Falscher Einwurf!

1. Juli 2011

Möglicherweise sollte ich noch eine Nacht drüber schlafen, ehe ich den hier und jetzt entstehenden Text veröffentliche. Ich hab mich da nämlich ein wenig hinein gesteigert. Vielleicht irgendwann jegliche Objektivität aufgegeben. Oder sagen wir verloren.  Eine knappe halbe Stunde lang blieb ich ruhig, doch dann konnte ich nicht mehr an mich halten. Zu eindeutig war der Mangel an, auch hier, Objektivität und Souveränität, zu offensichtlich die taktische Marschroute, und als schließlich auch noch ein falscher Einwurf dazu kam, platzte mir der Kragen:

„Halt’s Maul, Bartels!“

Danach ging’s mir besser.

Ehe mich jemand darauf anspricht: ja, ich war Herrn Bartels bisher immer gewogen. Die teilweise heftige Kritik an ihm konnte ich nur selten teilen, sein ruhiger Kommentarstil gefiel mir, und ich fand auch nicht, dass er allzu häufig allzu weit daneben lag. Und wenn ich ehrlich bin, lag er auch heute in der Tendenz nicht verkehrt: Nigeria spielte hart, die Schiedsrichterin ließ es zu und pfiff einfach schlecht. Übrigens auch auf der anderen Seite. Doch die Art und Weise, wie er sich echauffierte, wie er der nächsten Fehlentscheidung entgegenfieberte und sie sich dann mit Genugtuung auf der Zunge zergehen ließ, wie er sich nicht entblödete, der Schiedsrichterin tatsächlich auch, scheinbar nonchalant, einen möglicherweise falschen Einwurf bzw. dessen ausbleibende Ahndung vorzuwerfen, ließ mich ein wenig ratlos zurück. Nein, nicht ratlos, wütend.

Im Grunde hätte ich mich ja gern mit ihm über die Leistung der Unparteiischen geärgert, teilweise auch über die Gangart der Nigerianerinnen. Aber irgendwann werde ich halt trotzig. Es ist einfach zu kurz gesprungen, sich so sehr auf diese beiden Aspekte zu kaprizieren, und es reicht für einen Kommentator nicht aus, ein paar Minuten vor Schluss vorsichtig einzuräumen, dass er sich nicht zu sehr über die Schiedsrichterleistung aufregen sollte. So brauchte es also Simone Laudehr, die wenige Minuten nach dem Abpfiff klarstellte, dass man halt manchmal auf die Socken bekommt, wenn man den Ball nicht abspielt. Und vielleicht hätte es auch noch jemanden gebraucht, der anerkennt, dass Nigerias taktische Marschroute mit etwas Glück aufgegangen wäre – was wenige Monate nach einem 0:8 dann doch, nun ja, nicht aller Ehren wert, wenn ich an den Check gegen Alexandra Popp denke, aber eben doch bemerkenswert ist.

Wie auch immer: Deutschland steht im Viertelfinale, und ich bin weiterhin verliebt. In Louisa Necib. Dabei habe ich nur knapp 10 Minuten gesehen. Und irgendwann später die Tore. Aber wie sie den Ball führt, welche Bälle sie spielt, wie souverän sie dabei stets wirkt – großartig. Ich kann diejenigen ein wenig verstehen, die sie mit dem Unvergleichlichen vergleichen.

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13 Antworten to “Falscher Einwurf!”


  1. Bartels‘ 95 Minuten erinnerten auf übelste Art und Weise an das, was Heribert Faßbender und Karl-Heinz Rummenigge (‚tschuldigung) im Achtelfinale anno 1990 gegen die Niederlande an Beleidigungen und und Parteilichkeit zu bieten hatten.
    Der Mann vom SWR hat eine objektive Betrachtung der SÜDkoreanischen Schiedsrichterin eigentlich nicht mehr ermöglicht. Aber darum ging es ihm auch nicht.

    Ein öffentlich-rechtlich falsch verstandener Auftrag.

  2. Lizas Welt Says:

    Ich hab’ das Spiel zwischenzeitlich bei Eurosport geschaut, weil ich Bartels nicht mehr ertragen konnte. Allerdings spricht man dort immer noch gerne etwas herablassend von „Damen“, und auf die Schiedsrichterin hatte sich der Kommentator ebenfalls eingeschossen. Insofern gab es in diesem Fall kein Entrinnen, sondern nur die Wahl zwischen zwei veritablen Nervensägen.

    Laudehrs Statement war grundehrlich und hat mir gezeigt, wie groß in Bezug auf die Wahrnehmung dieser WM und ihrer Spiele die Kluft zwischen den Spielerinnen und den Medien oft ist. Ich hatte den Eindruck, dass Bartels Rachegelüste hegte und sich gewünscht hätte, eine deutsche Spielerin würde ihrer Kontrahentin mal so richtig die Knochen polieren. Aber das geschah nicht, und es war auch nicht so, dass man das Gefühl hatte, es könnte irgendwann geschehen. Laudehr hat das dann sehr schön auf den Punkt gebracht: Sie wussten, dass es auf die Socken geben würde, und sie haben dagegen kaum ein Mittel gefunden. That’s all. Über die Nigerianerinnen und die Schiedsrichterin muss man erst danach sprechen.

    Großartiger Beitrag mal wieder. Danke, Kamke!

  3. buzze Says:

    Mich hat Bartels auch aufgeregt. Und zwar aus zwei Gründen: Der erste ist oben im Text perfekt beschrieben, aber was mich fast noch mehr aufregte, was die ständige Schwarzmalerei.
    Natürlich hat das deutsche Team nicht gut gespielt, aber hätte man nur den Kommentar gehört, aber das Bild nicht gesehen, hätte man davon ausgehen müssen, dass das deutsche Team am Rande einer Nierderlage stand. Nahezu alle deutschen Aktionen wurden schlecht geredet und nigerianische Flanken hinter das deutsche Tor oder ins Seitenaus wurden zu „guten Aktionen“. Deswegen würde ich Bartels Leistung irgendwo zwischen der von Birgit Prinz und der der Schiedsrichterin einordnen.

  4. TheBigEasy Says:

    Mal abgesehen davon, dass du mit deinem Einwurf zu Tom Bartels gestern die Sache sehr schön auf den Punkt bringst, scheinst du ja wirklich etwas von Fußball zu verstehen:

    http://bit.ly/jb1BU5

    Wir werden doch nicht etwa ein ähnliches Verständnis von schönem Fußball haben? ;-)

  5. heinzkamke Says:

    @Stadtneurotiker:
    War das so 1990? Vielleicht hab ich’s nicht gehört, weil wir in einer engagierten Gruppe schauten, grillend. Oder aber wir schaukelten uns gegenseitig viel höher, als die beiden Herren es jemals vermocht hätten. Was ich allerdings nicht glaube, tendiere letztlich zur Tunnelblick-Erklärung.

    @Lizas Welt:
    Er hatte wohl auf Linda Bresonik als Racheengel gesetzt, aber sie war zu weich. Oder eben „zu“ professionell. Womit wir wieder bei der von Dir angesprochenen Kluft zwischen Spielerinnen und (Teilen der) Medien wären.

    @Sonni:
    Als ich jung war, Entschuldigung: als ich _noch_ jünger war, hieß es zumeist noch Damenfußball. Und war meist per se pejorativ, im Sinne von „Damen“(höhö)-„Fußball“(höhö).

    Diese Bezeichnung hat sich nach meiner Wahrnehmung komplett überlebt – was kein Zufall, sondern eine bewusst gesteuerte Entwicklung sein dürfte. Ich weiß nicht, ob „Damen“ zu wenig sportlich klingt. Vielleicht kann Lizas Welt ja mehr dazu sagen.

    @buzze:
    Sagen wir so: ich hatte auch nie das Gefühl, dass Nigeria zu echten Torchancen kommen könne. Meine Frau erschrak zweimal ein wenig, als Bartels diesbezügliche Warnungen aussprach.

    @TheBigEasy:
    Tja.
    Großartig, oder. Sagte ich ja so ähnlich schon nach dem ersten Spiel, auch wenn ich es nicht in so schöne Worte kleiden konnte wie Bruno Bini: „…il fait soleil quand elle touche le ballon.“

    • Lizas Welt Says:

      Heinz’ Ausführungen in Bezug auf die Konnotationen des Begriffs „Damen“(-Fußball) habe ich eigentlich nichts hinzuzufügen. Wenn der Begriff im Zusammenhang mit dieser Sportart gebraucht wurde, hatte das immer den Klang von: wollen sich nicht dreckig machen, sind zimperlich, können nix. Die Umbenennung in „Frauenfußball“ ging irgendwann (auch) offiziell vonstatten und war somit zumindest _auch_ eine gesteuerte Entwicklung – über die ich froh bin.

  6. Arne1904 Says:

    Gut, der letzte Eindruck ist immer am frischesten, von daher ist es vielleicht unfäir gegenüber Bartels, aber das war doch mit die schlechteste Kommentatoren-Leistung, die ich je „bewundern“ durfte. Frage mich auch, ob Birgit Prinz jemanden von der ARD was getan hat? Klar, ihre Leistungen sind momentan nicht so berauschend (obwohl gg. Kanada immerhin Kicker-Note 3), aber diese teilweise dargebotene Häme in den Bemerkungen (insbesondere auch von Sportskamerad Lufen), die über jede sachliche Beurteilung weit hinausgeht, kann ich nicht nachvolziehen…

  7. Dr.Redu Says:

    Die Damen haben gelernt wie es ist gegen robuste Gegnerimnnen zu spielen. Das habe anno dazumals die Herren gegen Mannschaften wie England auch lernen müssen. Zur Schiedsrichter und Kommentatorenleistung: älles gschwätzt! Unterirdisch.


  8. Ein weiterer Fall davon, dass es besser war, in der Öffentlichkeit zu schauen, wo der Geräuschpegel so hoch war, dass immer nur Fetzen von Tom Bartels ans Ohr drangen. Das Aufgescheuchtsein in seinem Tonfall ließ erahnen, dass es so etwas werden könnte, wie hier von heinz beschrieben.

    Dabei mochte ich einst Tom Bartels so sehr. Diese Zeiten sind wohl vorbei. Naja, einst mochte ich ja auch Rethy.

    Jetzt müsste man nur noch den – immer wieder anderen, unbekannten – Mitguckern erklären, dass sie 90 Minuten lang mehr oder weniger die Klappe halten sollen, und schon würd ich nur noch öffentlich schauen.

  9. heinzkamke Says:

    @Arne1904:
    Sportskamerad Lufen. Hab ich genauso gesehen. So wie Du, meine ich.

    @Trainer Baade:
    Ich hatte mittlerweile schon fast das Gefühl, der einzige zu sein, der Tom Bartels jemals mochte. Puh.

    Ansonsten hat mich Dein erster Satz so lange irritiert, bis der letzte Absatz alles in Wohlgefallen auflöste.


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