Misslungener Auftakt

27. Juni 2011

Gestern ging’s also endlich los. WM in Deutschland, kein Märchen. Das Vorgeplänkel ist vorbei, die Relevanz-, Styling- und Vergleichbarkeitsdiskussion zwar noch nicht; zumindest dürfte sie aber mal ein bisschen in den Hintergrund rücken, und wir können über Sport reden. So hatte ich mir das vorgestellt, aber der Auftakt war dann doch eher misslungen. Was in erster Linie an mir lag, weil ich Termine zuließ, die mir ein intensives Verfolgen des Eröffnungsspieles und jener anderen Partie, die zwar das Turnier eröffnete, aber eben kein Eröffnungsspiel war, das also in der Wertigkeit etwa mit der Vorqualifikation der Kugelstoßerinnen bei Leichtathletik-Halleneuropameisterschaften zu vergleichen ist, versagten. Meine Termine waren übrigens wichtig, und ich schaue sehr zufrieden darauf zurück, aber sie waren eben meiner Hoffnung, möglichst große Teile der WM möglichst intensiv verfolgen zu können, nicht gerade zuträglich.

Was letztlich insofern ein wenig egal ist, als die Spiele ja ohnehin so angesetzt wurden, dass möglichst viele 13-Jährige die Stadien füllen können und parallel kein interessanter Hauptabendslot der öffentlich-rechtlichen Sender belegt wird. Außer wenn die schöne Lira spielt oder zuschaut, natürlich. Mal im Ernst: mir war klar, und das ist auch unumgänglich, dass ein Teil der Spiele recht früh am Tag beginnen würde, aber ich hatte doch darauf gehofft, dass es wenigstens ein tägliches Abendspiel geben würde. Wobei ich ein Abendspiel im klassischen Sinne meine, eines ab 20.00 Uhr oder eben, wie heutzutage üblich, um 20.45 Uhr. Die öffentlich-rechtlichen Sender bräuchte ich dazu übrigens nicht, falls mir jemand was von Grundversorgung entgegen möchte, Eurosport reicht völlig aus. Auch wenn ich da auf Frau van Almsicks kompetente Analysen verzichten muss. In dem Zusammenhang dachte ich kurz, diese Expertinnenauswahl sei ein weiteres Indiz für die boulevardeske diskriminierende Herangehensweise an die Frauen-WM, weil man schließlich nie auf den Gedanken käme, Michael Groß oder andere sportfremde Größen von damals wie, was weiß ich,  Leichtathleten oder Vizeeuropameister im Eiskunstlauf auf die männliche Fußballberichterstattung loszulassen. Letztlich beharrte ich nicht auf dieser Sichtweise.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja: keine günstigen Anstoßzeiten für Berufstätige. 15 und 18 Uhr. Na ja. Wobei das ZDF ja immerhin so freundlich ist, seine Spiele für 18.15 Uhr anzusetzen ansetzen zu lassen. Am Sonntag darf’s dann auch mal 13 Uhr sein. Oder 17.30. Oder auch 14 Uhr. Aber da ist es mir eh egal.

Gestern ging’s also um 3 los, les Bleues gegen die Super Falcons. Die erste Halbzeit konnte ich verfolgen und war, wie wir alle, beeindruckt von der linken französischen Seite mit dem wärmenden Sonnenstrahl Louisa Necib und mit Sonia Bompastor, die ein ums andere Mal flanken durfte, ohne Gefahr zu laufen, annähernd gestört zu werden. Letzteres könnte natürlich, und nun folgt ein doppelter Fauxpas, weil ich zum einen einen Männervergleich und zum anderen einen wenig schmeichelhaften heranziehe, es könnte also daran liegen, dass Nigerias Rechtsverteidigerin stark an Jimmy Floyd Hasselbaink gemahnte, was weniger mit Torgefahr und Schnelligkeit als mit Laufstilen zu tun hatte. Und Hasselbaink war nun wirklich kein guter Rechtsverteidiger.

Wie auch immer: Frankreich gewann, Necib spielte mehr als ansehnlich, Nigeria war nicht gefährlich genug, um die nur bedingt sattelfeste französische Abwehr um die nur bedingt sattelfeste Torhüterin auszuhebeln.

„Nur bedingt sattelfest“ war auch der Tenor, den ich zur deutschen Abwehr beim Spiel gegen Kanada vernahm. Zwar sagen die einen, Kanada sei stets über die linke deutsche Abwehrseite stark gewesen, während die anderen nicht Babett Peter, sondern Linda Bresonik als Schwachpunkt gesehen haben wollten; zumindest aber scheint entweder links oder rechts nicht alles optimal gelaufen zu sein, von Annike Krahns Spieleröffnung wird andernorts genug geredet. Dafür durfte Babett Peter ihren ersten Scorerpunkt verbuchen, auch wenn der eine oder andere ihn gern Melanie Behringer zuschreiben wollte. Passt ja auch ganz gut in die aktuelle Stimmungslage. Der Pass zum Assist kam übrigens, das nur kurz am Rande, von Auslaufmodell Birgit Prinz.

Ansonsten konnte ich das Spiel nur peripher mitverfolgen (und das war schon mehr als zuvor erwartet), hatte aber nie so recht den Eindruck, dass es gefährlich werden könne. Die deutsche Mannschaft wohl auch nicht, und wir wissen ja, wie so etwas enden kann. Es endete gut, auch wenn sich Nadine Angerer geschlagen geben musste, ihr Emmanuel Sanon hieß Sinclair. Der Freistoß war schön geschossen, wenn auch nur so halb in der Ecke, aber – um mal einen Männervergleich heranzuziehen – das war der von Stoichkov 1994 auch, und im Gegensatz zu Angerer bewegte sich Illgner damals noch nicht mal.

2:1 gewonnen, das Ergebnis stimmt, die Leistung phasenweise auch, nach oben ist noch Luft, also alles so, wie es sich gehört. Am Donnerstag geht es gegen die Fälkinnen aus Nigeria, von denen wir erfahren durften, dass sie in der Vorbereitung das eine oder andere Spiel gegen männliche U17-Mannschaften gewannen. Überhaupt scheint eine Art Konsens zu herrschen, dass junge Männer dieses Alters ein ganz passender Testgegner für die Frauen seien. Nun, wenn diese Vergleiche schon an der Tagesordnung sind, dann versuche ich auch mal einen und wage die Prognose, dass die Frauennationalmannschaft bei ihrer WM weiter kommt als die bereits für das Achtelfinale qualifizierte U17 in Mexiko. Einfach weil ich den Eindruck habe, dass es bei den Frauen in der Vorwärtsbewegung als gleichberechtigtes Ziel gilt, auch mal eine Mitspielerin gut aussehen zu lassen, während die jungen Männer dann doch eher an die jeweils eigene Stärke zu glauben scheinen.

Und bevor ich es vergesse: wer wirklich etwas über das Kanada-Spiel erfahren möchte, möge sich „Das unfassbar kompetenzfreie WM-Tagebuch“ ansehen.

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8 Antworten to “Misslungener Auftakt”

  1. Harald Says:

    Ich muss unter Schmerzen erkennen, dass ich der Einzige bin, der die Abwehr mochte. Ich fand ja zum Beispiel die Saskia Bartusiak klasse, was die alles weggeputzt hat, hat überall ausgeholfen. Nun spricht es natürlich eher gegen die Abwehr, dass sie überhaupt aushelfen musste, aber in mir summiert sich das dennoch zum Gesamteindruck »dufte«. Sicher der Euphorie geschuldet. Aber da muss ich durch.

  2. heinzkamke Says:

    Wie gesagt: ich kann’s nicht seriös beurteilen. Habe ein paar furchtbare Ansätze zur Spieleröffnung und Stockfehler gesehen, aber das Ganze eben nicht über 90 Minuten verfolgt. Die Berichterstattung stützt ein wenig meinen Eindruck, aber wer gelegentlich über die Berichterstattung schimpft, sollte sich natürlich auch nicht blind auf sie verlassen…

    Euphorie finde ich gut.

  3. MAGsein Says:

    Sehr lustig, der Illgner-Vergleich. Und, Herr Kamke, Sie haben sämtlichstalle Fragen behandelt, die mich gestern ebenfalls beschäftigten, mit am stärksten die bzgl. der allerorten auf U17-Buben fixierten Fußballfrauentrainerstäbe. Und, wie oft dieser Aspekt von Männern in der TL herangezogen wurde (zumindest zwischen den Twitterzeilen) als Beweis für weibliche körperliche Unterlegenheit (surprisesurprise!).

    Nur eins fehlt mir in der Aufarbeitung Tag 1: Viele haben sich zu Beginn der Übertragung gefragt, wo denn nun der Blatter Sepp abgeblieben ist, ob er schon und hoffentlich und wie angekündigt fertiggmacht und ausgebuht und plakativ verhämt wurde usw. Dazu kam gar nichts in der Glotze (nicht im Ersten), nur einmal wurde er „mit der Kamera eingefangen“, eingeklemmt zwischen Buprä Chris und Angie. Er sah nicht glücklich aus. Zumindest in dieser Momentaufnahme. Oder die Hoffnung stirbt zuletzt.


  4. Das Spiel war gut, beide Mannschaften (das darf man doch sagen?) zeigten, was sie können. Die Deutsche, was sie noch können muß, denn leider war die Chancenverwertung nicht so toll. Aber es gab tolle Spielzüge, gute Technik und, wie ja schon vermerkt: tollen Teamgeist. Ein Hoch auf die Damen. Bis auf eine: den Goldfisch. Was soll das denn? Was macht sie beim Fußball? Kennt da jemand Hintergründe?


  5. […] gedacht? redu- gesundheit on Misslungener AuftaktMAGsein on Misslungener Auftaktheinzkamke on Misslungener AuftaktHarald on […]

  6. heinzkamke Says:

    @MAGsein:
    Blatter. Den hatte ich ja ganz vergessen. Im Ernst: so bedauerlich es war, das Spiel nicht sehr intensiv verfolgen zu können, so angenehm war es auch, nichts vom Drumherum erleben zu müssen. Zweimal Frau van Almsick im Bild gesehen, einmal mit Perücke, kurz mal die Kanzlerin und die beiden Präsidenten, aber keine lustigen Hintergrundgeschichten über Kabinenbesuche oder WM-Vergaben – wunderbar.

    @redu-gesundheit:
    [Hier stand zuerst Unsinn.]
    Der Goldfisch. Ist wohl WM-Botschafterin für Sinsheim. Warum auch immer.

  7. Kees Jaratz Says:

    Die Lösung für das Rätsel Franziska von Almsick lautet: Sie ist seit dem DFB-Pokalendspiel im Stadion nach ihren Schuhen suchend herum geirrt. Hieß das Pre-Play-Cup-Parade, wozu sie da vor über vier Wochen engagiert war? Jedenfalls hatte sie damals die Schuhe nach Meinung des Organisationskomittes ausziehen müssen. Theo Zwanziger nahm sie netterweise an sich, vergaß sie aber nach dem Schlusspfiff an seinem Platzz vor lauter Begeisterung über das Fußballfesthafte des Spiels. Nun erbarmte sich ein ARD-Mitarbeiter der langgedienten Quotenbringerin eines Randsports und sorgte für ein neues Paar Schuhe. Weil die Kostenkontrolle im Vorfeld des Kampfes um die TV-Rechte der Bundesliga aber so streng ist, blieb nichts anderes übrig als die Ausgaben für das Paar Schuhe als Expertinnen-Honorar zu verbuchen. Und das goldene Kleid vom Pokalendspiel passt vor einer Kamera einfach zu jeder Fußballgelegenheit. Oder war da noch Stoff übrig. So ganz klar vor Augen habe ich das Pokalendspiels-Modell dann doch nicht mehr.

    • heinzkamke Says:

      Immer wieder erhellend, das Hintergrundwissen des Herrn Jaratz. Und dann noch so erbaulich formuliert. Aber am Pokalendpsiel knabbert er wohl noch ein wenig. Verständlicherweise.


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