Wer den ersten Fehler macht

18. April 2011

So sieht also ein perfekter Spieltag aus.

Alle Tabellennachbarn verlieren oder einigen sich auf ein Unentschieden, das keinem hilft, während der VfB – und hier sind wir an dem Punkt, wo es normalerweise hakt – tatsächlich die Gunst der Stunde nutzt und erstmals in dieser Saison mehr als zwei Punkte zwischen sich und die Abstiegsplätze legt.

Fühlt sich irgendwie gut an, auch wenn mich das am Wochenende etwas zu oft gelesene und gehörte „Stuttgart darf durchatmen“ ziemlich irritiert. Wenn man gegen den HSV und in Hoffenheim mindestens vier Punkte holt und die anderen so weitermachen, bin ich zum Durchatmen bereit, zuvor eher nicht. Schön, dass die Spieler das ähnlich zu sehen scheinen. Im Übrigen ist es mir natürlich wichtig, mit meiner Bayern-Illusion recht zu behalten.

Leider war ich kein Teil der allem Anschein nach recht beeindruckenden Stuttgarter Delegation, die die Mannschaft in Köln unterstützte. Vielmehr saß ich in der Fußballkneipe meines Vertrauens und hörte mir an, wie schlecht dieser Japaner doch sei, der lieber bei den Amateuren spielen solle, und dass man doch den Schipplock bringen müsse, und dieser Italiener – furchtbar. Alles wie gehabt, man kennt ja seine Pappenheimer.

Fernsehsport also. Mit Tom Bayer, der dann irgendwann Mitte der zweiten Hälfte, als das Spiel weitgehend gelaufen war, die Meinung vertrat, es sei abzusehen gewesen, dass die Mannschaft, die den ersten Fehler mache, in Rückstand geraten und das Spiel verlieren würde. Nun will ich nicht auf die Stuttgarter Erfahrungen mit Führungen eingehen, die Lauterer Wunden sind noch zu frisch, aber mal im Ernst: wenn es nach den billigen Fehlern ginge, wären wir so ungefähr mit einem 10:10 in die Pause gegangen. Wenn – und nun folgt eine unrecherchierte Beispielsammlung – selbst Hajnal mehr als einen Pass über fünf oder weniger Meter dem Gegner in die Beine spielt, wenn Christian Eichner in einer harmlosen Situation aus 8 Metern nicht in der Lage ist, den eigenen Torwart anzuspielen und statt dessen eine Ecke verursacht, wenn 6 (?) Stuttgarter zusehen, wie Lukas Podolski einen Freistoß an der Strafraumgrenze schnell ausführen und Christian Clemens allein auf den Weg zu Sven Ulreich schicken darf, dann fällt es mir schwer, eine Analyse ernst zu nehmen, die ernsthaft behauptet, man habe damit rechnen müssen, dass der erste Fehler das Spiel entscheide.

Natürlich war der VfB letztlich ein verdienter Sieger, natürlich kann man die erste Halbzeit so darstellen, dass man hinten auf beiden Seiten nichts anbrennen ließ, natürlich war die Steigerung nach der Pause unverkennbar, aber weit von Not gegen Elend war das doch nicht entfernt in Halbzeit eins, oder? Von den offensiven Slapstickeinlagen der Herren Harnik und Okazaki einerseits sowie Kuzmanovic andererseits gar nicht zu reden. So läuft das halt mitunter im Abstiegskampf, da herrscht Verunsicherung, da macht man auch mal leichte Fehler, damit kann ich leben. Aber ich möchte es bitte nicht implizit mit Spielen vergleichen wissen, bei denen sich taktisch bestens geschulte und auch entsprechend agierende Mannschaften gegenseitig neutralisieren, keine Torchancen, nicht einmal minimale Freiräume zulassen und tatsächlich auf den einen Fehler warten, auf die zwei Meter falschen Laufwegs, die die Chance zum Torabschluss eröffnen.

Wie auch immer: der VfB hat also die erste Unsicherheit in der Kölner Abwehr ausgenutzt, Träsch durfte 50 Meter durch das Mittelfeld laufen, und weil sich seine Mitspieler erfolgreich darauf beschränkten, ihre Gegenspieler zu binden, schoss er halt das 1:0. Gut so. Der Doppelschlag beruhigte ungemein, der geschenkte Elfmeter tat das Übrige – schön, dass Kuzmanovic mal die Ecke wechselte.

Wer war eigentlich der letzte Stuttgarter Rechtsverteidiger vor Khalid Boulahrouz, der in einem einzigen Spiel zweimal von der Grundlinie in die Mitte passte? Hinkel? In der Tat gab es, allen Stockfehlern, Befreiungsschlägen und Fehlpässen zum Trotz, und über den reinen Kampfgeist und Siegeswillen hinaus, eine Reihe ansehnlicher Aktionen zu verzeichnen. Cacau setzte die Kollegen verschiedentlich schön in Szene, Hajnal ohnehin, in der zweiten Halbzeit bewegte auch Molinaro auf der linken Seite das eine oder andere, und Träsch hat das Formtief, das die Stuttgarter Zeitung noch am Spieltag mit der Kapitänsbürde in Verbindung brachte, mit der Binde in der Tat wieder abgegeben – ohne dass ich die Kausaliätät so sehen würde.

Gentner und Delpierre wurde zum Schluss von Bruno Labbadia vor Augen geführt, dass sie zur Mannschaft gehören, Schipplock durfte etwas länger ran, ohne allerdings das Vertrauen des Kneipenkrakeelers in Gänze zu rechtfertigen. Egal. Er hat sein Tor am Millerntor gemacht, das ist mehr, als ich mir je von ihm erhofft hatte. Wäre schön, wenn St. Pauli trotzdem vor Wolfsburg bliebe.

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9 Antworten to “Wer den ersten Fehler macht”

  1. jekylla Says:

    Ja, das wäre schön. Ich hab Ihnen die Freude ja persönlich gegönnt, aber ich sehe Sie natürlich auch ungern davonziehen. Sie verstehen. Mitziehen wäre mir am vergangenen Wochenende das liebste gewesen.

    Bei Stuttgart weiss man aber auch nicht so recht, was man erwarten soll. Tippspielhasardeure.

  2. heinzkamke Says:

    Ich muss Ihnen etwas gestehen, Frau Jekylla. Als das 2:1 für St. Pauli gefallen war, ließ ich meinen Nebenmann wissen, dass Wolfsburg in der 90. Minute ausgleichen würde. Nun denn, ich hatte zwar unrecht, hätte mich aber gern grundlegender geirrt.

    • jekylla Says:

      Als das 2:1 für St. Pauli gefallen ist, habe ich mich ca. 127 Sekunden wahnsinnig gefreit. Dann hatte ich ca. 10 Minuten Blutdruck und dann bin ich -erwartungsgemäss- kollabiert. Da sag mal einer, wir hätten keinen Unterhaltungswert.

      Erwähnte ich, dass ich es hasse, wenn Sie und ich Recht haben?

      Was ich über Ihr nächstes Spiel denken soll, weiss ich auch noch nicht so ganz..


  3. Ich hab ja nichts vom Spiel gesehen, aber ich halte das Gerede vom ersten Fehler nicht für so verkehrt wie Du – allerdings alleine begründet in der Psyche der Kölner Mannschaft, die wenn sie ein Tor kassiert, wie auch am Samstag, zusammenbricht aber – zumindestens in Heimspielen – bei eigener Führung zu Hause ins Rollen kommen kann. Will man nachträglich neunmalklug sein, so kann man durchaus behaupten, dass das Spiel nach dem 0:1 entschieden war.

    • heinzkamke Says:

      Wäre es das Gerede vom ersten Gegentor gewesen oder von „wenn der erste was auf die Reihe kriegt“, könnte ich es nachvollziehen, vielleicht auch teilen. Aber wenn der angeblich erste Fehler der fünfzehnte (und damit meine ich nicht nur Stockfehler und Fehlpässe im Mittelfeld) war, dem 13 auf der anderen Seite gegenüberstehen, dann halte ich es eben nicht nur für eine Phrase, sondern für inhaltlichen Unsinn.

      Aber eigentlich soll es ja um Fußball gehen und nicht so sehr um Kommentatoren, von daher mag meine Rage etwas deplatziert sein.


      • Ah, ich verstehe. Da hab ich Dich wohl falsch verstanden. Der „erste, zu einem Gegentor führende, Fehler“ wäre also, wenn schon, die richtigere Formulierung gewesen.

  4. 1ng0 Says:

    beeindruckend war die delegation tatsächlich. wobei das die letzten male auch schon so war. dass sich auswärtsspiele in kölle lohnen, weiß man ja inzwischen. aber als das große ziel in form von drei punkten erreicht war, wurde wieder schon gebruddelt. spitzendialog hinterher am bierstand zwischen zwei schwaben. testosterongeladener stiernacken zu gemütlich-grauhaarigem lockenkopf: „ey, erschd grüne wähle und dann no vordrängle, des henn mer gern…“

    • heinzkamke Says:

      In der Tat, mein einziges VfB-Spiel in Köln hat sich auch gelohnt. 1997, 5:1, dreimal Bobic, und vor allem, man höre und staune, Lisztes!

      Die Grünen hatten bei der vorhergehenden Landtagswahl 12,1 % erreicht, die CDU 41,3. Und die SPD war damals schon bei etwa 25 %.


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