Ein Sonntag im November

8. November 2010

Vor kurzem habe ich mir einen Novembersonntag gemalt. So gut ich eben malen kann. Weil das nicht sonderlich gut ist, erscheint es mir nicht sinnvoll, das Werk dem gemeinen Blogleser zuzumuten. Statt dessen will ich kurz verbal darstellen, wie ein solcher (wie) gemalter Novembersonntag aussehen könnte.

Er ist, wie es sich für einen anständigen Novembersonntag gehört, völlig verregnet. Die ganze Familie bleibt ewig im Bett (so ewig ewig halt sein kann bei hungrigen kleinen Monstern) und hängt anschließend bis weit in den Nachmittag hinein, wetterbedingt völlig ohne schlechtes Gewissen, faul in Nacht- oder Schlabberklamotten in der Wohnung herum. Das eine oder andere Buch wird (vor-)gelesen, ebenso die Zeitungen, der Klassiker „Mensch ärgere Dich nicht“ kommt genauso zu seinem Recht wie die Holzeisenbahn zum Ihrigen, man tobt und tollt, isst zwischendurch etwas Nahrhaftes, Linsen mit Spätzle wären eine ganz gute Idee, baut vielleicht eine Höhle, vergisst den Mittagsschlaf nicht, schaut irgendwann noch kurz in einen alten Heimatschinken hinein – mit Toni Sailer als schwarzem Blitz, zum Beispiel – und zieht sich so gegen halb vier langsam an. Man fährt mit der Stadtbahn zum Neckarstadion, geht aber zunächst kurz zum Schlienz, weil es dort noch Wurst für Geld gibt und man ganz gut über Trainer, Manager und Vereinsführung schimpfen kann, und ist eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff vor Ort, um sich einen Platz an der Regenkante zu suchen (ok, knapp dahinter wäre eventuell die besser Alternative). Anschließend sieht man sich das Aufwärmen an, zieht Rückschlüsse zur Aufstellung, und beteiligt sich an den Spekulationen zum Spielverlauf mit einem zurückhaltenden „Ehrlich gesagt wäre ich heute schon mit einem dreckigen Fünf zu Null zufrieden.“ An einem gemalten Novembersonntag wird diese Erwartung dann ein wenig übertroffen, man freut sich, schüttelt ungläubig den Kopf, geht zufrieden nach Hause, strahlt die Familie an, die Familie strahlt zurück, man bringt wenigstens noch ein Kind ins Bett, schaut ein wenig West Wing, danach die einschlägigen Sportsendungen, und geht zu Bett.

Nach diesem jahreszeitlichen Exkurs noch ein paar Sätze zum gestrigen Spiel des VfB gegen Werder.

Als nach wenigen Minuten Maricas Einsatz gegen Frings abgepfiffen wurde, war zwar nicht jeder Stuttgarter Zuschauer zufrieden mit der Schiedsrichterentscheidung; Maricas Vehemenz ließ indes Aufschauen, und die Ersten fragten sich, um wen es sich bei dem Herrn mit der Nummer 9 tatsächlich handle. Mit zunehmender Spieldauer nahm die Zahl der Zweifler zu. Ging der prächtige Abschluss beim 1:0 gegen einen der stärksten Bundesligatorhüter, zumindest auf der Linie, noch als Ausrutscher durch, war das leichtfüßige Abhängen von Prödl vor Gentners Großchance schon ein deutlicheres Indiz und die Vorbereitung des 2:0 nach großartigem Zusammenspiel mit Timo Gebhart letztlich der Beweis, dass man es nicht mit „unserem“ Marica zu tun haben konnte. Vor dem 3:0 schüttelte besagter Herr Mertesackers Mannen ab wie lästige Fliegen, das 4:0 legte er selbstverständlich auch vor, und beim 5:0 zeigte er dann, dass er sogar flanken kann – eine Fähigkeit, die beim VfB zum Alleinstellungsmerkmal reichen könnte, auch wenn Molinaro erstmals wieder vernünftige Bälle (oder zumindest einen, und zwar auf, natürlich, Marica) vor das Tor brachte. Bleibt zu hoffen, dass sich dieser Marica in den nächsten Wochen öfter sehen lässt.

Genau wie dieser Gebhart, übrigens, und dieser Boka, der ja schon am Donnerstag zu Besuch war. Diesen Niedermeier und diesen Delpierre kann man angesichts der Bremer Offensivleistung nicht seriös bewerten – wobei das, wenn man ehrlich ist, angesichts der Bremer Defensivleistung analog für die Stuttgarter Stürmer gelten müsste. Gentner zeigte, dass er in der Mitte besser aufgehoben ist, und wird sich dort mit Kuzmanovic streiten müssen, wer neben Träsch spielen darf. Der hatte zwar ungewöhnlich viele Fehlpässe in seinem Spiel, aber von 100 eroberten Bällen wird man auch mal fünf zum Gegner spielen dürfen. Bei Camoranesi ist diese Quote etwas schwächer, weswegen er auch nach dem zweiten völlig unnötigen und gegen einen anderen Gegner gefährlichen Fehlpass im Spielaufbau vom Kapitän kräftig in den Senkel gestellt wurde.

Was ich nicht vergessen möchte: das Lob an den Trainer. Der hatte vor dem Spiel bereits angekündigt, dass man die Schwächen der Bremer Defensive ausnutzen wolle, und seine Mannschaft hielt Wort. Selten habe ich einen VfB gesehen, der den Gegner zu Spielbeginn so konsequent früh unter Druck setzte (und dabei, auch das ist wahr, anfänglich hinten ein paar Chancen zuließ) und – so hoffe ich – ganz bewusst immer wieder Gebhart in die Dribblings gegen die nicht ganz so geschmeidigen Silvestre und Prödl schickte. Es war mir ein Fest, zuzusehen, wie die ganze Mannschaft sich in Bewegung setzte, um bei jedem Bremer Einwurf in der Nähe der eigenen Eckfahne die Räume zuzustellen, und wie sie praktisch in jedem Fall den Ball eroberte.

Was nach wie vor nicht klappt, ist die Spieleröffnung. Viel zu oft schlägt Sven Ulreich den Ball hoch und weit nach vorne. Ich weiß nicht, ob es an ihm liegt, an ängstlichen Mitspielern, die in Tornähe keinen Ball wollen, oder an den Vorgaben des Trainers, der dem zuletzt wackligen Molinaro auf der einen und dem jungen, in der Defensive überzeugenden Funk auf der anderen Seite wenig Gelegenheit geben will, leichte Fehler zu begehen. Doch letztlich sind diese langen Bälle vorhersehbare Ballverluste, egal ob sie von Ulreich oder in der nächsten Stufe von Delpierre kommen. So wie ein Elfmeter von Cacau ein vorhersehbarer Fehlschuss ist, aber das ist ein anderes Thema.

Natürlich sind die Vergleiche zum Sieg gegen Gladbach, der, wie wir heute wissen, nicht mehr als ein Strohfeuer war, unvermeidlich. Natürlich gilt es nun, die damaligen Fehler zu vermeiden, natürlich darf in Kaiserslautern das Engagement keinen Deut geringer sein als gegen Bremen, natürlich darf man nicht gleich wieder träumen. Und doch gibt es zumindest einen deutlichen Unterschied: gegen Bremen fielen die Tore aus dem Spiel heraus, gegen Gladbach traf man nach 5 Standardsituationen. Tore aus Standardsituationen sind nicht weniger wert, sie sind auch keine schlechteren Tore, sie sind vielmehr eine wichtige Variante, die beim VfB viel zu selten effektiv zum Einsatz kommt. Aber nach den bisherigen spielerischen Saisonleistungen hat der VfB gestern endlich einmal nicht nur schlaglichtartig gezeigt, dass er nach wie vor imstande ist, zielgerichtete und gleichzeitig sehenswerte Aktionen vorzutragen, die, wie man so schön sagt, nach Fußball aussehen. Ja, der Gegner war schlecht, gegen andere wird das nicht so einfach funktionieren. Aber immerhin haben sie gesehen, wie es funktionieren kann, haben gezeigt, dass sie spielen können. Das ist doch schon mal ein Anfang. Und eine Erkenntnis, auf der man aufbauen kann.

Am Ende meines vermeintlich wie gemalten Tages musste ich übrigens auf Druck des Familienrats noch Kfz-Versicherungen vergleichen. Naja.

Dafür habe ich begonnen, mir eine vorweihnachtliche Woche zu malen. Und einen irischen Frühlingstag.

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10 Antworten to “Ein Sonntag im November”

  1. hirngabel Says:

    Ich freu mich schon auf den Nachbericht zum irischen Frühlingstag. Sehr sogar.

  2. heinzkamke Says:

    @jon dahl:
    Kritisierst Du den Umstand, dass ein Spiel aus der eben abgelaufenen englischen Woche hier im Blog nicht behandelt wurde, weil der Autor während des Spiels in philosophische Diskussionen verstrickt wurde, oder spielst Du auf die zeitaufwändige Weiterreise an, die uns von Dublin über [Aue/Duisburg/Cottbus/Augsburg] nach Berlin führt?

  3. Jannik Says:

    Sehr schön! Also „schön“ klingt zwar immer nach „nett“ und „nett“ ist bekanntlich… aber so ist es nicht gemeint. Sondern eben so: Klasse, Danke, hat Spaß gemacht! Und das liegt nicht nur daran, dass unsere kleine Stippvisite aus dem September vielleicht ein wenig in Vergessenheit gerät.;)

  4. Thor Says:

    Wunderbar geschrieben. Und ganz genau so einen Sonntag habe ich mir für nächstes Wochenende gemalt (übrigens inklusive des mir ebenfalls vom Familien-CEO angetragenen KFZ-Vericherungsvergleichs).

    Wir sind alle Individuen? Ich nicht.

  5. heinzkamke Says:

    @Jannik:
    Im Moment erinnert man sich eher an die „Stippvisite“ und zieht Quervergleiche, wie man oben sieht…
    Netter Kommentar, übrigens. (scnr)

    @Thor:
    Wer übernimmt denn den Bremer Part?
    Oh, I see.
    Hihi, der Versicherungsvergleich verbindet das Land.

  6. Thor Says:

    Ja, der Part des krisengeschüttelten Champions-League-Teilnehmers ist für Sonntag bestens vergeben und da ich ja sogar am (Auswärts-)Spielort lebe, kann ich ebenfalls ganz bequem nach einem netten Tag mit der Familie mit der U-Bahn zum Stadion fahren. Nur der ideale Ort zum Wurstverzehr bereitet mir noch etwas Kopfzerbrechen.

  7. jon dahl Says:

    @heinz: letzteres.
    Dublin wird für mich schwierig, Berlin könnte klappen. Aber jetzt sind erstmal Pfalz und Lautern dran; ich würde gerne mal zwanzig Buli-Tore in einem Monat sehen; müsste drin sein.

  8. heinzkamke Says:

    Werden Gegentore mitgezählt?


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