schick: (am)erika

29. Juni 2011

Ich weiß nicht, ob man das darf. Es gibt ja vielfältige Tabus, No-gos und Fettnäpfchen, wenn man sich mit der Frauenfußball-WM befasst. Und nicht alle sind klar umrissen.

Beispielsweise halten es die einen für wichtig, dass die Frauen ihre Weiblichkeit betonen oder zumindest ganz „normal“ ausleben, während die anderen Wert darauf legen, dass man das völlig ausblendet und nur sportliche Fragen betrachtet, und wieder andere befassen sich recht erfolgreich mit dem Ansinnen, zwischen diesen beiden Positionen einen grundlegenden Widerspruch herauszuarbeiten. Manche Beobachterinnen und Beobachter sind der Überzeugung, dass Frauen- und Männerfußball als eigenständige Sportarten betrachtet werden müssen, andere stehen dieser Sichtweise, vorsichtig ausgedrückt, skeptisch gegenüber. Kurz: man darf mit Kritik rechnen, egal wie man mit der WM umgeht. Und da ist die Frage, ob man sich überhaupt mit ihr befassen soll, darf, kann oder muss, noch völlig außen vor.

Nun, ich befasse mich trotzdem kurz mit einem Thema, zu dem ich mich vermutlich noch nie geäußert habe, wenn ich über Fußball und dessen Drumherum schrieb. Egal welchen Geschlechts. Jetzt aber, ausgerechnet bei den Frauen, meine ich, eine voll total oberflächliche und tendenziell weibliche Thematik zu adressieren, die nichts mit sportlichen Leistungen zu tun hat, nichts mit Taktik, nichts mit Spielanalysen. Die den Verdacht nahe legt, dass der Schreiber aus welchem Grund auch immer nicht gewillt oder in der Lage ist, sich ernsthaft mit Fußball auseinanderzusetzen: Mode. Genauer: Trikotdesign.

Da kommen die Amerikanerinnen einfach mal mit etwas völlig anderem daher. Mit etwas, das für einen Laien wie mich optisch so was von gar nichts mit all den anderen Trikots da draußen gemein hat, zu einem Zeitpunkt, da ich glaubte, alles schon gesehen zu haben und nur eine Abfolge in regelmäßigen Abständen vorbeiziehender Trends zu bezeugen. Wir haben ja alle gelesen, wie weiblich, wie anders das diesjährige WM-Trikot der deutschen Mannschaft sei, und wer den fleischfarbenen Bund immer mal wieder unter dem Shirt hervorblitzen sieht, wird kaum widersprechen, dass es sowas in der Tat selten zu sehen gab. Aus Gründen, vermute ich. Die US-Trikots sind wirklich anders. Ich will noch nicht einmal sagen, dass sie uneingeschränkt meinen Geschmack treffen. Aber ich finde es großartig, dass es den Designern gelungen ist, etwas völlig Anderes zu präsentieren. Völlig anders aus der Sicht eines blutigen Design-Laien, aber das brauche ich ja nicht extra zu betonen.

Genug. Ob ich auch auf das Spiel geachtet habe? Ja, solange ich die Gelegenheit hatte, und auch wenn es in der ersten Halbzeit nicht immer ein Vergnügen war. Zu viele Fehlentscheidungen prägten das Offensivspiel der Amerikanerinnen, insbesondere dann, wenn sich einmal Raum für einen schnellen Angriff bot. Mal hielt Rodriguez den Ball zu lange, mal ging O’Reilly in ein unsinniges Dribbling, mal suchte man fast schon zwanghaft Wambach, anstatt die aussichtsreicher postierte Mitspielerin (Rodriguez?) anzuspielen. So strahlten die Damen in den schicken Trikots zwar eine gewisse Souveränität und eine Menge Selbstsicherheit aus; wirklich überzeugend war ihr Spiel indes nicht. Die schöneren individuellen Aktionen wusste Nordkorea zu setzen, insbesondere über rechts, wo man eine Schachstelle des Gegners offenlegte. Doch auch hier galt: vor dem Tor war’s zu wenig. In der zweiten Hälfte legten die USA dann noch einmal ein wenig zu, was angesichts der Blitzerfahrung von Pjöngjang aber auch niemanden überraschen konnte. Vielleicht sollte ich jetzt nicht fragen, ob die Nordkoreanerinnen nach dem 0:2 die Spannung bis zum Schweden-Spiel am Samstag hoch halten können.

Gegen jene Schwedinnen, die am Mittwoch die bisher wohl schwächste Mannschaft schlugen. Gegen die Kolumbianerinnen – die, ergebnisorientiert betrachtet, erwartungegemäß auch keine Kleinen mehr sind – reichte es zu einem zähen 1:0 und einigen Leckerbissen für die Galerie der schönsten Fehlschüsse. Letztlich kein Spiel, das lange nachhallt.

Was für diesen Tweet nicht unbedingt gelten muss:

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6 Antworten to “schick: (am)erika”


  1. Ich hätte jetzt schon erwartet, daß Du das gute Brot (Text) mit Butter anreicherst: einem Link zu den Trikots.

  2. Vio Says:

    Sieht ein wenig aus wie ein Krankenschwesterkittel.

  3. heinzkamke Says:

    @stadtneurotiker:
    Wir Frauenfußballverrückten können uns halt einfach nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die das Spiel gestern nicht gesehen haben.

    Aber Du hast natürlich recht, wird nachgereicht.

    @Vio:
    Siehste? Kann mich nicht erinnern, schon mal eine andere mannschaft mit Krankenschwesterkitteln gesehen zu haben.

  4. Harald Says:

    Ich hatte Trikots und Spiel noch nicht gesehen und war bass erstaunt, wie engagiert bei Twitter über am#erikas Kleidung debattiert wurde. Dank nachgereichtem Link verstehe ich das jetzt besser.

    Tatsächlich ist das ein außergewöhnliches Outfit, und irgendwie auch typisch »USA«. Ich finds gut.


  5. […] die Frauen(-fußball)welt so zu bieten hat: Marta, Fatmire, Birgit, Christiane, Inka und auch #Erika. Selbst Wulff, Merkel, Blatter, und ein falscher Fuffziger wurden schon gesichtet. Nur Nigerias […]


  6. […] erfand #erika am 28. Juni, siehe Erklärung auf angedacht von heinzkamke. Ausgebaut mit (am)erika hat es heinzkamke ebenfalls auf […]


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