16 gegen 18, was will man erwarten?

23. November 2010

Natürlich kann man Petit auspfeifen, der es kurz vor Schluss bei knapper Führung nicht allzu eilig hat. Der eine Illusion von Fortbewegung schafft, tatsächlich aber auf der Stelle joggt. Oder den Schiedsrichter, der ihm seelenruhig dabei zusieht.

Aber mal ehrlich – an dieser Stelle folgt normalerweise der Hinweis, dass sich jeder andere, selbst ein Stuttgarter, ebenso langsam bewegt hätte, worauf ich an dieser Stelle der besseren Lesbarkeit dieses nicht ganz trivialen Satzes wegen verzichten will -, also mal ehrlich: Petit bewegt sich 90 Minuten lang kaum schneller. Was allerdings reicht, um gegen den VfB gefühlte 12 Torschüsse abzugeben. Allesamt ungefährlich, zum Glück. Und doch: kann sich jemand an ein Spiel erinnern, in dem der Gegner Zvonimir Soldo so viel Zeit und Platz gelassen hat, dass er alle paar Minuten auf dessen Tor schießen konnte? Aber Petit ist ja auch ein paar Jahre jünger als der junge Soldo.

Stefano Celozzi bewegt sich bestimmt schneller als Petit. Und als Soldo. Möglicherweise kann er sogar schneller laufen als Lukas Podolski. Bloß halt falsch. In die falsche Richtung. Zu spät. Vom falschen Startpunkt aus. Was auch immer. Wenn es sein musste, lief er auch von der Mittellinie bis zum Strafraum neben ihm her, um erleichtert abzudrehen, als sich endlich ein Mitspieler Podolskis annahm. Ich habe mich ja lange gefragt, wieso Celozzi nicht nur zu Beginn, sondern vor allem auch noch am Ende des Spiels auf dem Platz stand. Irgendwann begriff ich dann: hätte Jens Keller auch noch Philipp Degen eingewechselt, der in Kaiserslautern weder auf- noch abgefallen war, und hätte der am Ende auch noch schlecht gespielt, dann wäre binnen einer Woche die komplette Rechtsverteidigerriege verbrannt gewesen. Außer vielleicht… wie wär’s denn mal mit dem Träsch, der hat das doch auch schon mal…?

Ja, es ist billig, sich auf Celozzi einzuschießen. Und auf Keller. Aber es fällt schwer, genau das nach einem solchen Spiel nicht zu tun. Nach einem Spiel, in dem beide Mannschaften den Erwartungen gerecht wurde, die man aufgrund der Tabellensituation haben durfte, in dem der Trainer mehr als 70 Minuten wartete, ehe er personell etwas veränderte, in dem Boka 78 Minuten lang zeigen durfte, dass ihm seine jüngsten Treffer zu Kopf gestiegen sind – Cacau musste ihn mitunter aus dem Sturmzentrum vertreiben -, nach einem Spiel, in dem es der in unzähligen Abstiegsduellen gestählte Recke Camoranesi zum Schluss richten sollte, fällt mir nicht mehr viel ein. Mich würde sehr interessieren, was Jens Keller dachte, als Martin Harnik nach seiner späten Einwechslung binnen weniger Minuten zeigte, dass es kein Hexenwerk gewesen wäre, diese Kölner Abwehr auch in der zweiten Hälfte in Bedrängnis zu bringen. „Wusst‘ ich doch, dass er ein guter Joker ist!“ wäre eine Möglichkeit, die ich nicht ausschließe.

Ist ja auch schön, wenn das Glas im Zweifel halb voll ist. Wenn man „zahlreiche hundertprozentige Torchancen“ bzw. deren Auslassen beklagt. Da könnte sich der miesepetrige Marica mal eine Scheibe abschneiden:

„Das war heute ein schlechtes Spiel von uns. Wir hatten zwei, drei klare Chancen, bei denen wir das Tor einfach erzielen müssen. Und auch sonst haben wir ohne Selbstvertrauen nach vorne gespielt.“

Gefällt mir, der Mann. Auch wenn er am Sonntag nicht allzu viele Akzente setzen konnte, war es doch so, dass er Cacaus Großchance brillant vorbereitet hat, dass er bei der eigenen Großchance zwar knapp scheiterte, im Grunde aber die einfachste und gleichzeitig am wenigsten erwartetete Lösung gewählt hatte, und dass er vor allem eine Körpersprache an den Tag legte, die mit dem Marica von vor einigen Wochen so überhaupt nichts mehr zu tun hat. Hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal Marica, Gebhart und Ulreich als diejenigen bezeichnen würde, die – gemeinsam mit Träsch, natürlich – voran gingen.

Zum Schiedsrichter ist das meiste gesagt. Er war schlecht. Aus Kölner Sicht, und erst recht aus der des DFB, denke ich, war es katastrophal, wie er in der ersten Hälfte ein Foul an Lanig abpfiff, obwohl dessen Pass Novakovic allein auf den Weg zu Ulreichs Tor geschickt hätte. Ich kann nicht nachvollziehen, dass ein Schiedsrichter eine Minute nachspielen lässt, nachdem er sich zuvor vorsichtig geschätzte 2-3 Minuten lang direkt neben den Torwart gestellt hatte, während dieser die Schuhe wechselte. Das ist gewiss nicht wichtig für den Verlauf der Partie, aber ich erlaube mir, daraus Rückschlüsse zu ziehen, die mit der Frage zu tun haben, wie ernst er seine Aufgabe nimmt.

Die Szene, die zum Elfmeter führte, habe ich nur so halb gesehen, weil sich zwei offensichtlich nicht sehr an Fußball interessierte Menschen just in diesen paar Sekunden an mir vorbei drängten. Und ich gebe zu, dass ich den Elfmeter aus der Mit-maximal-geneigtem-Kopf-knapp-am-Ohr-des-Vordermanns-vorbei-Perspektive für vertretbar hielt. Die Fernsehbilder sprachen hernach eine andere Sprache, aber aufgrund besagter Erfahrung habe ich hier ein gewisses Verständnis für Herrn Dingert. Beim nicht gegebenen Foul an Gebhart eher weniger.

Zum Schluss noch zwei Zitate, das eine von Georg Niedermeier:

„Das ist bitter, aber wir müssen uns auch an die eigene Nase fassen“,

das andere von meinem Nebenmann:

„Wie viele Spiele müssen wir genau verlieren, bis wir einen Trainer bekommen?“

Und irgendwann werde ich auch noch schreiben, was ich von Sitzplatzblöcken mitten im Fanbereich halte. Aber erst, wenn ich mich diesbezüglich ein wenig beruhigt habe, der Sonntag liegt ja nur wenige Tage zurück.

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4 Antworten to “16 gegen 18, was will man erwarten?”


  1. Ach Manno, da hast Du den Zahn ja fast schon komplett selbst gezogen, den ich ich doch als Replik auf eine erwartete Schiedsrichterschelte ziehen wollte. In der Tat fand ich den Schiedsrichter bis zum Elfmeter sehr VfB-lastig. Nicht nur wegen der katastrophalen Vorteils-Nichtauslegung, die Du ansprichst, sondern zum Beispiel auch wegen des nicht geahndeten Fouls an Novakovic an der Stuttgarter Strafraumgrenze im ersten Drittel der 2. Hälfte, das einen Freistoß von eben dort nach sich tziehen hätte müssen. Der Elfmeter selbst – zugegeben: war eher keiner. Die Szene mit Gebhardt – so wir die selbe meinen (in der Nachspielzeit?) – meines Erachtens aber ebenso wenig.

    Aber ach Mensch, Du erwähnst es zwar alles, aber Du schiebst die Schuld gar nicht auf den Schiedsrichter, ich brauch also eigentlich gar nichts zu sagen.

    Und zu Petit sei gesagt: Ich war verwirrt. Und auch ein bißchen böse fast. Der Mann ist gelaufen. Gelaufen! Da kann man auch mal im Lauf hinaus zur Seitenlinie einen Gang runterschalten und ein paar Schritte oder einige mehr gehen. g – e – h – e – n. Langsam.
    Will sagen: Ich war ehrlich überrascht, dass er nicht versuchte, Zeit zu schinden. So verschieden sind die Perpektiven.

  2. jon dahl Says:

    Niedermeiers Fazit gefällt mir, das deines Nebenmannes natürlich auch, am schönsten aber vielleicht der O-Ton, den ich am Morgen danach im Radion hören durfte:
    „Es war nicht jeder sein Tag“
    (Herr Träsch über Herrn Dingert).

  3. snej Says:

    Mein Hauptproblem mit den Schiedsrichtern ist auch nicht zwingend Herr Dingert am Sonntag, den ich übrigens schlecht fand und das nicht nur wegen beiden 11m-Entscheidungen (Lanig erlebt den Halbzeitpfiff nicht bei jedem SR auf dem Platz), sondern eher die Masse an zumindest streitbaren und zum Teil spielentscheidenden (Fehl)Entscheidungen gegen uns.

    Im Einzelfall kann man es sich sicherlich immer so hinreden, dass der SR Recht hatte (keine 2 Meinungen kann es prinzipiell auch nur bei Ball über der Linie oder nicht oder KLAREN Abseitsentscheidungen geben, jede Zweikampfbewertung ist subjektiv), aber wenn derart konsequent Kleinigkeiten, die nur ein Bruchteil der Schiedsrichter überhaupt pfeift, in spielentscheidenden Situationen gegen einen gepfiffen werden, dann platzt mir so langsam der Kragen. Man muss sich da immer nach der Verhältnismässigkeit fragen und gucken wieviele SRs sowas überhaupt pfeifen bzw. welche Vereine das für oder gegen sich gepfiffen kriegen.

    Zumal wir jetzt auch in den letzten Jahren nicht unbedingt übermässig bevorteilt wurden, aber das ist auch nur mein subjektiver Eindruck.

  4. heinzkamke Says:

    @mars:
    An das Foul gegen Novakovic kann ich mich nicht erinnern. Bzgl. Gebhart meinen wir die selbe Szene. Ich finde schon, dass Brecko da allein wegen Dummheit einen Elfmeter verdient hätte. Gebhart hätte nichts mehr ausrichten können, er aber sprang ihm in die Beine. Ansonsten fand ich den Schiri auf beiden Seiten schlecht uns sah den VfB auch nicht bevorzugt. Meines Erachtens konnte Köln sich nicht darüber beklagen, dass Lanig noch ausgewechselt werden durfte.

    Zu Petit habe ich etwas ausführlicher geantwortet.

    @jon dahl:
    Großartig.

    @snej:
    Ich sehe natürlich auch die ganzen spielentscheidenden Fehler dieser Saison, kann die wahre Tabelle lesen usw. Gleichwohl neige ich nicht dazu, eine (möglicherweise gar bewusste) Grundtendenz gegen den VfB zu beklagen. Heribert Fandel hat m.E. nicht ganz unrecht, wenn er Bobic in einen Topf mit anderen unzufriedenen Vereinen wirft, die eher die eigenen Spieler als die Unparteiischen in die Verantwortung nehmen sollten.


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