Großmaul, des Nachdenkens unverdächtig?

7. Februar 2011

Mag sein, dass ich die sportliche Führung des VfB missverstanden habe. Für mich klang es jedenfalls so, als hätte Fredi Bobic gesagt, er habe beim Elfmeter keine Angst gehabt, weil Timo Gebhart augenscheinlich vor Selbstvertrauen strotze (und damit, so meine freie Interpretation, nicht hinter dem Berg halte). Bruno Labbadia hatte seinerseits keine Bedenken, weil Timo Gebhart in aller Regel nicht nachdenke. Nun denn, ihre Zuversicht war berechtigt.

Ich selbst war übrigens noch viel entspannter als die beiden. Als nämlich Gebhart an meinem Bildschirm antrat, waren die Bilder bereits von Mönchengladbach über, was weiß ich, Unterföhring nach Dubai gewandert, mit Zwischenstopp in Russland oder so. Unterdessen hatte 90elf längst den Treffer gemeldet, die Bilder dazu konnte ich völlig gelassen abwarten.

Was in dieser Situation ein Vorteil war, hatte mich in den 86 Minuten zuvor nur bedingt begeistern können. Der Zeitverzug wäre sicherlich zu verschmerzen gewesen, wenn denn die Bilder verlässlich ins Haus gekommen wären. Und wenn sie kamen, war ich stets mit anderthalb Augen bei den jungen Leuten, die unsere Wohnung auf den Kopf zu stellen drohten. Ich kann also nicht seriös beurteilen, ob der VfB in der zweiten Halbzeit, wie von Bruno Labbadia in den Raum gestellt, tatsächlich „fast ein 4-3-3“ spielte, oder ob es doch eher die etwas aus der Mode gekommene Raute war. Ich weiß nicht, ob Kuzmanovic dem Spiel so viel Struktur gegeben hat, wie zu lesen ist, und ob der vermeintliche Verzweiflungskauf Tamas Hajnal, dem ich das Zeug zum Königstransfer abgesprochen hatte, das Spiel so genial gelenkt hat, wie Sven Ulreich findet. Ich sah zunächst nur sehr verschwommen, dass man das Gladbacher 3:2 nicht wegen Handspiels abpfeifen musste, und dass man die Argumente gegen den Foulelfmeter für den VfB nicht von vornherein beiseite wischen konnte. Da ich jedoch die Fehlentscheidungen gegen den VfB im Lauf der bisherigen Saison nur rudimentär behandelte, werde ich dies bei der einen vom Samstag (der Elfmeter war meines Erachtens berechtigt) gewiss nicht anders handhaben.

In der ersten Hälfte war das Bild etwas besser. Technisch gesehen. Zur Pause stand die Überschrift für den Blogtext zum Spiel fest: „Keine Superlative!“ Ich war fest entschlossen, nicht vom nächsten, noch tieferen tiefsten Tiefpunkt in einer an tiefen Tiefstpunkten nicht armen Saison zu sprechen. Wie ich eine solche Bewertung allerdings hätte umgehen können, hatte ich mir noch nicht überlegt ist jetzt vollkommen egal.

Gewonnen. Erster Auswärtssieg. Pogrebnyak war an drei Treffern maßgeblich beteiligt und traf wieder mit rechts, Harnik hält in der internen Torschützenliste Schritt. Träsch dürfte den hier bereits vor Wochenfrist zaghaft geforderten Schritt auf die Rechtsverteidigerposition machen und Boka ist wieder auf seiner Position angekommen. Wenn man nicht wüsste, wie die bisherige Saison gelaufen ist, könnte man fast zuversichtlich sein.

Schade, dass Gebhart nicht dabei ist. Ich schätze seine Spielweise sehr, abgesehen von seiner Fallsucht. Vielleicht regt ihn die Sperre ja mal zum Nachdenken über den Sinn und Unsinn von Schwalben an. Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

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7 Antworten to “Großmaul, des Nachdenkens unverdächtig?”

  1. Jannik Says:

    Wenn es nach Sky geht, wart ihr zur Halbzeit mausetot und wir auf dem besten Weg aus dem Tabellenkeller.

    Sicherlich hat Labbadia mit seinen Wechseln etwas bewirkt. Zumindest hat er dafür gesorgt, dass unsere Defensive eben das getan hat, was Gebhart nie tut: nachdenken.

    Was die Punkteausbeute angeht, sind wir beide ja keinen Deut weiter als vor zwei Wochen. Der Abstand ist derselbe, es sind nur zwei Spieltage weniger geworden.

    Was die Saison beider Mannschaften aber deutlich beeinflussen könnte, ist das Selbstvertrauen auf der einen und der schmerzhafteste aller möglichen Nackenschläge auf der anderen Seite.

    Ich hätte mir ja gewünscht, dass Kinhöfer bei seinen kniffligen Entscheidungen wenigstens ausgewogen bleibt, vielleicht das Tor und dann auch den Elfer oder – für uns noch besser – einfach gar nichts. Aber wenn man nach dem 2:0 für 60 Minuten das Fußballspielen einstellt, will ich in Wirklichkeit gar nicht über den Schiedsrichter moppern. Der war nur die Kirsche auf einem vergammelten Kuchen.

    • heinzkamke Says:

      Da hätte Sky wohl kaum jemand widersprochen. Umso größer ist natürlich meine Hoffnung, dass Dein psychologisch geprägter Ausblick zutreffen könnte.

      Was den Schiedsrichter anbelangt: ich finde durchaus, dass man darüber diskutieren kann, was Dantes Arme zwischen denen von Ulreich zu suchen haben. Dennoch hätte ich das ebenso wenig gepfiffen wie das Handspiel, das er hinterher als Begründung nannte. Der Elfmeter ist für mich insofern berechtigt, als Dante nur dadurch an den Ball kommt, dass er Pogrebnyaks Bein trifft. Ob indes der VfB nach einem neuerlichen Rückstand… egal. Kann man aus Stuttgarter Sicht natürlich leicht sagen.

  2. jondahl Says:

    Schnee gut, Wetter sehr gut, das Ergebnis gegen 21 Uhr und damit exakt zwischen Raclette und Schnaps. „Alles richtig gemacht“ hat also auch nach Lektüre meines Lieblings-VfB-Blogs Bestand; sehr schön. Solvente, abergläubische VfB-Fans können mich gerne auch an den nächsten Wochenenden in die Schweizer Berge schicken.

  3. 1ng0 Says:

    ich war mir auch ohne zeitverzögerung sicher, dass gebhart den trifft. eben aus den in deiner überschrift sehr treffend formulierten gründen – unser andy brehme, sozusagen: wirkt jetzt nicht superhelle, aber das scheint bei elferschießen ja von vorteil zu sein.

    wobei ich mich eh schon die ganze saison frage, wieso er nicht schon früher mal durfte. immerhin hat er damals in dem nicht ganz unwichtigen spiel gegen timisoara auch souverän verwandelt.

  4. heinzkamke Says:

    @jondahl:
    Dir fehlt ein Leerzeichen.

    @1ng0:
    Elfmeter werden nach Seniorität vergeben. Algorithmen, die weiche Faktoren wie Nachdenkneigung berücksichtigen, finden meines Wissens noch relativ selten Anwendung.


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