimmungsergebnisse im Sinn?

(Verzeihung, ich stehe ein wenig neben mir.)

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10 Antworten to “Eine Frage der Zieldefinition”

  1. hirngabel Says:

    Gut, dass dieses Mal ich nix vom Spiel gesehen habe.

  2. Schwob Says:

    Ich war ja leider am Ort des Geschehens. War wirklich erschreckend, sich das ansehen zu müssen. Die Bremer waren auch ziemlich harmlos, was die Prognosen der Werder-Fans vor dem Spiel nur bestätigte. Die waren nach dem Spiel einfach mehr als froh, im VfB so einen schwachen Gegner gehabt zu haben. Und daraus kein Kapital zu schlagen, tut besonders weh…

  3. jon dahl Says:

    Und Holzhauser schießt in der 3. Liga die 2. Mannschaft in Richtung Tabellenspitze, während Labbadias Offensivhoffnung einmal mehr Christian Gentner heißt. Aber der Trainer ist ja bekanntlich nicht doof, und wahrscheinlich sollen Spieler wie Holzhauser, Bauer und Hemlein einfach den neuen „Stuttgarter Weg“ gehen – direkt von der Bank zur (früheren) Konkurrenz um die internationalen Plätze.

  4. heinzkamke Says:

    @hirngabel:
    Für Dich vielleicht.

    @Schwob:
    Im Fernsehen hatte man (besser: ich) den Eindruck, deutlich mehr von den Stuttgarter Zuschauern zu hören als von den Heimfans, zumindest zu Beginn. Täuscht der Eindruck?

    @jon dahl:
    Konkurrenz um die internationalen Plätze, süß.

    Hatte mir kurz überlegt, Holzhausers Tore anzusprechen. Allerdings muss man einräumen, dass auch die intensiveren Beobachter wenig Zweifel daran lassen, dass seine Leistungen bei den Amateuren im bisherigen Saisonverlauf mit den Erwartungen nicht Schritt halten konnten. Natürlich kann man sich Theorien vorstellen, die diese Leistungen und die Nichtberücksichtigung im Profikader in einen gewissen Zusammenhang stellen. Damit begibt man sich allerdings argumentativ auf dünnes Eis, finde ich.

    • Schwob Says:

      Der Gästebereich war sehr gut gefüllt und auch vor und nach dem Spiel habe ich viele Fans in Rot-Weiß gesehen, erstaunlich für die große Distanz und einen Sonntag, wie ich finde. Die Stimmung im Block war zu Beginn auch ziemlich gut, was dann aber aufgrund der schwachen Leistungen auf dem Platz nach und nach verstärkt in Unmutsäußerungen umschlug. Trotzdem war der Supprt das beste an diesem Tag für unsere Farben. Von den Bremer Fans habe ich in Halbzeit 1 tatsächlich kaum etwas vernommen, erst als die Tore fielen, wurden sie lauter.

  5. jon dahl Says:

    „früheren“ Konkurrenz, Herr Kamke, „früheren“.
    Auf dem dünnsten Eis tänzeln seit geraumer Zeit die Herren Gentner und Cacau, dann kann von der Holzhauser-Henlein-Combo kaum weniger kommen, behaupte ich mal.

  6. heinzkamke Says:

    Sie sehen mir gewiss nach, Herr, äh, Dahl, dass ich neben der Streichung des von Ihnen genannten l auch noch ein fehlendes n ergänzte.

    Mit dem dünnen Eis bezog ich mich keineswegs auf die Leistungen der jungen Leute, sondern darauf, dass die von mir oben skizzierte Argumentation zu Rückschlüssen auf Professionalität und Motivation bis hin zu Charakterfragen führen könnte.

  7. Horscht Says:

    Zu Holzhauser: Bitte wie von heinzkamke schon angedeutet, seine gesamte Hinserie betrachten und nicht ein Spiel, in dem er 2 Tore nach Standards geschossen hat.. (So schön die auch waren)

    Zu Bremen: Die Niederlage ist echt schwer zu verdauen, vorallem bei der Leistung, die abgeliefert wurde. Bin apropos der Meinung, dass die Aktion von Bargfrede? vor Boulahs Fouls gestrecktes Bein war und abgepfiffen hätte werden müssen. Aber dann wäre es halt 0-1 ausgegangen, denn ein Tor hätte der VfB nie geschossen…


  8. […] on 375 – 163g – 91u …Neunnachneun «… on LobesodolHorscht on Eine Frage der Zieldefini…heinzkamke on Eine Frage der Zieldefini…Schwob on Eine Frage […]


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