Hoffenheim, ey – typisch mein Alter!

21. Oktober 2011

Man bekommt ja mitunter recht wenig mit von so einem Fußballspiel, wenn man einen Neuling mit ins Stadion nimmt. Kurt Schmidtchen weiß ein Lied davon zu singen, wohl auch so manche regelmäßige Stadiongängerin, die einmal versucht hat, dem fußballerisch unbeleckten Herrn ihres Herzens ihre Leidenschaft für das Spiel nahe zu bringen (und grandios gescheitert ist), und ich selbst hatte das Problem auch schon einmal, wenn auch mit vertauschten Rollen: die junge Dame hatte zwar im Vorfeld ein gewisses Grundinteresse am Fußball bekundet und Vorerfahrungen ins Feld geführt; die Gespräche im Stadion – ich war der einzige Ansprechpartner – boten indes hinreichend Anlass, sowohl an den Vorerfahrungen als auch am Grundinteresse zweifeln. Ganz zu schweigen von der Bekleidungskompetenz, was spätestens ab der 30. Minute ein zunächst an sich selbst, später zunehmend eindeutig auch an mich gerichtetes Wehklagen ob der unerwarteten Kälte mit sich brachte. Die sich, aber das ist nur eine kaum fundierte Vermutung meinerseits, ihren Weg durch die hauchdünnen Sohlen gebahnt haben dürfte. Insbesondere am Vorderfuß, aufgrund wesentlich größerer Bodennähe.

Es handelte sich übrigens nicht um die Dame meines Herzens, und auch die vorab möglicherweise latent vorhandene Bereitschaft, in diesem Kontext „noch nicht“ zu denken bzw. Jahre später zu schreiben, nun ja, sie schwand. Interessant übrigens, wie vertraut „Dame meines Herzens“ klingt, während ich oben beim „Herrn ihres Herzens“ zögerte. Wieso ist es völlig normal, eine Dame des Herzens zu haben, während ein Herr des Herzens eher kritisch beäugt wird? Oder geht das nur mir so? Liegt es daran, dass der Herr gleich nach einem Herrscher klingt, den wir mit dem Herzen eher ungern in Verbindung bringen? An den Herren, die nicht zu herzlich wahrgenommen werden wollen? Oder müssen wir eher die Historie bemühen, Rollenverteilungen betrachten, aus denen heraus derlei Redewendungen entstanden oder eben nicht entstanden sind, verzweifelte Minnesänger, die ihr Herz bedingslos an eine Frau verschenkten, ohne ihres je gewinnen zu können? Interessiert keinen? Und keine? Ist außerdem hanebüchen? Ok. Dann halt zurück ins Stadion.

Ins Neckarstadion, um genau zu sein, wo ich am vergangenen Samstag mit einem weiteren Neuling war, und wo ich in der Tat deutlich weniger vom Spiel mitbekam als sonst. Sicher, ich sah die Tore, auch die meisten Torchancen (waren ja nicht so viele), im Grunde alles auf den ersten Blick Wesentliche, weit mehr als das, was man je im Sportstudio erfahren würde; und doch wäre ich nicht in der Lage, die Leistungen einzelner Spieler seriös zu beurteilen. Spiel ohne Ball, Laufwege, Angriffsstrategien, für all das fehlte ein wenig das Auge, phasenweise gar für die unscheinbare Effektivität des William Kvist. Dass Cacau Martin Harnik am Torschuss hinderte, klar, das hab ich gesehen, Pogrebnyaks in der ersten Halbzeit eher glückloses und später belohntes Engagement auch, die Schnelligkeit seiner Bewegungen vor dem 2:0, die für das menschliche Auge, zumindest für das von Isaac Vorsah, schlichtweg nicht zu erfassen waren. Hajnals gedankliche Frische war zu erahnen, Gebharts Stimmungslage ist ohnehin klar, Okazakis Standfestigkeit war erneut unübersehbar und erinnert fast schon an Neven Subotic. Babak Rafati hat sich unverkennbar stets bemüht. Und Christian Gentner war zu kurz auf dem Platz, um Andreas Becks Einschätzung, wonach es in der Bundesliga „nicht viele Spieler [gebe], die so schnell sind wie er“, gemeint war Gentner, glaubhaft nachweislich zu widerlegen. (Aber die Frage, ob alle mir bekannten VfB-Anhänger ein Geschwindigkeitseinschätzungsproblem haben oder ob Herr Beck seinen Beruf nicht ernst genug nimmt, könnte bei Gelegenheit einmal Gegenstand einer Erörterung werden.)

Ich bin mir nicht sicher, ob es meinem Sohn dereinst allzuviel Anerkennung einbringen wird, wenn er die Frage nach seinem ersten Stadionbesuch mit „5 Jahre, natürlich im Neckarstadion, am 15. Oktober 2011, in der neuen Cannstatter Kurve, 2:0 gewonnen, gegen, äh, Hoffenheim“ beantwortet. Da gäbe es wohl Namen mit einem besseren Klang, vermutlich nicht nur nach heutigem Ermessen. Für mich war es gleichwohl ein großartiges Erlebnis. Und ich müsste mich schon schwer täuschen, wenn es für meinen Großen, der manchmal auch mein Kleiner ist, nicht auch so gewesen wäre, auch wenn er lange Zeit nicht allzu viel gesagt hat. Er ist ja nicht so der extrovertierte Typ, und 55.000 Menschen, von denen einige in nächster Nähe rumbrüllen (der auf freundliche Empfehlung eingesteckte Lärmschutz störte und wurde rasch entfernt), können einen schon mal ein wenig schweigsam werden lassen. Zumal die Rechnung, wieviele Plätze denn frei waren, wenn eigentlich 60.000 Leute reinpassen, auch ein wenig Konzentration verlangt. Oder die Frage, woran man denn nun erkenne, welcher Hoffenheimer ein Abwehrspieler sei, und eben kein Mittelfeldspieler oder Stürmer, wo doch alle gleich blau seien, man zur Klärung der Abseitsfrage aber immer den hintersten Abwehrspieler heranziehen müsse (ja, den Sonderfall mit dem Torwart ließ ich weg, den Trend zur Polyvalenz auch). Zudem galt es, die Bedeutung der gelb hinterlegten Namen auf der Anzeigetafel zu klären, und gemeinsam rätselten wir, ob ein des Feldes verwiesener Spieler fortan in rot oder gar nicht mehr in der Aufstellung geführt werde. Die betriebswirtschaftlichen Vorteile von Wechselbanden, deren naturgemäß wechselhafter Charakter mit dem Wunsch nach dem Verbleib einer bestimmten und besonders hübsch animierten Werbung kollidierte, wollten ebenso hinterfragt werden wie die Funktionsweise einer Bezahlkarte, die ich am Samstag erstmals auflud, der unverzichtbaren roten Premierenwurst wegen, und zum Einsatz brachte. Für seine Kinder schmeißt man halt mitunter sämtliche Überzeugungen über Bord (und sieht sie sogleich bestätigt, aber das nur am Rande). War übrigens die Karte des verhinderten Mitstadiongängers – die paar verbliebenen Euro darf er gerne haben, und ich kann weiterhin die Boykottmonstranz vor mir hertragen.

Anhänglich war er, der Sohn. Das freut den Vater, nicht nur, weil er inmitten der Menschenmengen panische Angst hat, den Sohn aus den Augen zu verlieren. Während des Spiels, zugegeben, war diese Anhänglichkeit zeitweise eine körperliche Herausforderung. Wir stehen ja auf Sitzplätzen. Falsch. Früher standen wir auf Sitzplätzen, bzw. auf den Sitzen. Seit einigen Jahren stehen wir vor den hochgeklappten Sitzen. Mein Kleiner (wird er gar nicht so lustig finden, diese Bezeichnung, wenn er das hier dereinst nachliest, was vermutlich nicht der Fall sein wird) stand tatsächlich auf seinem Sitz, und der ganz normal überfürsorgliche Vater musste ihn natürlich darauf hinweisen, dass er mindestens einen Fuß vorne platzieren solle, um ein Kippen zu vermeiden. Mit der Konsequenz, dass er zur Sicherheit erst einmal sitzen wollte. Und nichts sah. Also versprach ich, sowohl seinen Sitz als auch ihn selbst ein wenig zu stützen. Korrekter: ihn zu stützen und den Sitz zu drücken. Nun, wer ein wenig gestützt wird, neigt ja gerne mal dazu, sich mehr und mehr stützen zu lassen. Und dann ist es gar nicht mal so trivial, einen neben sich angebrachten Klappsitz mit dem Knie nach unten zu drücken und gleichzeitig den darauf halb stehenden und versuchsweise mit dem Gesäß hinten anlehnenden jungen Mann mit einem Arm gegen das Nach-Hinten-Fallen abzusichern (Vorsicht, letzte Reihe, nach hinten fällt man anderthalb Meter tief), der sich zudem in einem 60-Grad-Winkel nach links neigt und einem zur Sicherheit anderthalb Arme um den Hals gelegt hat. Hat keiner verstanden, ne? Auf jeden Fall kann man sich so, mit wunderbar eng beieinander liegenden Köpfen, auch bei höherem Lärmpegel vergleichsweise gut unterhalten. Und sich gegenseitig Fangesänge vorsingen, was den Vater in der Zuhörphase ein wenig anfasst. Wer will da schon Fußball schauen?

Erwähnte ich übrigens, dass er – vermutlich ist es doch eher müßig, es zu erwähnen – ein Trikot trug? Eines, das ich 2007 kurz vor der Meisterschaft gekauft hatte. (Ist es unfair, genau an dieser Stelle auf Herrn Wieland zu verweisen, dessen Sohn auch dereinst ein erstes Mal erlebte?) War ihm natürlich viel zu groß, damals, mit anderthalb Jahren, 128 war die kleinste (noch?) verfügbare Größe gewesen, aber wen sollte das bei der Meisterfeier stören? Jetzt passt es. Und ist immer noch groß genug, um den einen oder anderen Pulli drunter zu tragen. Bisschen blöd, das, ich würde ihm doch gerne mal wieder ein neues kaufen. Wobei: vielleicht können wir so das Thema Gazi noch aussitzen, wäre ja auch nicht verkehrt.

Hinterher hat er gesagt, er wolle bald wieder einmal mit, mein Großer. Was will man mehr?

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19 Antworten to “Hoffenheim, ey – typisch mein Alter!”


  1. Wunderbar. Nicht nur wegen Kurt Schmidtchen. Und ich bin mir sicher, Du wirst das an sich so gewöhnliche Bundesligaspiel noch lange in Erinnerung behalten. Dem Sohn Deines Herzens sei Dank!

    Btw, der kindliche Blick auf den Fußball würde uns allen wohl ganz gut tun. :-)


  2. In so vielerlei Hinsicht schön, dass das bisschen Hanebüchene nicht stört, sondern das Tüpfelchen auf dem i ist.


  3. Ein wunderschöner Text über Vater und Sohn!

  4. nedfuller Says:

    Hoffenheim. Naja, wenigstens ein Sieg gegen Hoffenheim.

    Mein erste Fußballspiel im Volksparkstadion mit meinem Vater war ein Länderspiel. Gegen Bulgarien. Das war total unspektakulär.

    Ich hoffe die Juniorette wird sich an ihren ersten Stadionbesuch besser erinnern. Noch nicht, 3,5 ist mir noch zu jung, aber bald.

  5. Schwob Says:

    Hach, wie sehr freue ich mich schon darauf, dieses Erlebnis ebenfalls einmal machen zu dürfen. Dann mit gleich zwei jungen Männern, die nun aber auch schon seit knapp 3 Jahren Mitglied meines Herzensclubs sind…

  6. jon dahl Says:

    „War übrigens die Karte des verhinderten Mitstadiongängers – die paar verbliebenen Euro darf er gerne haben, und ich kann weiterhin die Boykottmonstranz vor mir hertragen.“

    Dein Mitstadiongänger ist ein Freund dieser widerwärtigen Karten? Oh je. Herrn Erlingers Meinung zu deinem Vorgehen würde mich ja trotzdem interessieren.

  7. Daniel Says:

    Mal wieder ein toller Blogeintrag. Danke für die Mühe!

  8. Huge Says:

    Eine wunderbare Geschichte, und so schön aufgeschrieben. Danke dafür!

  9. Sebastian Says:

    Sehe im Stadion häufig Kinder mit diesem Hörschutz. Da sich bei mir K1 massiv über die Lautstärke beschwert, überlege ich immer noch, mir den Hörschutz versuchsweise zuzulegen. Wird vielleicht demnächst eine Produktanpreisung wert. Aber erst, nachdem ich für einen Wickeltisch im schönsten Stadion der Welt (Nun ja, kann nichts dafür. Es heißt so) demonstriert habe.

  10. Horscht Says:

    Sehr schöner Artikel, aus einer etwas anderen Perspektive. Beim Lesen der Überschrift wollte ich schon zum Standardbashing über Hoffe bzw Bayer und VW ansetzen…

  11. Der LIBERO Says:

    Ich stimme meinen Vorrednern zu. Ein wirklich schöner Beitrag.


  12. […] “Man bekommt ja mitunter recht wenig mit von so einem Fußballspiel, wenn man einen Neuling mit ins Stadion nimmt. Kurt Schmidtchen weiß ein Lied davon zu singen, wohl auch so manche regelmäßige Stadiongängerin, die einmal versucht hat, dem fußballerisch unbeleckten Herrn ihres Herzens ihre Leidenschaft für das Spiel nahe zu bringen (und grandios gescheitert ist), und ich selbst hatte das Problem auch schon einmal, wenn auch mit vertauschten Rollen:” angedacht: Hoffenheim, ey – typisch mein Alter […]

  13. heinzkamke Says:

    Danke schön Euch allen.

    @Schwob:
    Ich frage mich ja ein wenig, wie Du beide auf einmal festhalten willst. ;-)

    @Sebastian:
    Mit irgendjemandem hatte ich neulich schon drüber geredet, dass es die Dinger doch gebrandet (?) in den Fanshops geben müsste.

    Und ganz korrekt wäre doch Schönstes-Stadion-der-Welt-Nichtarena, oder?

  14. 1ng0 Says:

    ach, was für ein schöner text. und schön zu lesen, dass auch fünfjährige dem erlebnis stadion gewachsen sind. habe da nämlich auch schon anderes gehört, ich selbst war schon zehn beim ersten stadionbesuch, aber heutzutage ist ja alles immer früher.

    mein großer kleiner wird in zwei wochen vier und will jetzt auch endlich mal mit und sein trikot (gazi, größe 116) präsentieren. hmm, nur wann? und gegen wen? wohnortbedingt böte sich zwar ein auswärtsspiel an (und in köln kantert der vfb ja seit jahren mit schöner regelmäßigkeit), aber das erste mal sollte ja doch schon besser ein heimspiel sein. am besten natürlich wie bei mir, ein sieg gegen die bayern (22.10.1983, torschütze kelsch). zudem hab ich ein bisschen schiss, dass der verein, der beim ersten stadionbesuch gewinnt, automatisch zum liebling wird. die sind ja noch sehr wechselhaft und opportunistisch, die großen kleinen.

  15. freval Says:

    Herzbube heißt das! Herrscher klingt so nach Rohypol.

  16. heinzkamke Says:

    @1ng0:
    Das Problem ist ja wohl wirklich keines, oder? Da nimmst Du einfach auch ein Heimspiel gegen die Bayern, wie bei Dir damals, ist ein klangvoller Name und die Punkte bleiben sowieso in Stuttgart.

    @freval:
    Herzbube.
    Manchmal ist die Lösung so verdammt einfach, danke.

  17. 1ng0 Says:

    @heinzkamke

    naja, heimsiege gegen bayern gelingen ja eigentlich nur in saisons, in denen man meister wird, oder in solchen, in denen man weit hinter den erwartungen zurückbleibt. und beides ist diesmal nicht der fall. fürchte bzw. hoffe ich.

  18. Jannik Says:

    Dieser Text hat mir wieder einmal gezeigt, dass du einfach einer der besten Erzähler unserer Fußballblogger-Zeit bist.

    (Trotzdem eine kritische Anmerkung: Ich wünsche mir mehr Absätze. Und das ist keine Retourkutsche für deinen völlig berechtigten Favicon-Wunsch.;))


  19. […] dabei mit viel Humor und liebevollen Beobachtungen über seine Besuche im Stadion. Besonders der Eintrag über den ersten Stadiongang mit seinem Sohn sei hier exemplarisch […]


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