Was fehlt? Fehlt was?

2. Januar 2011

Seit knapp zwei Wochen macht die Bundesliga Pause. Jahresrückblicke gab es zuhauf, im Deutschen Sportfernsehen laufen vermutlich die Bundesliga Classics rauf und runter, irgendwo gibt es Hallenturniere und demnächst wohl auch Fußball unter Palmen zu sehen. Interessiert mich nicht.

Also scheint es an der Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Inne zu halten. In sich zu gehen. Zu sinnieren. Über das Leben im Allgemeinen und den Fußball im Besonderen. Wir mögen uns irgendwie, der Fußball und ich. Behaupte ich mal. Wobei ich nicht meine Beziehung zum Spielgerät meine, das ich gerne zum Freund hätte, das aber, realistisch betrachtet, bestenfalls als halbwegs guter Bekannter gelten kann. Was die Sportart anbelangt, bin ich ganz guter Dinge, durchaus von gegenseitiger Zuneigung sprechen zu dürfen – weshalb sonst hätte sie mir in all den Jahren so viel gegeben?

Meine eigene Liebe zu diesem Sport darf als gegeben vorausgesetzt werden. Durfte, zumindest. In letzter Zeit fiel mir nämlich auf, dass da irgendetwas fehlt in unserer Beziehung. Etwas, das das Verhältnis anderer Menschen zum Fußball, die Liebe zu “ihrem” Verein, ihre Meinung zu anderen Vereinen und ihren Umgang mit deren Anhängern zu beeinflussen scheint, vielleicht auch zu prägen. Möglicherweise würde es auch meiner persönlichen Fußballwelt noch einmal einen besonderen Kick verpassen, ihr das gewisse Etwas verleihen, meine fußballerischen Empfindungen auf ein ungeahntes Niveau heben. Aber man kann sowas ja auch nicht erzwingen. Woher soll man es plötzlich nehmen, wenn es einem nicht gegeben ist?

Ich habe keinen Hass.

Selbstverständlich gibt es in meinem persönlichen oder beruflichen Umfeld Leute, die ich nicht besonders mag, Menschen, die regelmäßig zur Weißglut bringen, oder auch – eher außerhalb meines unmittelbaren Umfelds – Personen, deren Handeln ich rundweg verurteile oder gar verabscheue. Aber ich empfinde es als Gnade, niemanden hassen zu müssen. Weil ich befürchte, dass es für Hass einer Vorgeschichte bedürfte, die ich nicht erleben möchte. Ich weiß nicht, was ich empfände, wenn jemand die Gesundheit, das Leben, vielleicht auch nur die finanzielle Existenz eines mir nahe stehenden Menschen bedrohen, gefährden oder eben zerstören würde. Hass erscheint mir als denkbare, vielleicht als die wahrscheinlichste Option. Wie gesagt: ich bin dankbar, dass ich von derlei Erfahrungen und Empfindungen bisher verschont geblieben bin. Ich hasse niemanden.

Und ganz gewiss hasse ich keinen Fußballverein. Oder eine Gruppe von Menschen, weil sie eine bestimmte Fußballmannschaft gut findet. Unterstützt. Meinetwegen fanatisch unterstützt. Das passt nicht in mein Weltbild. Sprüche wie “Tod und Hass dem [Vereinskürzel einsetzen]” sind mir nicht nur fremd, sie irritieren mich vielmehr, und wenn ich ganz ehrlich bin, widern sie mich an.

Mag sein, dass ich Fußball nicht mit dem nötigen Ernst betrachte. Dass ich mich zu sehr an anderen, sportfremden (ähem), verweichlichten Kriterien orientiere. Bin ja ohnehin ein Weichei. Tue mich schwer damit, den Schiedsrichter mehr als zweimal pro Saison mit Schimpfwörtern zu versehen, die über das erst kürzlich wieder platzierte “Schiri, Du [kurze Pause] Depp!” hinausgehen. Halte auch abseits der Frage nach Hass oder nicht Hass wenig von Beschimpfungen des Gegners, insbesondere dann, wenn sie nicht einmal einen Hauch von Kreativität enthalten. Oder ist mir die bei “Hamburger Arschlöcher” oder “Scheiß-Berliner, Scheiß-Berliner, hey, hey” bis dato einfach entgangen? Aber das soll jeder für sich beurteilen und entsprechend handhaben. Wir sprechen von Fußballstadien, von Volkes Stimme, von Emotionen – eine Goldwaage ist da gewiss fehl am Platz. Im Stadion. Kurz vor dem Spiel. Kurz nach dem Spiel. Und auch die alte Frage, wieso Anhänger eines Bundesligisten (Beispiel: VfB Stuttgart) Spiel für Spiel einem bestenfalls mittelmäßigen Zweitligisten (Beispiel: Karlsruher SC) Aufmerksamkeit schenken und sich gesanglich an ihm abarbeiten, will ich nicht vertiefen. Vermutlich vertrete ich eine Minderheitenmeinung. Und kann gut damit leben.

Beim Hass sehe ich das ein wenig anders. Da kann ich mich mit einem „gehört halt dazu“ nicht arrangieren. Hass hat nichts mit einem Fußballspiel zu tun. Hat dort nichts verloren. Selbst dann, wenn ich auf den vielleicht etwas pathetischen Schwenk zur „Sportsmanship“ verzichtete.

Ich bin mit meiner Beziehung zum Fußball dann doch ganz zufrieden.

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21 Antworten to “Was fehlt? Fehlt was?”


  1. dem BVB!!!… äh, ja.

    Ich versteh ja, glaube ich zumindest, recht viel im Fußball. Auch das Hass-Dingens. Wieso aber bei einem x-beliebigen Spiel ein Lied gegen den Erzfeind angestimmt wird, obwohl sich weder Mannschaft noch Fans des Feindes im Stadion befinden, dass versteh ich nun nicht wirklich. Da sollte man eigentlich drüber stehen.

    Hass hat vielleicht nichts mit Fußball zu tun, aber mit der Gesellschaft und die kannst du ja schlecht aus dem Stadion ausschließen.

  2. heinzkamke Says:

    @Stefan:
    Die Gesellschaft will ich ja nicht ausschließen. Ich verstehe, dass Leute den Hass, den sie aus möglicherweise legitimen Gründen gegen einzelne Mitmenschen hegen, nicht am Drehkreuz abgeben. (Und wünsche ihnen, dass sie ihn 150 Minten lang vergessen können.)

    Aber Kollektivhass aufgrund von Präferenzen verstehe ich nicht. Jemanden hassen, weil er Teil der Gruppe „Bayern-Fans“ ist? Das passt nicht in mein Weltbild, und ich wünsche mir, dass es vielen Menschen ähnlich geht. Und falls es in der Gesellschaft verbreitet sein sollte, jemanden zu hassen, weil er Veronica Ferres mag, weil ihr dereinst Oasis besser gefiel als Blur, weil sie Tattoos am Knöchel gut findet oder er Skifahren für cooler hält als Snowboarden, dann kommt das zwar in aller Regel im Fußballstadion nicht zum Ausdruck und in anderen Kontexten bekomme ich es eher selten mit; grundsätzlich halte ich es aber für ebenso falsch.


  3. […] This post was mentioned on Twitter by heinzkamke and Glenn Kusardi, CONTRACOMA. CONTRACOMA said: NetNewsExpress: Was fehlt? Fehlt was?: Seit knapp zwei Wochen macht die Bundesliga Pause. Jahresrückblicke gab e… http://bit.ly/dI5hBR […]

  4. Stefan Says:

    @heinz: Ich halte es auch für falsch, es passt aber wiederum in mein Weltbild. Überspitzt könnte man sagen, dass dein (Wunsch)weltbild des eines Träumers oder Romantikers ist. Hass wird es immer geben. Egal ob zwischen drei Nachbarn oder zwei Fangruppen.

    Mir stößt es immer etwas auf, wenn man Phrasen wie „Hass hat im Fußball nichts zu suchen“ und im Anschluss „Es ist nur Fußball“ drischt. Fußball ist nämlich nicht nur Fußball. Es ist Politik, Wirtschaft und gerne auch ein Spiegel der Gesellschaft. Nur Fußball, nur elf gegen elf ist das in Deutschland schon lange nicht mehr.

  5. heinzkamke Says:

    Träumer? Romantiker? Vielleicht. Bestimmt sogar. Aber auch ernsthaft Fragender. Weil ich wirklich und ernsthaft nicht verstehe, wieso man jemanden wegen seiner Vorlieben hasst.

    Habe ich „Es ist nur Fußball“ gedroschen? Bin gar nicht der Meinung, das so gesagt zu haben. Zumindest war es nicht meine Intention.

    Ungeachtet dessen bin ich der Ansicht, dass es letztlich nur Fußball ist.

  6. Stefan Says:

    „Habe ich „Es ist nur Fußball“ gedroschen?“ Nein, der zweite Absatz gilt der Thematik allgemein und nicht direkt deinem Blogartikel.


  7. Gut, dass Du das mal niedergeschrieben hast. Mir selbst wäre das wohl derart gut ausgedrückt nie aufgefallen, aber wenn ich mich meiner jugendlichen Fußballfan-Leidenschaft erinnere, dann war diese auch noch übermäßig mit …-Gesängen aller Art geschmückt. Vielleicht hatte ich nicht so viel Hass für die Gegnerschaft übrig wie einige meiner Nachbarn, aber genug immerhin noch, als dass ich von heute aus schaudernd-belustigt zu mir herüber schauen würde. Wahrscheinlich fehlt auch mir (inzwischen) so etwas wie der ’nötige‘ Ernst, um den Fußball über das 11 gegen 11 gespickt mit diversen Geschichten und Taktiken hinaus übermäßig aufladen zu müssen.
    Danke für den Beitrag. Netter Punkt.

  8. Hennes Says:

    Meines Erachtens ist der Hass im Fußballstadion häufig auch nur Mittel zum Zweck.

    Denn durch die Abgrenzung nach außen, durch die Ausgrenzung der Anderen, wird auch immer die Kompaktheit der eigenen Gruppe gestärkt. Das ist oft idiotisch, leider aber auch idiotensicher. Funktioniert so gut wie immer. Wir brüllen „Ihr da drüben seid blöd“ und brüllen damit unausgesprochen „Wir sind es nicht!“.

    Dass es oft blöder ist, lauthals zu verkünden, man sei nicht blöd, als einfach nur mal still zu sein, mag vielleicht Vielen einleuchten, doch hören kann man sie leider trotzdem nicht. Blöd!

    Das ist in der Tat ein Mechanismus, der sich in der Gesellschaft, ja beinahe in jeder Gruppe wiederfinden lässt. Ansonsten neige ich eher zur „Es ist nur Fußball“-Fraktion als zu jenen, die dem Spiel eine ungebührliche Ernsthaftigkeit andichten wollen. Dass sich rund um den Fußball eine Welt aufgespannt hat, die von der Politik übers Milliardengeschäft bis hin zum Gesellschaftsentwurf reicht, ist unbestritten. Doch in den 90 Minuten auf dem Platz wird diese Wunderwelt ja eigentlich wieder auf die Essenz dessen zusammengedampft, was der Fußball eigentlich ist: ein gutes Spiel. Aber das reicht leider nicht allen. Die Welt lässt sich nicht aussperren…und so kommt man schnell vom Supporter, der 90 Minuten lang ein Lied nach den anderen grölt, über den Capo, der 90 Minten lang fast nix vom Spiel sieht, zum Ultra, der unbedingt seinen Hass auf die „Anderen“ mitbringen muss.

  9. Hennes Says:

    Ach Mist, der letzte Absatz sollte eigentlich in den Mülleimer wandern.

    Oder versteht noch einer von Euch meine Argumentationsstruktur?

  10. Latze Says:

    Danke für diesen Text. Er spricht mir – vor allem als gelegentlicher Besucher von Spielen des HSV – Wort für Wort aus der Seele.

  11. Gunnar Says:

    Guter Artikel, da finde ich mich wieder. Und auch bei einigen der Kommentaren.

    Ich denke, ein Grund für die zuweilen seltsam anmutenden Hass-Gesänge ist auch, dass nunmal gerade diejenigen sich am lautesten artikulieren, die am wenigsten über den Inhalt ihrer Gesänge reflektieren. In Kombination mit einer Gruppendynamik und üblicherweise reichlich Bier gröhlt man dann auch mal dummes Zeug. Und wenn das Spiel mal gerade nicht viel hergibt, wird auch mal dem örtlich nächstgelegenen Rivalen geschmäht, selbst wenn der Verein gar nicht anwesend ist oder gar in einer anderen Liga spielt.

    Ich bin aber optimistisch, dass die allermeisten das nicht wirklich ernst meinen und mit dem Verlassen des Stadions ihren (scheinbaren) Hass wieder ablegen.

  12. heinzkamke Says:

    Danke für die freundlichen Kommentare, auch und gerade von eher seltenen Gästen.

    Das Argument, dass es sich ja nicht um wirklichen Hass handle, ist mir natürlich bekannt, und mitunter neige ich dazu, ihm beizupflichten. Gleichzeitig erscheint es mir aber auch billig, sich mit „unbedachten Äußerungen“, „ja nicht sooo gemeint“ oder „halt in der Gruppe gesungen“ aus der Affäre ziehen zu wollen. Zumal man ja auch außerhalb des Stadions und abseits der Spiele klare Aussagen hört oder liest, in Foren beispielsweise, wo der Begriff Hass nicht nur ausgesprochen, sondern auch geschrieben wird.

    Sicherlich gehe ich auch dort davon aus, dass es häufig unreflektiert geschieht. Aber vielleicht kann man ja den einen oder die andere dazu bringen, sich hin und wieder genauer zu überlegen, was man ausdrücken möchte und wie man das angemessen tut. Wer Hass sagt, bekommt möglicherweise Hass zurück,oder Gewalt, oder etwas anderes, was er selbst eigentlich gar nicht wollte. Oder meinte.

    Sorry, ist einfach ein Thema, das mich beschäftigt und ärgert.

  13. Gunnar Says:

    Ist schon richtig, ich will es auch gar nicht abtun. Für mich selbst habe ich auch schon vor langer Zeit beschlossen, vieles nicht mitzusingen, was um einen herum angestimmt wird, aber ich kann mich noch gut daran erinnern, in jungen Jahren auch so manches doofe Zeug mitgesungen bzw. mitgemacht zu haben (möchte da nicht näher ins Detail gehen, ist mir heute peinlich). Ernst war es mir (und meinem näheren Umfeld) damit nie, aber erst mit zunehmender Reife erkennen die meisten, dass es einfach dämlich ist.

    • heinzkamke Says:

      Ich hab letztes Jahr mal euphorisiert den Anfang eines Liedes mitgesungen, über das ich sonst immer nur den Kopf geschüttelt hatte. Einfach, weil ich zuvor gesungen hatte, weil man führte, sich freute, und weil ich natürlich den Text (nicht böse, nur sinnlos) kannte. Zum Glück war auf meinen Nebenmann Verlass, der mich ungläubig ansah und mich damit zur Besinnung brachte.

  14. Kees Jaratz Says:

    Mich beschäftigt dieses Gefühl Hass seit dem Pokalspiel vom MSV Duisburg in Köln kurz vor Weihnachten immer mal wieder. Es liegt daran, dass Geschehnisse bei dem Spiel dort meine Gewissheiten ins Wanken gebracht haben. Mein Erleben von Hass an diesem Pokalspieltag hat nicht nur meine Freude über den Sieg des MSV Duisburg getrübt, sondern tatsächlich meine Haltung zum FC und seinen Anhängern verändert. Eigentlich möchte ich zu allem, was du geschrieben hast, bedingungslos ja sagen. Und gleichzeitig spüre ich tief in mir eine Ahnung von diesem dunklen Gefühl. Sprich: Ich muss mit etwas umgehen, was nach einem Ausdruck sucht, der mir eigentlich fremd ist. Der Grund: die allmähliche Eskalation von Hass auf der Gegenseite. In Köln gibt es direkt neben dem Gästeblock einen Block mit Zuschauern des FC, für die Hass ein gern ausgelebtes Gefühl ist. Zeiweiliger Hass gegen die eigene Mannschaft, dauerhafter Hass gegen die Gästefans, aber auch hin und wieder Hass untereinander. Das lässt sich noch gut einordnen. Das sind eben die auf der anderen Seite und solche gibt es in allen Stadien. Auch in Duisburg, wie man unschwer im Gästeblock erkennen konnte. Da lässt sich innere Distanz schnell herstellen.
    Doch als nach dem Spiel diese Atmosphäre nach draußen getragen wird, muss ich plötzlich Stellung beziehen. Ich habe keine Gelegenheit, mich dem zu entziehen, weil es bunt gemischt vom Stadion weggeht. An der Haltestelle warteten MSV- und FC-Fans gemeinsam auf die Bahnen und plötzlich fliegt mir ein Eisball ins Gesicht. Das war schmerzhaft, aber immer noch besser als ein Stein oder eine Flasche wie an anderen Stellen rund ums Stadion.
    Geworfen hatte ein etwa 16-17jähriger. Sagte mir ein Duisburger, der neben mir stand. Ich stellte den Jugendlichen zur Rede. Er fühlte sich sichtlich gut in seiner Clique, stritt natürlich alles ab und sofort waren FC-Fans dabei, die alles runterspielten nach dem Motto: Das sind doch nur Kinder. Das Signal war deutlich: So was lassen wir hier geschehen.
    Ich lebe in Köln und ich möchte eigentlich nicht, dass der FC mir unsympathisch ist. Ich habe viele Kölner Freunde, deren Herz am FC hängt. Dennoch bleibt dieser bittere Nachgeschmack dem FC gegenüber bis heute.
    Ich möchte mit dieser kleinen Erfahrung davon erzählen, wie schnell Fronten entstehen. Und es ist tatsächlich nicht nur Fußball. Das Gefühl schwappt in den Alltag hinein, und es muss bearbeitet werden, sonst bleibt es da.
    Gleichzeitig weiß ich nicht so genau, ob wir mit dem Blick auf unsere Gesellschaft nicht eigentlich darüber froh sein müssen, dass die dunklen Gefühle einen Ort haben, wo sie hingehören. Dort werden sie im besten Fall durch die Polizei domestiziert, was natürlich mit Kosten verbunden ist. Denn diese dunklen Gefühle bleiben Bestandteil unserer Gesellschaft, das muss ich in meinem eigenen Erleben feststellen.
    Was deinen Text um so notwendiger macht. Wenn ich jetzt an Dialektik denke, liegt das an meinem Alter.

  15. heinzkamke Says:

    Es ist kaum überraschend (aber sehr erfreulich), dass du, Kees, Dich bei so einem eher grundsätzlichen und gesellschaftlich relevanten Thema zu Wort meldest. Meinen Standpunkt in Frage stellst, Zwischentöne einbringst, Deine eigene Haltung hinterfragst.

    Und doch bin ich da relativ unerschütterlich. („Relativ unerschütterlich“? Klingt verwegen und falsch.) Natürlich gibt es Fronten, Auseinandersetzungen, die einen auch selbst betreffen können. Die zu Wut, Verärgerung, kurzzeitiger Aggression und vielleicht gar anhaltender Abneigung führen können. Aber Hass? Ist das nicht noch ein ganzes Stück Weg? Bei Dir ohnehin, aber auch bei anderen, weniger friedliebenden Menschen?

    Gleichzeitig weiß ich, dass es vom Eisball im Gesicht zum Stein zur Flasche zu Adrian Maleika möglicherweise doch nicht so ein weiter Weg ist. Dass wir dann bei jenen Fällen sind, wo ich oben selbst schrieb, dass ich nicht weiß, wie ich reagieren würde. Wenn jemand meine Gesundheit oder die eines mir nahe stehenden Menschen gefährdete. Willentlich. Wissentlich. Dann hätten wir einen anderen Fall. Einen, der auch außerhalb des Fußballs anders zu bewerten wäre. Der – zumindest von meiner Seite – mit „Tod und Hass dem [XYZ]“ nicht viel zu tun hätte, sondern maximal mit einer starken Abneigung, vielleicht auch Hass, gegenüber demjenigen, der das Leben meines Freundes in Gefahr brachte. Ob im Fußballstadion oder woanders.

    Ich habe kein Verständnis für Hass aufgrund von Präferenzen. Da gibt es kein Vertun. Aber ich erkenne an, dass aufgrund von Präferenzen, von Fantum, Situationen entstehen können, aus denen so etwas wie (hoffentlich kurzzeitiger) Hass erwächst.

    Vielleicht hätte ich es bei meinem ursprünglichen Text bewenden lassen sollen. Meine Argumente werden nicht besser.

  16. Kees Jaratz Says:

    Du brauchst doch gar nicht nach zusätzlichen Argumente zu suchen. Deiner Haltung als öffentlichem Statement kann ich nur zustimmen. Sie ist richtig und notwendig.
    Und: du hast natürlich recht, bei meinem Gefühl wäre es zu Hass noch ein langer Weg. Mir ging es aber um die Anfänge von Konflikt. Mir ging es um zwei Dinge, von denen ich im Moment nicht genau weiß, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Auf der einen Seite mein eigenes Erleben und das Gefühl, in eine Auseinandersetzung hineingezogen worden zu sein, deren Mittel mich eigentlich anwidern. Nach und nach kann ich da nun aussteigen und sagen, das war ein Tag im Dezember, das war Fußball. Vergiss es.
    Auf der anderen Seite ist da ein impulsiver Gedanke aus dem Stadion, auch hier Gefühl statt Rationalität, frei nach dem Motto, nur gut, dass diese Aggression ihr Ventil im Fußball findet und nicht an anderen Stellen unserer Gesellschaft. Völlig spekulativ, weil ich ja überhaupt nicht weiß, ob da Aggression abgebaut wird oder gar aufgebaut, um es zu Hause erst richtig krachen zu lassen.
    Dieses Erleben hat mir aber wieder die Macht des Irrationalen in uns verdeutlicht. Gegen Gefühle, ob gute oder schlechte, sind wir und damit unsere Gesellschaft nicht durchweg gefeit.
    Fußball ist inzwischen so wichtig in unserer Gesellschaft, dass mit dem Fußball als gesellschaftlichem Segment für andere Momente unserer Wirklichkeit zu lernen ist.
    Deshalb braucht es zu den negativen Gefühlen klare Haltungen in der Öffentlichkeit, die du dankenswerter Weise formuliert hast.

  17. hirngabel Says:

    Viel habe ich nicht beizutragen (also quasi wie üblich), ausser absolutester Zustimmung.

    Mir ist dieses Hass-Gefühl auch absolut fremd und ich kann solcherlei Dinge einfach nicht nachvollziehen. Wobei, nachvollziehen vielleicht irgendwo schon, aber, wie Du ähnlich auch schriebst, Verständnis kann ich dafür nicht aufbringen.

    Wir haben das Thema ja letzten Monat in unserem kleinen Dreier-Interview bei Spox schon mal aufgebracht, wo dann die Reaktionen ja auch teilweise entsprechend ausfielen („Ihr seid so langweilig / politisch überkorrekt“).

    Das Problem ist ja irgendwo, dass das Gefühl des Hass tief in der Sozialstruktur (?) des Fanseins verankert ist und eine relativ breite Akzeptanz hat. Dementsprechend wird dann meist schnell mit der argumentativen Dampfwalze dagegen angearbeitet, wenn man solcherlei Dinge aufbringt, mit solchen schönen Sätzen wie „Fußball lebt doch von den Emotionen“.

    Natürlich genieße auch ich einen brodelnden Stadienkessel. Aber muss es negative Emotion sein?

  18. Hennes Says:

    „Das Problem ist ja irgendwo, dass das Gefühl des Hass tief in der Sozialstruktur (?) des Fanseins verankert ist und eine relativ breite Akzeptanz hat.“

    Das ist für mich ein ganz entscheidender Punkt, danke hirngabel für die Pointierung!

    Das Fansein im Fußball hat sehr häufig nicht nur eine positive Stoßrichtung. Wie Superman hat jeder Verein seinen eigenen Lex Luthor, mit dem die innige Rivalität seit Jahr und Tag fast rührend gepflegt wird. Als Fan wird man entsprechend sozialisiert: Das Positive auf der einen Seite, also das Herzblut für den eigenen Verein, ist stets auch verknüpft mit der Ablehnung des Rivalen auf der anderen Seite. Man stelle sich einen Ultra auf Schalke vor, der dennoch mit Dortmund sympathisiert. Ich weiß nicht, ob er im Schalke-Block noch viele Freunde hätte.

    In anderen Bereichen ist dieser Dualismus seltener zu finden. Als Anhänger einer Musikband beispielsweise ist mein Fansein durchweg positiv besetzt. Natürlich gibt es Leute, die die Musik nicht mögen, aber das wird dann stets auf die „über Geschmack lässt sich ja trefflich streiten“-Schiene geschoben. Ich muss aber mit der Bejahung des Einen nicht zwangsläufig etwas Anderes negieren.

    Im Fußball (und anderen Mannschaftssportarten) ist das anders. Diesen Mechanismus kann man natürlich intellektuell recht leicht durchdringen und kann so negativen Gefühlen schnell einen Riegel vorschieben. Man kokettiert dann mit der ewigen Rivalität, macht als Hennes einen Blog mit dem Jünter auf oder verweigert sich einfach.

    Aber das kann man nicht bei Jedem voraussetzen. Manch einer lässt sich also schneller von der althergebrachten Dynamik einfangen, als ihm vielleicht lieb wäre.

    Und schon ist wieder ein Körnchen Hass auf fruchtbaren Boden gefallen…


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