Kommentarspammer

12. Juli 2010

Eine kurz heruntergehackte Liste, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt:

Von einem Fußballkommentator (m/w) erwarte ich,

  • dass er sich für Fußball interessiert,
  • dass er das Spiel konzentriert verfolgt,
  • dass er die Spieler kennt und zumeist erkennt,
  • dass er das Regelwerk versteht,
  • dass er Regelverstöße zumindest in der Zeitlupe als solche bewertet,
  • dass er nur für das Spiel, ggf. den Wettbewerb, relevante Informationen mit mir teilt,
  • dass er weitgehend objektiv ist,
  • dass er einen nahe liegenden Scherz auch einmal dort liegen lassen kann,
  • dass er taktische Besonderheiten und Veränderungen bemerkt,
  • dass er Fehlleistungen aller Beteiligten anspricht, ohne sie danach zum Dauerthema zu machen.

Von einem Fußballkommentator erwarte ich nicht,

  • dass er mich mitreißt – entweder das Spiel ist gut, oder eben nicht,
  • dass er sich niemals irrt,
  • dass er völlig objektiv ist (nicht zuletzt bei Länderspielen),
  • dass jeder Satz sprachlich perfekt ist.

Von einem Fußballkommentator erwarte ich keinesfalls,

  • dass er jeden neuen Begriff aus dem (vermeintlichen?) Vokabular der Trainerausbildung übernimmt,
  • dass er einzelne Spieler unkritisch überhöht,
  • dass er vorgefasste Meinungen unabhängig von der Realität beibehält,
  • dass er seinen Wissensvorsprung aus der 4. Superzeitlupe dem Schiedsrichter vorhält,
  • dass er mich an Geschichten über Spielerfrauen teilhaben lässt,
  • dass seine Nettosprech- die Nettospielzeit übersteigt,
  • dass er die Nachfahren der ran-Datenbank exzessiv zitiert,
  • dass er Spieler in Anspielung auf Äußerlichkeiten beleidigt („Königspudel“),
  • dass er mir erzählt, ob ein Oscar-Preisträger oder Popstar auf der VIP-Tribüne sitzt,
  • dass er sich als Teil des Spiels sieht bzw. sich selbst inszeniert.
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12 Antworten to “Kommentarspammer”

  1. keano Says:

    Halbwegs richtige Aussprache von Spielernamen würde mich auch sehr freuen, zumal bei so offensichtlichen und einfachen wie „Puyol“.

  2. A (di bosco) Says:

    Sehr nette Liste muss ich sagen. Kann man unterschreiben. :)

  3. Herr Wieland Says:

    dass er seinen Wissensvorsprung aus der 4. Superzeitlupe dem Schiedsrichter vorhält

    Das ist wirklich eine Unart, die mir extrem auf den Keks geht. Nebenbei möchte ich beichten, dass ich bei „Königspudel“ kurz gelacht hatte – bis mir nach einem Sekundenbruchteil natürlich klar wurde, dass ich das nicht darf.

  4. jekylla Says:

    Kennen Sie einen, der Ihrem Anforderungsprofil zu moderaten 75% entspricht?

  5. gses Says:

    Das mit mit dem Mitreißen, oder eben nicht (Tom Bartels!) hatte ich ja schon im letzten Artikel „Generationenfrage“ angesprochen.

    Ich erwarte schon ein wenig Emotion.
    Bartels z.B. kommentiert ein Freundschaftsspiel der Oberliga Hessen im gleichen Tonfall wie ein WM-Halbfinale.
    Das geht doch nicht.
    Erinnert mich an Merkel, bei der weiß man rein vom Tonfall auch nie ob sie gerade am Grab von einem steht oder ihm zum Geburtstag gratuliert.

    Aber schöne Liste, und vor allem tolle Idee.


  6. Schöne Liste. Ich kenne keinen aktuellen TV-Fussballreporter, der diese Kriterien auch nur annähernd erfüllt (wobei ich „Sky“ nicht beurteilen kann). Die RTL-Leute haben das Spiel vollkommen zerredet (das müsste da noch irgendwie hinein). „Königspudel“ fand ich lustig (wobei ich das Bild vor Augen habe, als Puyol nach dem Deutschland-Spiel der Königin im Badetuch gegenüber tritt).

    Tom Bartels finde ich grässlich; irgendwie erinnert der mich immer an Skispringen. Der kundigste war noch Gottlob bei der ARD und der so viel gescholtene Réthy beim ZDF. Das diese Leute als halbwegs gut betrachtet werden können zeigt m. E. wie elendig es um diese Branche steht.

  7. heinzkamke Says:

    @ keano:
    Stimmt, wird ergänzt. Da stand ursprünglich auch mal sowas wie „dass er sich auf das Spiel vorbereitet“, was diesen Punkt eingeschlossen hätte.

    @ A (di bosco):
    Danke. Wegen der Möglichkeit zur Unterschrift frag ich dann mal meinen technischen Berater ;-)

    @ Herr Wieland:
    Was die Beichte anbelangt, bin ich nicht in der Position, Dir ein paar Rosenkränze aufzuerlegen oder in den Ablasshandel einzusteigen. Und finde im Übrigen, auch wenn man das als widersprüchlich auslegen mag, dass man als Zuschauer über Dinge lachen darf, die der Vortragende eigentlich nicht hätte sagen dürfen.

    Dass Du eher geneigt sein dürftest, Dich an „Königs…irgendwas“ zu erfreuen, steht ohnehin auf einem anderen Blatt ;-)

    @ Jekylla:
    Prozentangaben fallen mir schwer. Den höchsten Erfüllungsgrad erreichen für mich die beiden Herren von der ARD, Tom Bartels und Gerd Gottlob. Was natürlich nicht in Stein gemeißelt ist.

    @ gses:
    An der „tollen Idee“ hatte, wie Du Dir gedacht haben magst, Dein Kommentar neulich einen nicht unwesentlichen Anteil. Ich hatte immer mal wieder kurz an sowas gedacht, Dein Kommentar und dann auch noch Herrn Réthys „Königspudel“ gaben den letzten Impuls.

    Natürlich kann ich Dir in Sachen Emotion nicht gänzlich widersprechen. Ich erinnere mich noch recht gut an Ernst Hubertys Kurzcomeback vor einigen Jahren, das mir zeigte, dass ich da doch manches verklärt gesehen hatte.

  8. heinzkamke Says:

    @Gregor Keuschnig:
    Vielleicht bin ich bei Bartels nicht ganz objektiv, weil ich ihn auch als Moderator von Sport im Dritten schätze. Was auch dort an den Alternativen liegen könnte.

    „Spiel vollkommen zerredet“:
    Zumindest in diese Richtung sollte der Hinweis auf die Nettosprechzeit gehen. Oder beinhaltet „zerreden“ nicht nur die Sprechdauer (und vielleicht das Timing), sondern auch eine negative Grundhaltung des Sprechers?

  9. jekylla Says:

    Herr Kamke, ich dachte, anhand der aufgeführten Kriterien wäre durch einfaches abhaken und mathematisches Errechnen des Hak-Ergebnisses eine prozentuale Annäherung möglich.

    Mir gingen sie jedenfalls alle derart auf die Nerven, dass die Häkchen-Ausbeute eher gering ist. Am Nebenmoderationsschauplatz (Studio) würde ich mir als Duo Klopp und Scholl wünschen, übrigens.


  10. @heinzkamke
    Ich meinte es hinsichtlich der Nettosprechzeit. Ich glaube, der Mann bei RTL hiess Florian König. Er hat von 90 Minuten ungefähr 80 geredet. Immer wieder das gleiche; leichte Variationen, aber letztlich redundant. Vor allem: Meistens das, was mnan eh sehen konnte. 8 Minuten redete Klinsmann. 2 Minuten hatte man Ruhe (bzw. war mit den Vuvuzelas alleine).

  11. probek Says:

    Weil ich’s aufs erste Hinsehen genau so verstand: ich wünschte mir ähnliche Qualitätskriterien ja für Blogkommentare und -toren, fürchte aber, dass dann streng genommen und regelmäßig auch schon der Artikel über den Kommentaren durchs Raster fällt – und 90 Prozent der Kommentare ebenfalls. Anwesende selbstverständlich ausgenommen.

    Zum Thema. Das ZDF hat kürzlich eine WM-Finalkommentatorenbildstrecke mit O-Tönen versehen: wenn ich mir die anhöre, gab es offenbar eine Zeit, in der ich mit den Kommentatoren in der Regel zufrieden war oder mich zumindest nicht mehr daran erinnern kann, mich groß aufgeregt zu haben. Diese Zeit ist unwiederbringlich futsch. Jetzt kann ich das Spiel in der Regel nur noch genießen, wenn ich von irgendwoher eine englische Kommentarspur abgreifen kann.

  12. heinzkamke Says:

    @ jekylla:
    Das sind schließlich keine einfachen Ja/Nein-Kästchen. Man müsste ja auch bei den einzelnen Punkten abstufen, und insbesondere bei der zweiten Kategorie wären in manchen Fällen extrem hohe Zielerreichungsgrade zu erwarten… ;-)

    @ Gregor Keuschnig:
    Das muss wohl Herr König gewesen sein. Über Klinsmann möchte ich ehrlich gesagt den Mantel des Schweigens hüllen.

    @ probek:
    Oh, Du hast recht. Zwar wollte ich eigentlich nur mit der Überschrift auf Blogkommentare anspielen; Deine anfängliche Deutung bietet sich bei nochmaliger Betrachtung allerdings sehr wohl an.

    Abgesehen davon ist es mir selbstverständlich ein tiefes Bedürfnis, die stets hohe Qualität der in diesem Blog abgegebenen Kommentare zu betonen. ;-)

    Bzgl. der Qualität in früheren Tagen habe ich aus den 70ern (Danke für den Link!) noch sehr gut die Kommentare meines Vaters und anderer Erwachsener in den Ohren, die -vorsichtig ausgedrückt- auch nicht ausschließlich positiv waren. Allerdings fehlte Twitter als Projektionsfläche.


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