Im Rahmen des Regelwerks (hier: Regel 16)

19. September 2011

Ich kenne die fußballspezifischen Statistikwerte von Felix Bastians nicht en détail. Bis zum VfB-Spiel in Freiburg kannte ich sie nicht einmal ungefähr, wenn ich ehrlich bin. Dass ich mich hernach ein wenig damit befasst habe, liegt daran, dass der VfB seine Taktik offensichtlich weitgehend auf ihn zugeschnitten hatte. 54,8 % seiner Kopfballduelle hat Bastians im Verlauf der bisherigen Saison gewonnen, sagt bundesliga.de. Ob das für einen Linksverteidiger viel ist? Ich weiß es nicht. Christian Molinaro kommt auf 60 %, Christian Schulz auf knapp 70 %, Philipp Lahm liegt etwa bei 45.

Wie auch immer: es war bemerkenswert, dass Sven Ulreich jeden einzelnen Abstoß an der rechten Torraumecke ausführte, selbst in Situationen, in denen man sich einen kurzen, raschen Abstoß auf der linken Seite hätte vorstellen können, und mehr oder weniger zielsicher die Herren Harnik und Bastians anvisierte. Sicher, die Regel besagt, dass der Abstoß „von irgendeinem Punkt innerhalb des Torraums ausgeführt“ werden soll, und doch erscheint es ungewöhnlich. Mag daran liegen, dass ich noch mit der alten Regel aufgewachsen bin: „Beim Abstoß wird der Ball auf diejenige Torraumecke gelegt, auf deren Seite er die Torlinie verlassen hat.“ Oder daran, dass es gefühlt noch immer häufig so gehandhabt wird.

Vielleicht fiel es mir auch deshalb besonders auf, weil ich, speziell nachdem Schiedsrichter Guido Winkmann sowohl Cacau als auch Molinaro wegen Zeitspiels verwarnt hatte (bei Cacau zurecht, bei Molinaro möglicherweise in Tateinheit mit mehreren falschen Einwürfen und dennoch meines Erachtens ungerechtfertigt), bei jedem Abstoß, bei dem Ulreich ein wenig umständlich die Seite wechselte, mit einer Verwarnung rechnete. Winkmann machte jedoch keinerlei Anstalten, und möglicherweise hätte er sich damit angesichts des Regelwerks auch gar nicht so leicht getan. War diese Regel nicht dereinst geändert worden, um eine schnellere Wiederaufnahme des Spiels zu ermöglichen? Ich hätte nichts gegen die Wiedereinführung der alten Regel.

Um nicht missverstanden zu werden: ich glaube nicht, dass Ulreich so handelte, um Zeit zu schinden – andernfalls hätte der jeweilige Seitenwechsel ja auch in die andere Richtung vonstatten gehen müssen. Tatsächlich aber schien es eine klare taktische Maßgabe zu sein, dass jeder Abstoß von der rechten Torraumecke ausgeführt und auf Martin Harnik gespielt werden solle, der dann auch tatsächlich das eine oder andere Luftduell gegen Felix Bastians gewann. Ohne dass daraus torgefährliche Situationen entstanden wären, aber das ist dann ja noch einmal eine ganz andere Frage – eine Stuttgarter Variation des vom hiesigen Hausherrn gewiss überschätzten und deshalb gerne mal wieder zitierten Flo Pass‚* liegt bisher jedenfalls nicht vor.

Das derzeitige Stuttgarter Erfolgsgeheimnis scheint vielmehr ein anderes zu sein: wie bereits gegen Hannover nutzte man die erste Torchance. Dass sie in der Vorwoche bereits nach etwa 10 und diesmal erst nach 30 Minuten entstanden war, ist, hm, nun mal so. Noch interessanter erscheint mir die positive Effizienzentwicklung: anders als gegen Hannover, als man das Spiel frühzeitig hätte entscheiden können, führte in Freiburg auch die zweite Torchance unmittelbar zum Erfolg. In der 73. Minute. Überraschend, was herauskommen kann, wenn man einfach mal einen aufrückenden Außenverteidiger ins Spiel einbezieht, anstatt ihn konsequent zu ignorieren, nicht wahr, Herr Cacau? Oder Herr Okazaki? Manchmal gar Herr Kuzmanovic?

Wie Martin Harnik jenes 2:0 dann erzielt hat, war aller Ehren wert. Sehr souverän, in aller Ruhe, und allem Anschein nach auch im Wissen um die eigene Stärke, trotz zuletzt wechselhafter Leistungen. Bemerkenswert zudem die nur kurz erschütterte Gelassenheit, mit der er die Frage eines SWR-Reporters, wie es dazu komme, dass er sich als Torjäger betätigt habe, letztlich weglächelte. 17 Tore und 11 Vorlagen in der Vorsaison sind als Pflichtspielbilanz gar nicht so schlecht, meine ich.

Der VfB kam also nicht zu vielen Chancen. Und ließ am Anfang zu viele zu, auch wenn sie selten als zwingend zu kategorisieren waren. Zu leicht kamen die Freiburger zum Abschluss, zu selten gelange es, die häufig langen Bälle in die Spitze bzw. deren Verarbeitung zu unterbinden. Dass man dennoch mit einer Führung in die Pause ging, war ein wenig glücklich. Dass es Freiburg dann aber auch in der zweiten Hälfte nicht gelang, zum Ausgleich zu kommen, war einer besser organisierten Stuttgarter Defensive geschuldet. Zwar lief man von der 45. bis zur 70. Minute im Grunde nur hinterher und vergab die eine oder andere Gelegenheit eher, wie soll ich sagen, uninspiriert; den Gastgebern gelang es jedoch nie, ihr aufwändiges Spiel in Torchancen umzumünzen, was meines Erachtens ein wenig an ihnen selbst und in hohem Maß am VfB lag. (Und möglicherweise auch daran, dass Garra Dembélé erst spät ins Spiel kam.)

Die Hintergründe des verspäteten Spielbeginns waren mir übrigens zunächst nicht klar. Kurz hatte der Gedanke von mir Besitz ergriffen, dass die Verlesung aller Co-, Torwart- und Athletiktrainer des SC Freiburg bei der offiziellen Mannschaftsaufstellung mehr Zeit als geplant in Anspruch genommen hatte; nach kurzem Überlegen tat ich diesen Ansatz jedoch als unangemessen unsachlich ab.

Wäre ich indes vorab über die Verspätung informiert gewesen, hätte ich mich vor dem Stadion noch etwas länger mit @MAGsein unterhalten können. Schade.

*Wenn mich dann bitte ein kompetenter Sprachpurist (w/m) über den korrekten Umgang mit einem aus dem Englischen übernommenen und noch dazu auf s endenden Begriff im zweiten Fall aufklären könnte?

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7 Antworten to “Im Rahmen des Regelwerks (hier: Regel 16)”


  1. Zur Sternchenfrage: Wenn man „Flo Pass“ als Anglizismus respektive Eigenbezeichnung einfach übernimmt (also nicht „eindeutscht“), muss er gar nicht gebeugt werden; es empfiehlt sich dann jedoch, ihn entweder in Anführungszeichen zu setzen oder kursiv zu schreiben. Übernähme man ihn aber ins Deutsche, würde daraus ein „Flo-Pass“ (mit Bindestrich!); der Genitiv würde demnach „Flo-Passes“ lauten.

    Die Genitiv-Schreibweise mit Auslassungs-Apostroph ist im vorliegenden Fall eher ungewöhnlich; dennoch sei der Hinweis gestattet, dass dieser Apostroph nicht aussehen sollte wie ein accent grave. Stattdessen sollte man entweder jenes Zeichen verwenden, das sich auf herkömmlichen Tastaturen über dem Doppelkreuz befindet, oder den typografisch korrekten Apostroph verwenden, den man erhält, wenn man die ALT-Taste festhält und dann auf der Zehnertastatur die Zahlenkombination 0146 eingibt.

  2. heinzkamke Says:

    @Lizas Welt:
    Danke für die ausführliche Antwort (wenn ich ehrlich bin, hatte ich nichts Anderes erwartet), auch wenn Du möglicherweise angesichts der Überschrift eher damit gerechnet hattest, Dich zu Regelfragen äußern zu müssen, sollen, können oder dürfen.

    Für den Apostroph nutze ich natürlich kein Akzentzeichen, sondern besagtes Zeichen über dem Hash-Symbol, und im Editor sieht’s auch anständig aus – für den Leser allerdings, da bin ich ganz Deiner Meinung, sieht’s so aus. Wenn ich jetzt wüsste, ob das am Theme, an der Schriftart oder woran auch immer liegt,… könnte ich vermutlich dennoch nichts dran ändern, wordpress.com sei Dank. Hm, blöd, das.

    Eindeutschen und mit Bindestrich beugen wollte ich den Flo Pass in der Tat ganz bewusst nicht; Anführungszeichen hätten den Begriff irgendwie zu sehr hervorgehoben, fand ich. Kursiv, das wär’s gewesen.

    Folgefrage zur von mir verwendeten Schreibweise:
    der Vater von Novak Djokovic, ist das Djokovic‘, Djokovics oder am Ende gar Djokovic Vater?
    [Ich frage aus echtem Interesse, nicht weil ich glaube, Dich widerlegen zu können oder dergleichen.]


  3. @heinzkamke: Sämtliche Fragen, die hier im Zusammenhang mit der Regel 16 relevant sind, hast du so ausführlich wie kompetent beantwortet. Ich habe das Spiel leider nicht gesehen, deshalb kann ich nicht beurteilen, ob Ulreich Zeit schinden wollte. Nach Ansicht des Schiedsrichters wollte er das offenbar nicht, deshalb war wohl alles okay.

    Was die Darstellung des Apostrophs betrifft, vermute ich, dass die Schuld bei der Schriftart liegt.

    Und es müsste „Djokovics Vater“ heißen; laut Duden wird der Auslassungs-Apostroph zur Kennzeichnung des Genitivs nur bei Namen eingesetzt, die auf s, ss, ß, tz oder x enden.

  4. MAGsein Says:

    Bin gerade am Blogs-Nacharbeiten (ja, ich hinke schwer hinterher). Und oh wie schön, da steh ja ich! Danke für die Erwähnung. Und von der grammatischen Lehrstunde im Kommentarteil profitiere ich gleich mit. (Angedacht-)Lesen bildet eben!


  5. […] von mir verfolgten Medien viel zu wenig Beachtung fand. Jener lange Ball auf Harnik, den sie schon im Hinspiel intensiv geübt hatten, wobei der damalige Freiburger Linksverteidiger keiner Schülerabwehr entsprungen war, jener […]


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