Vor ein paar Wochen…

27. August 2010

Damals, vor ein paar Wochen, waren mir ein paar allgemeine Gedanken durch den Kopf gegangen, zum VfB, zur bevorstehenden Saison. Aus verschiedenen Gründen kam ich nicht dazu, sie zu veröffentlichen, und irgendwann wollte ich dann nicht mehr.

Da sich jedoch beim VfB keine aktuellen Ereignisse aufdrängen (ok: nichts über das ich gerne schreiben möchte), kehre ich noch einmal dorthin zurück.

Vor ein paar Wochen dachte ich,

…dass Christian Gentner eine schwierige Saison bevorstehe. Weil er nicht Gross‘ Transfer ist. Weil Träsch in der Zentrale gesetzt schien. Weil Kuzmanovic zum neuen Chef auf dem Platz würde. Weil der Trainer einen Spieler, der das Spiel mitbestimmen soll, nicht die halbe Vorbereitung als Innenverteidiger bestreiten lassen würde (auch wenn die Taktikfüchse ja meinen, dass demnächst die Innenverteidiger die neuen Spielmacher seien).

Mittlerweile weiß ich nicht mehr recht, was ich denken soll. Träsch spielt mal hier, mal dort. Gentner und Kuzmanovic, die sich zuletzt mehrfach gemeinsam versuchen durften, haben sich offensichtlich noch nicht recht arrangiert. In meiner Naivität würde ich mir ja ein Miteinander auf Augenhöhe vorstellen, aber das klappt bekanntlich auch bei ganz anderen Kalibern nicht, da braucht man nur mal bei Fabio Capello nachzufragen. In der Konsequenz stellt sich die Frage, welcher von den beiden Sechsern nun der Chef ist, und allem Anschein nach beschäftigt diese Frage auch die beiden, was dem Spiel nicht so richtig gut tut.

Letztlich gehe ich davon aus, dass Träsch bald wieder neben einem der Beiden in der Mitte spielt und dem anderen eine Saison als zwölfter Mann droht, wie sie Kuzmanovic schon im Vorjahr über weite Strecken erleben durfte. Meine persönliche Tendenz geht nach wie vor zu Kuzmanovic in der Startformation, der auf mich eher den benötigten Strategen darstellt als Gentner.

…dass man sich im Lauf der Saison mehr als einmal fragen werde, ob die Entscheidung für Sven Ulreich richtig war.

Kommt drauf an, wer „man“ ist. Ich kenne eine Menge Zuschauer, bei denen „mehr als einmal“ bereits erreicht ist. Und ja, ich zähle dazu. Vorhin Gestern gegen Bratislava fragte ich mich irgendwann, wer denn am meisten zittert, wenn ein Schüsschen oder gar ein Rückpass auf Ulreichs Tor kommt: Ich (der ich mich als Esel zuerst nenne), mein Nebenmann, Timo Gebhart, dessen Kopfschütteln ich in zwei Szenen auf Ulreichs hastige Befreiungsschläge zurückführen zu können meinte, oder der Torwart selbst. Viel geschenkt haben sich vermutlich alle nicht.

Ja, er ist ein junger Mann, er wurde von Armin Veh irgendwann verheizt, er ist bestimmt talentiert. Aber er hat mittlerweile auch so viel Spiele bestritten, dass etwas mehr Souveränität drin sein müsste, mehr Selbstverständlichkeit, mehr Selbstbewusstsein. Die Szene gegen Bratislava, bei der er sich – aus Stadionsicht, ohne Zeitlupe – über einen Platzverweis nicht hätte beschweren können (und in der Boulahrouz den Stürmer laufen ließ, keine Frage), wirkte auf mich so, als sei ihm nach kurzem Zögern eingefallen, dass man ihm ja gesagt hatte, er solle mutiger auftreten, was er dann, etwas überziehend, umsetzte. Verwegene Interpretation? Mag sein.

Wie auch immer: ich finde nicht, dass Sven Ulreich ein überdurchschnittlich guter Bundesligatorwart ist, und ich bezweifle, dass er einer wird. Aber ich habe wenig Ahnung vom Torwartspiel.

…dass Delpierre gesetzt sein und Tasci, so er beim Verein bliebe, mit Niedermeier um die zweite Position in der Innenverteidigung kämpfen würde. Niedermeier hat mir in der Vergangenheit stets gut gefallen, meine Vorbehalte gegen Tasci, der zweifellos überragende Anlagen hat, der aber bisweilen allzu Zweikampf vermeidend spielt und mitunter selbstgefällig auftritt, wurden hier oft genug thematisiert. Boulahrouz hatte ich gar nicht auf der Rechnung – obwohl er bei seinen wenigen Auftritten in der Vorsaison zu überzeugen wusste.

Gegenwärtig harre ich Tascis Rückkehr in die Startelf und frage mich, welche Löffel er dem Trainer gestohlen haben mag. Niedermeier und Boulahrouz wirken in erster Linie führungslos, und insbesondere ersterer steht meines Erachtens völlig neben sich. Noch in der Vorsaison stand er in meinen Augen für ruhiges, schnörkelloses, fehlerfreies Spiel. Aktuell spielt er nur noch schnörkellos. Boulahrouz sehe ich – vielleicht auch, weil ich das Spiel gegen Mainz nicht gesehen habe) – im Moment vor ihm. Gerade gegen Bratislava erschien er mir hinten weniger kompromissbereit, was nicht immer schön anzusehen war, und insgesamt engagierter, präsenter als Niedermeier.

Auch wenn mir Tasci und Boulahrouz zusammen nie sonderlich gut gefallen haben, hoffe ich doch, dass Christian Gross in diese Richtung einlenkt, bis Delpierre wieder fit ist. Oder er soll die geklauten Löffel zur Anzeige bringen.

…dass Patrick Funk auf 20+ Einsätze kommen würde, Daniel Didavi eher nicht. Funk hat mich bei den Amateuren (jaja…) mehrfach überzeugt, er wird sich im Training immer wieder aufdrängen und furchtlos auftreten, wenn er seine Chance erhält. Bei Didavi sehe ich nicht, auf welcher Position er spielen soll.

Hier ist meine Ansicht weitgehend unverändert. Sicher, Funk hat seine Chance gegen Molde nicht unbedingt genutzt, wirkte nervös. Aber er wird seine Einsätze bekommen. Im defensiven Mittelfeld oder als Rechtsverteidiger, auch wenn ich bezweifle, dass er ein offensives Pendant zu Molinaro sein kann. Didavi hat gegen Bratislava ein paar schöne Bälle gespielt. Das kann er. Schöne Bälle spielen. Er kann den Ball auch schön annehmen und schön verteilen. Aber ich sehe ihn nicht als ernsthaften Kandidaten für eine offensive Außenposition. Nicht weil die Abstimmung mit dem sichtlich gefrusteten Molinaro vorhin gegen Bratislava hinten und vorne nicht gestimmt hat, Gott bewahre. Sondern weil er das Spiel langsam macht, vielleicht auch selbst nicht das Tempo für Flankenläufe und Dribblings hat. Eine „10“ wie Hansi Müller gibt es bei Gross nicht, und auf der „6“ muss er sich hinten anstellen – unabhängig von seinem kapitalen Bock vor dem 0:2.

…dass offensiv auf den Außenbahnen „gestandene“ Neuzugänge kommen müssten und würden. Geht ja gar nicht anders.

Äh. Vielleicht geht es ja doch anders. Man kann auch einen unbekannten Linksfuß aus der Ligue 1 holen, den man angesichts seines Alters ja vielleicht auch schon als „gestanden“ bezeichnen darf, und sich parallel dazu um talentierte Zweitligaspieler bemühen. Ist etwas ungewöhnlich, wenn es sich um eine Position handelt, deren Bedeutung der Trainer immer wieder hervorhebt und für die durchaus höher eingeschätzte Spieler auf dem Markt waren, aber wir wissen ja: die klammen Finanzen. Immerhin: Timo Gebhart zeigt sich gereift (was nach einem Spiel, in dem er mit einer spektakulären Schwalbe einen Platzverweis provoziert hat, etwas deplatziert klingt), übernimmt Verantwortung, geht voran. Das macht Hoffnung.

Dass man Sebastian Rudy gehen ließ, halte ich übrigens für rational nachvollziehbar, auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte. Er hat auch in den ersten Spielen der neuen Saison nicht den Eindruck erweckt, sich – im doppelten Sinne – durchsetzen zu können. Es ist ihm zu wünschen, dass er in Hoffenheim in zentralerer Position aufblüht, auch wenn es weh tun wird.

…dass man im Sturm nicht gut genug besetzt sei. Der VfB hat keinen Spieler, dem man sorglos 15 Tore prognostizieren kann.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass Harnik Hoffnung weckt, und dass ich Cacau sorglos 10 Tore prognostiziere (was angesichts der Quoten der Vergangenheit nicht selbstverständlich ist).

…dass Christian Gross ein Glücksfall für den Verein sei, den es zu hegen gelte. Er könnte dem VfB wieder zu etwas mehr Kontinuität im sportlichen Bereich verhelfen. Wenn man ihn nicht in zu vielen Personalfragen vor den Kopf stößt.

Den einen oder anderen Kopfstoß hat er erhalten. Teilweise schon vor einiger Zeit  (Ulreich), teilweise in den letzten Wochen, als man zusehen musste, wie beispielsweise Vladimir Weiss anderswo anheuerte, von größeren Kalibern ganz zu schweigen. Ich habe Sorge, dass Christian Gross, der drüben im Brustring nach dem Bratislava-Spiel zurecht kritisiert wird, keine Lust auf die viel zitierte Übergangssaison hat. Und ganz gewiss nicht auf eine zweite oder gar dritte.

Ich weiß nicht, ob der Markt überhaupt noch die Möglichkeit bietet, ein Zeichen zu setzen, dem Trainer zu signalisieren, dass man seine Wünsche ernst nimmt. Ich weiß auch nicht, ob der VfB dieses Zeichen überhaupt setzen will. Aber eines scheint mir klar: Stefan Aigner wäre kein solches Zeichen.

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8 Antworten to “Vor ein paar Wochen…”

  1. Sebastian Says:

    „Wie auch immer: ich finde nicht, dass Sven Ulreich ein überdurchschnittlich guter Bundesligatorwart ist, und ich bezweifle, dass er einer wird. Aber ich habe wenig Ahnung vom Torwartspiel.“

    Die Kompetenz fehlt mir da ebenfalls. Aber ein Eindruck, bzw. ein Gefühl drängt sich mir als Zuschauer ja schon auf. Und ich fühle mich, wenn ich ihn sehe, immer ein bisschen an die Leverkusener Zeit mit Matysek und Zubi erinnert. Gewollt, aber irgendwie leider nicht ganz gekonnt. Ulreich fühlt sich an wie ein Ersatztorhüter, dem der Stammtorhüter fehlt.

    • heinzkamke Says:

      „Ulreich fühlt sich an wie ein Ersatztorhüter, dem der Stammtorhüter fehlt.“

      Kein schönes Urteil, aber eines, dem ich nicht widerspreche. (Und keine Ahnung, wieso Du in der Moderationsschleife gelandet bist)

  2. hirngabel Says:

    Ach, jetzt hack doch nicht immer auf dem Ulreich rum. Der macht das schon, diese Saison.

    RE: Doppelsechs
    Ich vermute, nach den Eindrücken der letzten Tage, sind sich wohl fast alle im und um den VfB herum einig, dass es eigentlich nur den Weg gibt, dass Träsch wieder in die Zentrale zurückkehrt.
    Bei der Frage ob Gentner oder Kuzmanovic tendiere ich wie Du zu Kuzmanovic – allerdings ebenfalls nur basierend auf einem diffusen Gefühl und vielleicht tut man da Gentner unrecht.
    Fakt scheint auf jeden Fall, dass das Duo Gentner UND Kuzmanovic gemeinsam -noch?- nicht funktioniert.

    RE: Ulreich
    Siehe oben. Ich glaube an ihn.
    (Aber okay, ich hab ihn auch noch nie live im Stadion spielen sehen)

    RE: Innenverteidigung
    Ich glaube, Boulahrouz hat wirklich den Vorteil auf seiner Seite, dass Du seine Leistung in Mainz bspw nicht gesehen hast… =) Allerdings macht Niedermeier momentan auch wirklich keinen guten Eindruck, so dass es letztlich wohl einigermaßen wurscht ist (Pest/Cholera) wer neben Tasci spielt. Wichtig ist vor allem, dass Tasci wieder spielt. Auch da sind sich wohl fast alle einig.

    RE: Funk/Didavi
    Da fehlt mir natürlich die Insider-Perspektive, was das Potential der beiden angeht. Ich glaube in Halbzeit 2 war Didavi schon wesentlich besser ins Offensivspiel integriert und harmonierte mehr mit Molinaro. Vor allem seine Standards haben mir allerdings sehr gut gefallen und wären sicherlich eine gute Ergänzung zum jetzigen Angriffsportfolio…
    Für Funk sehe ich momentan wohl am ehesten Einsatzchancen als RV in Anbetracht der Verletzung von Celozzi und der Notwendigkeit, dass Träsch im DM spielt, sowie dass Boula neben sich steht.

    RE: Offensive Aussen
    Rudy schmerzt, aber ist für sich betrachtet verständlich – völlig d’accord. Was ich halt kritisch betrachte ist die damit einhergehende zusätzliche Verkleinerung des Kaders. Das macht mir doch einigermaßen Sorgen.
    Ansonsten hoffe ich auch, dass aus irgendeinem Winkel der Welt doch noch ein Knallertransfer auf dieser Position hergezaubert wird und Dein Statement von vor ein paar Wochen bestätigt und nicht widerlegt wird.
    Immerhin: Gebhart macht einen guten Eindruck und Audels Ansätze sind auch einigermaßen vielversprechend. Allerdings sind das eben nur 2 Leute.

    RE: Sturm
    Ja, da müssen wir wirklich mal schauen…

    RE: Gross
    Ich habe meine Meinung ja kundgetan. =)

  3. heinzkamke Says:

    @hirngabel:
    Ich hacke nicht, ich äußere lediglich Zweifel. :-)

    Hach ja, ein Knallertransfer…

    Rechnest Du mit Celozzi? Ich weiß, dass Du ihm einiges zutraust, aber glaubst Du nicht auch, dass Gross – berechtigt oder nicht – eher auf Degen baut?

  4. hirngabel Says:

    Vor zwei Stunden hätte ich noch gesagt, dass ich trotz Degens vermutlichem Vorsprung bei Gross schon damit rechne, dass sich mittelfristig im Laufe der Saison Celozzi durchsetzen wird.

    Jetzt ist das natürlich durch Degens Pfeiffersches Drüsenfieber nochmal komplett durcheinander gewürfelt worden. Vielleicht bekommt jetzt sogar Funk dort eine Chance?

    In Sachen Transfers hat sich das Thema Aigner jetzt wohl auch endgültig erledigt.
    Dafür MUSS aber jetzt noch was passieren in Anbetracht der längeren Pausen von Audel und Degen und der extrem geringen Breite des Kaders.
    Dürfte ein interessantes Wochenende für Bobic werden.

    • heinzkamke Says:

      Wie schon per Twitter angedeutet:
      vertragslose Spieler sind das neue schwarz.

      Wenn man noch ein paar Wochen wartet, spielen die für’n Appel und ’n Ei.

  5. Gusteau Says:

    Fallen jemand Knallertransfers ein; die kurz vor Ende der Transferperiode getätigt wurden und schon in der Hinrunde einschlugen?


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