42

16. Juni 2011

42. Dabei habe ich noch nicht einmal eine Frage gestellt. Aber mir fällt eine passende ein:

Wie viele Tore hat Michael Ballack für die deutsche Fußballnationalmannschaft erzielt?

42. Als Mittelfeldspieler. Wahnsinn. Aber das wissen wir ja ohnehin alle. Natürlich wissen wir auch, dass das eine oder andere wichtige Tor dabei war. 2002 natürlich. 2008, mit dem Bild, das um die Welt ging. In 20 Fällen schoss er das erste deutsche Tor, 15 mal das 1:0. 13 mal das 1:0 in Pflichtspielen. Eine fantastische Bilanz. Sag ich mal so, ich hab sie nicht mit anderen verglichen.

Der Weltstar des deutschen Fußballs der letzten Dekade. Vielleicht nicht der einzige – Oliver Kahn war auch noch da, und wenn man die Weltmeisterschaften als Maßstab nimmt, muss man wohl auch noch Miroslav Klose nennen -, aber doch der, der am hellsten strahlte. Er ist nicht der erste Weltstar, der keinen großen internationalen Titel gewann, und er wird auch nicht der letzte sein. Das kann man hämisch kommentieren, er wird es verkraften.

In den letzten Jahren lief nicht mehr alles so rund. Bei Chelsea hatte er nicht den Heldenstatus früherer Jahre, verpasste auch dort den ganz großen Wurf, und doch war er auch weiterhin der Fixpunkt in der deutschen Nationalmannschaft, ging 2008 voran und sollte 2010 noch einmal den Ton angeben.

Ob das gut gewesen wäre: wir wissen es nicht. Doch es kam anders. Bitter war das, erst die Verletzung, dann die Erkenntnis, dass er nicht mehr dazu gehört.

Was folgte, war ein Eiertanz. An dem er wohl nicht ganz unbeteiligt war, indem er die mediale Klaviatur ganz gut (oder eben nicht) spielte. Und dessen zweiter Protagonist, Joachim Löw, zu lange nicht recht wusste, ob er den bewährten Tanzpartner schon aufs Altenteil schieben konnte oder ob er ihn vielleicht doch noch einmal brauchen würde. Ein unwürdiges Schauspiel, das Michael Ballack nur noch bedingt beeinflussen konnte. Sicher, er hätte zurücktreten können. Aber hey, er ist Sportler. Er will spielen, und zwar auf der ganz großen Bühne. Ich finde das gut.

Heute wurde das Spektakel beendet. Und ich gebe zu, dass mich die eine oder andere Reaktion irritiert hat. Formulierungen wie „wir sind Ballack los“ und die in diesem Zug vermittelte Feiertagslaune, wie bei Twitter gelesen, kann ich nur schwer nachvollziehen. Keine Sorge, ich weiß, dass Twitter ein schnelles, pointiertes Medium ist, bei dem man manchmal auch etwas spitzer formuliert, als man es bei langer Überlegung tun würde. Das passiert. Mir auch. Manchmal bekommt man auch einfach etwas in den falschen Hals, missinterpretiert. Geht mir hin und wieder so. Aber der Geist, der an der einen oder anderen Stelle durchschimmerte, dieses gefühlte „endlich ist der Alte weg“, den glaube ich schon richtig erkannt zu haben, und er gibt mir zu denken.

Es geht mir nicht darum, dass Michael Ballack wieder für die Nationalmannschaft spielen sollte. Die Zeit ist vorbei, die Entscheidung von Herrn Löw halte ich für richtig und lange überfällig, und wenn Ballack nächste Saison doch wieder groß aufspielen sollte, dann ist es halt so, dann wird man sehen, ob die Situation neu erörtert werden muss. Aber daran glaube ich nicht.

Es geht mir vielmehr um die Frage, ob mit Michael Ballack fair umgegangen wird, oder ob er bloß vom Hof gejagt wird. Von uns Fans. Und ein wenig habe ich den Eindruck, dass an der einen oder anderen Stelle letzteres geschehen soll. Das finde ich bedauerlich. Ich will nicht sagen, dass er die Nationalmannschaft durch die letzten 10 Jahre getragen hat. Aber ohne ihn wär’s verdammt schwer gewesen, international annähernd konkurrenzfähig zu bleiben. Gewagte These? Vielleicht. Letztlich auch egal.

Jahrelang habe ich mit ihm gefiebert, in vielen Fällen war er derjenige, in den ich mangels Alternativen all meine Hoffnung gesetzt hatte. Mit Erfolg, möchte ich sagen. Damals, 2002. 2008 schon weniger, da gab’s auch schon andere Hoffnungsträger. Am stärksten in Erinnerung blieb mir aber die Qualifikation zur WM 2002. Die Relegationsspiele gegen die Ukraine, als Deutschland erstmals in der Qualifikation zu scheitern drohte. Sein 1:1 in Kiew. Sein 1:0 in Dortmund, 3:0 führte man nach einer Viertelstunde, und Ballack setzte noch das vierte drauf – 3 von 5 Treffern, als es drauf ankam. Chapeau, Herr Ballack.

 

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17 Antworten to “42”


  1. Sehr schön. Vielen Dank für die wohldosierten Worte.

  2. Hennes Says:

    Ja! Ja! Ja! Ich bin mal wieder 100%ig einverstanden.

    Ballack war für den deutschen Fußball extrem wichtig. Jetzt, in einer Zeit, da die Götzes, Schürrles und Holtbys scheinbar immer jünger, immer besser und immer zahlreicher werden, da kann man natürlich leicht auf einen wie Ballack schimpfen. Arroganter Kerl. Zu langsam, zu dominant. Hat doch nix gewonnen. Hau doch ab.

    Ich war zehn Jahre lang froh und dankbar, ihn im deutschen Trikot zu sehen. Er hat den Laden zusammengehalten und mich häufig die Ramelows und Linkes, die Rehmers und Janckers vergessen lassen. Ja, so hießen die Nationalspieler damals, und man kann sich leicht ausmalen, wie tief wir gefallen wären ohne den nicht immer netten Herrn Ballack.

    Außerdem rührt seine Geschichte einfach das empfindsame Sportlerherz. 2002 die gelbe Karte, Unterhaching, Vizekusen, Spielverderber Grosso, Vollpfosten Terry, Rüpel Boateng und immer wieder die Tränen, die Enttäuschung. Gerade jetzt, da mit Nowitzki ein anderer Held endlich am Ziel ist, leide ich mal wieder mit Ballack. Denn wir wissen alle, was kommt: Wir werden Europameister 2012, und er sitzt zu Hause auf der Couch.

    Ich werde dann an ihn denken…

  3. Uwe Says:

    Es ist einfach nur wunderbar, wie Du es einmal mehr geschafft hast, einer Tatsache, bisweilen von Häme begleitet, (die ich nicht nachvollziehen kann), angemessenen Inhalt beizufügen.

  4. Huge Says:

    Schön gesagt. Michael Ballack war über Jahre der beste Fußballspieler, den Deutschland hatte und er hat dafür Anerkennung verdient.
    Für mich persönlich übrigens eine ganz wichtige Gestalt, weil er einer der ersten großen Spieler war, deren Karriere ich von Anfang bis zum (Fast-) Ende verfolgt habe.
    Trotzdem: er wird ein unvollendeter Star bleiben, weil ihm der ganz große Titel fehlt. Schade eigentlich.

  5. Leipziger Says:

    Ballack ist Natio, Ballack ist Fußball, Ballack steht auf dem Chelsea Trikot meines Gossen und auf dem Deutschland Trikot meines kleinen und vielleicht auf einem CL Trikot von mir nächste Saison- einfach danke!

  6. heinzkamke Says:

    @all: Danke schön.

    @Hennes:
    Hach, das empfindsame Sportlerherz.
    Mir trieb’s heute früh schon fast die Tränen in die Augen, als im Radio von Dirk Nowitzkis Verlegenheit ob der Lobpreisungen bei der Mavs-Parade berichtet wurde.

  7. TheBigEasy Says:

    Ich habe bisher zwei sehr gute Artikel zum Ende der Nationalmannschaftskarriere von Michael Ballack gelesen. Der eine stammt aus der SZ von heute. Der andere ist ein Blogeintrag und trägt den Titel „42“.

    • Hennes Says:

      @TheBigEasy: Den SZ-Artikel fand ich auch gut, aber hast Du mal einen Blick in die Kommentarsammlung geworfen? Dort findet genau jenes Ballack-Bashing statt, das heinzkamke hier völlig zurecht kritisiert. Mir wird dann immer übel…

      • TheBigEasy Says:

        Stimmt, aber das macht den Artikel ja nicht weniger gut.
        Tja und Bashing kann ich seit letzter Saison ganz gut ignorieren. Unabhängig davon, ob es nun von Uli Hoeneß kommt oder irgendwelchen Tieffliegern, die meinen, gute Zeitungsartikel in dieser Form kommentieren zu müssen.

  8. probek Says:

    Auf den Punkt. Danke.


  9. Die Frage war allerdings sehr enttäuschend, gerade für die Nummer 42.

  10. Dr. Redu Says:

    Ich finde- sicher auch gegen den Trend-, daß M.Ballack sich verdient gemacht hat. Er war da, wenn er für die Mannschaft notwendig war. Dort war er natürlich nicht unumstritten. Aber als Kapitän geht´s auch nicht um den Beliebtheitspreis, sondern eher darum eine vom Trainer vorgegebene Linie auch durchzuziehen. Und Orientierung zu geben. Sicher Hat der Bundestrainer lange gewartet, vielleicht auch zu lange gehofft. Das sieht nun so aus, als würde er einen lästig gewordenen Veteranen vom Hof jagen. Schade. Der Torwartgigant wurde verabschiedet (nicht nur im P52). Ich denke, daß das hier auch angebracht wäre. Die „was ist aber wenn..nächstes Jahr“ Diskusionen sind eher rufschädigend. Für alle. Auch der Bundestrainer braucht keinen Pokal als bester Pressekuschler, sondern er will DEN Pokal. Und dazu muß er halt sicher planen können. Diese Entscheidung ist nicht unnötig ( Die ZEIT: http://bit.ly/krheI4), sondern es wurde höchste Zeit Klarheit zu schaffen. Ich halte Herrn Löw für so souverän, daß er keine angst davor hat zu seinen Entscheidungen zu stehen. Korrigieren wird er sie m.E. nicht.

  11. Thor Says:

    Nun ja. Die Größe dieses Blogeintrags hat die nun bekannt gegebene offizielle Verlautbarung von Ballack leider nicht. Aber wie sagt es der Autor so treffend: Hey, er ist Sportler.


  12. […] Abschied von Ballack aus der Nationalelf wiederum gibt es die absolut passenden Worte drüben bei angedacht.de. Hier bleibt mir nur noch einmal den Hut zu ziehen, vor dem wichtigsten deutschen Fußballer der […]

  13. jomo Says:

    Die Worte sind gut gewählt. Ich habe nur das genau umgekehrte Gefühl, dass verstärkt wieder die Löw Kritiker und DFB-Elf-Grantler um die Ecken kommen, die auf so eine Gelegenheit nur gewartet haben.
    Letzlich bleibt das alles der eigenen Wahrnehmung belassen, und wer über welchen Medienberater, Pressesprecher etcpipapo. welche Verlautbarungen veröffentichen läßt, ist nur für die Verkaufszahlen von Auflagen, Artikeln, Zeilen und Werbeabos von Interesse.
    „Und lächelnd fragt der Philosoph:“Warum auch durchaus Wahrheit“.

  14. heinzkamke Says:

    @ Dr. Redu:
    Zumindest in und unter diesem Beitrag hier läuft Deine Meinung offensichtlich alles andere als gegen den Trend.

    @ Thor:
    Größe vermittelt die Reaktion nicht, wohl wahr. Wenn man nun wüsste, wer inwiefern die Wahrheit spricht bzw. wie weit neben ihr liegt, könnte man zumindest für sich bewerten, inwieweit sie (die Reaktion) verständlich ist. Letztlich hat Rudi Völler ganz sicher recht, wenn er sagt, dass sich alle („ich betone: alle“) Beteiligten nicht mit Ruhm bekleckert hätten.

    @ jomo:
    In die Frage, welche Seite sich korrekter, fairer oder auch erbärmlicher verhält, will auch ich mich nicht einmischen, das wissen letztlich nur die beiden.
    Interessant aber, dass Du die Reaktionen in Deinem Umfeld so ganz anders wahrnimmst als ich die in meinem (wobei sie sich in diesen Tagen vermutlich auch minütlich ändern können).


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