Gewissensprüfung

26. September 2010

Keine Sorge, ich will jetzt nicht von alten Zeiten erzählen, von damals, als wir noch eine Wehrpflicht hatten, von Glaubens- und Gewissensgründen, von konstruierten Beispielen mit bedrohten Familienangehörigen und zufällig herumliegenden Waffen. Oder von meiner Dankbarkeit gegenüber all jenen, die sich der Gewissensprüfung unterzogen und uns später Geborenen den Weg zum Zivildienst erleichterten.

Mein Gewissen wird jedes Jahr geprüft.
Jeden Herbst, um genau zu sein.

Bin ich noch immer gewillt, am Samstag der Familie stundenlang den Rücken zu kehren, um mir eine von zahlreichen Niederlagen des VfB anzusehen? Steht es nach der fünften Niederlage in 6 Spielen noch unverrückbar fest, das ich auch am nächsten Wochenende ganz selbstverständlich ins Neckarstadion gehe, um die Partie gegen eine weder überdurchschnittlich sympathische noch überdurchschnittlich attraktiv spielende Bundesligamannschaft nicht nur anzuschauen, sondern die eigene Mannschaft nach Leibeskräften (klingt irgendwie… körperlich, nicht?) zu unterstützen? Gebe ich mich erneut wochen- oder gar monatelang mit spielerisch uninspirierten Vorstellungen zufrieden, nehme reihenweise individuelle Fehler hin, und ein Abwehrverhalten, das zu häufig an eine Schülermannschaft erinnert?

Lasse ich mich einmal mehr mit dem Hinweis vertrösten, dass die Vorbereitung wegen der vielen WM-Teilnehmer so schwierig gewesen sei, ganz zu schweigen von der unglücklichen Fügung, dass man erneut potenziell entscheidende Positionen erst am Ende der Transferperiode besetzt hat? Oder anders: ignoriere ich wieder einmal meinen Eindruck, dass andere Vereine diesem Problem nicht Jahr für Jahr nahezu hilflos gegenüber stehen?

Will ich ein weiteres Jahr mit den Schultern zucken, wenn die akustische Auseinandersetzung mit dem Gegner nur selten über „Scheiß KSC“, „Ruhrpottkanacken“ oder „Dortmunder Arschlöcher“ hinausgeht? Wenn der zumindest ansatzweise kreative nicht plump beleidigende Versuch eines Teils der gefühlten Cannstatter Kurve, den Ruf „Stuttgarter Arschlöcher“ mit „Ihr werdet nie Deutscher Meister“ zu beantworten, rigoros überstimmt und in ein glorreiches „Scheiß Leverkusen“ überführt wird?

Soll ich mich auch in dieser so katastrophal beginnenden Saison regelmäßig über die lokale Presse ärgern, anstatt den VfB einfach mal VfB sein zu lassen? Mich wundern, dass die Stuttgarter Zeitung bei der Aufstellung verlässlich daneben liegt, gerne auch mal gesperrte Spieler in der Startelf erwartet?

Bin ich bereit, die Versuche des Vereins, mich zur Stadionkarte zu zwingen, weiterhin hinzunehmen? Das Netz zieht sich weiter zu. Der Weg vom PSV, wo man sich noch mit (einer zunehmenden Menge) Bargeld verköstigen kann, zur Kurve ist für diese Saison gesperrt worden. Aus Sicherheitsgründen, heißt es. Anders gefragt: bin ich bereit, meine „Stadion“wurst demnächst Stunden vor dem Spiel in der Stadt zu essen, oder bleibe ich dann doch ganz daheim?

Die Antworten sind klar. Auch nach einem wahrlich verheerenden Auftritt gegen Leverkusen.

Ja, die Familie weiß das. Ja, selbstverständlich schaue ich mir auch Frankfurt an und unterstütze die Mannschaft. Nein, ich gebe mich nicht zufrieden, gehe trotzdem hin und hoffe.

Nein, ich bin entsetzt und ignoriere meinen Eindruck nicht. Aber ich gehe weiterhin hin.

Ja, ich nehme das hin. Entscheide selbst, an welchen Fangesängen ich mich beteilige. Und freue mich, wenn bei einem furchtbaren Spiel ein gänzlich unerwartetes, von mir noch nie gehörtes „Wenn wir wollen, fressen wir Euch auf!“ kommt, dessen absurde Komik sich dem nicht Dabeigewesenen kaum erschließen dürfte.

Nein, ich soll nicht, aber ich tu’s. Auch hier gilt: man gibt die Hoffnung nicht auf. Und freut sich über die Positivbeispiele.

Ja, ich nehme das hin. Bin entschlossen, mich nicht kleinkriegen zu lassen. Lege aber die Hand für mich nicht ins Feuer.

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12 Antworten to “Gewissensprüfung”

  1. heinzkamke Says:

    PolizeiSportVerein Stuttgart, ein angrenzender Verein, der viele konsumwillige Stadiongänger unmittelbar vor den Drehkreuzen abfängt.

    Inwieweit der Verein davon profitiert und nicht der Pächter des Vereinsheims, weiß ich allerdings nicht. Das Verhältnis zwischen PSV und VfB kann ich auch nicht einschätzen.

    • el pibe Says:

      @verbale untermalung des spielgeschehens: uiuiuiiiiiii – schwieriges thema.was hab ich mich dieses jahr schon mit 15-jährigen blagen rumärgern müssen, weil ich nicht permanent „supporte“….und ich (laut seiner argumentation)damit eigentlich überhaupt keine daseinsberechtigung in „seinem block“ (ja, er hat das wirklich so gesagt)habe….mannmann. zugegeben – ich steh jetzt seit jahren (7 glaube ich) im ultrablock; zugegeben, ohne die jungs wäre das stadion imho tot; aber wieso ist man verdammt noch mal nicht in der lage, ein bisschen kreativität & wortwitz da mit einzubringen und vor allem bezug zum aktuellen spielgeschehen herzustellen?
      wieso beschränkt man sich auf einen singsang-soundteppich und wahlweise auf die beleidigung des gegners?

      ich vertehe es nicht. in anderen ländern gehts doch auch.

      @PSV: du gehst da wirklich hin? wow…

      @kleinkriegen lassen: nope. never. das schafft nicht mal diese truppe.

    • heinzkamke Says:

      Vollkommen klar, dass das ein sehr schwieriges Thema ist. Offensichtlich sind wir uns da ziemlich einig.

      Mich ärgert übrigens auch, dass auf einzelne Spieler bezogene Gesänge ofensichtlich verbannt wurden. Ich weiß, kein Spieler ist so groß wie der Verein, oder so, aber ist eine gelegentliche besondere Anerkennung für eine besondere Leistung (oder auch ein Comeback nach langer Verletzung) wirklich so verkehrt? Meines Erachtens nicht.

      Bzgl. PSV:
      Ja. Seitdem ich im Stadion keine Wurst mehr kaufen kann. Bzw. jetzt nicht mehr, weil der PSV von der Kurve abgeschnitten wurde.
      Höre ich da grundsätzliche Erwägungen bzw. Vorbehalte heraus?

      • el pibe Says:

        hörst du, ja. ich war da 2 drin – nie wieder. unfreundliches personal,erbärmliches essen, wiederliche getränkepreise.

        im stadion haben wir dasselbe problem – seit einführung der karte jibbet für uns nix mehr zu kaufen….

        ;-)

        aber außerhalb schwöre ich auf kleinleins vesperstube. gutes essen, faire preise, super-service und der selbstgebrannte willy ist vom allerfeinsten.

      • heinzkamke Says:

        „Drin“ im Sinne von geschlossenen Räumen war ich da noch nie. Nur an diesen Wurst- und Getränkeständen außerhalb. Da geht’s nicht billig und selten freundlich zu – halt wie im Stadion früher…

  2. snej Says:

    Wobei die Sperrung des Fritz Walter Wegs für diese Saison glaub kaum vom VfB ausgeht, sondern eher vom Ordnungsamt. Die Begründung von wegen Fantrennung ist natürlich kompletter Quatsch, da Stuttgart sowieso einen der am besten abgesicherten Gästeblöcke der Liga hat (vergleicht das mal mit FFM, HH oder M, wo es gar keinen getrennten Eingang für die Gäste gibt) und man durch die Platzierung der OFCs nach der „Absperrung“ (also in Richtung Gäste) da eher noch Sachen provoziert. Wer vor dem Spiel in Cannstatt sein Bierle trinkt, darf erstmal aussen um die ganzen Trainingsplätze rum, da man am Eingang Mercedesstr. mit den Karten nicht reinkommt. Unten hats im Umlauf nen Zaun, oben kann man sich frei bewegen. Das ist kompletter Unsinn. EL ist mir HT-Seite zu teuer und deswegen bin ich da in der Kurve.

    • heinzkamke Says:

      Ein Ordner sagte mir, die Sperrung sei deshalb erfolgt, weil der Weg so nahe an der Baustelle sei, die Gerüste fast in den Weg hineinragten. Also eher solche Sicherheitsgründe. Aber wie gut ein normaler Ordner da informiert ist, steht auf einem anderen Blatt.

      • snej Says:

        Wollte mir gg. YB auch ein Ordner erzählen, wage ich aber zu bezweifeln. Bzw. wieso ist der Fritz Walter Weg dann für die komplette Saison gesperrt, wenn der Innenausbau der Kurve (also Sporthalle etc.) bis Winter fertig sein soll? Und wieso gibt es dann im Umlauf innen einen Zaun zur Fantrennung?


  3. Hat er wirklich „Bierle“ gesagt?

  4. STP1910 Says:

    „Wenn wir wollen, fressen wir Euch auf!“ -ist allerdings großartig.


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