Ich hab die Regeln umzusetzen.

21. März 2011

Im Grunde halte ich mich für recht objektiv und bis zu einem gewissen Grad auch verständnisvoll, was die Bewertung von Schiedsrichterleistungen anbelangt. Dass die Vereinsbrille dennoch ihre Spuren hinterlässt, dürfte niemanden überraschen, und so muss ich einräumen, dem 23. Mann (w/m) gegenüber nicht immer fair zu sein. Ist er zu mir ja auch nicht immer.

Also lobe ich ihn heute einfach mal, und zwar gleich doppelt. Hat allerdings nur bedingt mit seiner Leistung auf dem Platz zu tun, in einem Fall trifft eher das Gegenteil zu, sondern vielmehr mit dem, was er nach dem Spiel gesagt hat. Wobei „er“ im einen Fall Dr. Felix Brych heißt, im anderen Michael Weiner. Und manch einer wird das ganz anders sehen. Oder meine Positionen für unvereinbar halten.

Dr. Brychs Interview im Sportstudio war mir ein Vergnügen. Er legte dar, weshalb er das Spiel Dortmund-Mainz trotz der Verletzung von Neven Subotic nicht unterbrochen hatte und entgegnete auf die Frage, ob er auf den Gedanken des Fair Play achten müsse, folgendes: „Nein. Ich hab die Regeln umzusetzen.“

Nun kann man auf dem Standpunkt stehen, dass diese Aussage ein Grundübel des Fußballs im Allgemeinen und der Schiedsrichterei im Besonderen widerspiegle: dass sich die Unparteiischen zu sehr an den Buchstaben des Regelwerks festhalten. In aller Regel fällt dann auch ziemlich rasch die berühmte Vokabel „Fingerspitzengefühl“. Im vorliegenden Fall aber bin ich weit davon entfernt, Dr. Brychs Entscheidung zu kritisieren. Er hat sich an den Regeln orientiert, nach meiner laienhaften Einschätzung völlig korrekt.

Vor allem aber hat er dem Zuschauer und seinem Interviewpartner souverän und unaufgeregt Wissen vermittelt: der Schiedsrichter unterbricht, um die Gesundheit des betroffenen Spielers zu schützen. Punkt. Wenn er an der Notwendigkeit zweifelt, unterbricht er nicht. Und kann damit natürlich böse daneben liegen. Aber was wäre die Alternative? Pflichtunterbrechung, wenn ein Spieler am Boden liegt? Schöne Idee.

Das ganze andere Gedöns, Fair Play, Sportsmanship oder wie auch immer man es nennen mag, ist Sache der Spieler. Und sollte es auch bleiben, wenn es nach mir ginge. Ich halte nichts von einer Anweisung, dass ausschließlich der Schiedsrichter unterbrechen dürfe, um einen möglicherweise verletzten Spieler behandeln zu lassen. Mir gefällt die jetzige Aufgabenteilung: der Schiedsrichter unterbricht, um jemanden behandeln zu lassen, der ernsthaft verletzt sein könnte. Die Spieler sind Sportler genug, um die Schwelle niedriger anzusetzen. Und sie sind klug genug, einen notorischen Liegenbleiber irgendwann zu ignorieren. Subotic zählt nicht dazu.

Ja, ich finde, die Mainzer hätten den Ball ins Aus spielen sollen, auch wenn man das anders sehen kann. Die Argumentation, Dortmund habe ihn zunächst selbst nicht ins Aus gespielt, greift in diesem Fall nicht – dafür haben sie ihn zu schnell verloren, vermutlich zu schnell, um überhaupt zu realisieren, dass Subotic zu Boden gegangen war. Dr. Brych lag gleichwohl richtig.

Bei Michael Weiner sieht es etwas anders aus. Er lag mit seinen Entscheidungen bei Nürnberg-Bremen allem Anschein nach eher nicht richtig. In seinem Sportstudio-Interview zeigte er sich auch recht schmallippig und gewiss nicht souverän. Aber in einem Punkt bin ich völlig seiner Meinung: ich möchte nicht, dass der Schiedsrichter in jeder Partie einen, zwei oder drei Spieler fragt, ob es denn wirklich ein Foul oder nicht doch eine Schwalbe gewesen sei, ob der Ball die Linie überschritten habe, ob die Hand zum Ball gegangen sei, was auch immer.

Vielmehr möchte ich, dass er entscheidet, auf Basis der ihm vorliegenden Informationen. Wenn diese Informationen irgendwann Signale eines Chips im Ball oder einen Videobeweis beinhalten, soll er sie bitte einbeziehen. Und dann entscheiden. Ich will nicht einmal ausschließen, es vielleicht sogar begrüßen, dass ein Schiedsrichter in Einzelfällen auch einmal einen Spieler beiseite nimmt und um Aufklärung bittet.  Aber es soll bitte nicht zur Gewohnheit werden, dass die Verantwortung auf den Spieler abgewälzt wird.

Der hat schließlich schon genug mit der Verantwortung zu tun, die ich ihm bei der Frage nach Spielunterbrechungen für verletzte Mit- und Gegenspieler aufgebürdet habe.

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21 Antworten to “Ich hab die Regeln umzusetzen.”

  1. nedfuller Says:

    Aber wie entlarve ich dann Schauspieler?
    Erinnert mich an das Märchen von Peter und dem Wolf.

    Kann ein Schiedsrichter denn tatsächlich einschätzen, wie es um die Gesundheit des Spielers steht?

  2. hirngabel Says:

    Hier bin ich wieder ganz auf der üblichen Seite. Deiner.

  3. gses Says:

    Guter Blickwinkel und auch richtig. Dass zu Brych. Ich dachte zunächst auch: „Wenn der da liegt, muss er pfeifen“ – aber das wär ja noch schöner. Logische Folge wären natürliche italienische Verhältnisse in den letzten 5 Minuten, würde das zur Regel werden.

    Weiners Auftreten danach fand ich hingegen nicht unsouverän. Er hat extra betont was für eine extreme Anti-Stimmung in Nürnberg geherrscht habe und wollte sicherlich darauf hinaus, dass man so nicht unbedingt fehlerfrei arbeiten könne.
    War für ihn im Frankenland sicherlich so eine Art innerer…..äh, nein.


  4. ach kamke. sie werden noch zum justin-bieber der fußballblogger-szene, soviel fans wie sie haben. zu recht. sie beschreiben das dilemma wie immer punktgenau.
    ich sag mal, wenn jemand den ball in die kronjuwelen bekommt, dann liegt keine ernsthafte verletzung vor. die tendenz der spieler geht ja schon dazu, einfach mal liegen zu bleiben um genau den pfiff des schiedsrichters zu erzwingen. das beurteilen möchte ich dennoch nicht übernehmen. der schiri ist am ende immer der depp.

  5. heinzkamke Says:

    @nedfuller:
    Bei der Frage nach der Entlarvung verstehe ich nicht, worauf Du hinaus willst. Ernsthaft jetzt.

    Natürlich kann der Schiedsrichter nicht verlässlich entscheiden, wie schwer eine Verletzung ist. Aber ich sehe niemanden, der ihm diese Aufgabe im Spiel abnehmen könnte. Zudem kann ich mich konkret an keine Verletzung erinnern, die wegen eines zögernden Schiedsrichter schlimmer geworden wäre.

    @hirngabel:
    Wir haben doch keine Seiten. Wir diskutieren. :-)

    @gses:
    Hm. Kann man drüber streiten, ob es souverän ist, zunächst die Rahmenbedingungen zu beklagen, wenn man nach Meinung vieler Beobachter doch ein ganzes Stück daneben gelegen hat. Menschlich ist es allemal, gerechtfertigt vielleicht auch.

    Puh, fast hätte ich Deinen Kommentar zensieren müssen.

    @jens:
    Habe am Samstag einige Minuten der Justin-Bieber-Show im ZDF gesehen und muss sagen, dass ich den jungen Mann ganz ok finde, abseits der Bühne.

    Aber das scheint hier gar nicht der Punkt zu sein. Danke (trotz des vorher Gesagten: nicht für den Vergleich). Und nein, ich möchte es auch nicht beurteilen müssen.

  6. jekylla Says:

    Der Justin Bieber der Fußballblogger-Szene – großartig! Ich darf zwar jetzt meinen Schreibtisch wischen wegen des drübergeprusteten Kaffees, aber das war es wert.

    Zum Thema Brych -der ja erklärterweise einer meiner liebsten Schiedsrichter ist, unter anderem, weil er viel laufen lässt und nicht spieldemolierend pfeift- hatte in der Situation mit der Einschätzungen Recht. Natürlich hätten die Mainzer den Ball ins Aus befördern können und sich damit für den Fair Play-Pokal empfehlen. Ungefähr so wie unser Fairald Asamoah bei der Frage nach der Ecke, ja oder nein. Falsche Antwort, im Gegenzug Tor. Geht auch.

    Wie nach jeder nicht eindeutigen Situation ein Stuhlkreis mit Ingwerplätzchen und grünem Tee einberufen wird, brauchen wir auch keinen Schiedsrichter mehr, dann diskutieren wir eben alles aus.

    Ich bin ganz bei Herrnn heinzbieber hier, wenn es mal einen Chip im Ball gibt für solche Situationen wie Frankfurt gegen St. Pauli am Samstag, ist das ok, ansonsten kann ein guter Schiedsrichter wohlgemut selbst entscheiden. Sonst ist der Job ja irgendwie… über.

  7. nedfuller Says:

    @heinzbieber (ist das jetzt der neue Name?)

    Ich habe irgendwo in Kommentaren einen Vorschlag gelesen: Nur der Schiedsrichter kann das Spiel unterbrechen. Der Spieler geht raus aus dem Spielfeld und muß für eine bestimmte Zeit (Vorschlag war 4 Minunten) draußen warten, bis er weiter mitspielen darf.

    Dies konntest du nicht wissen, als ich fragte: Wie sollen denn Schauspieler entlarvt werden?
    Also die Frage, was tun wir, damit der Scheiß aufhört?
    Der St. Adtteilverein hat das im Spiel gegen uns ja auch gemacht: Eigener Spieler liegt am Boden, es wird trotzdem weiter gespielt. Wir spielen den Ball raus (oder hat der Schiri gepfiffen, meine Erinnerungen verschwimmen) und nach einer Behandlungspause kann der Spieler quietschfidel wieder weiterspielen.
    Das nervt auf allen Seiten und würde meiner Meinung nach unterbunden werden, wenn der Schiedsrichter abpfeift und der Spieler sofort raus muß, nicht auf dem Feld behandelt wird.

    • Jekylla Says:

      Die meisten spielen doch nach einer Behandlungspause quietschfidel weiter. Eben noch dem Tode nahe und dann Wunderheilung. Manche haben nur einen Schauspielkünstler in den Reihen, manche mehrere. Alle sofort zur Behandlung raus, Spiel weiterlaufen lassen. Dann kommen die schnell wieder auf die Beine.

    • heinzkamke Says:

      Ist das fair, das mit den 4 Minuten? Mannschaft A tritt wie wild um sich, ein Spieler von B wird behandelt, nach 2 Minuten ist er wieder einsatzbereit, aber A wird für seine Härte mit 2 zusätzlichen Minuten in Überzahl belohnt? Gefällt mir nicht.

      Zudem besagt die Regel doch schon heute, dass außerhalb des Feldes behandelt werden muss. Wann immer die Betreuer den Platz betreten dürfen, muss der Behandelte (wenn er nicht gerade Torwart ist) den Platz zur Behandlung verlassen, ehe es weitergeht. Dass indes die Ärzte zunächst auf dem Platz einen Blick drauf werfen, ob man den Herrn auf die Trage legen muss oder nicht, finde ich völlig in Ordnung. Natürlich kann es passieren, dass der (vermeintlich?) Verletzte, kaum draußen angekommen, wieder fit genug ist, den Platz zu betreten. Dann sind die Schiedsrichter gefordert, entsprechend nachspielen zu lassen. An der Stelle würde ich eher ansetzen.

      • nedfuller Says:

        Naja, die Regel wird aber häufig nicht angewendet.

        Was mich so ärgert: Schauspieler werden halt nicht bestraft, sondern eher belohnt.

  8. phileit Says:

    Danke dafür. Bin sehr froh, nicht der einzige zu sein, der auf dem Standpunkt „Die SR sind dazu da, die Regeln anzuwednen“ steht. Auf das F-Wort, dass mit den Fingerspitzen, reagier‘ ich ja mittlerweile ziemlich allergisch.

  9. gses Says:

    Doch, Fingerspitzengefühl ist unheimlich wichtig. Und Brych hat es auch bewiesen.

    Indem er nämlich den Zuschauern ganz klar seine Meinung gezeigt hatte, nämlich dass Subotic nur simuliert – liegt ja nahe wenn ein Spieler der führenden Mannschaft in der 89. mitten in der eigenen Hälfte rumliegt.

    Hat Dortmund Pech gehabt.

    Lieber wird ein paar Mal zu oft weitergespielt, als das diesen Hinlegen und auf den Schiripfiff warten um Zeit zu schinden irgendwann als „taktisches Mittel“ missbraucht und dann auch noch anerkannt wird.

  10. heinzkamke Says:

    @nedfuller:
    Da haben wir wohl das Dilemma, ob wir Schauspieler oder Treter belohnen wollen…

    Und jetzt ernsthaft: ich nehme das tatsächlich nicht so wahr, dass die Regel nicht angewandt wird. Wer behandelt wird, muss den Platz verlassen. In Baden-Württemberg wird halt streng nach Regeln gelebt.

    @gses:
    Fingerspitzengefühl? Aus meiner Sicht hat er in erster Linie die Regeln angewandt. Wenn die Leute „Fingerspitzengefühl“ sagen, meinen sie nach meiner Erfahrung meist „die Regeln ein wenig beugen“.

    @Jekylla:
    Ich bin mir nicht sicher, ob Sie Herrn Subotic nur einen Rat für künftige Gelegenheiten geben wollen, oder ob Sie insinuieren, sein samstäglicher Schmerz sei kein großer gewesen. In letztgenanntem Fall würde ich irgendetwas von persönlichem Erfahrungshorizont entgegnen wollen.


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