Dugarry!

14. Oktober 2011

Dugarry! Dugarry! Dugarry!

Wir schrieben den 20. November 1993, im Stade Vélodrome zu Marseille war die AJ Auxerre zu Gast, und die (korrekter: der) Virage Sud skandierte ausdauernd den Namen eines jungen Stürmers aus Bordeaux? Irgendetwas stimmte da nicht, und wir würden herausfinden, was es war.

Ich blickte zwei Monate zurück, auf den 18. September, meinen ersten Besuch im Vélodrome, der gleichzeitig auch die Gelegenheit war, bei der ich besagten Dugarry erstmals hatte spielen sehen:

Bordeaux reiste als Tabellenführer an. OM hatte wenige Monate zuvor die Champions League gewonnen, in gedoptem Zustand, wie es heißt. Gar nur wenige Tage zuvor hatte man durch ein gekauftes Spiel gegen Valenciennes die Meisterschaft gewonnen, wie man weiß. Auf sanften Druck der Uefa wurde der französische Meistertitel aberkannt, in der Champions League durfte man nicht antreten, und der gemeine Marseillais sah sich in seiner herzlichen Abneigung gegen den französischen Verband bestätigt, manche würden wohl sagen (ich gehöre dazu): gegen so ziemlich alles, was aus Paris kommt. Marseille, c’est pas la France, Sie wissen schon.

Angesichts dieser Gemengelage brachte das Spiel gegen den Spitzenreiter – der ebenfalls nicht im Verdacht stand, zu den beliebtesten Gästen zu zählen, was dem einen oder anderen verbreiteten Fangesang noch heute zu entnehmen ist – eine gewisse Brisanz mit sich. Mit meiner 4L hatte ich mich kurzfristig auf den Weg gemacht, es war ja nicht weit, aber eben zu spät, um noch auf den Bus zu warten, mit drei Engländern im Auto, die die ganze Zeit von Chris Waddle redeten, von seinen drei großartigen Jahren in Marseille. Dass ich seiner in erster Linie als Elfmeterschütze gedachte, behielt ich für mich. Entgegen aller Erwartungen fand sich ein mehr oder weniger regulärer Parkplatz auf dem Boulevard Michelet, der Schwarzmarkt florierte, ohne dass die Preise bereits ins Unermessliche gestiegen wären: 100 Franc, Stehplatz, Virage Sud, alles gut. Eher zufällig aß ich noch rasch mein allererstes Sandwich Merguez Frites, das fortan zum Stadionbesuch gehörte wie heute eine rote Wurst, und betrat dann erstmals das Vélodrome. Quelle ambiance! So kritisch ich heute pyrotechnischen Aktivitäten in Fußballstadien gegenüberstehe – damals war der bunte Rauch elementarer Bestandteil einer Atmosphäre, die mich vom ersten Moment an gefangen nahm.

Mein Platz war zunächst beschissen, unmittelbar neben einem stark frequentierten Durchgang, sodass ich immer wieder einen Schritt zur Seite gehen und in der Folge Verrenkungen machen musste, um aufs Spielfeld zu sehen. Von den Gesängen verstand ich erst einmal kein Wort, um mich herum sprachen Menschen in Zungen – erst Jahre später, als ich erstmals Snatch sah, sollte ich wieder ähnlich verständnislos zuhören -, und zu allem Überfluss ging der Gast in der ersten Minute in Führung. Unschön, aber: egal. Ich fühlte mich großartig. Auf dem Feld standen Leute wie Boli, Deschamps, der phänomenale Boksic und der wunderbare Piksi Stiojkovic, natürlich Völler und Barthez, Boghossian, der am Beginn seiner ersten starken Saison stand, und nicht zuletzt Éric di Meco, dessen Kultstatus sich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht so recht erschloss. Marcel Desailly sollte an diesem Tag die besondere Ehre zuteil werden, das erste in einer Reihe mehr oder weniger prominenter Opfer von Zinédine Zidane zu werden, der sein professionelles Platzverweisdebüt stilecht mit einem Faustschlag beging. Der Heldenstatus in seiner Heimatstadt Marseille würde noch ein Weilchen auf sich warten lassen.

Im Lauf des Spiels gewöhnte ich mich an die Gesänge, erinnerte lautstark an den 26. Mai, auch wenn ich jenes Spiel nur in Teilen gesehen hatte, stimmte mit zunehmender Inbrunst ins „Aux Armes!“ ein und merkte vor allem eines: „Quand le virage se met à chanter, c’est tout le stade qui va s’enflammer!“ Möglicherweise lag es indes nicht nur an der Kurve, sondern auch ein wenig am Spielverlauf: di Meco glich gleich nach der Pause aus, Dutuel erhöhte und Prunier, William Prunier, der in der Vorsaison noch im Uefa-Cup-Halbfinale gegen Dortmund für AJ Auxerre den Haudrauf gegeben hatte, setzte kurz vor dem Ende den Schlusspunkt. 3:1, der Tabellenführer war zwar nicht gestürzt, aber man war jetzt punktgleich mit den Bordelais und hatte gezeigt, dass es l’OM, den Ungerechtigkeiten der Welt zum Trotz, an die wir fortan wie selbstverständlich auch glaubten, allen erst recht zeigen würde. Christophe Dugarry wurde bei den Girondins eingewechselt – ein Name (und ein junger Mann), den ich bald darauf und auf Jahre Jahrzehnte hinaus mit der WM 1994 assoziieren würde.

In der Liga sollte sich indes schon beim nächsten Heimspiel gegen Metz mehr als nur andeuten, dass bei OM einiges im Argen lag – nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern auch und ganz besonders neben dem Platz: kurz vor Schluss musste die Partie beim Stand von 0:3 wegen eines Platzsturms abgebrochen werden. Es sollte nicht mein einziger Spielabbruch im Vélodrome bleiben. Anderthalb Jahre später, man war zwischenzeitlich als Spätfolge der Valenciennes-Sache in die zweite Liga versetzt worden, lag man gegen Nancy mit 0:2 zurück, als erneut Sitzschalen und was weiß ich alles flogen – und mir nicht so ganz wohl war in meiner Haut. Barthez war früh vom Platz geflogen, Casoni später auch, und natürlich war die Welt wieder einmal ungerecht. Genau wie am Ende jener Zweitligasaion, die man zwar als Meister beendete; aufsteigen durfte man dennoch nicht und musste sich noch ein weiteres Jahr gedulden.

Aber ich war ja eigentlich in der Saison 93/94. Großartige Spiele wie jenes gegen Bordeaux wechselten sich lange Zeit mit furchtbaren Auftritten wie dem gegen Metz ab, ehe man sich in der Rückrunde auf Platz zwei festsetzte. Nicht zuletzt dank Sonny Anderson, der eine herausragende Saison spielte (und danach nach Monaco wechselte), gewann Rudi Völler das Nationalstürmerduell gegen Klinsmanns Monaco, und ich verpasste kein Heimspiel.

Was ich indes ein wenig stiefmütterlich verfolgte, war der Fußball in Deutschland, und war nicht zuletzt die Endphase der WM-Qualifikation. Die Niederlage der Franzosen gegen Israel hatte ich nur so halb verfolgt, und auch beim entscheidenden Spiel gegen Bulgarien am 17. November saß ich nicht vor dem Fernseher, sondern streifte ein wenig durch die Stadt. Könnte mit einer Frau zu tun gehabt haben. Im Vorbeigehen hörten wir Jubel aus einer Kneipe, die Uhrzeit verriet, dass das Spiel gerade so vorbei sein dürfte, beim Blick durch die Eingangstür waren jubelnde Menschen in OM-Trikots zu sehen. Da hätte man stutzig werden können. Als einer von ihnen herauskam, frug ich nach dem Ergebnis, und ob Frankreich es nun doch noch geschafft habe, was er, offensichtlich hocherfreut, verneinte. Ich gebe zu, ich war, obwohl ich schon einige Zeit in Marseille verbracht und die, vorsichtig ausgedrückt, verbandskritische Stimmung im Stadion im Grunde alle zwei Wochen erlebt hatte, ein wenig überrascht. Naiv, offensichtlich.

Drei Tage später spielte OM im Vélodrome gegen Auxerre, wir waren recht früh da, um vor dem Spiel ein wenig von der Stimmung mitzubekommen. Als sich das Stadion langsam füllte, wurden die ersten Gesänge angestimmt.

„Dugarry! Dugarry! Dugarry!“

hieß es da, wir sahen uns zunächst verwirrt an, da der Betreffende nach wie vor für Bordeaux aktiv war, auch noch nicht für die Nationalelf, und für OM sollte er erst viele Jahre später auflaufen. Also hörten wir noch etwas genauer hin:

„Bulgarie!“

Schön, dass sich Frankreich für die EM 2012 qualifiziert hat.

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15 Antworten to “Dugarry!”

  1. Thor Says:

    Dafür liebe ich Dein Blog.

    Mein eigenes OM-Erlebnis: 27.9.2002 gegen Ajaccio sowie bei der WM 98 in einigen Bistros von Marseille. Da war die Stimmung allerdings klar für Zizou und Co.

  2. bayer04s Says:

    Toll!
    Noch alles wie, „als wärs gestern passiert“ abrufbar oder wie lange hast du rekapituliert?
    Ich hatte Gänsehaut!

  3. Jens Says:

    das war ich übrigens… ;)


  4. Hach, Heinz, Du kannst so schön Stimmungen aus der Vergangenheit transaportieren!

    Frankreich ist für mich ein weißer Fleck auf meiner Landkarte. Marseille steht auf der Liste der zu bereisenden Städte dort ganz oben auf der Liste. Das mag an meiner Affinität für Hafenstädte liegen – und auch an der „Tour de France“, die Asterix und Obelix vor über 2000 Jahren unternommen haben.

  5. heinzkamke Says:

    Danke schön, Ihr seid zu gut zu mir! :-).

    @Thor:
    Das ist etwas, was ich wirklich bereue: dass ich mich 1998 nicht nach Marseille bewegt habe, egal ob mit oder ohne Karten. Ich will hoffen, dass das 2016 besser klappt.

    @bayer04s, Jens:
    Hehe, man hat einfach zu viele Identitäten.

    Zur Frage nach der Erinnerung: es ist , wie so oft, von allem etwas. Teile hatte ich noch sehr klar vor Augen, die Umstände, das Drumherum, sogar die Parksituation, ziemlich schräg und so nah am Baum, dass der junge Mann hinten rechts auf der anderen Seite aussteigen musste. Die Torschützen (außer di Meco) hätte ich indes nicht mehr gewusst, manch Anderes auch nicht. Aber man vertieft sich dann ja gern und mäandert ein wenig durch allerlei Fußballststatistikseiten und -blogs, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, um am Ende der in der Sache nicht sonderlich aufwändigen Recherche schon wieder ein halbes Dutzend Dinge im Kopf zu haben, die eigentlich auch mal beleuchtet und erzählt werden könnten.

    @Stadtneurotiker:
    Immer wieder dieser Asterix, auf den stoße ich an allen Ecken und Enden. Irgendwann muss ich mich wohl mal intensiver mit ihm befassen. Und Du Dich mit Marseille, ganz ohne Frage.


  6. Magnifique! Mais: Allez les verts! ;-)

    • heinzkamke Says:

      Les Stéphanois? Hm, ich weiß nicht recht. Wir hatten mal ein Pokalspiel gegen eine Hochschule aus St. Etienne. 1:0 geführt, den Torschützen verschweige ich aus angeblich bescheidenen Gründen, 1:4 verloren. Und natürlich waren sie in grün angetreten. Seither sind meine Sympathien ein wenig geschwunden.


  7. „Schreibt mehr Geschichten“, erinnere ich heinz fordern. Wie schön, dass Du Dich selbst dran hältst, stets so rund im Stil und dann auch noch mit Geschichten und Pointen aus einer exotischen, fernen Welt, die man sonst nie (auf deutsch) zu lesen bekäme.

    Außerdem hab ich gelernt, was eine 4L ist, und dann auch gleich noch, dass sie feminin ist.

    (Die Option, über folgende Kommentare informiert zu werden, existiert in zweifacher Ausführung.)

  8. Jens Says:

    @Trainer – (Die Option, über folgende Kommentare informiert zu werden, existiert in zweifacher Ausführung.) – Ich glaube, dass das eine die Informierung über weitere Kommentare ist und dass das andere die Informierung über neue Beiträge/Posts auf der Seite ist.


  9. Lesen… ein Königreich dafür, es zu beherrschen. Danke, Jens.

  10. heinzkamke Says:

    @Trainer:
    Meine Vermutung deckt sich mit Jensens (Danke!). Sag Bescheid, wenn’s anders gemeint war.

    Was die 4L anbelangt, hatte ich gehofft, den einen oder die anderen zum Googlen zu animieren. Ist schließlich wichtiges Kulturwissen.


  11. Jetzt isses bald schon 20 Jahre her.

    Immer noch schöner Text.


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