Hoffnungsträger Elson

19. März 2011

Mit der Überschrift ist eigentlich alles gesagt. Elson, der Elson, der seit Januar 2005 in insgesamt 33 Spielen 4 Tore erzielt hatte, der Elson, der in dieser Saison anderthalb Spiele bestritt, ohne zu überzeugen, der Elson, der schon gefühlte 12 mal aussortiert war. Er war der einzige, dem ich zutraute, in der zweiten Halbzeit durch eine Standardsituation vielleicht doch noch so etwas wie Torgefahr zu kreieren.  Wem auch sonst?

Das heutige Spiel gegen Wolfsburg war das erste, bei dem ich mich so richtig über Bruno Labbadia geärgert habe, bzw. im Grunde hatte es ja schon lange vor dem Spiel begonnen. Konkret: als er sich dem Vernehmen nach ernsthaft darüber beklagte, dass seine Spielvorbereitung unter dem Wolfsburger Trainerwechsel gelitten habe. Selbstvertrauen hört sich so nicht an. Bei Felix Magath klang das anders. Der stellte erst einmal die diskutable These auf, der VfB werde ständig von den Schiedsrichtern bevorzugt – eine Taktik, die schon einmal aufgegangen war, mit welchem Verein auch immer. Um dann beim heutigen Spiel das Rumpelstilzchen zu geben. Von der ersten Minute an führten er und seine Mitarbeiter in schöner Regelmäßigkeit Veitstänze auf, um jedes greifbare Mitglied des Schiedsrichterteams zu beeindrucken. Als er sich dann auch noch über die Behandlungspause für den angeschlagenen Kuzmanovic echauffierte, hatte er es sich endgültig mit dem Stuttgarter Anhang verscherzt. Und ganz gewiss Wirkung erzielt.

Bruno Labbadia blieb indes ruhig. Verscherzt hatte er es sich aber auch. Bei mir. Bei den Umstehenden. Ausführlich diskutierten wir zu Spielbeginn die Frage, ob der VfB nun zu acht, zu neunt oder vielleicht doch zu zehnt antrete. Celozzi! Niedermeier! Und vor allem Gentner, der nicht nur in der Vorwoche unterirdisch gespielt hatte, sondern der sich zu allem Überfluss auch noch auf der – ok, vielleicht ist der Vergleich nicht ganz fair – Özil-Position versuchen sollte. Man hätte sich zumindest vorstellen können, Mamadou Bah anstelle von Gentner und den vor seiner Verletzung starken Khalid Boulahrouz als rechten Verteidiger in der Startelf zu sehen. Man hätte sich auch vorstellen können, Zdravko Kuzmanovic nach seiner Verletzung möglichst schnell zu ersetzen. Nun will ich nicht den guten Jérôme Boateng ins Feld führen – es war durchaus nachvollziehbar, Kuzmanovic noch einmal einen Versuch zu geben. Was es dann allerdings sollte, Elson noch ausführlich die Taktikfibel studieren zu lassen, anstatt ihn stante pede aufs Feld zu schicken, ist mir ein Rätsel. Drei Minuten vor der Pause erscheint es mir persönlich wichtiger, die volle Mannschaftsstärke zu gewährleisten, als dem elften Mann seine Laufwege und Zuordnungen zu erklären. Aber ich bin nur ein Laie. Und der Gegentreffer fiel ja auch erst, als Elson bereits auf dem Feld war.

Natürlich war es bitter, bereits zur Pause zum zweiten Mal wechseln zu müssen, nachdem man ohnehin geschwächt angetreten war. Blieb also noch genau ein Offensivwechsel, um irgendwie einen Ansatz von Torgefahr zu entwickeln. Da kann man natürlich auf die Idee kommen, den jungen Mann einzuwechseln, der eine Woche zuvor den Lucky Punch gesetzt hatte. Auch wenn er insgesamt noch arg brav wirkt und bisher nicht unbedingt durch Handlungsschnelligkeit und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor aufgefallen war. Woran es mir jedoch vor allem fehlte, war ein wenig Frechheit und Aggressivität. Jene Aggressivität, über die ich mich bei Cacau mehr als einmal geärgert habe – heute hätte ich sie mir gewünscht. Da hätte es sich ja gut getroffen, dass er auf der Bank saß.

Mir ist klar, dass man für Labbadias Entscheidungen gute Gründe ins Feld führen kann. Stefano Celozzi spielte am Millerntor eine ordentliche Partie, Boulahrouz hatte nicht nur eine verletzungsbedingte Pause hinter sich, sondern war auch als Backup für den ebenfalls angeschlagenen Tasci vorgesehen. Schipplock mag Selbstvertrauen ausgestrahlt haben, Cacau noch nicht wieder im Vollbesitz seiner Kräfte sein. Gentner mag, was weiß ich, gut trainiert haben. Und dass man zögert, Kuzmanovic durch Elson zu ersetzen, ist zweifellos nachvollziehbar. Aber insgesamt fand ich Bruno Labbadias Entscheidungen, ganz subjektiv, eher unglücklich.

Eher unglücklich, hm? Wäre schön, wenn man das auch für die Leistung der Mannschaft sagen könnte. Die war aber näher bei schlecht. Uninspiriert. Mit, wieder einmal, verheerenden Abspiel- und Abwehrfehlern. Ungewöhnlich viele Fehler bei Träsch, folgenschwere Fehler bei Celozzi und dem (heute) sonst sehr stabilen Niedermeier, mindestens ein katastrophaler Fehler bei Boulahrouz, dessen anschließende Verunsicherung nicht nur bis auf den Oberrang zu sehen war, sondern vor allem auch als Sinnbild für das Selbstvertrauen der gesamten Mannschaft gelten musste.

Dass man letztlich dennoch nicht mit leeren Händen da stand und Wolfsburg doch noch hinter sich lassen konnte, war einmal mehr den überragenden individuellen Fähigkeiten von Georg Niedermeier geschuldet, der nach einem mutigen Zuspiel von – und hier wird wieder einmal deutlich, wieso Bruno Labbadia Bundesligatrainer ist und ich nur ein mal mehr, mal weniger dilettierend über Fußball Schreibender – Christian Gentner technisch perfekt vollendete. Sven Ulreich hielt den Punkt mehrfach großartig fest.

Meine Horrorvision, die beiden Spiele gegen die grünen Ws, bzw. die weißen Ws auf gründem Grund, punktlos zu absolvieren, ist also abgewendet. Dennoch lief der Spieltag alles andere als optimal. Ein Punkt in Bremen wäre nicht nur deshalb ganz hilfreich. Oder drei.

Ob ich daran glaube? Natürlich.
Mein Hoffnungsträger heißt Elson.

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12 Antworten to “Hoffnungsträger Elson”

  1. hirngabel Says:

    Hmm.

    Ganz ehrlich, ich halte die Kritik an Labbadia von Dir für etwas überzogen. Sie wirkt dann doch teilweise ein bisschen wie „im Nachhinein ist man schlauer“.

    Man ist halt vor allem nicht nah genug dran, um den Fitnesszustand der jeweiligen Spieler wirklich einschätzen zu können. Da könnte die eine oder andere Personalentscheidung schon mit zusammenhängen, über die Du Dich wunderst bzw. ärgerst.

    Vor allem aber kann ich Dein Fordern von Cacau nicht wirklich nachvollziehen, nachdem er in den letzten Wochen nun wirklich ein ums andere Mal einer der schlechtesten und von der Attitüde her negativsten VfB-Spieler auf dem Feld war. Es mag sein, dass er dieses Mal nach einer Einwechslung positiver drauf gewesen wäre, aber garantiert ist das nun wirklich nicht.

    Kuzmanovic hat, wenn ich mich nicht irre, ja selbst einen Kopf, der mit seinem Körper verbunden ist, sowie einen Mund, und wenn er es dann nochmal probieren will, dann soll man ihn machen lassen. Und er wollte. Von daher finde ich es unangebracht, das mit Boateng in Verbindung zu setzen. Dass es sehr lange gedauert hat, Elson reinzubringen, kann ich dann nicht wirklich beurteilen.

    Ansonsten teile ich, wie vermutlich alle VfB-Fans, Deine irritierte Verwunderung in Bezug auf das nicht totzukriegende Unkraut Elson. (bildlich gesprochen!)
    Wobei ja hoffentlich nächste Woche Hajnal wieder dabei ist.

    Was im Übrigen auch für ein bisschen irritierte Verwunderung sorgt. Bei mir.

  2. 1ng0 Says:

    gedanken auf dem weg zur arbeit heute:

    ach, der herr kamke hat bestimmt was zum wob-spiel geschrieben. wie schön. dann kann ich mich da ja in den kommentaren darüber auslassen, wie hasenfüßig und selbstbewusstseinssenkend und falsch ich die aussagen labbadias fand, wob nach dem trainerwechsel so dermaßen hochzujazzen und so die potenzielle niederlagenausredenentschuldigung gleich vorab zu liefern: vorbereitung perdu, favoritenrolle hinübergeschoben, bliblblablub. entsprechend lief dann auch das spiel.

    aber nee, genau das hat der herr kamke ja schon geschrieben. hmmm. hier wird wieder einmal deutlich, wieso heinzkamke bundesligablogger ist und ich nur ein mal mehr, mal weniger dilettierend…

  3. hirngabel Says:

    Die Kritik an Labbadias Statements im Vorfeld des Spiels teile ich übrigens vollständig. Nur um das noch klar zu stellen.

  4. heinzkamke Says:

    @hirngabel:
    In der Tat ist man im Nachhinein schlauer. Weshalb ich es mir zur Gewohnheit gemacht habe, erst im Nachhinein zu schreiben ;-)

    Ernsthaft: wie ich sagte, kann man bei jedem einzelnen Punkt geteilter Meinung sein. Für mich hat es sich eben so dargestellt.

    Den Fitnesszustand der einzelnen Spieler kann ich in der Tat nicht einschätzen. Ich hoffe aber, dass der Trainer in der Regel nur Leute auf der Bank hat, die den Belastungen eines Bundesligaspiels gewachsen sind. Sollten diesbezüglich bei Boulahrouz Zweifel bestanden haben, wie beispielsweise der Kicker schreibt, würde mich das angesichts des angeschlagen ins Spiel gegangenen Tasci irritieren.

    Deine Position zu Cacau verstehe ich. Habe ich auch oft genug ähnlich gesagt. Und bin gleichzeitig der Meinung, dass man, wenn keiner das Gefühl vermittelt, dem Gegner Paroli zu bieten, Magaths Mannen die Stirn zu bieten, weder dem braven Schipplock noch seinen Mitspielern einen Gefallen tut. Völlig subjektiv.

    Natürlich war es völlig ok, Kuzmanovic noch einen Versuch starten zu lassen. Und vermutlich kann sich der Trainer anders als ich nicht den Luxus leisten, jeden einzelnen Schritt, den Kuzmanovic ab dem Betreten des Feldes macht, zu beobachten, anstatt auf den Ball zu schauen. Andernfalls hätte er vielleicht auch spätestens nach dem fünften Schritt das Gefühl gehabt, die Reißleine ziehen zu müssen. Um Kuzmanovic zu schützen, aber auch, um ein Gegentor vor der Pause zu verhindern. Es mag nicht die feine englische Art sein, so rasch den Fall Boateng zu zitieren. Für unangebracht halte ich es indes nicht.

    Aber auch hier gilt: Ansichtssache.

    @1ng0:
    Ach, lass Dich ruhig noch ein wenig darüber aus, kam ja hier über ein Nischendasein nicht hinaus, der Aspekt…

    Mieser Trick übrigens, meine Koketterie so nett an den Pranger zu stellen.

  5. gses Says:

    Beim VfB läuft es zwar schon die ganze Saison nicht besonders, aber mit Labbadia wird das nicht besser werden – eher umgekehrt.

    Es gibt für mich keinen Trainer, der sich so im eigenen Floskelwahnsinn und pseudomotivierenden Gedöns ertränkt (nichtmal Doll oder Klinsmann kommen da ran) als Labbadia.

    Stuttgart braucht meiner Meinung nach viel Glück, so wie gestern in der 94., um die Klasse zu halten.
    Oder einen Ulreich. Der hat gestern ja wieder ein, zwei Dinger raus, das war nicht von dieser Welt.

    Achja, wurde Ulreich nicht von Labbadia ursprünglich zurück auf die Bank beordert?

    Ich drück auf jeden Fall die Daumen dass der VfB es schafft, dann eine schwache Hinrunde 11/12 spielt damit ihr endlich diesen Ex-Spieler wieder loswerden könnt.

  6. 1ng0 Says:

    @heinzkamke: das war kein trick und schon gar nicht mies, sondern ehrlich gemeint. echt.

    @gses (und den rest): ich sehe das leider ähnlich. labbadia ist in meinen augen keine dauerlösung, die nächste trainerdiskussion ist so sicher wie gebharts nächste gelbe karte. mitte mai wird labbadia noch als „abstiegsvermeider“ gefeiert werden, und im november blättert bobic wieder hektisch sein telefonbuch durch. vielleicht holt er dann ja babbel zurück, scheint doch gerade ein trend zu sein. oder, noch besser: arie haan.

  7. heinzkamke Says:

    @gses:
    Manchmal erinnert er mich ein wenig an Olaf Thon. Der kann auch so klug reden.

    Ja, Labbadia hat Ulreich auf die Bank gesetzt. Was ich ihm nicht zum Vorwurf mache. Womit ich nicht sagen will, dass er wegen dieser Degradierung jetzt so gut hält. Aber er ist stärker als vorher, weshalb auch immer.

    @1ng0:
    Dein Wort in Gottes Ohr. Eines ganz besonders auf jeden Fall: „Abstiegsvermeider“. Würd ich gerne sagen.

    Was danach kommt, ist im Moment noch so weit weg. Mir fällt’s grade auch so schwer, mich mit der Frage zu befasen, wo ich in der neuen Cannstatter Kurve stehen will. Ist irgendwie einfach nicht die Zeit dafür.

    Und „mies“ war natürlich gar nicht mies gemeint.

  8. hirngabel Says:

    @1ng0
    Ich will hier ja jetzt nicht andauernd als Advocatus Labbadiaboli auftreten, aber: Bei welchem Trainer war das denn mit dem Notizbuch im Herbst in den letzten Jahren anders?
    Selbst bei Gross hab ich nicht ernsthaft mit einer Ära gerechnet. Einfach weil’s die Strukturen im Verein auch nicht hergeben.

  9. M Says:

    Vielen Dank für die Analyse, im Prinzip sehe ich fast alles sehr ähnlich, wobei ich allerdings noch Didavi erwähnen muss, der bei Labbadia leider gar keine Rolle zu spielen scheint.
    Ich hoffe nur, dass nach wie vor die ganze Mannschaft weiß, dass sie mitten im Abstiegskampf steht, die 10 aus 12 Punkte waren gut, aber auch überlebenswichtig, sonst wären wir schon vollständig weg vom Fenster.

    @hirngabel:
    Bei Gross hätte ich zumindest die Chance gesehen, mal wieder einen Trainer über eine komplette Saison mit Hin- und Rückrunde zu halten, aber nein, der Grünschnabel vom Dienst, Herr Bobic, sah das leider anders.

  10. 1ng0 Says:

    @hirngabel: advocatus labbadiaboli ist ein wunderbarer begriff!

    hm. ich glaube, gross hätte unter anderen umständen das zeug zu einem „ära-trainer“ haben können. ansonsten fällt mir aber auch keiner seit löw ein, den ich zum jetzigen zeitpunkt unbedingt zurück haben wollte. am ehesten noch rainer adrion.

    aber mit diesen fragen sollte sich neben uns ja ohnehin eher der vorstand beschäftigen. und da finde ich es schon bezeichnend, dass immer, wenn in den letzten jahren über die zukunft eines unverbrauchten, hoffnungsvollen, von seinem fach etwas verstehenden trainer verhandelt oder zumindest spekuliert wurde, der vfb außen vor blieb. womit wir wieder bei den strukturen wären…

  11. heinzkamke Says:

    @M:
    Für Didavi ist die Situation grade unglücklich, sehe ich auch so. Ich würde mich grundsätzlich freuen, mehr von ihm zu sehen, glaube aber nicht, dass er aktuell (bei Labbadia, aber wohl auch bei mir, wenn ich etwas zu sagen hätte) links offensiv an Okazaki oder, falls der einmal im Sturm spielen sollte, an Gebhart vorbeikommt.

    @1ng0:
    Zumindest bei Dutt wurde der VfB immer mal wieder genannt. Aber ich weiß nicht, ob das wie bei Klopp und Tuchel nur die Wünsche von Fans warenm, oder ob sich auch der Vorstand damit befasste und nur das Zeitschema nicht passte.Im Übrigen haben wir ja einen jungen, nur ein bisschen verbrauchten Trainer…

    Gross hätte ich schon gerne als Äratrainer gehabt, Veh vielleicht auch.

  12. snej Says:

    Auch ich halte einen Labbadia hier für wenig zukunftsfähig und für mich liegt sein Verfallsdatum so in etwa im Oktober/November 2011.

    Nachdem man ja die Option Dutt jetzt „verpennt“ hat und ich die Saison 11-12 bei einem Verbleib von Labbadia größtenteils jetzt schon abschreiben würde, bleibt mir nur die Hoffnung, dass man dann im Herbst oder Frühjahr als Nachfolger für Bruneau einen Trainer holt, der das Schiff halbwegs sicher in den Hafen steuern kann, sodass man dann wenigstens ab Sommer 2012 einen Trainer kriegt, dem man so etwas wie einen langfristigeren Verbleib zutrauen könnte.

    Sonst sehe ich für diesen Verein derzeit weniger bis gar keine Perspektive, zumal man auch damit rechnen muss, dass selbst im Falle des Klassenerhalts im Sommer die beiden einzigen verbliebenen Spieler, die höheren Ansprüchen genügen, verkauft werden. Ausser es fallen irgendwo wie 02-03 und 06-07 wieder 3-4 Nationalspieler vom Laster.


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