Die Bayern-Illusion

11. April 2011

Der gemeine Anhänger des VfB Stuttgart gibt sich seit Wochen, vielleicht Monaten, einer Illusion hin: er glaubt tatsächlich, es könne einen Weg geben, die Saison nach dem 33. Spieltag abzuhaken. Auf dass man am 14. Mai in der Gewissheit nach München fahre, erstklassig zu bleiben. Auf dass der VfB, dem Abstieg gerade von der Schippe gesprungen, befreit aufspielen und vielleicht sogar den Bayern noch die Qualifikation für die Champions League verwehren könne. Ganz davon abgesehen, dass es mir herzlich egal ist, wer in der nächsten Saison in der Champions League antritt (möglicherweise nicht einmal das, weil ich den Bayern durchaus zutraue, den DFB dort erfolgreicher zu vertreten als Hannover 96):

Leute, das können wir vergessen. In München geht’s drum. Die Frage ist nur: worum genau? 17 vs. 16 oder 16 vs. 15?

Sicher, zuletzt dachte ich auch, dass sich in ein paar Wochen Entspannung breit machen könnte. Die Ergebnisse waren ja ganz gut, und wenn man jetzt noch ordentlich spielen würde, wäre der VfB überhaupt nicht mehr aufzuhalten. Ok, das vielleicht nicht, zumindest aber sollte es reichen, um gegen Kaiserslautern zu bestehen. Zumal man dieses „bei denen reicht die Qualität einfach nicht“ irgendwann ja fast schon selbst glaubt.

Zurück zur Illusion: es war vermessen, darauf zu hoffen, dass man sich weiterhin ohne Struktur und Einfälle von Sieg zu Sieg zu Punktgewinn wurschteln würde, es war arg optimistisch, daran zu glauben, dass die Nachlässigkeiten in der Abwehr auch in den nächsten Wochen nicht bestraft würden, es war naiv, zu erwarten, dass Sven Ulreich bis zum Saisonende nie mehr schlecht aussehen und der Mannschaft ein Spiel nach dem anderen gewinnen würde, es war weltfremd, davon auszugehen, dass Bruno Labbadia die Sache mit Christian Gentner und der Spielmacherposition irgendwann doch noch begreifen würde. Vermutlich war es zuviel des Guten, Christian Träschs absolute Zuverlässigkeit als gegeben vorauszusetzen oder zu unterstellen, dass Cristian Molinaros wieder erwachte Offensivqualitäten seine Defensivmängel stets aufwiegen würden.

Immerhin: gestern war er leicht im Plus, wenn man sich an Zählbarem orientiert, wozu ich in diesem Fall nur bedingt neige. Ein herausgeholter Elfmeter und die Vorbereitung zum 2:1 (wieder einmal so ein Treffer, der es in Deutschland leider nie zum Tor des Monats bringen wird) stehen dem 0:1 gegenüber, als er Christian Träsch ins Feuer schickte. Und einer ganzen Reihe weiterer Aktionen, deretwegen Labbadia schon nach einer Viertelstunde Arthur Boka zum Aufwärmen schickte, die aber nichts Zählbares für Kaiserslautern brachten. Auf der Negativseite steht zudem die, nun ja, ziemlich dumme Entscheidung, sich nach besagtem 2:1 aus der offensichtlichen Genugtuung heraus mit den eigenen Fans anzulegen.

Möglicherweise war es auch etwas voreilig, den neuen Zusammenhalt der Mannschaft allenthalben anzupreisen – und daran zu glauben. Natürlich hat Georg Niedermeier das Recht, im Interview darauf hinzuweisen, dass er nicht Srdjan Lakic zugeordnet gewesen sei. Wenn er die Antwort dann noch mit dem Hinweis garniert, dass er auch gerne mal so frei zum Kopfball kommen würde, dürfte er inhaltlich ebenfalls richtig liegen. Bei Frank Rost würde man in so einem Fall vielleicht sogar lobend davon reden, dass er Dinge beim Namen nennt. Mir persönlich wäre ein weichgespültes „da hat unsere Zuordnung nicht gestimmt, darüber müssen wir reden, aber intern“ lieber gewesen als der implizite Auftrag an das ZDF, den wahren Schuldigen aufzuspüren. Ja, vielleicht interpretiere ich über.

Eine andere Frage, die sich daraus ergibt, ist die, ob es wirklich sein kann, dass – wie das ZDF unterstellt und auch die Stuttgarter Zeitungen unter expliziter Berufung auf Labbadia vermelden – Martin Harnik derjenige sein sollte, der Lakic am Kopfball hindert. Sofern ich mich nicht verzählt habe, erzielte der FCK 11 seiner 40 Tore per Kopf. 6 davon verteilen sich auf 6 Spieler, die anderen 5 nickte Lakic ein. Da hätte man sich durchaus vorstellen können, einen ausgewiesenen Kopfballspezialisten gegen ihn zu stellen. Falls der tatsächlich Harnik hieß, wäre ich geneigt, oben noch ein paar Sätze zu Bruno Labbadia zu ergänzen und den bestehenden Kategorien „naiv“, „weltfremd“ bzw. „zuviel des Guten“ zuzuweisen.

Aber wie gesagt: in allererster Linie war ich selbst naiv. Als ich das Spiel gegen Kaiserslautern in der 60. Minute schon nahezu abgehakt hatte, und mit mir nicht wenige andere (nicht zuletzt die auf dem Platz), weil Kaiserslautern zuvor ja über weite Strecken genauso schlecht gewesen war wie der VfB. Als ich tatsächlich glaubte, und mit mir nicht wenige andere,  der Weg führe nun unaufhaltsam nach oben und das Thema Abstieg sei möglicherweise in drei Wochen durch. Als ich mich der Bayern-Illusion hingab.

Und wenn ich ehrlich bin, habe ich Sorge, die Qualitätsfrage demnächst noch einmal stellen zu müssen.

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8 Antworten to “Die Bayern-Illusion”

  1. M Says:

    Sehr gute Zusammenfassung der Ereignisse,
    ich glaube, die Qualitätsfrage werden wir uns noch stellen müssen. So langsam müssen wir wirklich auf den Relegationsplatz hoffen bzw. uns darauf einstellen.
    Zu den Problemen, die du genannt hast, kommt noch hinzu, dass es keinen gibt, der, wenn es schlecht läuft, einfach mal die Ärmel hochkrempelt und die Mannschaft mit seiner Energie anstecken kann (ich versuche bewusst, den Namen van Bommel und den Begriff „aggresive leader“ nicht zu erwähnen). Träsch und mit Abstrichen Kuz sind die einzigen, die das leisten könnten.

  2. Dr.Redu Says:

    Die Qualitätsfrage wird sicher noch mehrfach gestellt werden. Ob der VfB so erstklassig bleiben kann ist mehr als fraglich. Auch wenn die Bayern gerade keinen so guten Lauf haben, sind sie doch wesentlich spielgewitzter. Man schaue nur auf die Tabelle (http://www.bundesliga.de/de/liga/tabelle/) und da auf die vergleiche Siege/Unentschieden/Niederlagen. Wie sagt der Schwabe: elles gschwätzt!

  3. Betzebub Says:

    Der Grund, daß das Spiel in der 2.HZ kippte wr die Sorglosigkeit mit der der Vfb agierte. In der 1. HZ war der VfB klar das bessere Team, setzte aber nicht nach.
    Eigentlich ist es schon erstaunlich, daß der VfB überhaupt über dem Strich steht, kam man ja mit 12 Punkten aus der Vorrunde.
    Das Restsprogramm ist auch nicht von schlechten Eltern.
    Trotzdem viel Erfolg für den Rest der Saison.
    Gruß aus Lautern

  4. heinzkamke Says:

    @M:
    Da Du weder von van Bommel noch vom Aggressive Leader noch von einer Drecksau gesprochen hast, stimme ich zu ;-)
    Gelegentlich, vielleicht auch häufig, würde man sich jemanden wünschen, der voran geht. Ich seh grundsätzlich auch am ehesten Kuzmanovic, irgendwann vielleicht Gebhart, aber nur, wenn seine Leistung (bzw. nicht zuletzt das Maß an Egoismus) stimmt.

    @Dr. Redu:
    Bisher wird ja die Qualitätsfrage eben nicht gestellt. Bzw. allerorten heißt es, der VfB sei viel besser als die Tabelle vermuten klässt. Von dem Gedanken muss man sich ein wenig verabschieden.

    @Betzebub:
    Sorglos, ja. Das ganze Stadion, bzw. die, die dem VfB nahe stehen, inklusive der Spieler, hatte die Punkte schon im Sack.

    Oder wie die Stuttgarter Nachrichten schreiben:

    „Es geschah in Minute 67, draußen stand Arthur Boka, und als Molinaro erkannt hatte, dass er das Spielfeld verlassen sollte, wurde sein Marsch zur Seitenlinie zu einer Art Prozession. Fast alle Mitspieler klatschte er ab, schüttelte auch dem Schiedsrichter die Hand, erst dann ließ er sich unter dem warmen Applaus der Fans auf der Bank nieder. Es war eine Szene, wie sie eine Mannschaft meist nur dann erlebt, wenn die 88. Minute läuft und der Sieg längst unter Dach und Fach ist.“

    [mit den guten Wünschen tue ich mich ein wenig schwer…]


  5. […] gedacht? heinzkamke on Die Bayern-IllusionBetzebub on Die Bayern-IllusionDr.Redu on Die Bayern-IllusionM on […]

  6. Dr. Redu Says:

    @heinzkamke
    Solche Äußerungen sind schon das Pfeifen im Walde. Keine Mannschaft hat immer nur Pech, ungerechte Schiris o.ä. Gut Fußballspielen allein reicht nicht, man sollte schon gewinnen. Und zumindest gewonnen wird vom VfB nicht. Ich bin aber guter Hoffnung, daß irgendwann mal einer nach der Qualität fragt, eben die Realitäten auch sieht. Frohe Ostern!

  7. Dr. Redu Says:

    @heinzkampke gestern hat man es gesehen. Der VfB kann gewinnen, aber nur, wenn die andere Mannschaft (HSV) noch konfuser spielt. Frohe Ostern!

  8. heinzkamke Says:

    @Dr. Redu:
    Ich glaube, dass da gegen den HSV ein wenig von beidem dabei war: ein furchtbar schlechter HSV auf der einen Seite und ein verbesserter VfB auf der anderen, der noch dazu das Glück hatte, dass gleich zu Beginn auch etwas Zählbares heraussprang. Dass man dennoch fast noch gestolpert wäre, hatte dann wohl sowohl mit Verunsicherung als auch mit der Qualitätsfrage zu tun.

    Ist wohl etwas spät, um die Osterwünsche zu erwidern. Aber wenigstens bedanken kann ich mich. Danke schön!


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