10 Tage im Februar

21. Februar 2011

So lange war ich ungefähr offline. Weitestgehend, zumindest. Bei einem abstiegsbedrohten, europäisch ambitionierten und führungsgeschwächten Fußballverein tut sich in einer derart langen Zeitspanne so einiges. Da ich nicht die Gelegenheit habe, alle verfügbaren Quellen nachzusichten, versuche ich jetzt einfach mal, ein paar der Einschätzungen aufzuschreiben, die ich aus Blogs, Fernsehen, Zeitungen und teilweise eigenen Eindrücken gewonnen habe, und freue mich auf korrigierende Hinweise.

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Verdammt viele Verletzte

Immerhin handelt es sich nicht um muskuläre Geschichten, die gleich wieder Zweifel an den Trainingsmethoden aufkommen ließen. Aber ungewöhnlich viele Bänderrisse, oder? Und ein mit dem eigenen Ellbogen zugefügter Rippenbruch? Könnten wir das bitte mit Rowan Atkinson verfilmen?  Bei Ciprian Marica scheinen wir es eher mit einer Kopfverletzung zu tun zu haben, bei Bruno Labbadia mit einem Verzweiflungssyndrom – oder aus welchem anderen Grund zieht man plötzlich den bewährten Flügelflitzer Elson aus dem Hut?

Liederliche Leistung

Nürnberg. Als wäre es nicht genug gewesen, dass ich an jenem Samstag die Sportschau sehen konnte. Nein, ich musste tags darauf auch noch just zu dem Zeitpunkt ins DSF zappen, als das VfB-Spiel gezeigt wurde. Und konnte mich natürlich nicht lösen. Masochismus, so nennt man das doch, oder? Wie oft wohl Serdar Tasci die Schlüsselszenen ansehen durfte?

Allem Anschein nach war in Nürnberg ein weiterer tiefster Tiefpunkt erreicht. Und ich begann ernsthaft, den Fall X als wahrscheinlichstes Szenario anzusehen. Fall X? Sie wissen schon: Erwin Staudt will das Wort Abstieg nicht in den Mund nehmen. Das Wort (ja, ja) 2. Liga gefällt ihm indes so gut, dass er 40.00 Schals damit bedrucken ließ. Aber lassen wir das.

Stimmung, Stil, Strukturen

Björn Seemann will Präsident werden. Mit oder ohne Karl Allgöwer. Mitglieder der Aktion VfB 2011, über die kolportiert wird, sie wolle einen nicht namentlich genannten Exprofi als Präsidenten, sollen sich im Lauf der Woche mit VfB-Vertretern zur Diskussion treffen. Erwin Staudt ist nicht amtsmüde. Schön. Opposition ist etwas Gutes. Die Möglichkeit zur Wahl sowieso. Schade, dass die Satzung des VfB das nur bedingt so sieht.

Mir persönlich wäre ja die Umstrukturierung des Aufsichtsrats, insbesondere an der Spitze, das vordringlichste Anliegen. Insofern unterstütze ich Björn Seemann, mit dem ich gelegentlich Fußball spiele, den ich ansonsten aber nicht einschätzen kann. Ein großer VfB-Fan ist er ganz sicher, um einen der Hauptkritikpunkte an Erwin Staudt aufzugreifen. Aktive Erfahrung im Profifußball kann er eher nicht vorweisen, um einen der Hauptkritikpunkte an Erwin Staudt aufzugreifen. Betriebswirtschaftliche Kompetenz hat er ebenfalls.

Natürlich kann man den Standpunkt vertreten, dass die alleinige Konzentration derzeit dem Sport gelten sollte. Sehe ich genauso. Was die Spieler und den Trainerstab anbelangt. Vorstand, Aufsichts- und Ehrenrat dürfen sich indes durchaus mit strukturellen Fragen befassen. Ich finde es gut, wenn sich die Aktion VfB 2011 mit dem Verein austauscht. Wenn es denn ein wirklicher, ein interessierter Dialog ist. Ich sähe es gerne, wenn Björn Seemann Butter bei die Fische gäbe und sein Team sowie dessen Konzept öffentlich machte. Und ich unterstütze uneingeschränkt die Forderung der Aktion VfB 2011 nach einem transparenten Vorgehen und strukturellen Veränderungen:

Die „Aktion VfB 2011“ warnt jedoch ausdrücklich davor, dieser (sic!) Veränderungen wieder nur auf oberster Ebene unter einer kleinen Gruppe von Personen auszuhandeln, ohne grundsätzliche Veränderungen in der Satzung und bei der Einbindung der legitimen Fan- und Mitgliederinteressen vorzunehmen.“

Wenn sich noch weitere Präsidentschaftskandidaten melden, habe ich damit kein Problem. Sofern Guido Buchwald nicht darunter ist. Ein Wettstreit der Konzepte ist nicht das Schlechteste, was ich mir vorstellen kann. Selbst wenn die Mitgliederversammlung eine Kampfabstimmung bringen sollte, trüge das zwar nicht zum Bild eines beschaulichen schwäbischen Familienvereins bei; ob der Eindruck einer sich selbst speisenden Vetterleswirtschaft indes besser ist, möge jeder für sich entscheiden.

Longing for Lansdowne

Europapokal!
Shinji Okazaki! Großartig! Sieht aus wie das Patenkind meiner Frau. Was will man mehr? Die Transferposse scheint (fürs Erste?) beendet zu sein – ein Schelm, der die interkulturelle Kompetenz der Stuttgarter Verhandlungsführer anzweifelt. In Lissabon vermittelte er in Halbzeit eins einen Eindruck dessen, wie man „wuselig“ zu verstehen hat. Sprachlich bedingte Berührungsängste scheint er auch keine zu haben, zumindest bemühte er sich schon recht früh, beim Schiri Gehör zu erlangen. Schön, dass Bruno Labbadia vorhin bei Sport im Dritten deutlich zum Ausdruck brachte, was er von Hansi Müllers Idee, im Uefa-Cup abzuschenken, so hält: gar nichts. Hajnal passt, Harnik hebt, Tor.

Bedient bei Bayer

Hajnal passt, Harnik schiebt, Tor. Gute Leistung, insgesamt. Schade, dass Bokas Bänderriss gravierender zu sein scheint als die der anderen. Sehr schade. Schade, dass Labbadia nicht den Mut, vielleicht auch nicht das Personal hatte, Okazaki ins Sturmzentrum zu stellen, wo Cacau nahtlos an seine Ballverluste vom Donnerstag anknüpfte. Schade, dass auch Labbadia wie seine Vorgänger nicht erkannt hat, dass Kuzmanovic‘ Stärke bei Standards eher in der Offensive als in der defensiven Zuordnung liegt. Schade, dass vier Stuttgarter auf der Linie Reinartz‘ Kopfball nicht abwehren konnten.

Interessante Auswechslungen. Ich hatte ja auf die ein „Ach so“ hervorrufende Information gewartet, dass Martin Harniks Zusammenprall mit René Adler ein Weiterspielen einfach nicht mehr zugelassen habe. War wohl nicht so. (Nachtrag: war vielleicht doch so.) Niedermeier grätscht, Castro flankt, Reinartz köpft, Tor.

Fredi Bobic hat den gleichen Schneider wie Uli Stielike.

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Hab ich das so ungefähr richtig verstanden?

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10 Antworten to “10 Tage im Februar”

  1. jens1893 Says:

    Den Rippenbruch hat sich Pogrebnyak bei einem Sturz im Training zugezogen. Niedermeier und Kuzmanovic hatten nach Ellbogenchecks in Lissabon nen Brummschädel.

  2. nedfuller Says:

    Ich erinnere mich an viele Verletzte in unserem Kader als BL noch bei uns Trainer war. Gibt es da einen Zusammenhang.

  3. jens1893 Says:

    Das Problem mit den Verletzten gibt es nicht erst seit Mitte Dezember.

  4. heinzkamke Says:

    Laut Stuttgarter Nachrichten wollte Harnik tatsächlich ausgewechselt werden (s. Link oben im Text). Die Begründung, weshalb dann Niedermeier eingewechselt wurde, kann ich grundsätzlich nachvollziehen; zu eigen machen würde ich sie mir indes nicht.

    @nedfuller:
    Was jens1893 sagt. Zudem fällt es sehr schwer, die Platzverhältnisse in der französischen Provinz oder einen Rippenbruch dem Trainer anzulasten.

    • snej Says:

      Böse Zungen behaupten der Platz in der französischen Provinz war in einem besseren Zustand wie der Platz in der MBA im Dezember/Januar.

  5. Mahqz Says:

    Wieso schaffen es eigentlich ständig diverse Qualitätszeitungen Sven und Lars Bender zu verwechseln?
    Mich hat dieser Wechsel auch verwundert, das Argument größe kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen. Ballack für Rolfes und Bender für Vidal hat jetzt die größe des Mittelfelds nicht deutlich erhöht und 2 Innenverteidiger gegen 2 Stürmer, wovon mindestens einer nicht Kopfballstark ist, sollte ja wohl auch eigentlich reichen. Bezeichnend, dass dann grade ein IV das Tor macht. Keine Ahnung wer ihm zugeteilt war, aber naheliegend wäre ja ein Stürmer und da fehlte es sicher an Höhe.

  6. heinzkamke Says:

    Qualitätszeitungen? Hm.

    Wenn man tatsächlich die Größe in Zentimetern nimmt, war es laut Wikipedia tatsächlich nur ein Zuwachs um 1 cm. Gleichwohl halte ich, der ich allerdings weit von Leverkusener Realitäten entfernt bin, den 2 cm kleineren Ballack für den bedrohlicheren Kopfballspieler als Rolfes, und Bender kommt mir in Sachen Kopfball auch mehr als nur 3 cm größer vor als Vidal. Von Castros Kopfballstärke gar nicht zu reden…

    Die beiden defensiven Mittfeldspieler des VfB, Träsch und vor allem Kuzmanovic, sind wahrlich keine Kopfballungeheuer. Letzterer stand beim 3:2 auch bei Reinartz. Fatal mismatch.

    Kurz: ich kann es verstehen, dass man, gerade gegen das bei Standards starke Leverkusen, gerade als bei Standards gefährdeter VfB, in der Schlussphase etwas kopfballstärker sein will. Ich glaube aber, man hätte besser daran getan, sich mit dem Erzielen statt dem Verhindern von Toren zu befassen.

  7. Mahqz Says:

    Etwas verspätet, aber naja. ;-)

    Ich halte die StN schon für eine Qualitätszeitung. Vielleicht liege ich aber auch falsch.
    Tore erzielen wäre aber auf jeden Fall wohl die bessere Idee gewesen, ja. Ob Bender oder Vidal kopfballstäker ist mag selbst ich nicht zu beurteilen.


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