Wir sind eher nicht wir.

3. März 2011

Wir hier bei angedacht mögen ja den Pluralis Modestiae. Nicht dass wir ihn häufig verwenden würden, dafür sind wir viel zu unbescheiden. Aber wir mögen ihn. Obwohl wir ihn kaum vom Majestatis unterscheiden können, geschweige denn vom Auctoris. Vielleicht mögen wir diese beiden also auch, wissen es bloß nicht. Egal. Uns reicht die Gewissheit, dass uns diese Plurales ein wohlig warmes Wir-Gefühl bescheren.

Was nichts daran ändert, dass wir uns mitunter ein wenig schwer tun mit „Wir-Gefühlen“. Wir schrecken gemeinhin davor zurück, darauf hinzuweisen, dass wir einen neuen rechten Verteidiger brauchen, ein großes Spiel abgeliefert haben oder es den Schalkern schon zeigen werden. Unser Subjekt verharrt in der dritten Person. Zumindest hier im Blog, auch wenn sich möglicherweise Gegenbeispiele finden. Im Stadion handhaben wir die Sache häufig etwas anders und zögern nicht, alle Welt darüber zu informieren, dass wir den U-Uefa-Cup holen.

In den letzten Wochen ist uns verstärkt aufgefallen – fragen Sie uns nicht wieso, aus irgendeinem uns nicht bewussten Grund waren wir sensibilisiert -, dass diese Unterscheidung andernorts häufig nicht getroffen wird, dass Menschen in Blogs und in noch höherem Maß bei Twitter durchgängig wirzen, wenn sie von ihrem (ohne Anführungszeichen, wie wir sie vielleicht setzen würden, wenn es um uns ginge) Fußballverein sprechen.

Wir fragen uns, ob uns das beunruhigen sollte. Wollen wir uns etwa nicht mit „unserem“ Verein identifizieren? Sollten wir nicht gerade in der jetzigen schwierigen Situation Nähe vermitteln, anstatt durch die Verwendung der schnöden dritten Person Distanz zu schaffen? Gebärden wir uns gar als neutrale Berichterstatter, die wir bei nur geringfügig näherer Betrachtung keineswegs sind? Wir wissen es nicht, aber wenn wir ehrlich sind, beunruhigt es uns dann doch nicht.

Wir wahren diese Distanz, wenn es denn eine ist, durchaus bewusst. Wir haben wenig Einfluss auf die Entscheidungen des Vorstands, können sie mögen oder eher kritisch sehen, mitunter verfluchen. Aber es sind nicht unsere. Wir wollen mit aller Macht, dass die Mannschaft gewinnt, und wenn sie es tut, jubeln wir, als hätten wir selbst gewonnen. Haben wir aber nicht. Zumindest wir nicht. Auch wenn es sich vielleicht so anfühlt.

Das muss man nicht so sehen, kann man völlig anders beurteilen. Wir wollen niemandem ausreden, sich als Teil des Vereins zu sehen. Gewiss nicht. Zumal wir das selbst vielleicht auch tun. Wir wollen auch nicht andeuten, objektiver zu sein. Wir stellen nur fest. Und schreiben unsere Eindrücke auf, um uns ihrer irgendwann zu erinnern. Oder von klügeren Menschen etwas mehr darüber zu erfahren, was es bedeutet, dass wir nicht wir sein wollen.

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11 Antworten to “Wir sind eher nicht wir.”

  1. hirngabel Says:

    Gutes Thema, bei dem wir vom Brustring uns auch nicht immer sicher sind und es mal so und mal so handhaben. Also zumindest ich. Für die anderen kann ich nicht sprechen.

  2. Thor Says:

    Völlig offtopic: gerade mit dem Taxi in Berlin an einer Kneipe namens “ Sportlertreff SC Minerva“ vorbeigefahren. Da dachte ich mir, grüsse doch mal schnell den Heini Kamke von den Störchen. Nun denn: Beste Grüße!

  3. Mahqz Says:

    Bei Twitter mache ich es einfach, weil wir ein schönes kurzes Wort ist.

  4. Gunnar Says:

    @Mahqz: Wie jetzt? Ist „wir“ etwa kürzer als „sie“? Oder als „ich“?

    Letzteres wäre sowieso eigentlich eine ganz selbstbewusste Variante: ICH habe gewonnen, ICH habe heute ganz stark gespielt.
    Hehe, muss ich nächste Woche im Stadion mal ausprobieren.

  5. Mahqz Says:

    Nein, aber als der komplette Vereinsname, wenn man von diesem in der dritten Person Singular spricht. Außer man wählt natürlich die jeweilige Abkürzung.
    Im hier besprochenen Verein natürlich gut möglich. ;-)

  6. Johannes Says:

    ein ganz interessantes thema, das eigentlich noch tiefschürfendere kulturwissenschaftliche analyse verdient hätte.

    ich hatte die diskussion mit nem kommilitonen. er kommt aus tübingen, ist schalke-fan. ich bin „neigschmeckter“ in stuttgart gewesen, da irgendwie beim vfb gelandet. wir haben zusammen in karlsruhe angefangen zu studieren, dieses „exilchen“ hat mich erst so richtig zum vfb-fan werden lassen, das war im wintersemester 07/08.
    und schon damals ist mir aufgefallen, dass mein kumpel immer von „wir“ sprach, wenn wir montags, 15.30, erste vorlesung die ergebnisse diskutiert haben. gemeinsame europa-)pokalabende und bundesligawochenenden folgten, er sprach immer von wir – obwohl er eigentlich gar keinen „richtigen“ (und was ist schon richtig?) bezug zu schalke hat, weder ist sein vater, onkel, oma schalkefan, keine familiäre bindung nach GE oder sonst irgendwas.
    „wir“, als teil einer riesengroßen gemeinschaft, deren gefühlslage wirklich am allermeisten geprägt wird durch sieg oder niederlage von 11 persönlich völlig unbekannten menschen? mir sind große menschenmengen suspekt, vor allem, wenn sie alle die gleiche meinung haben.

    „wir“. sieht er sich dank seiner zuneigung und leidenschaft wirklich als teil des selben subjekts, quasi eines gigantischen uber-subjekts?

    ich konnte mir nicht helfen, ich wahrte diese distanz, die eine ist, durchaus bewusst. das mag bspw. ironische brechung sein, die mich bei unverhofften führungstreffern wie gegen frankfurt eher zum lachen bringt als zum extatischen jubeln. was mich allerdings auch davon abhält, bei rückrundenerfolgsserien wie 09/10
    völlig euphorisiert durch das ganze leben zu marschieren. (wenn ich ne klausur verbocke, hat das nen größeren einfluss auf mein leben als der europapokal.)

    das mag allein die distanz sein, die sich dadurch auftut, dass ich nicht selbst auf dem platz stehe.
    das mag mit der frage zu tun haben, ob man auf dinge, die man nicht selbst erreicht hat, stolz sein kann, z.b. einer bestimmten nation anzugehören. ich weiß es nicht genau.

    aber, und davon war ich am allermeisten überrascht, in den letzten monaten der richtig erschütternden krise, da ergriff ich eben meinem kumpel gegenüber das erste mal das wort „wir“ im bezug auf die profimannschaft des vfb. ich musste meinen worten etwas nachspüren, etwas nachlauschen. ich musste gucken, wie sich das auf der zunge anfühlte. naja, dann hab ich das gleich nochmal getan, und irgendwie wars gut, es war richtig.

    aber im sommer, ich sags dir, wenn das hier überstanden ist, dann will ich glaub ich erstmal meine distanz wieder zurück haben.

  7. heinzkamke Says:

    @Johannes:
    Nachts um 2 so ein Kommentar? Chapeau! Die kulturwissenschaftliche Analyse hätten wir damit ja abgehandelt…

    Schöne Geschichte über Dein Erweckungserlebnis; die (zufriedene) Distanz nach dem letzten Spieltag (gerne auch schon 1-2 Wochen früher) gönne ich Dir gleichwohl uneingeschränkt.


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