Ich hab ein gutes Gefühl

5. August 2010

Heute geht’s also wieder los. Das erste Saisonspiel im Neckarstadion, und gleich ein internationales Topspiel. Und die Feuertaufe für die Untertürkheimer Kurve, die erstmals nach dem Umbau wieder Gästefans aufnehmen darf, ehe gegen Dortmund auch die Einheimischen dorthin müssen.

Gänzlich uninformiert bin ich also nicht, trotz Elternzeit, trotz weitgehender Stille hier im Blog in den letzten Wochen.

Ein bisschen was habe ich ja doch geschrieben, zum Beispiel die Antworten für’s 11Freunde-Sonderheft, das ich jetzt nicht noch einmal explizit erwähnen würde, wenn ich nicht noch drei Exemplare unter die Leute bringen dürfte: Windhundverfahren in den Kommentaren.

Etwas weiter entfernt von der fußballerischen Tagesaktualität lag das, was ich den Urlaubern vom Textilvergehen ins Stammbuch Blog schreiben durfte. Dort ging es um Harry Valérien, Katsche Schwarzenbeck und natürlich Ove Grahn.

Das war’s dann auch mit der Selbstvermarktung. Kommen wir zurück zum tatsächlichen Geschehen. Hier in Stuttgart. So richtig viel hat sich ja nicht getan in den letzten Wochen. Also, abgesehen von Sami Khediras Abschied natürlich. Bitter für den Verein, vermutlich ein richtiger und wichtiger Schritt für ihn. Den auch der Neue nicht verhindern konnte, trotz Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei Karstadt oder Breuninger. Obwohl er Namensgeber und Teilhaber einer Sportsbar ist, konnte er auch Olympique Marseille noch nicht zum Verkauf von André Ayew bewegen, und auch seine Anteile an einem Sportgeschäft in Winterbach – wo er sogar jeden Mitarbeiter persönlich kenne – haben den FC Augsburg bis dato nicht dazu gebracht, Ibrahima Traoré abzugeben. Möglicherweise war es aber sein Praktikum bei der DFL, in Verbindung mit den Inhalten seines Fernstudiums im Sportmanagement, das den Liverpool FC überzeugte, Philipp Degen mehr oder weniger günstig zu verleihen.

Ok, jetzt mal im Ernst: ich hätte schon gern einen Manager gesehen, der etwas mehr Erfahrung vorzuweisen hat als die von den Stuttgarter Nachrichten so wunderbar zusammengetragenen Schlüsselqualifikationen und ein gutes Jahr als Geschäftsführer an der Schwarzmeerküste. Jan Schindelmeiser wäre der Mann meiner Wahl gewesen, wobei ich die Umstände seines Abschieds aus Hoffenheim und die in diesem Kontext genannten gesundheitlichen Gründe nicht einschätzen kann. Stattdessen betätigt sich der VfB erneut als Managerausbilder. Und doch habe ich ein gutes Gefühl. Ein Gefühl, das ich nur sehr bedingt rational erklären kann und das ganz sicher nichts mit einer kaufmännischen Ausbildung im Einzelhandel zu tun hat. Es ist eher der möglicherweise anachronistische Glaube an den Typen Bobic, an einen Mann, der in seiner aktiven Karriere ein beachtliches Durchsetzungsvermögen an den Tag gelegt hat, der Konflikten nur selten aus dem Weg ging und der in Vertragsdingen, soweit man das von außen beurteilen konnte, nicht die schlechteste Figur abgab. Es gibt den einen oder anderen früheren Weggefährten, der heute den Hut zieht, wie weit es Bobic als nicht überragend begabter Fußballer bringen konnte, durch seinen Ehrgeiz, Willen und nicht zuletzt Zielstrebigkeit. Nicht die schlechtesten Züge. Das Handwerkszeug können sie sicher nicht ersetzen, aber sie können helfen, es schneller zu erlernen und anzuwenden. Ich hab ein gutes Gefühl.

Noch nicht ganz so gut ist mein Gefühl, was den Saisonstart anbelangt. Zu unklar ist noch die Zusammensetzung der Mannschaft. Zwar bin ich überzeugt, dass auch kurzfristige Neuzugänge ihren Dienst nicht in einem so desolaten körperlichen Zustand antreten werden wie die ehemalige Zaubermaus aus Weißrussland im Vorjahr; ein wenig Eingewöhnungszeit sollte man den Neuen gleichwohl einräumen. Besonders ärgerlich ist das erneute lange Warten insbesondere deshalb, weil man Spieler für die offensiven Außenpositionen sucht – Schlüsselpositionen, deren Bedeutung für sein System Christian Gross unermüdlich betont. Eine weitere Schlüsselposition scheint er mit Philipp Degen besetzt zu haben. Wenn ich das Gemurmel in Cannstatt richtig interpretiere, trägt mancher Fan gewisse Zweifel an dessen Leistungsfähigkeit im Herzen. Zweifel, die ich einerseits teile. Andererseits bin ich froh, dass man einen weiteren Rechtsverteidiger verpflichtet. Zu wechselhaft waren die Leistungen von Stefano Celozzi, zu wichtig scheint Christian Träsch in der Zentrale zu sein. Ob Degen indes ein adäquates Pendant zu Cristian Molinaro sein kann, wie der Trainer es sich wünscht, bleibt abzuwarten. Mein Grundvertrauen in Christian Gross lässt mich zumindest darauf hoffen.

Noch größer ist die Hoffnung, dass Zdravko Kuzmanovic eine große Saison spielt. Er wird gefordert sein, Khediras Rolle als Chef auf dem Platz zu übernehmen. Träsch ist fußballerisch nicht stark genug, Gentner sehe ich nicht als „Leader“, und Funk wird wohl erst langsam in die Mannschaft hineinschnuppern können – gerne lasse ich mich gerade in seinem Fall vom Gegenteil überzeugen. Genau wie von Sven Ulreich, der mich, wie verschiedentlich angeklungen, bis dato nicht vollends überzeugen konnte. Zwar glaube ich nicht, dass Marc Ziegler das Stuttgarter Pendant zu Jörg Butt werden kann; aber es gibt ja auch noch andere Torhüter beim VfB.

In Sachen Innenverteidigung wird sicherlich vieles davon abhängen, wie Serdar Tasci die Enttäuschung der Weltmeisterschaft wegsteckt. Nachdem es aber Niedermeier nicht gelang, im ersten Pflichtspiel in Molde Souveränität auszustrahlen und vielleicht ein Ausrufezeichen zu setzen, und Boulahrouz nach den Eindrücken des Vorjahrs nicht als Liebling des Trainers gelten kann, gehe ich davon aus, dass Delpierre und Tasci wieder den Stamm bilden werden. Im Sturm ist die Situation ungleich offener. Zu Cacau, Marica und Pogrebnyak gesellt sich Martin Harnik, der gegebenenfalls auch über die Außenbahnen kommen kann, als Pendant zu dem vermutlich gesetzten Timo Gebhart – vor allem solange die Neuverpflichtungen ausbleiben und Sebastian Rudy es weiterhin an Schlagkraft mangeln lässt.

Eigentlich wollte ich hier keine Saisonvorschau schreiben, zumal das alles schon nach dem Spiel gegen Molde heute abend wieder ganz anders aussehen kann, aber man kommt halt manchmal so ins Plaudern. Kurz: meine Zuversicht für das erste Saisondrittel hält sich noch ein wenig in Grenzen, aber danach wird das schon – wenn es gelingt, auf den Außenbahnen nachzulegen. Ich hab ein gutes Gefühl.

Und falls es doch nicht klappen sollte, liegt es bestimmt daran, dass man wieder einmal versucht hat, am großen Rad zu drehen. Dabei hat Thomas Haid doch davor gewarnt. Der VfB soll sich auf seine Eigengewächse stützen. Da kann man mit Hilfe des Verweises auf Nischenmärkte dann auch mal Verpflichtungen wie den 835fachen mexikanischen Nationalspieler Pavel Pardo mit rein packen. Und locker auf die Meisterschaften der 80er und 90er zurückblicken, „mit Spielern, die vorwiegend aus dem Talentschuppen auf dem Wasen stammten oder wie Karl Allgöwer, Jürgen Klinsmann, Guido Buchwald und Walter Kelsch von den Stuttgarter Kickers ausgebildet wurden.“

Ich bin mir nicht ganz sicher, wie Asgeir Sigurvinsson und Matthias Sammer als Vertreter der Meistermannschaften 1984 und 1992, zu diesem Ansatz stehen. Und die Mitte der Neunziger, die bundesweit vermutlich nach wie vor am nachhaltigsten erinnerlichen Phase Stuttgarter Spielkunst, und mit ihr die Herren Balakov und Elber, kann man ohnehin als belanglos beiseite lassen.

Ich sollte aufhören.

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12 Antworten to “Ich hab ein gutes Gefühl”

  1. Gusteau Says:

    Der erste Windhund.
    Der Rechtsverteidigerposten ist seit Jahren eine Schwachstelle (ok, lange auch links). Die Liverpooler Fanmeinung zu Degen, die ihn teilweise in die Top10 der schlechtesten Einkäufe aufnehmen und die durchwachsenen Leistungen bei Dortmund sprechen gegen ihn; aber der CG kennt ihn und will ihn unbedingt haben, also bleibt nichts als dem Trainer erst einmal zu vertrauen.

  2. hirngabel Says:

    Da hast Du aber gerade noch den Absprung geschafft… =)

    (Mehr später und Nein, Danke – ich habe schon ein 11Freunde-Heft)


  3. Das ist bis jetzt das interessanteste, was ich zur Personalie Bobic gelesen habe.

    Bei Deiner Überschrift muss ich an den Dietl-Film „Rossini“ denken, in der mein Schauspiel-Gott Edgar Selge einen korinthenkackenden Banker gibt. Nachdem der vermeintlich Deal dann doch über die Bühne gegenagen ist, verkündet er mit Schampus-Euphorie: „Ich habe ein gutes Gefühl.“

  4. hirngabel Says:

    Und, existiert das gute Gefühl immer noch nach dem Spiel heut abend? =)

    Jetzt aber mal ein paar Gedanken zu Deinem Rundumschlag.

    * Bobic
    Die Charaktereigenschaften, die Du ihm (durchaus zurecht) zuschreibst, sollten ihm sicherlich zugute kommen. Und mit Jochen Schneider hat er ja einen sehr guten Lehrmeister an der Seite, der ja nun auch schon Heldt „ausbilden“ konnte.

    * Degen
    Ich stimme zu, dass der Transfer nicht der Verkehrteste ist, gerade zu den kolportierten Konditionen und in Anbetracht dessen, dass Gross ihn eben gut kennt.
    Ich hoffe, dass sich Celozzi durchsetzten wird – aber wenn das nicht klappt und wir mit Degen spielen, dann kann der Transfer von Degen letztlich auch nicht so schlecht gewesen sein.

    * Leader im defensiven MF
    Stimmt, Kuzmanovic könnte vor einer großen Saison stehen. Das habe ich im Interview mit gses etwas unter den Tisch fallen lassen. Alleine seine Standards werden Gold für uns wert sein.
    Bei Gentner glaube ich, dass Du ihn etwas unter Wert verkaufst. Auch wenn ich mir nach wie vor nicht sicher bin, wo er spielen wird.
    Und auch Träsch wirst Du mit „fußballerisch nicht stark“ meines Erachtens nicht wirklich gerecht. Klar, keine Zaubermaus, aber doch ein guter Fußballer.

    * Torwart
    Du „$&)%* bist schuld daran, dass mich jetzt auch jedes Mal wenn der Ball in Richtung unseres Tores geht ein gewisses Unbehagen befällt…
    Aber noch glaube ich an Ulreich! Wirklich.

    Ernsthaft: Glaubst Du wirklich, dass Leno diese Saison schon zum Torhüter der ersten Mannschaft avancieren wird?

    * Innenverteidigung
    Volle Zustimmung. Ich denke auch, dass es wieder auf Delpierre/Tasci hinauslaufen wird.
    Allerdings bin ich mir nach wie vor nicht ganz sicher, ob das schwache Auftreten von Niedermeier gegen Molde nicht auch damit zusammenhing, dass er neben einem Nicht-Innenverteidiger spielen musste.
    War Boulahrouz eigentlich heute irgendwie betrunken? Das war ja gruselig in den 30 Minuten mit ihm…

    * Sturm
    Bin sehr gespannt, ob sich Harnik da durchsetzen kann. Fand es etwas schade, dass er heut nicht früher kam. Aber wesentlich mehr schade (oder besser: unverständlich) war für mich, dass Gross in der Innenverteidigung nicht Tasci gebracht hat, oder aber zumindest Boulahrouz nach der Einwechslung nicht in die IV zog.

    * Haid
    Über den Artikel könnte man sich tatsächlich wieder seitenlang aufregen. Aber alles was über die reine Berichterstattung hinausgeht und sich in Bewertung von Situationen versucht ist meist absolut grausam und vor allem in einer Woche mal diese Richtung und dann wieder in die andere.

  5. rds Says:

    Wie ist das denn mit dem Stadtneurotiker? War das eine Beteiligung am Windhundrennen?

    Andernfalls hätte ich gerne ein Heft.

  6. heinzkamke Says:

    Das frage ich mich auch, lieber Stadtneurotiker.

    In jedem Fall bitte ich Björn und Gusteau, mir eine Postadresse per E-mail oder Twitter-dm zukommen zu lassen. Zudem entweder den Stadtneurotiker oder rds, je nachdem.

    @Stadtneurotiker:
    Selbstverständlich war die Überschrift als Zitat gedacht. Wobei ich zugeben muss, dass mir lange Zeit nicht mehr bewusst war, woher der Satz stammte. Ich hatte ihn im Kopf, im Ohr, konnte ihn aber nicht zuordnen. Erst vor ein paar Monaten befragte ich dann eine zufällig ausgewählte Suchmaschine und war verblüfft, dass
    a) der Satz aus Rossini stammte, ich hatte in eine ganz andere Richtung gedacht
    b) Edgar Selge bei Rossini mitwirkte und
    c) ich b) vergessen hatte.

    @Gusteau:
    Vertrauen ist gut. (ohne zweiten Halbsatz, zunächst)

    @hirngabel:
    Werde später antworten.


    • Mir war gar nicht klar, daß da eine Verlosung läuft. Aber ich benötige das Heft nicht mehr, weil ich es natürlich nicht erwarten konnte und am Erscheinungstag den Händler meines Vertrauens aufgesucht habe.

      Die Rolle von Edgar Selge in „Rossini“ ist ist sehr klein.

      • heinzkamke Says:

        Ich meinte auch, aus irgendeinem der Tweets herausgelesen zu haben, dass Du das Heft schon hast, war mir aber nicht ganz sicher.

  7. heinzkamke Says:

    @hirngabel:
    Naja, einen kleinen Dämpfer hat das gute Gefühl schon erhalten; aber ich hab ja geschrieben, dass ich im ersten Saisondrittel nicht allzu viel erwarte. Etwas größer war der Dämpfer der kolportierten Absage durch Ayew bzw. OM.

    Ein paar Gedanken zu Deinen Gedanken:

    Gentner:
    Mag sein, dass ich ihm nicht gerecht werde. Ich hab halt einfach so ein unbestimmtes Gefühl, dass das nicht so recht passt, auch mit dem Trainer, der mit dieser Verpflichtung bekanntlich noch nichts zu tun hatte. Dieses Gefühl ist nach Khediras Weggang nicht mehr so ausgeprägt; dennoch könnte ich mir vorstellen, dass es eine schwierige Saison für ihn wird. Die Außenposition in der Raute, auf der er in Wolfsburg spielte, gibt es in Stuttgart nach aktuellem Stand nicht, und auf der Sechs dürfte er gegen Kuzmanovic und Träsch einen schweren Stand haben, vielleicht mischt auch Funk oder gar Didavi mit.

    Träsch:
    Der braucht das. Immer, wenn ich die Meinung vertrat, er sei quasi am Ende der Fahnenstange angekommen, legte er eine Schippe drauf. Ich stehe quasi in der Pflicht, immer mehr herauszukitzeln.

    Abgesehen davon lege ich Wert auf das „genug“: „fußballerisch nicht stark genug„. Was ich meine: ich sehe ihn bisher nicht als den Mann, der den Rhythmus eines Spiels bestimmen kann. Und fordere ihn zum Gegenbeweis auf ;-)

    Leno: Eher nein. Weil ich Christian Gross nicht so einschätze, dass er den 22-jährigen, ihm noch etwas zu unerfahrenen Ulreich durch einen 18-Jährigen ersetzt.

    Auswechslungen: geht mir ähnlich.


  8. […] holen ging, wäre Fredi Bobic nicht meine Wahl als Nachfolger gewesen. Die Gründe riss ich damals kurz an, um dann recht rasch zu den Überlegungen überzugehen, deretwegen ich dennoch ein gutes […]


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