Das Schiedsen und kein goldener Boden

13. September 2010

Markus Merk ist Zahnarzt, bzw. er war es, weil er als Redner besser verdient. Franz-Xaver Wack ist bei den gleichen Leisten geblieben, Jochen Drees ist Allgemeinmediziner, Helmut Fleischer praktiziert bei der Bundeswehr. So weit weiß man vielleicht aus dem Kopf Bescheid, der eine oder andere auch noch darüber hinaus. Wenn man sich dann ein wenig in der Wikipedia vergnügt, erfährt man, dass Felix Brych zur gemeindlichen Förderung des Berufssports promoviert hat und Wolf-Rüdiger Umbach seit 15 Jahren Präsident der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Braunschweig/Wolfenbüttel ist.

Herbert Fandels flinke Finger sind weithin bekannt, Bernd Heynemann hatte ein Leben vor der Politik, und zwar als Betriebswirt, Hellmut Krug war Gymnasialllehrer, Walter Eschweiler Diplomat im Auswärtigen Amt. Ingenieur Alfons Berg doziert an der FH Trier, Lutz Michael Fröhlich ist diplomierter Kommunikationswirt, Siegfried Kirschen Psychologe. Wolfgang Riedel war Jurist an der Humboldt-Universität, Klaus Scheurell ist Gärungstechnologe, falls man das so sagen kann, und Peter Sippel Betriebswirt.

Wolf-Dieter Ahlenfelder ist, genau wie Dieter Pauly, Industriekaufmann, Gerd Hennig Speditions-, Günter Perl Groß- und Außenhandelskaufmann. Wolfgang Stark, Marco Fritz und Babak Rafati sind Bankkaufleute.

Aber wo sind die Handwerker, die Mechaniker, die Leute, die mit ihren Händen arbeiten? Man wird ja wohl keine akademische Ausbildung brauchen, um das Spiel pfeifen zu können, das wegen seiner einfachen Regeln so beliebt ist? Wer weiß, ob wir ohne Schneidermeister Rudolf Kreitlein überhaupt gelbe und rote Karten hätten? Günther Habermann ist Elektromechaniker, Werner Burgers Schriftsetzer, Manfred Bahrs war Galvaniseurmeister und Albert Dusch Maschinenmeister bei einer Nähmaschinenfirma, Karl-Heinz Gläser lernte Schweißer und Lutz Wagner Maschinenbauer. Man muss ziemlich tief wühlen.

Unter den aktuellen Erst- und Zweitligaschiedsrichtern gibt es mit Robert Kempter einen Werkzeugmechaniker und mit Christian Bandurski einen Chemielaboranten. Ferner pfeifen ein paar Kaufleute und „Angestellte“ sowie 5 Polizist(inn)en, während gut die Hälfte der 40 Auswerwählten einen akademischen Abschluss hat oder anstrebt.

Eine gewisse Ungenauigkeit ergibt sich aus den jeweiligen Berufsangaben, die nicht in jedem Fall ganz eindeutig sind. So im Fall von Thomas Metzen, dessen Berufsbezeichnung als Vorstandsassistent eher im Vagen bleibt, oder bei Deniz Aytekin, weil ich nicht so recht weiß, ob ein VWA-Betriebswirt als Akademiker gilt oder nicht. Unstrittig scheint jedoch, dass er Geschäftsführer eines seriösen Beratungsunternehmens ist.

_____
Ach, und falls sich jemand dafür interessieren sollte, wie ich das Spiel des VfB in Freiburg gesehen habe: gar nicht, bis auf die drei Tore.

Also schweige ich.

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30 Antworten to “Das Schiedsen und kein goldener Boden”

  1. hirngabel Says:

    Soll ich den Thomas mal fragen, was er macht? (Erinnern kann ich mich leider nicht mehr, welche Karriere er damals anstrebte)

  2. Jannik Says:

    Interessanter Blick. Das wird doch nicht ernsthaft der Aytekin sein, oder?;)

  3. heinzkamke Says:

    @hirngabel:)
    Hehe, guter Ansatz. Nachdem Du Dich ja neulich aus der Leo-Regeldebatte dezent rausgehalten hast, können wir jetzt doch noch auf Dein Schiri-Insiderwissen hoffen… ;-)

    Im Ernst: ist natürlich für das Gesamtbild nicht so wichtig, was er macht. „Vorstandsassistent“ ist halt so eine Beschreibung, die unglaublich viel Interpretationsspielraum zulässt. Wobei ich auch Verständnis dafür habe, dass die Schiedsrichter nicht zu ausführlich darüber informieren wollen, wo genau sie was genau tun.

  4. hirngabel Says:

    Die Leo-Diskussion erwischte mich zeitlich irgendwie ungünstig. =) Zudem bin ich mir auch nicht mehr ganz sicher, wie jetzt die konkreten Regelzusammenhänge sind. Wenn ich mich da aber hätte festlegen sollen, dann hätte ich ein paar Finger dafür ins Feuer gelegt, dass „Leo“ von der Regel her auch strafbar ist, weil es nicht um den Ausdruck geht, sondern um den Akt des Rufens an sich. Aber wie gesagt, weit weg und zudem hier off topic.

    Was das Thema dieses Texts angeht: Ich versuche das jetzt mal so wertfrei wie möglich auszudrücken und hoffe, man dreht mir aus den Aussagen keinen Strick.

    Neben der sportlichen Komponente ist ja ein großer Faktor der Schiedsrichterausbildung die Regelkompetenz und die ist natürlich in erster Linie mal theoretisch. Dementsprechend ist ein nicht unwesentlicher Bestandteil der Schiedsrichterkarriere, das Erlernen der Regeltheorie und damit eben Büffeln, Büffeln, Büffeln und Tests schreiben und Prüfungen abhalten.

    Und diejenigen Menschen, die grundsätzlich eher lernen, wie es ja bei (angehenden) Akademikern üblicherweise der Fall sein sollte, fällt zumindest dieser Teil des Schiedsrichterdaseins etwas leichter.

    Hinzu kommt sicherlich, dass ein eloquentes Auftreten und eine gewisse „soziale Intelligenz“ für einen Schiedrichter zusätzlich wichtig ist. Aber damit begebe ich mich dann vermutlich schon in Sarrazinsche Gefilde, wenn ich diese Gedanken weiter ausformuliere.

    Wie gesagt, das ist völlig wertfrei gemeint.

  5. jekylla Says:

    Rntschuldigung, wenn ich wieder den einzigen unsachlichen Beitrag hier hinterlasse, aber der Gärungstechnologe hat mir einfach zu gut gefallen. Vermute, dass etliche meiner Mit-Fans sich auch so vorstellen könnten.
    Wie gesagt, entschuldigung. Manchmal kann ich nicht anders.

  6. heinzkamke Says:

    Ein Grund, weshalb ich mich über die hohe Akademikerquote qundere, ist ganz banal und subjektiv: in keinem der Vereine, in denen ich gespielt und teilweise auch Ämter übernommen habe, war die Quote an akademisch ausgebildeten oder eine akademische Ausbildung anstrebenden Schiedsrichtern sehr hoch. Eher im Gegenteil. Mag sein, dass ich in den falschen Vereinen aktiv war; gleichzeitig kennt man ja mit der Zeit auch die Schiedsrichter, auf die man so trifft, und nach meinem Kenntnisstand war der Akademikeranteil da nie sonderlich hoch. Vielleicht ändert sich das ja ab der Oberliga oder so – irgendwoher müssen die ganzen Dokotores in der Bundesliga doch kommen.

    @hirngabel:
    Keine Sorge, ich bin kein übelwollender Leser.

    Die Sache mit Regelkompetenz und Lernen usw. hatte ich mir natürlich überlegt und kann ihr auch manches abgewinnen. Gleichzeitig dachte ich, dass das Delta an anzuwendendem Regelwissen (bzw. dessen Auslegung), das über die Anforderungen an einen, sagen wir, Landesligaschiedsrichter hinaus geht, so immens doch nicht sein kann. Will sagen: wer die Regeln in der Landesliga so richtig drauf hat, sollte doch in der Lage sein, das zusätzlich notwendige theoretische Wissen zu erwerben. Und wie viel bspw. Entscheidungsfreude oder klares, selbstbewusstes Auftreten mit einer akademischen Ausbildung zu tun haben, kann ich einfach nicht beurteilen.

    Ein Faktor, den man möglicherweise nicht unterschätzen darf, könnte darin bestehen, dass ein Student mehr zeitliche Freiräume hat, sein Fortkommen als Schiedsrichter zu betreiben. Bloße Vermutung.

    @jekylla:
    Das ist doch einer der vielen schönen Aspekte von Blogs. Dass sich Kommentatorinnen ganz nach jeweiligem Gusto einen vom Autor nachlässig behandelten Teilaspekt herausgreifen und durch einen kompetenten Kommentar zumindest kurzzeitig ins verdiente Rampenlicht rücken können. Entschuldigungen sind da völlig unangebracht.

    • Lizas Welt Says:

      Du liegst mit deiner Vermutung richtig: Heute kann nur noch Bundesligaschiri werden, wer beruflich jederzeit (!) abkömmlich ist. Deshalb pfeifen da auch keine Lehrer mehr wie früher beispielsweise Herr Brückner aus Darmstadt. Selbstständige und leitende Angestellte sind dabei natürlich im Vorteil, und dass die Akademikerquote bei denen etwas höher ist, ist nicht besonders verwunderlich. Außerdem wird inzwischen wesentlich stärker auf das rhetorische Vermögen und die Medienwirksamkeit von Referees geachtet.

      Thomas Metzen arbeitet meines Wissens bei einem großen Versicherungskonzern.

      • heinzkamke Says:

        Ha! Klare, verlässliche Aussagen vom Fachmann.

        Steht dieses „jederzeit“ auch geschrieben, oder lernt man diese Bedingung als ambitionierter Schiedsrichter einfach schnell kennen?

        Und was mich überrascht: als Vorstandsassistent bei einem großen Versicherungskonzern ist man nach meiner Einschätzung ziemlich eingespannt. Wenn das jemand mit einer Schiedsrichterkarriere und vor allem jederzeitiger Abkömmlichkeit unter einen Hut bringt, ziehe ich den meinigen.

      • Lizas Welt Says:

        Nein, das „jederzeit“ steht nirgendwo geschrieben, aber man bekommt als aufstrebender Schiri rasch klar gemacht, dass eine Karriere auf DFB-Ebene nur möglich ist, wenn man sie mit der beruflichen Laufbahn vereinbaren kann. Und im Sinne einer Professionalisierung des Schiedsrichterwesens ist das ja auch nachvollziehbar.

        Früher gab es wesentlich mehr Erstligareferees; die hatten etwa acht Einsätze pro Saison in der höchsten Spielklasse und bekamen dafür einen Tagesspesensatz von 72 Mark. Heute pfeifen wesentlich weniger in der Bundesliga, aber die kommen teilweise auf über 20 Spiele im Oberhaus und erhalten dafür rund 4.000 Euro je Einsatz. Im Gegenzug erwartet der DFB, dass die Schiris jederzeit zur Verfügung stehen – nicht nur für die Spiele, sondern auch für Lehrgänge, die Medienarbeit etc.

        Die Fifa-Referees sind de facto ohnehin schon Profi-Schiedsrichter: Freitag Anreise zum Bundesligaspiel, Samstag der Einsatz, Sonntag Rückflug, Montag aktive Regeneration, Dienstag Abflug zum Europapokalspiel, Mittwoch Einsatz, Donnerstag Rückflug, Freitag Anreise zum Bundesligaspiel usw. Da kann man keinem herkömmlichen Beruf mehr nachgehen.

  7. jekylla Says:

    Was genau der Herr Wingenbach mit 32 noch studiert, wissen Sie nicht zufällig?

    • heinzkamke Says:

      Jetzt weiß ich wieder, welche Frage ich eigentlich noch in den Text einbauen wollte. Eben diese, auch wenn mir sein Alter egal ist. Ich glaube ja an zweite, dritte und vierte Bildungswege.

      • jekylla Says:

        Den grundsätzlichen Glauben an mehrere Bildungswege teile ich mit Ihnen, nur beim Herrn Wingenbach zwang mich irgendwas am persönlichen Eindruck, das Alter in die Frage zu integrieren. Wenn Sie verstehen…

      • heinzkamke Says:

        Ich denke schon. Wobei ich noch nicht recht weiß, was das mit Ihrer Twitterfrage nach burschenschaftlichen Begrifflichkeiten zu tun hat…

      • jekylla Says:

        Das hat rein gar nichts mit der Twitterfrage zu tun, wie um Gotteswillen kommen Sie denn darauf? Ich bin vielleicht blond und eine Frau, aber ich schaffe zuweilen zwei Themen gleichzeitig. Oder auch mal drei, danach bin ich aber erschöpft.

      • jekylla Says:

        Monsieur Kamke, Sie haben mich noch nicht entrüstet erlebt. Ich bin cool, calm and collected. So far.

        Ich frage mich allerdings, wieso diese Menschen überhaupt Schiedsrichter werden wollen. Ein undankbarer und mäßig dotierter Job. Oder sie waren in ihrer Jugend einfach nur zu schlecht für auffen Platz…?

        Psychologische Studie dazu?
        ;-)

    • Lizas Welt Says:

      Markus Wingenbach studiert Sport und Mathematik.

  8. heinzkamke Says:

    Erwrtungsgemäß bestätigt mich die entrüstete Reaktion in der Ansicht, dass es sich lohnen würde, die Frage nach der Querverbindung einfach mal zu stellen.

  9. heinzkamke Says:

    Fragen Sie mich nicht. WordPress… unendliche Weiten. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, Sie haben sich einfach dazwischengedrängt.

    Im Vergleich zu den Spielern ist die Vergütung sicherlich mäßig, im besten Falle. Undankbar ist der Job ohnehin, ich würde ihn nicht ausüber wollen. Anscheinend konnte ich als Jugendlicher ein wenig kicken und musste deshalb nicht an die Pfeife, wenn man Ihrer Argumentation folgt… ;-)

    • jekylla Says:

      Also, wenn man das richtige „Antworten“ nimmt, kommt man da untendrunter, wo man hin will, doch auch an?

      Wie auch immer, ich denke da immer so ein bißchen an die Eckensteher und Übrigbleiber aus dem Sportunterricht, die immer als letzte zwangsweise einem Team zugeordnet wurden. Ausnahmen, Regel, bla natürlich, aber …

    • heinzkamke Says:

      Eckensteher? Sagen wir so: ich kenne Schiedsrichter, auf die das zutrifft. Und ich kenne andere. Erstere sind leicht in der Mehrzahl. Aber nur leicht.

  10. landesligaschiri Says:

    Bereits unter der Landesligaschiedsrichtern, zumindest in Bayern, ist die Studenten- und Akademikerquote die 50% Marke überschreitet. Neben dem genannten Zeitargument, das auch in der Landesliga schon gilt, denke ich schon, dass eine höher Intelligenz dem Schiedsrichter hilft. Wenn das Spiel besser gelesen werden kann, man sich im Gespräch mit Spielern zu artikulieren weiß, sich durch Persönlichkeit statt Agressivität durchsetzt und auch neben dem Platz mit Beobachtern und Medien umgehen kann hilft das alles.

  11. heinzkamke Says:

    @landesligaschiri:
    Danke, hätte ich so nicht unbedingt gedacht.

    Zumindest habe ich die hohe Akademikerquote als Spieler (auch wenn das ein paar Jahre her ist) nie so wahrgenommen. Eine Nachfrage sei erlaubt: Medienkontakt in der Landesliga?

    Tippfehler sind übrigens auch willkommen ;-)


  12. […] Virtuosität, die nicht jedem Schiedsrichter zur Verfügung steht, auch wenn, wie schon vor Jahren erörtert (insbesondere in den Kommentaren, wo sich nicht zuletzt einer der Erben in seiner damaligen […]


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